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Ruth Enggruber: Gender Mainstreaming und Jugendsozialarbeit

Ruth Enggruber: Gender Mainstreaming und Jugendsozialarbeit. Eine Expertise. Votum Verlag (Münster) 2001. 158 Seiten. ISBN 978-3-935984-10-2. 10,00 EUR.
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Thema

Seitdem die Europäische Union ihre Politik nach dem Prinzip des Gender Mainstreaming gestaltet – und auch die von ihr vergebenen Mittel an gleichstellungspolitische Zielsetzungen bindet – , verdichtet sich die Diskussion um diese Strategie. Auch in der Bundesrepublik beginnen Bundes- und Landesministerien, Kommunen und Sozialverbände, ihre Arbeit unter geschlechterpolitischen Zielsetzungen zu reflektieren. Die rechtliche Grundlage dafür bietet der Amsterdamer Vertrag. Gender Mainstreaming bedeutet ernst genommen, dass es keine politische Handlung mehr gibt, die nicht auf die Geschlechterrelevanz hin geprüft und orientiert ist. Während eine solche Strategie in den skandinavischen Ländern schon auf eine zehnjährige Erfahrung zurückblicken kann, ist sie in der Bundesrepublik Deutschland noch relativ neu. Um in einem Politikfeld "gendern" zu können, braucht man zwei Kompetenzen: Die fachliche Kompetenz genauso wie die Kompetenz aus der Frauen- und Geschlechterforschung. Dies hat auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erkannt und deswegen die Autorin Ruth Enggruber, Professorin für Erziehungswissenschaft im Fachbereich Sozialpädagogik an der FH Düsseldorf, gebeten, die jetzt vorliegende Expertise zu erstellen.

Überblick über Inhalte und Aufbau

Um das spezielle Fachgebiet der Jugendsozialarbeit unter Genderaspekten bearbeiten zu können, - und dazu werden die ExperInnen in Zukunft angehalten werden, - müssen Erkenntnisse aus der Frauen und Geschlechterforschung sowie aus dem Fachgebiet verknüpft werden, gleichzeitig ist aber auch eine Implementierungsstrategie zu entwickeln. Diese Aufgabe löst die Autorin in drei Schritten: Zunächst wird die Entwicklung der Frauen- und Gleichstellungspolitik hin zum Gender Mainstreaming skizziert. In einem zweiten Schritt wird die Ausgangssituation in der Jugendsozialarbeit beschrieben und ausgelotet, an welchen Stellen die Strategie des Gender Mainstreaming anschlussfähig ist. In einem dritten Teil werden Überlegungen vorgestellt, wie die Strategie sowohl in den Politik- und Verwaltungsbereichen der Jugendsozialarbeit, als aber auch in einzelnen Feldern angewandt werden kann. Eine Toolbox der Koordinationsstelle Gender Mainstreaming im ESF (Wien) findet sich im Anhang.

Die Inhalte im Detail

Im ersten Kapitel gewinnt man ein frauen- und gleichstellungspolitisches Verständnis von Gender Mainstreaming, versteht, wo das Prinzip herkommt, wie es in andere frauen –und gleichstellungspolitische Strategien eingebettet ist und bekommt einen Eindruck über die bereits vorhandenen Kontroversen. Insbesondere die Frage, ob mit der Einführung von Gender Mainstreaming ein bestimmtes geschlechterpolitisches Ziel verbunden ist oder ob die Definition von Gleichheit der Geschlechter, Gleichstellung oder Geschlechterdemokratie der politischen Entscheidungsfindung überlassen bleibt, wird aufgeworfen und diskutiert.

