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Gerhard Meyer, Meinold Bachmann: Spielsucht. Ursachen und Therapie

Cover Gerhard Meyer, Meinold Bachmann: Spielsucht. Ursachen und Therapie. Springer (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2005. 2., vollst. überarbeitete und erweiterte Auflage. 392 Seiten. ISBN 978-3-540-23731-0. 44,95 EUR, CH: 76,50 sFr.
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Die Autoren

Prof. Gerhard Meyer lehrt an der Universität Bremen und ist langjährig auf dem Gebiet der Erforschung pathologischen Glücksspiels tätig. 1982 promovierte er in Göttingen mit einer Arbeit über Geldspielautomaten und die psychischen Folgen des Glücksspiels. Seither stellt die Beschäftigung mit dem Glücksspiel, seinen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Auswirkungen für den Einzelnen Schwerpunkt seiner Forschungstätigkeit dar. Seit 1983 hat er zahlreiche Aufsätze und mehrere Bücher zu dem Thema publiziert. Das gemeinsam mit Meinolf Bachmann vorgelegte Buch "Spielsucht", das nun in der 2. Auflage vorliegt, erschien erstmals im Jahre 2000.

Dr. Meinolf Bachmann ist seit 1980 Psychologischer Psychotherapeut an einer Suchtklinik und verfügt über langjährige Erfahrungen in der stationären Behandlung von pathologischen Glücksspielern.

Ziel und Zielgruppe

Das Buch wendet sich an ein breites Publikum von Personen, die sich eingehender mit dem Thema Glücksspiel und Spielsucht auseinander setzen möchten. Hauptadressaten sind jedoch sicherlich diejenigen, die sich beruflich mit dem Thema Glücksspiel und seinen potentiellen Folgen für den einzelnen Spieler auseinander zu setzen haben. Es ist geeignet für Berater und Behandler, aber auch für Personen, die sich aus rechtlicher Perspektive mit dem Thema zu befassen haben, und sich einen umfassenden Überblick über Erscheinungsformen, Auswirkungen und Behandlungsmöglichkeiten von Glücksspielsucht verschaffen wollen.

Inhalt

  • Das Buch beginnt mit einem historischen Abriss über die Entwicklung von Glücksspielen und leitet dann über zu den Glücksspielformen, die heute am gebräuchlichsten sind, bzw. die größte Bedeutung haben. Hierzu zählen Glücksspiele in Spielbanken, Geldspielautomaten, Sportwetten, Lotterien, bestimmte Formen der Börsenspekulation und illegale Glücksspiele. Auch aktuelle Entwicklungen wie Glücksspiele im Internet, Erweiterung der Angebotspalette bei Sportwetten sowie Liberalisierung der Spielverordnung vom Juni 2005 haben bereits Eingang in die Darstellung gefunden. Auch rechtliche Aspekte und die finanzielle Dimension des Glücksspielmarktes finden Berücksichtigung.
  • Es folgt eine Darstellung der Erscheinungsformen und des Verlaufs von Glücksspielsucht. Die Autoren bevorzugen den Begriff "Spielsucht" (der ja auch im Buchtitel Verwendung gefunden hat), da sich dieser Begriff eingebürgert habe und dem allgemeinen Sprachgebrauch entspreche. Als idealtypischer Verlauf der Entwicklung einer "Spielsucht" wird das Phasenmodell von Custer (1987) dargestellt. Die diagnostischen Kriterien und die nosologische Einordnung nach ICD-10 und DSM IV werden vorgestellt und kritisch reflektiert. Die Autoren sprechen sich ausdrücklich für die Einordnung des pathologischen Glücksspielens als Suchtkrankheit aus. Untermauert wird dieses Plädoyer durch eine ausführliche Diskussion der Gemeinsamkeiten von substanzgebundenen Süchten und Spielsucht.
  • In den nächsten Kapiteln wird ausführlich auf Genesebedingungen und Erklärungsansätze zur Entstehung und Aufrechterhaltung pathologischen Glücksspielens eingegangen. Als orientierender Rahmen wird das allgemeine Modell der Suchtentwicklung, nach dem im Individuum liegende Bedingungen, soziale und gesellschaftliche Rahmenbedingungen sowie Eigenheiten des Suchtmittels selbst, hier Glücksspiel, Berücksichtigung finden müssen. Vor diesem Hintergrund werden neurobiologische Erkenntnisse, psychoanalytische Erklärungsansätze, lerntheoretische und kognitionstheoretische Erklärungsmodelle sowie soziologische und sozialpsychologische Ansätze behandelt. Alle Modelle werden in engem Bezug zur empirischen Befundlage dargestellt und diskutiert.
  • Ein großer Teil des Buches ist der Darstellung von Therapiemöglichkeiten gewidmet. Dieser Teil beginnt mit der Darstellung der Selbsthilfebewegung von Spielern zunächst in den USA und später in Deutschland. Erste Selbsthilfegruppen entstanden in den USA bereits 1957, wohingegen die ersten Behandlungsprogramme für Glücksspieler erst in den 70er Jahren entstanden, wiederum zunächst in den USA. Meyer und Bachmann stellen die historischen Wurzeln dar, gewähren einen Überblick über ambulante und stationäre Therapieansätze und geben spezifischen Problemen bei der Behandlung breiten Raum. Zu nennen sind hier insbesondere Probleme beim Aufbau und der Aufrechterhaltung von Behandlungsmotivation und Krankheitseinsicht, vorzeitiger Therapieabbruch sowie soziale und berufliche Reintegration nach einer stationären Behandlung.
  • Im Kapitel "Rückfälligkeit" werden unterschiedliche Umgehensweisen mit Rückfällen und darauf abgestimmte Rückfallprophylaxestrategien während der Kontakt- und Beratungsphase, der Therapiephase und der Nachsorgephase vorgestellt.
  • Das Kapitel pathologisches Glücksspiel und Familie beleuchtet zum einen familiäre Faktoren als Entstehungsbedingungen für Spielsucht sowie andererseits die Auswirkungen der Erkrankung auf die Familie, hier insbesondere die Partnerinnen (pathologische Glücksspieler sind zu ca. 85% Männer) und auf die Kinder. Auf die hohe Bedeutung der Einbeziehung der Familienangehörigen in den Therapieprozess wird nachdrücklich hingewiesen, unterschiedliche therapeutische Maßnahmen und Behandlungskonzepte hierfür werden vorgestellt.
  • Ein eigenes Kapitel ist auch dem Thema Prävention gewidmet. Deutlich wird, dass sich Präventionsbemühungen hinsichtlich krankhafter Entwicklungen beim Glücksspiel immer im Spannungsfeld von Spielerschutz einerseits und monetären Interessen der Betreiber sowie fiskalischer Interessen des Staates andererseits bewegt. Vorgestellt werden die Regelungen und Präventionskonzepte aus der Schweiz und aus den Niederlanden. In beiden Ländern wird Spielerschutz deutlich konsequenter betrieben als in der Bundesrepublik Deutschland. Die Reglementierung der Zugangs zu Glücksspielen und die finanzielle Beteiligung von Glücksspielbetreibern an Prävention und Behandlung abhängig gewordener Spieler ist dort wesentlich umfangreicher. Die Entwicklung in Deutschland geht hingegen in Richtung einer Lockerung des staatlichen Glücksspielmonopols und starker Ausweitung der Glücksspielangebote. Meyer und Bachmann kommen daher auch zu dem Schluss, dass vor dem Hintergrund einer massiven Erweitung des Glücksspielangebotes und der Werbung für Glücksspiele zukünftig mit einer weiteren Zunahme der Zahl suchtkranker Spieler zu rechnen ist. Der begehrliche Blick auf die fiskalischen und wirtschaftlichen Vorteile, der zu einer Lockerung des Glücksspielmonopols und einer Zulassung neuer Glücksspielformen zu motivieren scheint, erscheint kurzsichtig angesichts der langfristig zu erwartenden Folgekosten durch zerstörte Familien, Beschaffungskriminalität und Aufwendungen für Beratung und Behandlung pathologischer Glücksspieler.

