Katharina Heimerl, Andreas Heller u.a.: Daheim sterben. Palliative Kultur im Pflegeheim
Katharina Heimerl, Andreas Heller, Frank Kittelberger: Daheim sterben. Palliative Kultur im Pflegeheim. Lambertus Verlag (Freiburg) 2005. 76 Seiten. ISBN 978-3-7841-1589-4. 8,00 EUR, CH: 14,80 sFr.
Reihe: Palliative Care und OrganisationsEthik - Band 11.
Zur Einführung in die Thematik
Tod und Sterben als Teil des Lebens zu begreifen und durch eine offene, intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema, einen anderen Umgang mit todkranken und sterbenden Menschen zu ermöglichen, ist ein zentrales Anliegen der Hospizbewegung. In Deutschland waren die ersten Hospizgruppen, anders als beispielsweise im angelsächsischen Raum und in Amerika, bürgerschaftliche Initiativen, die sich zunächst vor allem die Gründung von ambulanten Hospizdiensten zur Aufgabe machten. Stationäre Hospize und Palliativstationen knüpften an diese Entwicklung an und bilden heute weitere wichtige Bausteine in einem Netzwerk von Unterstützungsangeboten für unheilbar kranke Menschen und ihre Angehörigen. Die aktuelle Debatte um eine palliative Kultur im Pflegeheim ist zu verstehen vor dem Hintergrund sich wandelnder Leitbilder in der stationären Altenpflege, denn für die Bewohner soll das Heim ein vertrautes Zuhause bieten, in dem sie auch auf ihrem letzten Weg, in ihrem Sterben, begleitet werden. Das bedeutet, dass der Hospizgedanke für diese andere Form der "Häuslichkeit" umsetzbar und lebbar werden und sich in den stationären Einrichtungen als Haltung noch stärker als bisher verankern muss.
Entstehungshintergrund
Im Herbst 2001 startete die Abteilung Altenhilfe, der Inneren Mission München, das Projekt "Leben bis zuletzt". Unter der Leitung von Pfarrer Frank Kittelberger sollten im Betreuungsalltag von fünf Einrichtungen der stationären Altenpflege die Grundsätze palliativen und hospizlichen Denkens verankert werden. In diesem "sozialen Daheim" auch die Begleitung im Sterbeprozess als festen Bestandteil zu sichern, war das erklärte Ziel. Kooperationspartner dabei waren Dr. Katharina Heimerl vom IFF an der Universität Klagenfurt und Prof. Dr. Andreas Heller aus Wien. Das Buch ist eine Art Abschluss-dokumentation des Projekts sowie seiner Prozesse und Ergebnisse.
Aufbau und Inhalt
In 15 Kapiteln, die zum Teil sehr kurz und knapp gehalten sind, wird das Projekt in seinen Grundzügen entfaltet und reflektiert. Das Ergebnis ist ein schmales Büchlein, das über das Projektanliegen in gut verständlicher und sachlicher Sprache informiert und an einigen Stellen auch grundsätzlichere Diskurse zu relevanten Themen einschließt.
- Im Kapitel 1 "Ein Projekt und seine Nachhaltigkeit" wird neben einer kurzen Schilderung der Entstehungsgeschichte des Projekts, auch die Begründung für die Publikation geliefert: "Um die Dynamik und Sprengkraft des Projektes lebendig zu halten und das erworbene Wissen für die Weiterentwicklung zu sichern, und das nicht nur in München - darum entstand dieses Buch." (S. 12)
- Das Kapitel 2 "Leben bis zuletzt - ein Projekt der Inneren Mission München" beschreibt unter anderem die Intentionen sowie die Innen- und Außenwirkungen des Projektes. Beschrieben werden aber auch weiterführende Aktivitäten, wie die Durchführung von Fachtagungen und die Entstehung eines Leitfadens zur Implementierung.
- Im Kapitel 3 "Worauf wir uns einlassen: die Ausgangslage" wird die Frage des gelingenden Umgangs mit Sterben, Tod und Trauer - vor dem Hintergrund des Phänomens der "alternden Gesellschaft" - kurz thematisiert. Es werden europaweite Entwicklungen skizziert und der Rechtsanspruch auf eine kompetente Versorgung am Lebensende zum Thema gemacht. In diesem Kapitel erfolgt auch die Klärung des Begriffs "Palliative Care" sowie der Grundsätze des palliativen und hospizlichen Denkens und wie diese im Alltag nachhaltig verankert werden können.
- Das diakonische Selbstverständnis des Projektes wird dargestellt im Kapitel 4 " Das Diakonische konkretisieren". In diesem Kontext wird auch die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit der Mittel im Sozial- und Gesundheitssystem gestellt und als ethisch-diakonische Herausforderung formuliert. Neben inhaltlichen Ausführungen zum Begriff "Care", wird auch der Gedanke entfaltet, dass die Auseinandersetzung mit dem Sterben Menschen lebendiger macht. Auch ihre Energie und ihre Kreativität können dadurch mobilisiert werden.
- "Die Bewohner und Bewohnerinnen" stehen im Mittelpunkt des Kapitels 5. Beschrieben werden deren Wünsche, die in einer Befragung erhoben wurden sowie einige Umsetzungsprojekte, entwickelt in vier Arbeitsgruppen.