Im zweiten Kapitel beginnt dann die fachliche Arbeit: Die Verknüpfung gleichstellungspolitischer Zielsetzungen mit den Diskursen, aber auch mit den Praxisansätzen im Bereich der Jugendsozialarbeit. Die Diskussion um Gender Mainstreaming macht noch einmal die unterschiedlichen geschlechtertheoretischen Positionen und die damit verbundenen Konsequenzen für die Förderung geschlechtshomogener und/oder geschlechtsheterogener Angebote deutlich. Die Vorbehalte gegenüber Gender Mainstreaming aus fachpolitischer Sicht beziehen sich vor allem auf die Möglichkeit, unter dem Vorwand Gender Mainstreaming die Töpfe, die bisher für Mädchenarbeit zur Verfügung standen, zu teilen, und die eine Hälfte der Jungenarbeit und ihrer Förderung zur Verfügung zu stellen. Andererseits bietet das Feld der Jugendsozialarbeit eine Menge Erfahrungen mit der Förderung der Gleichstellung von Mädchen und jungen Frauen, auf die aufgebaut werden kann.

Im dritten Teil geht es dann um die Frage, welche Veränderungen sowohl im Politik- und Verwaltungsbereich, als aber auch im Bereich der Didaktik und der Methoden angestrebt werden müssen, um dem Prinzip des Gender Mainstreamings zu entsprechen. Dabei wird immer der doppelte Blick beibehalten: Die Geschlechterperspektive wird sowohl auf die Personalsituation in Einrichtungen der Jugendsozialarbeit bezogen als auch auf die jeweils zu erstellenden Produkte, seien es Unterstützungs- und Beratungsangebote, Didaktiken, Statistiken, oder Leitfäden.

Zielgruppen

Das Buch ist für Jugendpolitiker und Jugendpolitikerinnen genauso geeignet wie für Vertreter und Vertreterinnen von Verbänden, es bietet aber auch der Jugendsozialarbeiterin und dem Jugendsozialarbeiter vor Ort wertvolle Hinweise für die eigene Praxis. Gerade weil Gender Mainstreaming ein "top down" Prozess ist, ist es unerlässlich, dass alle diejenigen, die im politischen und verwaltenden Bereich mit Jugendsozialarbeit zu tun haben, informiert sind. Dabei wird die Arbeit dem jetzigen Diskussionsstand gerecht: Sie leugnet nicht, dass sehr viele strategische, inhaltliche, ja auch politische Fragen noch offen sind. Eine solche empirische Bestandsaufnahme hilft jedoch, die eigene Problemsicht zu schärfen.

Fazit

Die Expertise kann für viele nützlich sein: Wer sich über das Konzept Gender Mainstreaming informieren möchte, wird genauso bedient wie diejenigen, die eine Konkretisierung auf das Feld der Jugendsozialarbeit brauchen. Wie ein roter Faden zieht sich in der Darstellung die – richtige – Annahme durch, dass auch Gender Mainstreaming eine geschlechterpolitische Strategie ist: Damit ist sie dem Missbrauch genauso ausgeliefert wie der Vereinnahmung. Dennoch wird sie von dem Optimismus getragen, dass mit diesem Prinzip schon lange verfolgte Ziele der Chancengleichheit besser verfolgt werden können.

Die Dokumentation der Leitfäden bietet all denen, die nun endlich einmal praktisches Wissen über Instrumente erwerben wollen, einen guten Einblick in die Vorgehensweisen des Gender Mainstreaming im Bereich der Arbeitsmarktpolitik. Es wäre zu wünschen, dass ähnliche Aufarbeitungen in anderen Fachgebieten bald folgen.


Rezensentin
Dr. Barbara Stiegler
Bis zu ihrer Pensionierung Leiterin des Arbeitsbereiches Frauen- und Geschlechterforschung
Friedrich Ebert Stiftung, Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik
Homepage www.stiegler-barbara.de
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Zitiervorschlag
Barbara Stiegler. Rezension vom 28.05.2002 zu: Ruth Enggruber: Gender Mainstreaming und Jugendsozialarbeit. Eine Expertise. Votum Verlag (Münster) 2001. ISBN 978-3-935984-10-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/346.php, Datum des Zugriffs 25.07.2016.


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