socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Martin Abraham, Thomas Hinz (Hrsg.): Arbeitsmarktsoziologie

Cover Martin Abraham, Thomas Hinz (Hrsg.): Arbeitsmarktsoziologie. Probleme, Theorien, empirische Befunde. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 374 Seiten. ISBN 978-3-531-14086-5. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Einführung

Der Arbeitsmarkt spielt bei der Beschreibung und Erklärung der Sozialstruktur moderner Gesellschaften eine bedeutende Rolle. Die Frage "Was machen Sie beruflich?" ist oftmals nicht nur der Beginn von unzähligen Small-Talks, sondern sie dient bis zu einem gewissen Grad der sozialen Positionierung des Gegenübers. Besonders interessant wird es, wenn der Befragte antwortet, dass er oder sie zur Zeit keiner Arbeit nachgehe und auf Arbeitssuche sei. Hier zeigt sich nämlich nicht selten der integrative Aspekt des Arbeitsmarktes, da Arbeitslosigkeit - insbesondere wenn sie von langer Dauer ist - häufig mit Anzeichen von Deprivation und im Extremfall Exklusion verbunden sein kann.

Insofern beschreibt und bestimmt der Arbeitsmarkt den Zustand einer Gesellschaft dahingehend, wie viele Menschen erwerbstätig und wie viele arbeitslos sind. Von besonderer Relevanz ist hierbei auch, wer Arbeit zu welchen Konditionen bekommt und wer nicht.

Das hier vorliegende Lehrbuch von den Herausgebern Martin Abraham und Thomas Hinz gibt in diesem Zusammenhang eine problemorientierte Einführung in die Arbeitsmarktsoziologie.

Aufbau und Inhalt

"Der Arbeitsmarkt ist kein gewöhnlicher Markt und kann es wegen der Besonderheiten der Austauschverhältnisse auch nicht sein" (Abraham / Hinz). Anhand dieser zentralen These im Vorwort des Lehrbuches setzen die Autoren den Ausgangspunkt für ihr interdisziplinäres Publikations-Projekt, in dem sich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften empirisch und theoretisch zu einem umfassenden Bild des Arbeitsmarktes ergänzen sollen.

