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Margret Kraul, Winfried Marotzki (Hrsg.): Biographische Arbeit

Cover Margret Kraul, Winfried Marotzki (Hrsg.): Biographische Arbeit. Perspektiven erziehungswissenschaftlicher Biographieforschung. Leske + Budrich (Leverkusen) 2002. 328 Seiten. ISBN 978-3-8100-3104-4. 25,50 EUR.

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Einführung in das Thema

Das von Margret Kraul und Winfried Marotzki 2002 herausgegebene Lesebuch "Biographische Arbeit", welches 13 Beiträge plus Einleitung der Herausgeber enthält, soll die Perspektiven der erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung erörtern und diese dann in die "Theoriebildung" einmünden lassen. Die Herausgeber und die folgenden AutorInnen nehmen die sich verändernden sozialen und gesellschaftlichen Umwelten durch Globalisierung, Deregulation, Flexibilität und Multikulturalismus zum Anlaß, individuelle Bildungsprozesse "als Selbst- und Weltverhältnisse" im "Kontext der Moderne" für die Erziehungswissenschaft neu zu konzipieren. "Reflexivität und Biographizität ... in der Informationsgesellschaft" sind die zentralen Merkmale von Bildungsprozessen. Wieso für die Moderne synonym die Informationsgesellschaft und/oder vice versa herhalten muß, ist nicht nachvollziehbar. Der Anlaß zu diesem Aufruf ist, daß "Kontinuität und Dauerhaftigkeit" des Lebensverlaufs trotz hoher Diskontinuität der Lebensverhältnisse auf der individuellen Ebene nach lebenslanger "biographischer Arbeit" verlangt. Und weil das so ist, soll die individuell zu leistende biographische Arbeit von den Erziehungswissenschaften unterstützt und das Konzept der biographischen Arbeit für die Erziehungswissenschaft zur "zentralen Kategorie pädagogischen Handelns" werden. Oder anders ausgedrückt: Die Biographie wird zum Gegenstand "pädagogischer Intervention". Der Band ist das Ergebnis einer Tagung der Kommission Biographieforschung in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft im Juni 1999.

Zu einzelnen Beiträgen

Der Beitrag von Theodor Schulze (22-48) stellt den biographischen Erzähler als produzierendes und reflektierendes Wesen in den Mittelpunkt seiner Betrachtung und nimmt das zum Anlaß, über die "Beziehung von Biographieforschung und allgemeiner Erziehungswissenschaft" wissenschaftsgeschichtlich nachzudenken, wobei er tief in das 18. Jh. hinabsteigt, in dem die frühe Liebe der Pädagogen für die Biographie und den Bildungsroman entstand. Durchgesetzt haben sich diese frühen Gedanken nicht, waren doch die kommenden Zeiten damit ausgefüllt, das "Erziehungswesen" und die Professionalisierung derer, die sich mit dem "Erziehen", "dem Tüchtigmachen für die Gemeinschaft" (23), der Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten, aber auch mit der Beseitigung von Störungen und Fehlverhalten beschäftigen, zu ihrer Arbeit zu machen. Die Wiederentdeckung der Biographie am Ende des 20. Jh. für die Erziehungswissenschaft eröffnet den Blick einerseits auf "andere" Datenquellen, eingebettet in den theoretischen Ansätzen der soziologischen und ethnologischen Feldforschung, und andererseits auf die Ausprägungen und auch auf Verwerfungen in lebensgeschichtlichen Prozessen. Das "individuelle Subjekt" (30 ff) wird zum biographischen Subjekt des lebensgeschichtlichen Lernens, welches sich zunehmend vom curricularen Lernen entfernt. Biographische Prozesse - ausgelöst durch Lebensereignisse, Entwicklungsaufgaben, Gefühle, Wachstumskrisen (36), aber auch durch gesellschaftlichen Wandel in den "konkreten Lebenswelten" und sozialen Räumen - bilden die Basis des lebensgeschichtlichen Lernens. Ergebnisse der Biographieforschung zeigen, daß sich zuverlässige Wissensbestände verflüssigen oder auch aufheben, und somit kommt der Biographieforschung für die Erziehungswissenschaft die kritische Funktion gegenüber der szientistischen erziehungswissenschaftlichen Wissensproduktion zu.

