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Emar Altvater: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen

Cover Emar Altvater: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2005. 240 Seiten. ISBN 978-3-89691-627-3. 14,90 EUR, CH: 26,80 sFr.
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"Wenn aber die Globalisierung mehr Menschen in den Zustand oder die Stimmung versetzt, sich machtlos zu fühlen, dann muss in einer Demokratie reagiert werden"...

... so formuliert die Enquete Kommission des Deutschen Bundestages in ihrem Schlussbericht "Globalisierung der Weltwirtschaft - Herausforderungen und Antworten" (12.6.2002) die Konsequenz, die sich aus der vielschichtigen weltwirtschaftlichen Entwicklung für die Individuen und Völker, für das alltägliche Versorgen wie für die globale Verteilung der Güter und Ressourcen der Erde, für den regionalen wie den Welthandel, und nicht zuletzt für die durch die Globalisierungstendenzen und die sich daraus ergebende Machtverschiebung faktisch vorhandenen Ungerechtigkeiten ergeben. Die Kritik an der "Globalisierung des Profits", wie dies in der Widerstandsbewegung von Attac zum Ausdruck kommt, ist Kennzeichen der Bemühungen, über Alternativen zu einer Perspektive nachzudenken, die mit dem Slogan charakterisiert wird: "Eine andere Welt ist möglich". Wenn in dieser Welt die 84 reichsten Personen über ein Vermögen verfügen, das über dem Bruttoinlandsprodukt Chinas liegt, einem Land mit 1,3 Milliarden Menschen, dann muss in der Tat danach gefragt werden, wie der neoliberalen Entwicklung Grenzen gesetzt werden können. Auch deshalb, darauf weist Jürgen Meier in seinem Buch "Eiszeit in Deutschland" (Verlag Westfälisches Dampfboot, 2005, vgl. dazu die Rezension) hin, weil die Auswirkungen des "asozialen Shareholderkapitalismus" (Elmar Altvater) und des "Raubtierkapitalismus" (Peter Jüngst, vgl. dazu die Rezension) auch in unserer alltäglichen Welt zu spüren sind.

Der Autor

Der an der FU-Berlin lehrende Politikwissenschaftler Elmar Altvater (geb. 1938) gilt seit den 70er Jahren als ein engagierter Streiter in den Denk- und Handlungsfeldern der Politischen Ökonomie, der Entwicklungstheorie und der Kapitalismuskritik. Mit seinen analytischen Hinweisen auf "Ökonomie und Ökologie des globalen Fordismus" (Handbuch der Ditten Welt, 1993) hat er auf die "neue Welt(un)ordnung" hingewiesen. In seinem mit Birgit Mahnkopf 1996, mittlerweile 2004 in 5. Auflage vorgelegtem Buch "Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft" weist er deutlich auf die ungerechten und inhumanen Auswirkungen einer ungehemmten, neoliberalen Entwicklung hin; freilich nicht, ohne dabei die "Kritik an der Globalisierungskritik" auf den Plan zu rufen, wie dies etwa in dem von Markus Balser und Michael Bauchmüller in ihrem Buch "10 Irrtümer der Globalisierungsgegner" erfolgt: "Die Globalisierung bereichert unser Leben, sie mischt Kulturen, Ideologien und Moden... Die Globalisierung ... kann das Tor zu einer offenen, freien, wohlhabenderen und demokratischen Welt sein" (S. 230).

