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Sabine Pleschberger: Nur nicht zur Last fallen. Sterben in Würde [...]

Cover Sabine Pleschberger: Nur nicht zur Last fallen. Sterben in Würde aus der Sicht alter Menschen in Pflegeheimen. Lambertus Verlag (Freiburg) 2005. 280 Seiten. ISBN 978-3-7841-1601-3. D: 18,00 EUR, A: 18,00 EUR, CH: 31,90 sFr.

Reihe: PalliativCare und OrganisationsEthik - 13.

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Autorin

Die 1973 geborene Sabine Pleschberger ist "seit 2001 an der Abteilung Palliative Care und OrganisatonsEthik der Interdisziplinären Fakultät für Forschung und Fortbildung (IFF) an der Universität Klagenfurt, in Wien" (S. 280), beschäftigt. Schwerpunkte ihrer Tätigkeit sind Versorgungsforschung im Bereich Palliative Care sowie Nutzersicht und Ethik im Gesundheitswesen. Sie hat die Fächer Pädagogik, Soziologie und Gesundheitswissenschaften studiert, außerdem ist sie diplomierte Krankenpflegerin.

Hintergrund

Die Publikation fußt auf dem Datenmaterial von Erhebungen, die im Rahmen eines Forschungsprojektes von der Autorin gemeinsam mit KollegInnen der Universität Klagenfurt zum Thema "Sterben in Würde" im Großraum München und Dortmund von Oktober 2001 bis April 2003 durchgeführt wurden (vgl. S. 17). Das Projekt ist von der Deutschen Hospiz Stiftung im September 2001 in Auftrag gegeben worden.

Ausgangsthese

Stationäre Alteneinrichtungen sind nach Pleschberger derzeit weder ausreichend auf die Versorgung von pflegebedürftigen alten Menschen vorbereitet noch ausgestattet. Auch stehen rehabilitative Konzepte wie "aktivierende Pflege" im Vordergrund, so dass MitarbeiterInnen erkennbare Abbauprozesse von BewohnerInnen als Misserfolg ihrer Arbeit deuten (vgl. S. 13).

Ziele

Das von der Autorin ausgegebene altenpolitische Ziel ist es, Würde als Leitkategorie in der Versorgung alter, pflegebedürftiger und sterbender Menschen zu etablieren. Der Umgang mit PflegeheimbewohnerInnen setzt nach Pleschberger eine Anthropologie voraus, der man über das Konzept Würde am nächsten kommt (vgl. S. 246). Den Würdebegriff verortet sie dabei im Alltagsverständnis der Menschen. Sie setzte diesem den relativ modernen Begriff "Qualität" und das damit verbundene Konzept als Antithese entgegen, das eine "Expertokratie" verkörpert (vgl. S. 16 f.).

Mit der vorliegenden Arbeit möchte Pleschberger einen "Beitrag zu einer methodologischen Diskussion" (S. 87) leisten, um sich dem oben formulierten Ziel anzunähern. Auf der Basis einer empirischen Studie möchte sie durch "Reflexion auf den Forschungsprozess und die Erfahrungen im Feld" (S. 87) Argumente zur Verankerung des Würdekonzeptes liefern.

Die Publikation soll also durch die Identifizierung grundlegender Prinzipien zu einer an Würde orientierten Versorgung alter Menschen in Pflegeheimen beitragen. Der Autorin zufolge soll dabei die Perspektive alter Menschen auf das Sterben in stationären Langzeitpflegeeinrichtungen als Basis für weitere Überlegungen dienen. Sie möchte mit dieser Arbeit eruieren, was alte Menschen unter Sterben in Würde verstehen und welche Bedingungen in diesen Heimen erfüllt werden müssen, um pflegebedürftigen BewohnerInnen ein Leben in Würde auch in der letzten Phase ihres Lebens zu ermöglichen (vgl. S. 16).

Bezogen auf die Ausgangsthese benennt die Autorin das Ziel, Sterben und Tod in die "Lebenswelt Altenpflegeheim"so zu integrieren, dass sowohl der Alltag von "rüstigen SeniorInnen" als auch der rehabilitative Ansatz nicht tangiert werden (vgl. S. 85).