Der folgende Beitrag bearbeitet grundsätzlich Fragen "einer" Bildungstheorie definiert als das Verhältnis von allgemeiner Pädagogik und einer empirisch geleiteten Wissenschaft (Marotzki [49-64]). Bei der Suche nach einer Bildungstheorie führt uns der Autor in die Überlegungen von Werner Loch zur Rolle des Erziehers ein, er erörtert den Ansatz der Lebenslaufwissenschaft von Dieter Lenzen, um schließlich Klaus Mollenhauers Ansatz der fünf Momente der pädagogischen Situationen vorzustellen. Zu prüfen ist, ob das empirische Wissen, eingebettet in die Ansätze von Loch, Lenzen und Mollenhauer und "organisiert um die Kategorie der Biographie" (67), ein "Anschlußkonzept" (53) sein könnte.

Der Beitrag von Koller (92-116), der sich ebenfalls "grundsätzlich" mit dem Bildungsbegriff oder auch -gedanken (92) beschäftigt, kann als Fortsetzung gelesen werden. Koller legt sich nicht auf biographische Daten fest, sondern auf einen qualitativen Zugang, den er für die Forschung zum Bildungsbegriff besonders geeignet hält. In der Reformulierung von Lyotard (1986, 1989) entdeckt Koller bei seiner Migrationsforschung (iranische Frauen) "neue" Diskursarten, die seiner Meinung nach einen Typus von Bildungsprozessen darstellen.

Ebenfalls mit (griechischen) Migranten, genauer mit zwei griechischen Vereinen beschäftigen sich Seitter und Kade (241-269), die der institutionellen Er-(Be-)arbeitung der Biographie die subjektiv dargestellte Biographie gegenüberstellen und die Grenzen einer Verschränkung der beiden Perspektiven offenlegen. Aus drei Perspektiven der Wissensvermittlung - der Institution, der Biographie und des Interaktions-/Aushandlungsprozesses - entsteht der triperspektive Entwurf, denn Interaktionsanalysen (die Daten wurden aus Beobachtungen von Obdachlosen, Sozialarbeitern u.a. gewonnen) zeigen, wie sich die "Binnenperspektiven von Institutionen und Biographien in der konkreten interaktiven Auseinandersetzung ... sowohl verflüssigen als auch reproduzieren" (267). Der Rezensentin wurde nicht klar, warum für den zweiten Teil (Interaktion und Wissensebenen) das ethnographische Vereinskonzept fallengelassen und eine andere Nicht-Migranten-Gruppe gewählt wurde.

Ralf Bohnsacks Beitrag (117-141) über die Ehre des türkischen männlichen Jugendlichen der zweiten Generation verankert diese Studie theoretisch in der Habitus- und Milieutradition mit einem Bezug zur Generation, ausgeprägt in der Gleichartigkeit der Sozialisationsgeschichte, in kollektiven Biographien und im kollektiven Gedächtnis, in gemeinsamen Erfahrungen und traditionsfestem Wissen. Die Ehre des türkischen männlichen Jugendlichen der zweiten Generation, die in Deutschland lebt, generiert sich in verschiedenen Typen. Der Typus mit starkem Familienbezug lebt neben dem, der sich von dem tradierten Habitus distanziert oder auch neben denjenigen, die sich an den gegenwärtigen türkischen Lebenswelten weiblicher und männlicher Jugendlicher ohne Familienbezug und ohne tradierten Habitus orientieren.

Vermißt hat die Rezensentin in diesen Beiträgen, daß die großen Meister dieser Studien nicht zu Rate gezogen wurden: zum Beispiel Thomas & Znaniecki oder Oscar Lewis, aber auch William Food Whyte und andere in den USA, die seit den 20er Jahren Kernerarbeit zu diesen Themen bereits geleistet haben.

Die "theoretischen" Beiträge von Bettina Dausien (65-91), die die erziehungswissenschaftliche Sozialisationsforschung durch die biographische Forschung ablösen will (Paradigmenwechsel), dazu parallel gelesen der Beitrag von Peter Alheit (211-240), den er selbst als "Parforceritt" durch jeden Winkel der Lebensverlaufs-, Altersstufen- und Biographieforschung bezeichnet und der Beitrag von Wolfgang Ortlepp (308-325), der den Gedächtnisbegriff von Maurice Halbwachs und den Generationsbegriff von Karl Mannheim aufgreift, aber am Sozialisationsbegriff im Generationszusammenhang festhält, sind eine "voluminöse" Unterfütterung des pädagogischen Konzepts der an den biographischen Prozessen orientierten Bildungsarbeit.

