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Gerhard Paul: Der Bilderkrieg. [...] "Operation Irakische Freiheit"

Cover Gerhard Paul: Der Bilderkrieg. Inszenierungen, Bilder und Perspektiven der "Operation Irakische Freiheit". Wallstein Verlag (Göttingen) 2005. 237 Seiten. ISBN 978-3-89244-980-5. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 43,00 sFr.
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Das Thema

Das Buch thematisiert den Irakkrieg von 2003-04 als einen ÈBilderkriegÇ, im dem wie nie zuvor Bilder als Waffen eingesetzt wurden.

Zum Autor

Dr. habil. Gerhard Paul ist seit 1994 Professor für Geschichte an der Universität Flensburg.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich nach einer Einführung in 10 inhaltliche Kapitel. Gerhard Paul stellt in den Mittelpunkt seines Buches drei Fragekomplexe: Er fragt danach, wie sich die neuen Bedingungen einer globalisierten, asymmetrischen und digitalisieren Kriegsführung und Berichterstattung auf das betrachtende Publikum auswirken. Er fragt weiter, wie sich die äußeren Bilder des Krieges in innere Bilder umsetzen, um schließlich die Rolle der Journalisten und Kriegsberichterstatter zu thematisieren.

Paul belegt eindrücklich, welches globale Medien- und Propagandaspektakel dieser zweite Irak-Krieg war. In einem geschichtlichen Abriss weist er aus, dass ausgehend vom dem erfahrenen Propaganda-Desaster im Vietnam-Krieg alle Bestrebungen der USA in den folgenden Kriegen, Afghanistan-Krieg, 1. Golf-Krieg und Kosovo-Krieg, darauf gerichtet waren, die Informations- und Bilderhoheit zu erlangen und durch eine verstärkte Entertainisierung des Krieges für das Publikum im eigenen Land eine breite Zustimmung sicherzustellen. Dies beinhaltete zum einen organisierte Täuschungskampagnen mit Lug und Betrug ("Powell-Point-Präsentation" vor dem UN-Sicherheitsrat), zum anderen medial inszenierte Bombenspektakel in Echtzeit sowie das neue Konzept der "Embedded Journalists". Aus all diesen Erfahrungen schließt Paul, dass nicht mehr die Wahrheit das erste Opfer des Krieges ist, sondern vielmehr die menschliche Fähigkeit, die Realität in Kriegszeiten wahrzunehmen.

In den neuen Kriegen der Gegenwart werden Bilder immer mehr zu Waffen, die unmittelbar auf den politischen Willen des Gegners gerichtet sind. Paul zeichnet detailreich nach, wie die Amerikaner den schon durch die Truppen scheinbar gewonnen Krieg auf der Ebene der Bilder dennoch verloren. Dabei zeigt er auf, dass sich der Versuch der USA, sich der Macht der Medien und dem Schein der Bilder zu bedienen, von Anbeginn mit unkalkulierbaren Risiken verbunden war. Alleine die Bilder des arabischen Senders Al Dschasira, der mehr als 50 Millionen Menschen im arabisch-islamischen Raum erreicht, genügten, um das amerikanische Bild des vermeintlich sauberen und gefahrlosen High-Tech-Krieg zu konterkarikieren. Weblogs und Warblogs im Internet taten ein Übriges, um unterdrückte Nachrichten zu verbreiten. Spätestens mit den durch eigene Soldaten aufgenommenen Folter-Bildern aus dem Gefängnis von Abu Ghraib offenbarte sich der moralische GAU der Amerikaner im Medienkrieg. Die auf den Seiten 137 bis 157 veröffentlichten Fotos lassen diese Entwicklung nochmals nachvollziehen. Mit den Bildern von Exekutionen von westlichen Geiseln durch terroristische Gruppierungen vor laufender Videokamera schließlich war wohl ein vorläufig letztes Tabu im Bilder-Krieg gebrochen.

Paul resümiert am Ende einer langen, durch viele Quellen belegten Recherche, dass im Bilderkrieg der live übertragene Angriff auf Bagdad wohl die Antwort Amerikas auf "Nine Eleven" war. In einer noch nie da gewesenen visuellen Rüstungsspirale ereignete sich eine fortschreitende visuelle Entgrenzung der Gewalt. Der Krieg der Bilder blieb für die USA nicht nur unkontrollierbar, die Folgen vor allem in der arabischen, aber auch in der europäischen Welt, waren verheerend. Nicht die versprochene irakische Freiheit wird wohl in das kollektive Gedächtnis eingehen, sondern eher der verdrahtete Kapuzenmann aus Abu Ghraib.

Zielgruppen

Menschen, die an jüngerer Zeitgeschichte interessiert sind und ein gut geschriebenes, faktenreiches Buch zu schätzen wissen.

Fazit

Es ist das zweite Buch von Paul, in dem er sich mit dem Zerrbild eines sauberen und keimfreien Krieg auseinander setzt. Er gibt einen guten Einblick in die ideologisch dominierte Welt der Medien und zeigt auf, wie sehr wir Grund haben, heutige Bilder nicht mehr als Abbildung von Wahrheit zu verstehen. Im weiteren Sinn ist Pauls Buch ein wichtiges Antikriegsbuch.


Rezensent
Prof. Dr. Peter Bünder
Fachhochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf. Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 21.02.2006 zu: Gerhard Paul: Der Bilderkrieg. Inszenierungen, Bilder und Perspektiven der "Operation Irakische Freiheit". Wallstein Verlag (Göttingen) 2005. ISBN 978-3-89244-980-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3269.php, Datum des Zugriffs 02.07.2016.


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