Zielgruppen

Aus den Aussagen der Autorin, das Konzept Würde in die Praxis der Altenpflege integrieren zu wollen (vgl. S. 250) und dass Pflegepersonen am ehesten das Potential  erkennen, das eine gute Pflege und Versorgung bereithält, um finale Lebensphasen zu bewältigen (vgl. S. 257), lassen sich AltenpflegerInnen als Zielgruppe ableiten. Insofern die Autorin mit der Publikation einen kritischen Blick auf die Institutionen werfen möchte, in denen Menschen alt werden und sterben, geraten EntscheidungsträgerInnen in der stationären Altenhilfe (GeschäftsführerInnen, EinrichtungsleiterInnen) in den Fokus.

Mit ihrer Feststellung, dass andere altenpolitischen Anregungen bisher gar nicht oder nur zögerlich aufgenommen wurden, wendet sich Pleschberger an PolitikerInnen. Die Implementierung des Würdekonzepts versteht die Autorin als gesellschaftspolitische Aufgabe, sie strebt die kommunale Einbettung des Ansatzes an (vgl. S. 257).

Struktur, Kurzübersicht und Inhaltsangabe

Das Buch gliedert sich auf 280 Seiten in acht Kapitel. Im Inhaltsverzeichnis erfolgt eine Gliederung auf zwei Ebenen, im Buch auf drei Ebenen. Die Kapitel bestehen aus fünf bis neun Abschnitten. In den ersten drei Kapiteln nähert sich Pleschberger dem Thema durch eine Literaturanalyse. Aufbau, Ergebnisse und Auswertung des Forschungsprojektes "Sterben in Würde" stellt die Autorin  in den Kapiteln 4 bis 7 vor. Im 8. Kapitel wird ein Ausblick gegeben.

  1. In Kapitel 1 erfolgt die Darstellung aktueller themenbezogener Entwicklungen.
  2. Die historische Entwicklung und wissenschaftliche Diskussion des Würdebegriffs wird in Kapitel 2 offen gelegt.
  3. In Kapitel 3 geht die Autorin auf den Forschungsstand zum Thema "Sterben in Altenpflegeeinrichtungen" ein.
  4. In Kapitel 4 befasst sich die Autorin mit der Fragestellung der empirischen Studie und dem methodischen Vorgehen.
  5. Kapitel 5 beinhaltet die Ergebnisse der Interviews mit BewohnerInnen aus Altenpflegeheimen.
  6. In Kapitel 6 werden die Sichtweisen der Professionellen geschildert, die durch ExpertInneninterviews und Gruppendiskussionen eruiert wurden.
  7. In Kapitel 7 werden die Ergebnisse zusammengeführt, aufeinander bezogen und mit Erkenntnissen aus der wissenschaftlichen Literatur verwoben.
  8. In Kapitel 8 setzt sich Pleschberger kritisch mit der aktuellen Versorgungssituation und Versorgungsdebatte auseinander, außerdem werden Perspektiven für die Versorgung von pflegebedürftigen und sterbenden Menschen aufgeworfen.

1 Aktuelle Entwicklungen

In Kapitel 1 geht die Autorin einleitend auf den veränderten Umgang der Gesellschaft mit Sterben und Tod, auf das vorherrschende Altersbild sowie auf den Veränderungsbedarf in der institutionellen Versorgung von sterbenden Menschen ein. Abschließend begründet sie die konzeptionelle Annäherung an den Forschungsgegenstand (vgl. S. 10 ff.).

2 Geschichte des Begriffs Würde

Im 2. Kapitel widmet sie sich der Begriffsgeschichte von Würde. Die Entwicklung vom antiken Griechenland und Rom, über Christentum, Humanismus und Renaissance bis zur neuzeitlichen Vernunftphilosophie wird aufgezeigt. Im weiteren Verlauf des Kapitels beschreibt die Autorin das Recht auf Würde, das sich aus dem Grundgesetz und einer UN-Deklaration ableiten lässt. Darauf werden moderne Konzeptionen von Würde vorgestellt, die im Versorgungskontext stehen. Es folgt ein Blick auf empirische Studien zum Thema Würde.

