Jürgen Körner, Rebecca Friedmann: DENKZEIT für delinquente Jugendliche
Jürgen Körner, Rebecca Friedmann: DENKZEIT für delinquente Jugendliche. Theorie und Methode dargestellt an einer Fallgeschichte. Lambertus Verlag (Freiburg) 2005. 220 Seiten. ISBN 978-3-7841-1603-7. D: 18,00 EUR, A: 18,00 EUR, CH: 31,90 sFr.
Einführung
Seit nunmehr beinahe drei Jahrzehnten haben sich in Deutschland für die besondere Zielgruppe der massiver straffällig gewordenen Jugendlichen und Heranwachsenden spezialisierte Jugendhilfeangebote entwickelt und etabliert. Hintergrund ist die - freilich empirisch begründete - Annahme, dass massive Straffälligkeit einhergeht mit massiven sozialen und persönlichen Benachteiligungen, die mit den herkömmlichen, überwiegend strafenden bzw. gar freiheitsentziehenden Reaktionsmöglichkeiten des Jugendgerichtsgesetzes (JGG) eher nur verschärft würden. Mit den Mitteln und Methoden der Sozialpädagogik soll je individuell die Handlungskompetenz des jungen Menschen gestärkt, Benachteiligungen abgebaut und ihm so zu künftiger Sozial- und letztlich Legalbewährung verholfen werden. Allmählich flächendeckend implementiert und erprobt, fanden diese sogenannten "Neuen ambulanten Maßnahmen" schließlich auch Eingang in den Katalog der explizit genannten "Weisungen" des JGG.
Mitten in dieses Feld zielt das vorliegende Buch. Vorgestellt wird die DENKZEIT-Methode, ein teilweise manualisiertes Einzeltraining, das die Entwicklung von "Schutzfaktoren" gegen Delinquenz in Form sozialkognitiver Kompetenzen beinhaltet. Ursprünglich am Brandon Centre in London entwickelt, wurde das Programm von den Autoren ins Deutsche übertragen und den hiesigen Verhältnissen und Zielgruppen angepasst. Über einen Zeitraum von einem dreiviertel Jahr arbeitet ein ausgebildeter Trainer mit dem Jugendlichen in 40 Einzelsitzungen à 45 Minuten zusammen.
Hintergrund
Adaption und Fortentwicklung der DENKZEIT-Methode erfolgten im Rahmen eines umfassenderen Forschungsprojekts zur Analyse der Wirksamkeit pädagogischer Arbeitsmethoden mit delinquenten Jugendlichen. Die Studie wird von einer Forschergruppe am Arbeitsbereich Sozialpädagogik an der Freien Universität Berlin unter Leitung von Prof. Jürgen Körnerdurchgeführt und wurde durch das BMFSFJ gefördert. Eine entsprechende Monographie ist in Vorbereitung.
Aufbau und Inhalt
In elf jeweils kurz gehaltenen Abschnitten werden Theorie und Praxis des DENKZEIT-Trainings dargelegt. Die Autoren greifen hierbei zu einer eher außergewöhnlichen Darstellungsform: Die theoretischen Darlegungen erfolgen im Wechsel mit der eindrucksvollen Schilderung der Fallgeschichte des Jugendlichen A., wobei jedem der elf Abschnitte der jeweils inhaltlich entsprechende Ausschnitt der Fallgeschichte vorangestellt wird.
Die ersten vier Abschnitte führen ein in die "Vorgeschichte" des Jugendlichen A. von der Begründung seiner Auswahl, über Kindheit und Jugend, seine Delinquenzentwicklung bis hin zu Erfahrungen professioneller Hilfen. Die theoretischen Hintergründe folgen jeweils im Anschluss:
- Theorie des Denkzeit-Training
- Entwicklung aus psychologischem und soziologischem Blickwinkel
- Sozialpsychologische und psychoanalytische Erklärungsversuche
- Probleme pädagogischer Diagnostik und Indikation
Die folgenden Abschnitte behandeln konkret die Durchführung des Trainings mit A. von der ersten Begegnung über die drei Trainings-Module bis hin zur Nachbetreuung:
- Die Pädagogische Beziehung im Denkzeit-Training
- Modul 1: Probleme analysieren - Theorie sozialer Informationsverarbeitung
- Modul 2: Affekte managen - Steuerung aggressiver Affekte
- Modul 3: moralisch denken und handeln - Entwicklung moralischer Urteilsfähigkeit
- Probleme des Transfers in den Alltag
- Abschied
- Rückblick
Die so dargestellte Theorie und Methode des DENKZEIT-Trainings werden ergänzt durch die kurze Skizzierung der o.g. Wirksamkeitsstudie und ersten, vorsichtig präsentierten Ergebnissen sowie der Schwerpunkte der Ausbildung zum DENKZEIT-Trainer.
Der Anhang erlaubt einen Einblick in das dem Training zugrunde liegende Manual, indem aus jedem der drei Module Auszüge präsentiert werden.
Diskussion
Den Autoren ist es auf interessante, nachvollziehbare und lesenswerte Weise gelungen, einen konkreten Eindruck vom DENKZEIT-Training zu erlangen. Schwieriger indessen bleibt die Einschätzung der Verortung des Trainings im Feld der ambulanten Maßnahmen. Eine "Förderung der individuellen Handlungskompetenz" der teilnehmenden Jugendlichen und Heranwachsenden findet sich als Zielsetzung in nahezu jeder Konzeption der etablierten Einrichtungen, ohne dass freilich methodisch ausgefeilte, systematisch begründete und mithin transparente Ausführungen über das konkrete Vorgehen immer auch erfolgen. Dies wird von den Autoren sicherlich berechtigterweise angemahnt. Was aber darüber hinaus geradezu als konzeptioneller Mindeststandard für die sozialpädagogische Arbeit mit dieser Zielgruppe gilt, ist im Denkzeit-Training nicht vorgesehen: die alltagspraktische Unterstützung jedes einzelnen Jugendlichen bei seiner Lebensregulierung und der Entwicklung konkreter Lebensperspektiven. Nicht ganz unberechtigt erscheint dann die Frage, ob der Jugendliche A. sich in seinem Leben nach dem Training auf andere Weise "bewährt" hätte, wenn er bei seinem offensichtlichen (ja auch artikulierten) Wunsch, eine schulische und berufliche Perspektive zu entwickeln, die offensichtlich erforderliche Unterstützung erhalten hätte. Angesichts der bekanntermaßen massiv benachteiligten Lebenslagen der betreffenden Jugendlichen ist die Verortung der ambulanten Maßnahmen als Einrichtungen der Jugendhilfe ja keinesfalls zufällig.
Fazit
Das vorgelegte Buch wird die Diskussion um die Weiterqualifizierung der ambulanten sozialpädagogischen Maßnahmen für straffällig gewordene junge Menschen sicherlich bereichern. Zu hoffen bleibt, dass es auch Anlass ist, die Entwicklung konkreter Qualitätsstandards weiter voranzutreiben.
Rezensentin
Dr. Regine Drewniak
Pädagogin, M.A.
Nach langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeit am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. mit Schwerpunkt auf Fragen adäquater Reaktionen auf Jugenddelinquenz mittlerweile tätig in der Weiterqualifizierung und Evaluation von Einrichtungen "ambulanter Maßnahmen".
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Zitiervorschlag
Regine Drewniak. Rezension vom 11.07.2006 zu: Jürgen Körner, Rebecca Friedmann: DENKZEIT für delinquente Jugendliche. Lambertus Verlag (Freiburg) 2005. 220 Seiten. ISBN 978-3-7841-1603-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3370.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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