  1. Das erste Kapitel steht unter der Überschrift: "Wozu Arbeitsmarktsoziologie?". Hierin skizzieren die Autoren Martin Abraham und Thomas Hinz die zunehmende Differenzierung moderner Gesellschaften in Teilsysteme, die Arbeitsteilung sowie die Ausbildung des Wohlfahrtsstaates als Anhaltspunkte für eine zunehmende Bedeutung von Arbeitsmärkten. Dabei bestimmt der Zustand des Arbeitsmarktes die Partizipation am gesellschaftlichen Wohlstand. Im Gegenzug dazu beeinträchtigt Arbeitslosigkeit das individuelle Einkommen und das Versorgungsniveau der Haushalte. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die soziale Anerkennung, die in bedeutendem Maße von der Form der Teilhabe am Arbeitsmarkt determiniert wird. In diesem Kontext sind Arbeitsmarktprobleme immer auch gesellschaftliche Probleme, die es zu lösen gilt. Da dies - wie im Falle der mittlerweile dreißigjährigen Massenarbeitslosigkeit - in einigen Bereichen nur suboptimal gelingt, haben Steuerungsansätze des Arbeitsmarktes ihren besonderen Reiz. Die Autoren gehen davon aus, dass hierzu jedoch zunächst die sozialen und ökonomischen Prozesse des Arbeitsmarktes als eine "Maschine der Ungleichheitsproduktion" erkannt und gesteuert werden müssen. Die Arbeitsmarktsoziologie kann hierbei einen wesentlichen Beitrag leisten, da sie einen analytischen Blick auf die Funktionsweisen moderner Arbeitsmärkte in Verbindung mit anderen gesellschaftlichen Teilbereichen anbietet. Arbeitsmarktsoziologie versteht sich dementsprechend als eine Erweiterung des ökonomischen Modells des Arbeitsmarktes um eine soziale, kulturelle und institutionelle Komponente. Vor diesem Hintergrund legen die Autoren in diesem Abschnitt die weitere Gliederung des Lehrbuches dar und geben einen Überblick, um sich dann im zweiten Kapitel den Arbeitsmarkttheorien zuzuwenden.
  2. Die wichtigsten theoretischen Grundlagen der Arbeitsmarktforschung sind im zweiten Kapitel aufgeführt. Die Beschreibung der maßgeblichen Theorien aus ökonomischer und soziologischer Sicht ist Basis für weitere problemzentrierte Abschnitte zu einzelnen Fragen des Arbeitsmarktes im Buch. Die vermeintliche Trennung zwischen Ökonomie und Soziologie wird im Sinne eines theoretischen Pragmatismus von den Autoren aufgehoben, zumal Ansätze wie die Human- und Sozialkapitaltheorie die Grenzen der beiden Disziplinen verschwimmen lassen. Im Einzelnen werden jeweils drei Konzepte mit ökonomischen Schwerpunkt und drei mit sozialwissenschaftlichem Schwerpunkt vorgestellt. Beginnend mit dem neoklassischen Modell des Arbeitsmarktes aus der Ökonomie, wird das Analysepotential dieses Konstruktes vorgestellt und hinsichtlich seiner möglichen Reichweite bewertet und kritisiert. Die Modifikationen dieses Modells werden ebenfalls im Text beschrieben. Dies sind zum einen Theorien, die den Informationsstand der einzelnen "Geschäftspartner" am Arbeitsmarkt thematisieren, und zum anderen Modelle, die sich auf die Problematik der unterschiedlichen Präferenzinhalte beziehen. Die Such- und Matchingtheorie wird in diesem Abschnitt insbesondere aufgrund ihres heuristischen Wertes bei der Untersuchung von Mobilität am Arbeitsmarkt in den theoretischen Kontext des zweiten Kapitels eingegliedert. Eine weitere Modifikation des neoklassischen Modells wird mit den Ausführungen zu shrinking-Ansätzen, Effizienzlohnmodellen, fair-wage-Modellen sowie Theorien des sozialen Vergleiches behandelt. Wie sich bei den letztgenannten Ansätzen schon andeutet, in denen Normen, Status und Gerechtigkeit in das neoklassische Modell integriert werden, so verlagert sich der theoretische Schwerpunkt von der Ökonomie zur Soziologie im Unterabschnitt: "Qualifikation und Wissen: Humankapital". Entsprechend der Vorstellung, dass Arbeitskräfte nicht homogen sind, versucht die Humankapital-Theorie dieser durch heterogene Humankapitalausstattung der Arbeitskräfte bedingten Komplexitätssteigerung gerecht zu werden.

    Im Anschluss an eine detaillierte Darstellung des Humankapitalansatzes des Arbeitsmarktes wird der Machtbegriff mitsamt konfliktsoziologischer Überlegungen eingeführt. Aus soziologischer Sicht ist hierbei die Rolle von Institutionen ganz wesentlich. Soziale Netzwerke und die Arbeitsorganisation werden im zweiten Kapitel ebenfalls berücksichtigt.