Abschließend wird resümiert, dass Würde als Seinsbestimmung allen Menschen zukommt, aber auch als individueller Verdienst oder gesellschaftliche Leistung verstanden werden kann. Moderne Ansätze differenzieren diese Dichotomie. Die Autorin verweist jedoch darauf, dass es konzeptionelle Vorstellungen von Würde geben muss, die Verbindlichkeit haben (vgl. S. 19 ff.).

3 Forschungsstand zum Thema "Sterben in Altenpflegeeinrichtungen"

In Kapitel 3 befasst sich Pleschberger mit dem Forschungsstand zum Thema Sterben in bundesdeutschen Pflegeheimen. Einleitend schildert sie die veränderte Nutzerstruktur der Einrichtungen, sie beschreibt die Größe und Personalstruktur sowie die Infrastruktur und Ausstattung der Heime. Darauf geht sie auf die Qualität der Versorgung ein. Die Autorin attestiert eine starke Fokussierung auf körperliche Aspekte der Pflege.

Im Anschluss an die Charakterisierung von Pflegeheimen als Lebenswelt folgt die Beleuchtung der Heime als Ort des Sterbens. Dabei konstatiert sie eine Zunahme von Sterbefällen in Altenpflegeheimen. Kritisch geht Pleschberger auf Widersprüche im professionellen Selbstverständnis von Altenpflegekräften ein. Diese sehen eine Mobilisierung von BewohnerInnen als Erfolg an, hingegen spielt die Sterbebegleitung keine vordergründige Rolle. Darüber hinaus lassen viele Einrichtungen konzeptionelle Überlegungen vermissen. Sie hält fest, dass nur bei etwa einem fünftel der Heime eine sterbebegleitende Praxis gestaltet wird.

Ergebnisse aus Bewohnerbefragungen zu Sterben und Tod im Pflegeheimem und im ambulanten Sektor schließen sich an. Im stationären Bereich haben die alten Menschen kaum Gestaltungswünsche geäußert, jedoch wurde durch Beobachtungen festgestellt, dass Maßnahmen der Körperpflege Unbehagen bei den Sterbenden auslösten.

Anschließend wird auf die Hospizbewegung eingegangen. Aus der Hospizidee hat sich ein Versorgungskonzept für schwerkranke und sterbende Menschen entwickelt, für das sich seit Anfang der 1990er Jahre der Begriff "Palliative Care" durchgesetzt hat. Die Autorin stellt Erfahrungen mit Palliative Care in Großbritannien, den USA und Deutschland vor. Für Pflegeheime stellt sich nach ihrer Ansicht die Herausforderung, Sterben und Tod nicht mehr dem Zufall zu überlassen, sondern in die Lebenswelt Altenheim zu integrieren (vgl. S. 52 ff.).

4 Fragestellung und methodisches Vorgehen

Im 4. Kapitel geht die Autorin auf Fragestellung und methodisches Vorgehen des Forschungsprojektes "Sterben in Würde" ein.

Das empirische Interesse der Projektbeteiligten richtete sich vornehmlich auf die Fragen, welche Bedingungen ein Leben in Würde bis zuletzt für pflegebedürftige ältere Menschen ermöglichen und welche Aufgaben sich daraus auf den Versorgungsalltag ableiten lassen. Über die Auseinandersetzung mit Würde sollte ein Verständnis über das Denken und Handeln von HeimBewohnerInnen erlangt werden.

Das methodische Vorgehen richtete sich nach der "Grounded Theory". Zur Erfassung der Perspektive der alten Menschen wurden qualitative Interviews mit narrativem Charakter gewählt. Die ProbandInnen wurden nach den Kriterien des "Theoretical Sampling" ausgewählt, es wurden also kontrastierende Fälle zusammengestellt. Das Projektteam führte 20 Interviews mit SeniorInnen aus fünf Altenpflegeheimen.

Durch ExpertInneninterviews und Gruppendiskussionen mit interdisziplinären Teams wurde die Datensammlung ergänzt. Im Rahmen des Projekts wurden 17 ExpertInneninterviews geführt, in erster Linie mit LeiterInnen von Pflegeeinrichtungen. Die vier Gruppendiskussionen setzten sich jeweils variierend aus Pflegekräften, Verwaltungsangestellten, MitarbeiterInnen des Sozialdienstes, EinrichtungsleiterInnen, SeelsorgerInnen und ErgotherapeutInnen zusammen.

