Corina Salis Gross: Der ansteckende Tod [...] Sterben im Altersheim
Corina Salis Gross: Der ansteckende Tod. Eine ethnologische Studie zum Sterben im Altersheim. Campus Verlag (Frankfurt) 2001. 339 Seiten. ISBN 978-3-593-36867-2. 39,90 EUR, CH: 69,00 sFr.
Enstehungshintergrund und Überblick über den Inhalt
Diese spannende und hochdifferenzierte Studie über die Phänomene des Sterbeprozesses im Heim aus der Perspektive der Pflegenden ist ein Teil eines großen Forschungsprojektes in der Schweiz. Es hat die "Behandlung" des Todes im Krankenhaus, in Bestattungsunternehmen und auf dem Friedhof zum Gegenstand.
Vom Tod, obwohl allgegenwärtig und "fundamentale Banalität", so gibt Salis Groß eingangs (S. 12) zu bedenken, können wir ebenso wenig wie von der Geburt aus eigener Erfahrung sprechen. Untersucht werden kann nur "unsere Beteiligung am Lebensende anderer und unsere Reaktion auf ihren Tod" (S. Groß, S. 12). Dazu bedient sich Salis Groß der ethnologischen Forschungsmethode, die nicht nach Ursachen von Verhalten sucht, sondern Phänomene des Alltags beschreibt und ordnet, die sonst bei oberflächiger Betrachtung weitgehend unzugänglich bleiben:
Dem Sterben und Tod im Alten(pflege)heim kommt eine besondere Bedeutung zu. Hier vollzieht sich das Sterben nicht selten in langen Zeiträumen und in hoher physischer und psychischer Dichte. Denn der Prozess des Sterbens beginnt mit dem (in den meisten Fällen unumkehrbaren) Einzug ins Pflegeheim und endet auch dort. Das heißt: Pflegende sind also — ob sie dies bewusst wahrnehmen oder nicht — permanent mit Sterben und Tod beschäftigt. Es sind Ereignisse, die als unmittelbare Erfahrung weitgehend aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein verdrängt ist und der Zuständigkeit von Institutionen übergeben wird. Dort bedienen sich Pflegende, um Sterben und Tod zu zähmen und ihren Schrecken zu nehmen, Prozeduren und Rituale, die diese auf den Tod ausgerichtete Lebensphase ordnen und ihr Normalität verleihen. Darüber hinaus schätzen Pflegende Sterben und Tod als ansteckend ein. Auch hier werden Maßnahmen ergriffen, die MitbewohnerInnen und Pflegende schützen sollen. Diese, den Erkenntnissen moderner Medizin widersprechende Vorstellungen, werden von Salis Groß in differenzierter Weise psychologisch und psychoanalytisch betrachtet.
Dem immer wieder zu beobachtenden Bemühen und der Fähigkeit der Pflegenden, den Schrecken des Sterbens und des Todes die eigene Lebenslust entgegenzusetzen, werden durch die strukturellen Bedingungen der Arbeit im Heim jedoch enge Grenzen gesetzt. Deshalb plädiert Salis Groß am Ende ihres Buches für eine stärkere Berücksichtigung des Themas "Sterben und Tod" in der Ausbildung und der berufsbegleitenden Reflexion der Erfahrungen, z. B. durch Supervision. Denn Pflegende sind im Arbeitsfeld Altenpflege mit einem grundsätzlichen Dilemma konfrontiert. Sie werden vorrangig ausgebildet, um sich mit ihrem Wissen und Können an Heilungsprozessen zu beteiligen und sind in diesem Feld vorrangig mit der Gestaltung des Lebens am Ende des Lebens, mit zunehmenden Schwächen, Krankheiten und Behinderungen konfrontiert.
Zielgruppen
Das insgesamt hohe Abstraktionsniveau der Studie schränkt jedoch den potenziellen Leserkreis ein. Pflegende, die das Zentrum dieser Studie sind, werden wohl nur in begrenztem Umfang von dieser Studie profitieren können. PflegewissenschaftlerInnen, GerontologInnen, AnthropologInnen, SupervisorInnen werden dagegen Einblicke in ein Arbeitsfeld erhalten, die das Verständnis vom Leben und Sterben im Pflegeheim, vom Pflegen und Gepflegtwerden unter Umständen tief greifend verändert. Auf diesem Weg haben die "Ergebnisse" der Studie eine Chance, ihre Kreise zu ziehen und so wirksam zu werden. Es ist zu hoffen und zu wünschen.
Fazit
Das Buch von Salis Groß gibt vielfältige und zum Teil höchst überraschende Einblicke in die Welt des Pflegeheims unter dem Fokus von Sterben und Tod. Es lädt zu weiteren Entdeckungen ein, erweitert die Perspektive von allen, die mit dieser Thematik beschäftigt sind. Darüber hinaus werden diese Einblicke und Kenntnisse in theoriegeleitete "kulturelle Deutungen von Sterben und Tod" (Kapitel 1) einerseits und der Betrachtung des Lebensendes als "Konstruktion einer sozialen Transition" (Kapitel 2) eingebettet.
Rezensentin
Prof. Dr. Ursula Koch-Straube
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Zitiervorschlag
Ursula Koch-Straube. Rezension vom 30.06.2002 zu: Corina Salis Gross: Der ansteckende Tod [...] Sterben im Altersheim. Campus Verlag (Frankfurt) 2001. 339 Seiten. ISBN 978-3-593-36867-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/322.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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