  3. Hans Dietrich und Martin Abraham veranschaulichen in ihrem Beitrag, dass dem Arbeitsmarkt vorgelagerte Faktoren, wie z.B. soziale Herkunft oder Bildung, den "Eintritt in den Arbeitsmarkt" (Kapitel 3) beeinflussen. Sie skizzieren die Probleme beim Übergang vom Bildungssystem ins Erwerbsleben und betonen die besondere Relevanz der Erstplatzierung am Arbeitsmarkt. Die Rolle des dualen Berufsausbildungssystems in der Bundesrepublik wird hier genauso beachtet wie die einzelnen, empirisch nachgewiesenen Determinanten der Erstplatzierung.
  4. Für Akteure im Arbeitsmarkt ist insbesondere die berufliche Mobilität von Relevanz. Mit dieser Thematik setzen sich im anschließenden Kapitel 4 Sonja Pointner und Thomas Hinz auseinander. Sie differenzieren Mobilitätsprozesse nach horizontaler und vertikaler, inter- und intragenerationaler sowie struktureller und zirkulärer Mobilität. Zudem gehen sie der Frage nach, inwieweit es sich bei beruflicher Mobilität um ein individuelles oder kollektives Phänomen handelt. Unter Berücksichtigung theoretischer Ausführungen zur Klassen- und Schichtungszugehörigkeit, stellen die Autoren den aktuellen Stand der empirischen Mobilitätsanalysen am Arbeitsmarkt in Form von Pfadanalysen und Ratenmodellen vor.
  5. Der fünfte Beitrag von Rolf Becker und Anna Hecken integriert bildungssoziologische Aspekte in die Arbeitsmarktsoziologie. Im Fokus der beruflichen Weiterbildung werden die theoretischen Ausführungen des zweiten Kapitels aufgegriffen und anhand von aktuellen Befunden empirisch flankiert.
  6. Die betriebliche Strukturierung des Arbeitsmarktes ist Thema des sechsten Kapitels von Olaf Struck. Hierzu gehören u.a. die betriebliche Strukturierung beruflicher Mobilität sowie die Berücksichtigung betrieblicher Beschäftigungsstrategien aus soziologischer Sicht.
  7. Wolfgang Ludwig-Mayerhofer gibt im siebten Abschnitt einen umfangreichen Ein- und Überblick in das Thema "Arbeitslosigkeit". Auf Basis aktueller empirischer Befunde fasst er den derzeitigen soziologischen Forschungsstand zusammen. Die zentrale Frage ist hierbei, wie sich die ungleiche Risikoverteilung, arbeitslos zu werden und dies auch für längere Zeit zu bleiben, theoretisch erklären lässt.
  8. Der Beitrag von Tanja Mühling widmet sich der Thematik "Minderheiten auf dem Arbeitsmarkt" (Kapitel 8). Am Beispiel von Schwerbehinderten und Frauen mit Kleinkindern diskutiert sie Funktionalität / Dysfunktionalität institutioneller Regulierungen auf dem Arbeitsmarkt als Eingriff ins Arbeitsmarktgeschehen zur Reduktion sozialer Ungleichheit.
  9. "Geschlechtersegregation im Arbeitsmarkt" (Kapitel 9) ist Gegenstand des Beitrags von Juliane Achatz, der sich problemorientiert mit der Geschlechterforschung am Arbeitsmarkt befasst. Auf Basis umfangreicher Forschungsergebnisse analysiert sie mögliche Zusammenhänge zwischen Geschlechtszugehörigkeit und Platzierung am Arbeitsmarkt.
  10. Menschen mit Migrationshintergrund gehören zu den "Risikogruppen" am Arbeitsmarkt. Frank Kalter extrahiert die wesentlichen Gesichtspunkte ethnischer Ungleichheiten am Arbeitsmarkt aus soziologischer Sicht (Kapitel 10).
  11. Der letzte Beitrag zur Arbeitsmarktsoziologie setzt sich mit demographischen Prozessen im Zusammenhang mit Fertilität und Frauenerwerbstätigkeit auseinander. Henriette Engelhardt und Alexia Prskawetz decken hiermit den Themenkomplex der "Angebotsseite" des Arbeitsmarktes aus Sicht der Soziodemographie im Lehrbuch ab.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich an Studierende höheren Semesters und Dozierende der Soziologie, Politikwissenschaft und Wirtschaftswissenschaften. Gleichzeitig könnten Arbeitsmarktpraktiker einige interessante Aspekte der Arbeitsmarktforschung in dem Buch entdecken, wobei das Wort "Praktiker" als Beschreibung der Zielgruppe im Klappentext des Buches zu Recht in Anführungszeichen steht, da überwiegend mit relativ abstrakten Begriffen der Arbeitsmarkttheorie gearbeitet wird.