In einer Reflexion des Vorgehens beschreibt die Autorin, dass im Anschluss an die Interviews i.d.R. Gespräche mit Pflege- oder HeimleiterInnen geführt werden mussten (vgl. S. 87 ff.).

5 Ansichten der PflegeheimbewohnerInnen

Im 5. Kapitel sind die Sichtweisen und Strategien der interviewten Pflegeheimbewohner/innen zum Thema "Sterben in Würde" zusammengetragen.

Das Vorhandensein von Würde liegt für die meisten SeniorInnen im Glauben begründet. Würde, die sich aus körperlicher und geistiger Integrität, aus religiösen und spirituellen Bezügen ableitet, bezeichnet Pleschberger als "intrapersonale Würde" (S. 115).

Darüber hinaus wird Würde aus der Sicht der alten Menschen auch durch soziale Beziehungen hergestellt ("relationale Würde", S. 113). Insbesondere soziale Kontakt außerhalb des Altenpflegeheimes stellen für die SeniorInnen eine Würdigung dar. Die familiären Beziehungen stellen sich der Autorin zufolge als die tragfähigsten dar. Die Älteren versuchen, diese nicht durch zu hohe Ansprüche zu gefährden. Die Beziehungen zu anderen BewohnerInnen bleiben nach Pleschberger oberflächlich, Freundschaften entstehen nur selten. Von MitarbeiterInnen erwarten die SeniorInnen einen respektvollen Umgang und eine Anerkennung der pflegebedürftigen Person.

Aus der Sicht der Autorin vertreten die BewohnerInnen den Standpunkt, dass eine Würdigung "verdient" werden muss (vgl. S. 120). Sie führt dazu an, dass viele Interviewte Lebensleistungen präsentierten. Des Weiteren verhalten sich viele der interviewten HeimBewohnerInnen so, dass sie anderen möglichst wenig zur Last fallen, dass sie ein Maximum an eigenen Ressourcen in die Versorgung einbringen und dass sie über eigene Entscheidungen ihre Angehörigen entlasten (bspw. durch einen Bestattungsvorsorgevertrag).

Eine der größten Bedrohungen für die Würde sehen die interviewten HeimBewohnerInnen in dementiellen Veränderungen. Auch hilfe- und pflegebedürftig zu werden, können sich viele der vitalen SeniorInnen nicht vorstellen. Pleschberger interpretiert diesen Aspekt dahingehend, dass sich infolgedessen das soziale Umfeld abgrenzt und eine würdevolle Versorgung nicht gewährleistet ist. Versorgungsdefizite und Personalnotstand lösen Ängste und Sorgen aus.

Neben den SeniorInnen, die vor dem Eintritt der Pflegebedürftigkeit sterben wollen gibt es auch solche, die den richtigen Zeitpunkt bereits für gekommen halten. Eine weitere Gruppe macht das Sterben in Würde nicht von einem bestimmten Zeitpunkt abhängig.

Würdevolles Sterben ist für viele Interviewte daran geknüpft, Abschied von vertrauten Personen nehmen zu können, schmerzfrei zu sterben und das der eigene Wille Berücksichtigung findet.

In Anlehnung an den letzten Punkt führt Pleschberger die LeserInnen in einem Exkurs zum Thema "Patientenverfügungen". Sie macht bei den interviewten BewohnerInnen vier Handlungsmuster aus: "Hab ich gemacht/Bin schon interessiert, aber.../Nein, so etwas will ich nicht/Nichts davon gehört" (S. 152).

Kommunikation über Sterben und Tod in Pflegeheimen liegt der Autorin zufolge im Spannungsfeld von Transparenz und Geheimhaltung. Bei den BewohnerInnen ist auf der einen Seite Wissensdrang, auf der anderen Abgrenzung aus Selbstschutz festzustellen. Aussagen zum Umgang der Einrichtungen mit diesem Thema liegen zwischen "die Allgemeinheit kriegt nicht viel davon mit" (S. 163) und der Benennung konkreter Maßnahmen der Sterbekultur.

Das Ritual Bestattung hinterlässt aus Sicht der Autorin ein dauerhaftes Symbol für soziale Würdigung. Jedoch erscheint den alten Menschen ein Grab, dass nicht besucht wird, als würdelos. Einige der Interviewten haben entgegen ihren spirituellen Vorstellungen eine Feuerbestattung vereinbart, obwohl es Familienangehörige im Nahbereich gibt (s.o.).

