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Bernd Tschöpe: Studienletter Autismus

Cover Bernd Tschöpe: Studienletter Autismus. Lambertus Verlag (Freiburg) 2005. 260 Seiten. ISBN 978-3-7841-1613-6. D: 20,00 EUR, A: 20,00 EUR, CH: 35,10 sFr.

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Das Anliegen

Das Bücherangebot - so die Argumentation des Autors Bernd Tschöpe - über die Autistische Störung ist unüberschaubar. Da die Ursachen der Störung bis heute nicht abschließend geklärt sind, konkurrieren eine Menge Erklärungsansätze miteinander. Manche Bücher über den Autismus sind darüber hinaus so schwierig verfasst und zu verstehen wie der Autismus selbst, oder aber es handelt sich um Veröffentlichungen, die aus der Fülle der vorhandenen Erklärungsansätze nur einen einzelnen Ansatz und seine Behandlungsmethode favorisieren und in den Mittelpunkt stellen. Der uninformierte Leser bleibt unsicher, ratlos und ohne Orientierung zurück.   

Der vorliegende Studienletter soll Abhilfe schaffen und einen Weg weisen durch die verwirrende Vielzahl der Symptome, der Klassifikationen, der Ursachenerklärungen und der Therapieansätze. Sein Anspruch ist es, dem Leser einen soliden Überblick über die Autismusforschung und die therapeutische und pädagogische Praxis zu verschaffen.

Der Autor

Bernd Tschöpe ist Psychologe und Erziehungswissenschaftler und seit 25 Jahren als Erwachsenenbildner und als Berater in der Behindertenassistenz tätig. Er arbeitet im Beratungszentrum Alsterdorf für Intensivpädagogik in Hamburg. Tschöpe geht es um einen Überblick - ohne aus den Augen zu verlieren, dass die wissenschaftliche Perspektive, die Erklärung, immer einen Blick auf den Menschen mit Autismus von außen richtet, ihn zum Gegenstand der Betrachtung macht. Die Symptombeschreibung in der Autismusforschung ist unsere Sicht auf Autismus von außen, auf die sich die Forschung aktuell geeinigt hat. Darin sieht Tschöpe die Gefahr begründet, dass der Autistische Mensch zu einer Kategorie wird, die Ausgrenzung zur Folge hat. Tschöpe kritisiert, dass die symptombezogene Beschreibung eine Auflistung von Defiziten ist, pädagogisch nutzbare Ressourcen des einzelnen werden in dieser Sichtweise überhaupt nicht wahrgenommen. Konsequenterweise nimmt Tschöpe daher subjektive Sichtweisen von betroffenen Menschen mit in das Buch und lässt sie ihr Erleben unter den Bedingungen der Störung beschreiben.

Ein interaktives Lehrbuch

Das Buch ist als interaktives Lehrbuch gestaltet. Am Ende jedes Kapitels werden Verständnisfragen aufgelistet, die der Leser zur inhaltlichen Vertiefung nutzen kann. Darüber hinaus besteht das Angebot, dass man sich bei konkreten Fragen oder Anliegen direkt mit dem Autor oder dem Fachteam Intensivpädagogik des Beratungszentrum Alsterdorf in Verbindung setzen kann. Bei weitergehendem Interesse hat der Leser die Möglichkeit, an einer Fernfortbildungsmaßnahme des Beratungszentrums teilzunehmen. Dazu müssen die 40 im Anhang aufgelisteten Fragen beantwortet nach Alsterdorf geschickt werden - zusammen mit einer formlosen Anmeldung. Der Leser erhält ein Fallbeispiel mit Fragen zurück, die bearbeitet werden müssen. Bei erfolgreicher Bearbeitung erhält der Leser eine individuelle Rückmeldung und ein Zertifikat über die erfolgreiche Teilnahme. Die Teilnahme an dieser  Fernfortbildung kostet 60 Euro.

Der Inhalt

  • Nach einer Einführung über den Autismus gibt Tschöpe Informationen über die so genannten "Grundsteinleger"  in der Geschichte des Autismus: Bleuler, Kanner und Asperger.
  • Das folgende große Kapitel hat die Überschrift: "Über das Land und seine Einwohner" und zum Inhalt die diagnostischen Kriterien der Autistischen Störung. Neben der diagnostischen Klassifikation der Störung erfährt der Leser Details zur Differentialdiagnostik und die Abgrenzung des Autismus von weiteren Entwicklungsstörungen.
  • Das nächste Kapitel widmet sich der Beschreibung der wesentlichen Symptome der Störung. Die Auflistung der Symptome von verschiedenen Autoren macht deutlich, dass die Variationsbreite -das Spektrum der Störung enorm ist und dass es DIE autistische Störung nicht gibt.
  • Autismusforschung ist eine Abfolge von unterschiedlichen Verursachungsannahmen, die überzeugten,  verworfen und abgelöst wurden von anderen Verursachungsannahmen. In dem Kapitel "Suchtrupps" im Land hinter der "gläsernen Tür" werden die unterschiedlichen Erklärungsansätze zur Entstehung der Autistischen Störung beschrieben.
  • Die Uneinigkeit in Bezug auf die Verursachungsannahmen setzt sich fort in der Vielfalt der Behandlungsverfahren und Therapiekonzepte. Dieses Kapitel "Schlüssel zum Öffnen der 'gläsernen Tür'" listet eine Zusammenstellung aktueller Therapieansätze auf.
  • Alle bisherigen Beschreibungen der Störung beruhen auf einer Sicht von außen auf Menschen mit Autismus. Die Sinnhaftigheit eines Tuns, die sich dem Betrachter von außen niemals erschließt, sucht Tschöpe zu begründen mit Zitaten von Betroffenen, um zu verdeutlichen, dass autistische Symptombeschreibungen nicht als abnorme, sondern als sinnvolle Verhaltensweisen unter den  erschwerten Lebensbedingungen zu verstehen sind.

Fazit

Der Studienletter ist für alle zu empfehlen, die als Professionelle wie auch als Angehörige mit Menschen mit Autismus im Kontakt sind. Nach einem Einstieg, der sich in seinem Sinn nicht unmittelbar und sofort erschließt, erfüllt das Buch das oben skizzierte Anliegen. Es ist nicht immer leicht verständlich geschrieben, aber gut lesbar, vor allem durch die Struktur der Zusammenfassung am Ende der großen Kapitel. Ein Großteil des Buches nimmt die Darstellung der Behandlungs- und Therapieansätze ein. An dieser Stelle sei der Einwand erlaubt, dass das außerordentliche interessante Buchprojekt von Michaela Weiß, auf das sich Tschöpe bezieht, als Buch gelesen  einen höheren Gewinn bringt als die Zusammenfassung in diesem Studienletter.

Die Idee, das Buch interaktiv zu gestalten und darüber hinaus eine Vertiefung in Form einer Fernfortbildung anzubieten, überzeugt dagegen sehr.


Rezensentin
Dipl.-Pädagogin Ella Sebastian-Strube
Freie Bildungsreferentin und Mitarbeiterin der Lebenshilfe Köln e.V.
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Zitiervorschlag
Ella Sebastian-Strube. Rezension vom 04.04.2006 zu: Bernd Tschöpe: Studienletter Autismus. Lambertus Verlag (Freiburg) 2005. 260 Seiten. ISBN 978-3-7841-1613-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3342.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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