Diskussion

Das Lehrbuch spiegelt den derzeitigen (soziologischen) Stand der Kunst in der Arbeitsmarktforschung wider. Die Beiträge im Lehrbuch zeugen von einer hohen fachlichen Qualifikation, zumal einige der Autoren in zentralen Positionen der aktuellen Arbeitsmarktforschung tätig sind, was etwa die Nähe der Beiträge zu den Forschungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit andeutet. Trotz der Zusammenstellung des Lehrbuches als Sammlung einzelner Aufsätze aus den jeweiligen Forschungs- und Themenbereichen ist es den Herausgebern gelungen, anhand des zentralen Theoriekapitels 2 die folgenden Beiträge aufeinander abzustimmen und mit der Gliederung formal zu vereinheitlichen:

  1. Skizzierung der zentralen Fragen des jeweiligen Forschungsfeldes
  2. Erörterung der wichtigsten theoretischen Positionen
  3. Zusammenfassende Darlegung der empirischen Befunde

Selbstverständlich sind im Lehrbuch ein sorgfältiger Index sowie ein Glossar zu finden. Trotz der gegebenen Indexierung des Lehrbuchs hätte man sich als Leser noch ein wenig mehr Übersichtlichkeit in den einzelnen Darstellungen gewünscht. Formal ist die unterschiedliche Schriftgröße an einigen Stellen im Text zu bemängeln, deren Sinn nicht immer klar ersichtlich ist. Hierunter leidet nicht nur die Lesbarkeit, sondern auch das Gesamtbild des Lehrbuches.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Herausgeber im Vorwort die Ökonomik und die Soziologie als die beiden maßgeblichen Disziplinen sehen, die Arbeitsmarktforschung betreiben (Politikwissenschaften werden in einer Fußnote zwar ebenfalls erwähnt, jedoch auf die Untersuchung institutioneller Arbeitsmarktzusammenhänge reduziert). Dementsprechend werden ökonomische Modellvorstellungen um soziologische Aspekte ergänzt bzw. erweitert, ohne das Modell eines Marktes mit dem Gut "Arbeitskraft" an sich einer kritischen soziologischen Analyse zu unterziehen. So dominieren in den Ausführungen hauptsächlich Ansätze der Humankapitaltheorie mit den damit oftmals verbundenen Vorstellungen in Form von "Mismatch"-Arbeitslosigkeit. Hierzu könnte man kritisch anmerken, dass Überlegungen zu struktureller und systemischer Arbeitslosigkeit vernachlässigt werden. Dies wird besonders immer dann deutlich, wenn man das Phänomen "Massenarbeitslosigkeit" rein soziologisch und ökonomisch betrachtet, ohne dabei arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitischen Zusammenhängen und Intentionen Rechnung zu tragen.

Die im Lehrbuch vorgestellte Arbeitsmarktsoziologie ist zwar keine weitere "Bindestrichsoziologie", wie die Herausgeber betonen. Gleichwohl könnte das hier vorgestellte Buch den Eindruck erwecken, dass es sich um eine neue Bindestrichökonomik handelt, die zugunsten volkswirtschaftlicher Marktlogik ihre (kritische) soziologische Bestimmtheit und Umsicht verloren hat.

Fazit

Das Lehrbuch zur Arbeitsmarktsoziologie analysiert moderne Arbeitsmärkte in Verknüpfung mit anderen gesellschaftlichen Teilbereichen. Neben einem umfangreichen theoretischen Teil werden in neun weiteren Kapiteln einzelne Teil-(Problem)bereiche des Arbeitsmarktes empirisch fundiert vorgestellt und soziologisch positioniert. Dabei bauen die Herausgeber Martin Abraham und Thomas Hinz auf der zentralen These auf, dass Arbeitsmärkte keine "normalen" Märkte seien, sondern in einem sozialen, institutionellen und kulturellen Kontext verstanden werden müssen.


Rezensent
Dr. Carsten Weiß
Fachbereichsleiter Arbeitsweltbezogene Bildung und Digitale Medien Kreis Viersen Kreisvolkshochschule
Homepage www.arbeitsmarktforscher.de


Alle 6 Rezensionen von Carsten Weiß anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Carsten Weiß. Rezension vom 21.03.2006 zu: Martin Abraham, Thomas Hinz (Hrsg.): Arbeitsmarktsoziologie. Probleme, Theorien, empirische Befunde. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14086-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3378.php, Datum des Zugriffs 25.07.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Geschäftsführer/in, Hamburg

Geschäftsführer/in, Delitzsch

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!