6 Ansichten der Professionellen

In Kapitel 6 legt die Autorin die Sichtweisen der interviewten Professionellen auf das Thema "Sterben in Würde" offen. In dem Kapitel werden die Ergebnisse der ExpertInneninterviews und der Gruppendiskussionen zusammengeführt.

Das Gelingen menschlichen Sterbens ist ihr zufolge in Anlehnung an Heimerl und Heller nicht nur eine Frage der persönlichen Kompetenz und Motivation der Helfenden, sondern auch eine der Gestaltung von Strukturen der Organisation (vgl. S. 178).

Für die interviewten Heim- bzw. PflegedienstleiterInnen bedeutet Sterben in Würde die Wahrung der Autonomie bis zuletzt. Krankenhauseinweisungen in der finalen Phase verstieße gegen das Selbstbestimmungsrecht der BewohnerInnen. Diese sollten in ihrer vertrauten Umgebung sterben. Begleitetes Sterben sollte ermöglicht und der letzte Wille respektiert werden. Beispiele von würdevollem Sterben handeln von BewohnerInnen, die ihre Dinge regeln und Konflikte lösen konnten.

Obwohl die Anerkennung der Bedürfnisse von allen Professionellen mit Sterben in Würde in Verbindung gebracht wird, kam jedoch in Gruppendiskussionen zum Ausdruck, dass auch sterbende Menschen nach dem Klingeln Wartezeiten in Kauf nehmen müssen. In den Diskussionen wurde ein direkter Bezug zwischen Pflegebedürftigkeit und Würdeverlust hergestellt. Der Autorin ist außerdem aufgefallen, dass die Verantwortung für Sterbebegleitung "hochgradig individualisiert" (S. 184) wird.

Begründet wird der Mangel an Abschiedskultur mit den immer kürzer werden Verweildauern der BewohnerInnen und der damit einhergehenden Arbeitsüberlastung. Diese ergibt sich der Autorin zufolge maßgeblich aus dem bürokratischen Mehraufwand durch die Vorgaben der Qualitätssicherung. Nach Pleschberger ist der postulierte Anspruch nach einer intensiven Begleitung sterbender Menschen mit den vorhandenen Personalressourcen nicht zu erfüllen. Einige der untersuchten Einrichtungen kooperieren daher mit ehrenamtlichen Hospizgruppen oder/und binden Angehörige und SeelsorgerInnen in den Prozess ein. Pleschberger sieht im Miteinander der verschiedenen Akteure den maßgeblichen Aspekt, damit in Pflegeheimen würdevoll gestorben werden kann. Sie thematisiert Konfliktpotentiale zwischen Altenpflegekräften auf der einen sowie ÄrztInnen und Angehörigen auf der anderen Seite. Sie schreibt von den Ängsten der Pflegekräfte, der unterlassenen Hilfeleistung bezichtigt zu werden, denen mit Notfallstandards und Patientenverfügungen entgegengewirkt werden kann.

In einigen Häusern macht sie Rituale im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer aus, die einen Betreuungsbedarf bei den hinterbliebenen BewohnerInnen nach sich ziehen.

7 Ergebnisse der Studie und Fachliteratur

Im 7. Kapitel führt die Autorin die einzelnen Ergebnissen unter Berücksichtigung vorhandener Literatur zum Thema zusammen.

Pleschberger zufolge ist deutlich geworden, "dass das Würdeverständnis stark von den Lebensbedingungen im Heim geprägt ist, weshalb die Ergebnisse nicht für die Gruppe der alten Menschen generalisierbar sind" (S. 214).

Die Ergebnisse haben auch gezeigt, dass die interviewten HeimBewohnerInnen keinen Bezug zur säkularisierten Menschenwürde herstellen, die in der Literatur im Vordergrund steht. Der Autorin zufolge hat die Studie stattdessen die Bedeutung der relationalen Würde im Kontext der stationären Altenhilfe aufgezeigt. Die Daten belegen ihr zufolge somit die soziale Konstruktion von Würde, die aus sozialen Prozessen der Anerkennung und Achtung resultiert.