Die Beiträge von Beate Sann (157-184) über Mütter, die ihre Kinder zur Adoption freigeben, Ulf Brüdigam (185-210) über Fan-Gemeinden, Heide von Feldens Arbeit über Frauen, die am Studienangebot Frauenstudien teilnehmen und der Beitrag von Sabine Andresen über Kindheiten in der DDR (285-307), habe ich mit großem Interesse gelesen.

Ärgerlich an Beate Sanns Beitrag ist, daß der empirische Teil wie eine "okkulte Szene" aufgebaut wird. Da wird nach dem Interview aufs Band gesprochen, da wird ein Forschungstagebuch geführt, unklar sind die Verwertungen von Band und Tagebuch für die Auswertung. Dann werden Gespräche mit "Fachkräften" geführt, mit welchen? warum? und was war der Inhalt der Gespräche? Der Zugang zum Forschungsfeld läuft über Mittelspersonen (159), die die Gesprächsbereitschaft bei den "abgebenden Frauen" (eine sehr amtliche Bezeichnung) prüfen. Auf Seite 160 steht die Forscherin einerseits für die Interessen der Frauen, aber sie steht auch als "Forscherin auf der Seite der öffentlichen Institutionen", wie das? Von welchen Institutionen ist hier die Rede? Grundsätzlich gilt: Forschungsergebnisse müssen von jedem überprüfbar und nachvollziehbar sein, was bei diesem Projekt wohl ausgesprochen schwierig sein dürfte.

An Ulf Brüdigams Fan-Gemeinden-Beitrag störte die Rezensentin, daß lokale Fanclubs und Trekdinners gleichgesetzt werden, daß den LeserInnen häufig fehlerhaftes "denglisches" Kauderwelsch geboten wird (User singular, MUD's statt MUDS usw.), daß bei den monozentrischen und polyzentrischen Strukturprinzipien der einzige theoretische Bezug Marotzki ist und daß dem gesamten Beitrag die historische Einbettung in die sich wandelnden Fan-Gemeinden fehlt. Gemeinschaften und Gesellungsformen sind seit Georg Simmel ohne Zweifel eine Basis für Bildungsprozesse, nur hier habe ich die Bildungsprozesse nicht entdecken können.

Der Beitrag von Heide von Felden bewegt sich theoretisch zwischen Marotzki, Alheit und Schütze. Vorgestellt wird eine Frau, die nach 13 Jahren Familienarbeit das kulturelle Feld der Universität in einem speziellen Studiengang "Frauenstudien" betritt und sich als Angehörige "zweier" Welten fühlt. Auch hier bin ich bei der Suche nach dem Bildungsgedanken gescheitert, es sei denn, das Konzept von Heide von Felden ist so offen, daß "jede" Herausforderung und deren Bewältigung "die Frau" bildet. Aber daran habe ich meine Zweifel.

Sabine Andresens "Kindheiten in der DDR" stellt einen großen theoretischen Entwurf (286-291) zwischen Nietzsche und Hannah Arendt vor, in der sie der Biographieforschung in der Kindheitsforschung einen Platz zuweist. Antje Pohl, Jg. 1950, Heiner Thole, Jg. 1973, und Jannie Walter, Jg. 1975, die nach der Wende (das Jahr erfahren wir nicht) interviewt werden, berichten über viele Stationen in ihrem jungen Leben, aber sie werden in den Portraits "neben" die DDR-Geschichte plaziert. Welche Gefühle entstehen denn, wenn sich jemand von der "Struktur der Pionierrepublik" mißachtet fühlt? Kann man sich von "Strukturen mißachtet fühlen"? Zahlreiche einschlägige KindheitsforscherInnen wie Charlotte Heinritz, Helga Zeiher, aber auch Philipp Ariès und andere habe ich in diesem Beitrag vermißt.

Aus dem Beitrag von Hans Thiersch: "Biographieforschung und Sozialpädagogik" (142-156) lernen wir, daß in der institutionellen Sozialarbeit biographische Verlaufsprozesse der Klientel - zumindest in den durchgesehenen 280 Akten - nicht zu finden sind. Als Erziehungshilfe seien jedoch biographische Daten unverzichtbar, auch dann, wenn es die Grenzen der Hilfe deutlich machen kann (152).