Inhalt

Mit seinem neuen Buch fokussiert er die Kritik an der offensichtlich weltweit verbreiteten Akzeptanz, dass "Sankt Kapitalismus ein Weltsegen" sei. Obwohl sich die "Grenzen des Kapitalismus" allenthalben zeigen, etwa in der Tatsache, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, der immer deutlicher werdenden Knappheit der fossilen Energieträger und der (allzu) langsam wachsenden Erkenntnis, dass die natürlichen Ressourcen, die für ein kapitalistisches Wachstum als notwendig erachtet werden, endlich sind. Dabei weist er auf die bekannten, aber im gesellschaftlichen Diskurs wenig präsenten inneren Widersprüche in der Kapitalismusentwicklung hin, deckt die Bruchlinien im "Shareholder-Kapitalismus" auf und diskutiert, durchaus optimistisch, Alternativen für eine "andere Welt", die "mit der Praxis sozialer Bewegungen im Innern des Kapitalismus gegen die Mächte des status quo" heran wachsen. Dabei geht er in seiner Kritik am Kapitalismus erst einmal historisch vor, indem er sich mit dem Spagat auseinander setzt, ob sich gewissermaßen die kapitalistische Idee und Macht gleichsam systemisch fortpflanze, es also einen "Kapitalismus ohne Ende" gebe, oder ob eine "ökonomische Alphabetisierung" (Bourdieu) notwendig sei, um eine realisierbare Utopie von einer "anderen Welt" zu denken. Weil die Begriffe über "Kapitalismus" im gesellschaftlichen Diskurs herumschwirren wie die Mücken um das Licht, weil die Apologeten, genau so wie die Reformer, den Begriff und das, was sie damit meinen, für ihre Ideologien benutzen und einsetzen, ist es verdienstvoll, dass der Autor im zweiten Kapitel zu einer Begriffsklärung beiträgt. Das ist nicht nur deshalb notwendig, weil im alltäglichen wie im politischen Sprachgebrauch, aber auch in der universitären Ausbildung die "Entbettung der Ökonomie" als Machbarkeitsideologie Einzug gehalten hat. Weil es aber den "real existierenden Kapitalismus" gibt, "vor Ort" und Global, Hier und Heute, zeigt Altvater vier Formen von "privater Aneignung" in der Diskrepanz von Eigentum und Aneignung versus Ausbeutung und Enteignung auf: Inwertsetzung, absolute Mehrwertproduktion, relative Mehrwertproduktion und Geopolitik und neuer Imperialismus. Natürlich fehlen in dieser engagierten Auseinandersetzung nicht die in den Industriegesellschaften praktizierte "Dreifaltigkeit" des (europäischen) Rationalitätsbewusstseins, das ohne Zweifel erheblich zu der zu revidierenden Mentalität eines "Immer-schneller-immer-höher-immer-mehr" geführt hat und dem nach wie vor aktuellen Glauben an den "Fetisch Wachstum" in der Alltagswelt wie in der weltwirtschaftlichen Praxis. Der "Entfesselung der Finanzmärkte" stellt der Autor als Anforderung die legitime Macht eines "good governance" gegenüber. Mit dem Klassiker der europäischen Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften, Fernand Braudel (1902 - 1985), den er für seine Argumentation immer wieder heran zieht, kommt Elmar Altvater zu der Hoffnung, dass bei den immer deutlicher werdenden Destabilisierungsentwicklungen in den neoliberalen Wirtschaftssystemen "der Kapitalismus, wie wir in kennen, an Grenzen gerät".

Diese Hoffnung verbindet der Autor mit einer Utopie der Gesellschaftsveränderung, um "in einem revolutionären Prozess die den Kapitalismus charakterisierenden sozialen Formen (zu) überwinden". Eine solche "soziale Revolution" versteht er jedoch nicht als einen "Putsch", sondern als einen über lange Zeitstrecken iterativen Prozess vieler sozialer Experimente. Obwohl er ihn in seinen Diskurs nicht einbezieht, würde er sicherlich dem zustimmen, was  Hans A. Pestalozzi in diesem Zusammenhang als "positive Subversion" bezeichnet (Nach uns die Zukunft, 1979 / 1982). So füllt Altvater seine radikale Kapitalismuskritik mit Begriffen, die er gewissermaßen als Bannwörter und -methoden gegen den "Spekulations- und Desasterkapitalismus" einsetzt: Solidarität und Nachhaltigkeit. In der Theorie der Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften wie in der Praxis wirtschaftlichen Handelns muss sich ein Bewusstsein entwickeln, dass "eine andere Welt möglich" ist; aber auch, dass "eine andere Welt notwendig" ist. Dazu bedarf es Utopisten und Realisten. Weil die Zukunft "kein aus Vergangenheit und Gegenwart zu verlängerndes Faktum" darstellt, sondern "gemacht" wird, von uns Hier und Heute, in einer "konkreten Utopie", die Wirklichkeit werden kann, wenn wir es nur wollen - lokal und global.

Fazit

Elmar Altvater hat in seiner Kritik am Kapitalismus und Neoliberalismus, an der Shareholdermacht und den inhumanen Auswüchsen der Globalisierung keine neuen, sensationellen Informationen gebracht, weil die "Sensation des Kapitalismus" ausreichend genug ist, um gegen sie anzugehen, reflektiv und real. Das Buch sollte in den wissenschaftlichen Seminaren Diskussionsgegenstand sein, wie in der alltäglichen, gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Weil "das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen" nicht zwangsläufig kommt, sondern wirklich befördert werden muss, von dir und mir!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.12.2005 zu: Emar Altvater: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2005. ISBN 978-3-89691-627-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3249.php, Datum des Zugriffs 26.08.2016.


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