In die Konzeption von Autonomie alter Menschen im Sinne von Selbstbestimmung nimmt Pleschberger daher den Aspekt der sozialen Beziehungen auf. Patientenverfügungen interpretiert sie dahingehend, dass sich mit diesen weniger der Willen zur Selbstgestaltung, sondern eher die Kategorie "nicht zur Last fallen" ausdrückt (vgl. S. 231).

Im Beziehungsgeflecht spielen die Kontakte zu Angehörigen eine maßgebliche Rolle. Daraus leitet die Autorin die Forderung an Altenpflegeheime ab, diese Ressourcen stärker zu nutzen und bestehenden Defizite zu überbrücken. Auch konstatiert sie, dass sich "Angebote wie Besuchsdienste, Freiwilligenarbeit etc. in den Kinderschuhen" (S. 225) befinden. Sie möchte die Versorgung von alten Menschen in einen kommunalen Kontext stellen.

An andere Stelle problematisiert die Autorin das Belastungsvermeidungsverhalten der BewohnerInnen. Aus ihrer Sicht kommen alte Menschen in Heimen, die häufig läuten, zu mehr Sozialkontakten als solche, die geduldig sind.

Erwartungen der Bewohner/innen an eine gute Pflege und Versorgung umfassen aber nicht nur den Aspekt der Beziehungsgestaltung (>relationale Würde) sondern auch eine adäquate Grundpflege. Krankheit und Pflegebedürftigkeit stellen jedoch - bezogen auf den zweiten Punkt - eine Bedrohung für die intrapersonale Würde dar, weil die körperliche Integrität gefährdet ist.

Der Autorin zufolge besteht somit die Kunst des Sterbens ("ars moriendi", S. 234) für die alten Menschen darin, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Diese plädieren allerdings nicht für eine aktive Sterbehilfe, auch wenn der Wunsch zu sterben von einigen Interviewten geäußert wird.

8 Versorgung an Hand der Leitkategorie Würde

In dem mit "Ausblick" überschriebenen 8. Kapitel trägt die Autorin Argumente zusammen, die eine Versorgung von alten, pflegebedürftigen und sterbenden Menschen anhand der Leitkategorie Würde begründen sollen. Andere Ansätze werden kritisch beleuchtet.

Durch die ideologische Besetzung des Würdebegriffs mit spirituellem Inhalt sind laut Pleschberger in den letzten Jahren andere Konzepte wie "Autonomie" oder "Qualität" auf die Bühne getreten. In der vermeintlichen Objektivität des Qualitätsbegriffes verortet die Autorin jedoch eine Objektivierung des Menschen. "Die Versorgung alter und sterbender Menschen wird mit ähnlichem Verfahren reglementiert, wie die Produktion von Werkstoffen in der Industrie" (S. 248). Die minutiös durchdachten Prozesse unterstellen eine Planbarkeit und Rationalität, die konträr zum Anspruch auf soziale Beziehungen stehen. Laut Pleschberger liefert der Würdebegriff im Gegensatz zum Qualitätsbegriff gewichtige Argumente für eine humane Versorgungsgestaltung.

Bezogen auf Palliative Care sieht die Autorin einen Versuch der Ärzte, ihren Einfluss überproportional auszudehnen. Sie bescheinigt der Palliatvmedizin "ein gewisses Dominanzverhalten" (S. 252) und rät der Hospizbewegung,  "Kolonialisierungsbestrebungen entgegenzuwirken" (S. 254).

Des Weiteren stellt sie die Würdekonzeption auf eine breitere gesellschaftliche Plattform. In der Debatte um aktive Sterbehilfe geht es nach Pleschberger darum, "wie jene Menschen gesehen werden, die in der Logik der Leistungsgesellschaft als nachrangig und minderwertig gelten" (S. 256).

Sabine Pleschberger möchte einen Beitrag zu einer gesellschaftlichen Entwicklung leisten, an deren Endpunkt "Alt werden und Sterben nicht als Bedrohung für Würde erlebt" (S. 258) werden.

Bewertung

Mit dieser Arbeit wird in das Thema Würde als Leitkultur in der Versorgung von alten, pflegebedürftigen uns sterbenden Menschen im stationären Zusammenhang eindrucksvoll und umfassend eingeführt. Den Betroffenen wird durch die empirische Studie eine Stimme verliehen, ihre Wahrnehmungen und Äußerungen stehen im Mittelpunkt der Betrachtung.