- Kapitel 6 beschreibt "Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen" mit ihren eigenen Anliegen. Ihre Perspektive konnte in die Bewohnerbefragung mit einfließen und zu einer anderen Form von Kontakt mit den älteren Menschen führen. Fortbildung wird in der Folge dann als Entwicklungschance begriffen und es kann eine andere Abschiedskultur entstehen. Das Kapitel endet mit der Frage nach den Gewinnen, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus dem Projekt für sich ziehen können.
- "Die Angehörigen" und ihre Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt von Kapitel 7. Dabei werden sowohl das Aufnahmegespräch, wie auch der Informationsabend zur Patientenverfügung als Beispiele beschrieben, mit Angehörigen in Kontakt zu kommen, sie stärker mit einzubeziehen und die Kommunikation mit ihnen zu verbessern.
- Im Kapitel 8 "Die medizinische Versorgung im Alten- und Pflegeheim" wird die Rolle der Hausärzte sowie der aktivierende Zugang zu dieser Zielgruppe über spezifische Fortbildungen thematisiert. Ein Abschnitt widmet sich auch den notwendigen ethischen Entscheidungen am Lebensende.
- Der besondere Umgang mit Menschen, die eine Demenz entwickelt haben, steht im Mittelpunkt des 9. Kapitels "Palliativer Umgang mit Demenzerkrankten". Kurz vorgestellt wird das im Projekt entwickelte Handbuch "Gebrauche deine Sinne", sowie grundlegende Überlegungen zur Kommunikation und Validation sowie zur Schmerztherapie,
- Dem Themenkomplex "Leiten und Steuern" widmet sich das 10. Kapitel, in dem die Rolle der Leitung als unterstützender oder aber auch als verhindernder Faktor bei der Umsetzung palliativer Kultur im Pflegeheim beschrieben wird.
- Im 11. Kapitel "Ressource Hospizbewegung" wird ihre Entwicklung und ihr aktueller Stand in Deutschland kurz vorgestellt und es wird weiter beschrieben, wie die stationäre Altenpflege und die Hospizbewegung künftig besser zusammenarbeiten könnten, mit einem nachhaltigen Lerneffekt auf beiden Seiten.
- Das 12. Kapitel "Patientenverfügung - Vorsorgevollmacht - Betreuungsverfügung" bietet einen Diskurs über rechtliche Fragen zum Thema.
- "Ein Alten- und Pflegeheim ist ein Netz" - im Kapitel 13 wird die Notwendigkeit von Vernetzung beschrieben und charakterisiert - ein Netz das gepflegt werden will.
- Idee und Realität des Alltags im Projekt werden im Kapitel 14 "Implementierung von Palliativbetreuung - ein Prozess wird sichtbar" gegenüber gestellt und es werden die notwendigen Steuerungsprozesse beschrieben.
- Das abschließende Kapitel 15 "Sterben in der stationären Altenhilfe - ein globales Thema der Kommunen" stellt die palliative Versorgungsstruktur als grenzüberschreitenden Ansatz dar, verweist aber auch auf die Grenzen seiner Implementierung.
Zielgruppe
Das Buch eignet sich als Einstiegslektüre für Altenpflegekräfte, Hauptamtliche und freiwillig Engagierte in Hospizinitiativen sowie für Verantwortliche bei Trägern und Verbänden, die stationäre Einrichtungen im Bereich der Altenhilfe betreiben.
Diskussion
Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem Projekt "Leben bis zuletzt" werden umfassend dargestellt. An einigen Stellen bleibt die Publikation aber sehr an der Oberfläche, hätte eine vertiefende Darstellung einzelner Aspekte dem Büchlein gut getan. So hat es zuweilen den Charakter einer Broschüre, die großen Tiefgang bewusst vermeidet - was angesichts der Brisanz des Themas nicht unbedingt angemessen erscheint.
Fazit
Ein Büchlein, das den immer notwendiger werdenden Umgang mit palliativer Kultur im Pflegeheim aufgreift, damit eine Publikationslücke schließt, aber leider über weite Strecken sehr an der Oberfläche bleibt. Damit hat es eher den Charakter einer Projektdokumentation, aber weniger den eines fundierten Fachbuchs.
Rezensentin
Prof. Dr. Cornelia Kricheldorff
Katholische Hochschule Freiburg, Fachbereich Soziale Arbeit
Forschung und Lehre in angewandter Gerontologie, mit den inhaltlichen Schwerpunkten Geragogik, offene Altenarbeit, Bürgerschaftliches Engagement, neue Wohnformen, Soziale Arbeit in Pflege und Gesundheitswesen, Hospizarbeit.
Homepage www.kh-freiburg.de
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Zitiervorschlag
Cornelia Kricheldorff. Rezension vom 04.03.2007 zu: Katharina Heimerl, Andreas Heller, Frank Kittelberger: Daheim sterben. Palliative Kultur im Pflegeheim. Lambertus Verlag (Freiburg) 2005. 76 Seiten. ISBN 978-3-7841-1589-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3373.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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