Diskussion

Das vorgestellte Buch gibt einen umfassenden Überblick über den aktuellen Kenntnisstand zu Ursachen und Entstehungsbedingungen von Glücksspielsucht sowie Behandlungs- und Präventionsmöglichkeiten. Wohltuend ist, dass fast durchgängig ein enger Bezug zur empirischen Befundlage hergestellt wird und offene Fragen und Lücken im heutigen Erkenntnisstand klar benannt werden. Besondere Anschaulichkeit erhält das Buch durch die zahlreichen Fallbeispiele, die in allen Kapiteln das Dargelegte illustrieren. Zu unterstreichen ist die Würdigung der Bedeutung des Miteinbeziehens von Familie und Angehörigen in den Klärungs- und Therapieprozess durch ein eigenes Kapitel. Ebenfalls besondere Beachtung verdient die ausführliche Diskussion von Präventionsmöglichkeiten vor dem Hintergrund der Intensionen der verschiedenen Akteure im gesellschaftlichen Umfeld.

Längen hat das Buch in der Darstellung allgemeiner Therapieansätze und -konzepte. Dies wird nur den psychotherapeutisch nicht oder nur wenig vorgebildeten Leser fesseln. Dessen ungeachtet ist hervorzuheben, dass ausführlich auf spezielle Problemstellungen in der Behandlung Pathologischer Glücksspieler eingegangen wird. So sind viele Hinweise und Anregungen für den klinischen Praktiker zu finden, die sicher von vielen in der Beratung und Behandlung von Glücksspielern Tätigen dankend aufgegriffen werden.

Fazit

Insgesamt ist das Buch rundum empfehlenswert. Es bietet einen fundierten Überblick über den Gegenstandsbereich und ist die umfassendste Monographie zum Thema Glücksspielsucht im deutschsprachigen Raum.


Rezensent
Dr. rer. nat. Volker Premper
Leitender Psychologe, Klinik Schweriner See, Lübstorf (Meck.- Vorp.)
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Zitiervorschlag
Volker Premper. Rezension vom 10.01.2006 zu: Gerhard Meyer, Meinold Bachmann: Spielsucht. Ursachen und Therapie. Springer (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2005. 2., vollst. überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-540-23731-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3211.php, Datum des Zugriffs 28.03.2017.


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