Die Arbeit ist konzeptionell durchdacht aufgebaut. Der historische Hintergrund wird hergestellt, die Rahmenbedingungen der stationären Altenhilfe angemessen durchleuchtet. Die aktuellen wissenschaftlichen Diskussionen und empirischen Studien werden anschaulich und prägnant vorgestellt.

Im Anschluss an den einleitenden Teil wird der Aufbau der Studie transparent gemacht, Probleme allerdings nur angesprochen aber nicht ausgeräumt. Die selektive Vorauswahl durch LeiterInnen ist beispielsweise kritisch zu betrachten. Eine Repräsentativität der Ergebnisse und Authentizität der Aussagen ist zumindest in Zweifel zu ziehen. Auch wäre eine größere Streuung bei der Auswahl der ProbandInnen für die ExpertInneninterviews wünschenswert gewesen. Zu den Stimmen von Heim- und PflegedienstleiterInnen hätten Meinungen von MitarbeiterInnen der Basis sicherlich zu einem umfassenderen Bild beigetragen. In diesem Zusammenhang darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch die Auswahl der TeilnehmerInnen der Gruppendiskussionen durch eine Vorauswahl der HeimleiterInnen bestimmt wurde und diese zum Teil sogar an den Diskussionen beteiligt waren. Dies legt den Verdacht nahe, dass zum Einen eher einrichtungskonforme MitarbeiterInnen am Prozess beteiligt waren und zum Anderen kritische Töne - falls vorhanden - nicht oder nur bedingt geäußert wurden.

Die Auswertung des Datenmaterials (5. und 6. Kapitel) enthält neben der gelungenen Inhaltsanalyse leider auch Bestandteile der Interpretation, was zu größeren und unnötigen Überschneidungen mit den Ausführungen im 7. Kapitel führt, das unter dem Titel "Diskussion der Ergebnisse" steht.

Bemerkenswert scharfsinnig ist die kritische Auseinandersetzung mit der aktuellen Qualitätsdebatte, die passend in die Thematik integriert wird. Der für das 8. Kapitel angekündigte "Ausblick" fällt jedoch leider etwas dürftig aus. Auch wenn die Erkenntnisse und Erwartungen von Sabine Pleschberger inhaltlich logisch und auch richtig erscheinen, bleiben die präsentierten Vorstellungen zur Implementierung einer Versorgung anhand der Leitkultur/des Konzeptes Würde zu oberflächlich. Auch die konkreten Handlungsvorschläge können keine neuen Akzente setzen.

Die Autorin setzt einige Stilmittel ein, die zur Verdeutlichung beitragen und die Lesefreundlichkeit erhöhen. Beispielsweise sind relevante Begriffe kursiv hervorgehoben und Zitate eingerückt. Querverweise erleichtern "das Surfen" durch die Fachpublikation. Abbildungen und Tabellen sind dezent eingefügt. Allerdings lässt das Buch ein Abbildungs- und Tabellenverzeichnis vermissen. Auch ist der Zeilenumbruch an einigen stellen misslungen (bspw. S. 79, "Patien- tInnen"). Zu begrüßen ist die konsequent umgesetzte geschlechtsneutrale Schreibweise.

Fazit

Das Buch lebt von dem fundierten Blick in bestehende Literatur und einer umfassenden Einführung in das Thema sowie von den Auswertung der Aussagen der Betroffenen. Die Publikation kann dazu beitragen, Professionelle der stationären Altenhilfe für die Situation und die Sichtweisen von PflegeheimbewohnerInnen weiter zu sensibilisieren.


Rezensent
Dipl. Soz.-Arb. Torsten Thomas
Sozialdienst-Mitarbeiter eines Altenpflegeheims
Redakteur von www.altenheimsozialarbeit.de
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Zitiervorschlag
Torsten Thomas. Rezension vom 29.08.2006 zu: Sabine Pleschberger: Nur nicht zur Last fallen. Sterben in Würde [...]. Lambertus Verlag (Freiburg) 2005. 280 Seiten. ISBN 978-3-7841-1601-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3374.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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