Anmerkungen zur Arbeit der Herausgeber

Die 13 Beiträge sind quantitativ und qualitativ sehr unterschiedlich zu gewichten. Umfänglich schwanken sie zwischen 12 und 25 Textseiten pro Autorin oder Autor. Die in den Beiträgen verwendete Literatur bewegt sich zwischen fünf (Kraul/Marotzki, S. 7-21) und 124 Titeln (Alheit, S. 241-269), in vier von 14 Beiträgen wird auch nicht-deutschsprachige Literatur, das sind von ca. 800 Titeln genau 18 Titel, verwendet. Das, was immer wieder US- und anderen internationalen WissenschaftlerInnen vorgeworfen wird, nämlich daß sie Literatur, die nicht englisch vorliegt, nicht zur Kenntnis nehmen, macht auch diesen Band provinziell, es werden mit wenigen Ausnahmen nur deutschsprachige Titel zitiert. Ärgerlich sind die Anhäufungen von Selbstzitaten, die in manchen Beiträgen wirklich überhand nehmen. Eine Gesamtliteraturliste hätte nicht nur eine Menge Seiten gespart, vielleicht wäre dadurch eine gewisse Einheitlichkeit dabei herausgekommen. Persönlich bedauerlich finde ich, daß in den Literaturverzeichnissen die Vornamen der AutorInnen fehlen. Dazu gibt es inzwischen eine weltweite Verabredung in den Sozialwissenschaften, die Vornamen auszuschreiben, um geschlechtsspezifischen Diskriminierungen zu entgehen. Einheitlich jedoch wird es nicht gehandhabt, in der Literaturliste zum Beitrag Beate Sann sind die Vornamen ausgeschrieben. Ärgerlich ist auch, daß die Verlage in den Literaturlisten überwiegend fehlen, was das Suchen der Literatur zusätzlich erschwert. Sehr unterschiedlich wird die Literatur im Text zitiert: manchmal wird innerhalb eines Kapitels die verwendete Literatur im Text in Klammern zitiert, gleichzeitig wird zwei Zeilen später die Literatur separat in einer Fußnote angegeben (158). Ärgerlich ist auch, daß in manchen Beiträgen Literatur im Text zitiert wird, die im Literaturverzeichnis nicht auftaucht oder umgekehrt, ein Beispiel: der Beitrag Sann. Hier sind im Literaturverzeichnis fünf Beiträge von Lorenzer zu finden, einer davon wird mit 1979 zitiert, wird aber 1993 in einem Sammelband veröffentlicht; und der im Text fünfmal zitierte 1984er Beitrag taucht in der Literaturliste nicht auf. Dem einzelnen Artikel hätte ein Kolumnentitel gutgetan. Etwas mehr herausgeberische Arbeit hätte viel von dieser Kritik überflüssig gemacht.

Fazit

Bildungsprozesse in der Moderne sind auf "Reflexivität und Biographizität" fokussiert. Das Individuum muß flexibel sein, ist zur biographischen Arbeit herausgefordert und diese Arbeit sollen moderne Bildungsprozesse unterstützen, flankieren oder auch begleiten, so steht es in der Einleitung. Die vorgestellten Forschungsergebnisse aus acht Beiträgen klären uns über biographische Verlaufsmuster auf, lassen jedoch die Professionalisierungsdebatte um die Vermittler, die Lehrenden ausser acht. In den Beiträgen von Theo Schulze, Bettina Dausien oder auch Peter Alheit gibt es zahlreiche Hinweise für handlungstheoretische Professionsansätze. Das habe ich in einem Buch, welches "Perspektiven erziehungswissenschaftlicher Biographieforschung" im Titel hat, vermisst.


Rezensentin
Dr.rer.pol. Erika Hoerning
Dipl-Soziologin, Privatdozentin an der Freien Universität Berlin, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Arbeitsschwerpunkte: Biographie- und Lebenslaufforschung besonders biographische Sozialisation, Lebenserfahrungen und biographisches Wissen; Generations- und Professionsforschung
Homepage www.mpib-berlin.mpg.de
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Zitiervorschlag
Erika Hoerning. Rezension vom 24.09.2002 zu: Margret Kraul, Winfried Marotzki (Hrsg.): Biographische Arbeit. Leske + Budrich (Leverkusen) 2002. 328 Seiten. ISBN 978-3-8100-3104-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/326.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.


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