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Angela Ittel, Maria von Salisch (Hrsg.): [...] Aggressives Verhalten von Kindern und Jugendlichen

Cover Angela Ittel, Maria von Salisch (Hrsg.): Lügen, Lästern, Leiden lassen. Aggressives Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2005. 336 Seiten. ISBN 978-3-17-018468-8. 33,00 EUR.

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Einführung in das Thema

Der Titel des Buches führt in ein leidvolles Kapitel im Zusammenleben von Kindern und Jugendlichen. Verbale Gewalt ist in vielen Schulen und Familien zu einem empfindlichen Störfaktor der Kommunikation im Alltag geworden. Zwar gehörten Lästermaulen, Petzerei und Lügen schon immer zu den Durchgangsstationen kindlicher Sozialisation, doch haben sich diese Verhaltenweisen in den letzten Jahren negativ weiter entwickelt. In den sozialen Beziehungen von Kindern und Jugendlichen werden sie als hoch wirksame Waffen zur Selbstbehauptung und Schädigung anderer eingesetzt. Da sich verbale Aggression so nebenbei erledigen lässt, im Flüsterton ebenso wirkt wie mit ausgestrecktem "Stinkefinger", wird sie von Erwachsenen häufig überhört. Im günstigsten Fall wird eine aggressiv aufgeladene Atmosphäre in der Gruppe registriert, doch fehlt ihnen der detaillierte Blick für die sozial-manipulativen Verhaltensweisen der Kinder und Jugendlichen.

Entstehungshintergrund und Überblick

Die Beiträge des Buches gehen zurück auf den "VIII. workshop aggression", der 2003 in Berlin an der FU stattgefunden hatte. Die Veröffentlichung will neueste wissenschaftliche Ergebnisse internationaler Forschungsarbeit mit Erfahrungen aus der Intervention und therapeutischen Arbeit zusammenbringen. Dieser Anspruch schlägt sich im wissenschaftlichen Sprachniveau nieder und verlangt vom Leser, sich durch Grafiken empirisch erhobener Daten oder durch die vielen in Klammern eingefügten Hinweise nicht im Lesefluss irritieren zu lassen. Die siebzehn Beiträge dieses Fachbuchs aus dem Bereich der Sozialpsychologie zeigen ein großes Spektrum aggressiver Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen und gliedern sich in folgende Bereiche:

  • Sozialkognitive Ansätze zur Aggression
  • Geschlechtsspezifische Aspekte der Aggressionsentwicklung
  • Aggression im Kontext Familie
  • Aggression im Kontext Schule (Bullying)
  • Intervention.

Wer als Leser ab und an vor lauter Datenfülle den Wald nicht mehr sieht, sollte den Mut zur Lücke haben.

Inhalt

Gegenstand der Untersuchungen sind nicht körperliche Formen der Aggression. Dabei spielt das bullying (Bully übersetzt: brutaler Kerl) eine besondere Rolle. Im typischen Fall liegt bullying dann vor, wenn eines oder mehrere Kinder ein bestimmtes Kind in der Klasse regelmäßig verbal und oft auch physisch quälen. Zu dieser sozial-manipulativen Form aggressiven Verhaltens greifen Kinder und Jugendliche im Klassenverband mit dem Ziel, das Ansehen eines Mitschülers zu schädigen. Diese Form der Aggression wird erst auf der Basis bereits existierender Beziehungen in einer Gruppe möglich, denn Bullying ist ein originär kollektiver Prozess und beschränkt sich nicht auf eine Opfer-Täter Dyade. Im Sprachgebrauch des Alltags wird nicht immer klar unterschieden zwischen Bullying und mobbing. Mobbing bezieht sich auf Aggression am Arbeitsplatz.

Lästern und das Verbreiten von Gerüchten gehören zum indirekt aggressiven Verhalten, während relational aggressives Verhalten den Beziehungen zu Gleichaltrigen schadet und die Gefühle der sozialen Zugehörigkeit unterminiert. Geschlechtsspezifisch gesehen findet sich relationale Aggression bei Mädchen häufiger als bei Jungen. Auch leiden sie unter der Beeinträchtigung von Beziehungen mehr als Jungen.

Aggressive Kinder und Jugendliche zeigen einen Mangel in der Verarbeitung sozialer Informationen. Sie interpretieren Erlebtes im Sinne feindseliger Behauptungen gegenüber Gleichaltrigen und wirken so, als ob sie ständig auf der Lauer liegen müssen, um für die nächste Attacke bereit zu sein. Als ob ihre Welt voller Teufel wäre! Da sie spannungsgeladen sind, suchen sie Entspannung durch Feindseligkeit gegenüber anderen. Ihre hohe Aggressivität korrespondiert mit der Unfähigkeit, eigenes Verhalten wahrzunehmen.

Woher stammt die Riesenwut, unter der die hoch aggressiven Kinder und Jugendlichen leiden? Sie resultiert u. a. aus Erfahrungen im Kontext ihrer Familie. Dabei kommt dem Erziehungsstil der Eltern eine besondere Bedeutung zu. Ist er permissiv, begünstigt das bei Kindern eine feindselig verzerrte Wahrnehmung, welche die Verarbeitung sozialer Informationen behindert und zu einer Stabilisierung von aggressivem Verhalten beiträgt. Der Mangel an erlebter Kontinuität macht die Eltern in den Augen der Kinder unberechenbar und führt zu einem feindseligen Klima in der Familie, das auf die Außenwelt übertragen wird. Das gesunde Welteroberungsstreben des Kindes befindet sich in einem permanenten Clinch. Bei Lehrern stehen Scheidungskinder im Ruf, aggressiver zu sein als die Kinder aus ungeschiedenen Partnerschaften. Ähnlich wird gegenüber Migrantenkindern geurteilt. Leider spielen bei den Untersuchungen Kinder und Jugendliche mit ADS keine Rolle. Das entspricht nicht der Realität heutiger Klassen, denn es sind vor allem diese Kinder, die unter einem Defizit an Emotionsregulation leiden. Allerdings ist dies unabhängig von den Erfahrungen mit den Eltern, denn ihre hohe Aggressivität, verbunden mit heftigen Wutattacken, ist eine Folge erlebter Beeinträchtigung ihrer Wahrnehmungsfähigkeit.

Lügen, lästern, leiden lassen entspringt auch dem Wunsch, Einfluss auf die soziale Umwelt zu gewinnen, Macht und Kontrolle gegenüber anderen Kindern und Jugendlichen auszuüben, denn der relational aggressive Mitschüler genießt häufig ein hohes Ansehen in der Gruppe. Es wäre freilich zu einfach, in seinen individuellen Persönlichkeitsmerkmalen die Ursache für die Schwierigkeiten im Zusammenleben einer Gruppe zu sehen, denn das Verhalten des Bullies wird stark vom Verhalten der Interaktionspartner bestimmt. Bei Konflikten ist es mit der Suche nach Schuldigen also nicht getan. Vielmehr muss die Dyade zwischen Aggressor und Opfer in der Gruppe zum Thema werden, denn Täter und Opfer werden durch ihre Peers unterstützt. Sie haben großen Einfluss auf die Stimmung in der Gruppe.

Bullying und Viktimisierung ereignen sich nicht im luftleeren Raum, sondern in der Schulklasse als sozialer Einheit. Infiziert werden auch die weniger auffälligen anderen Beteiligten, die Reinforcers,die zur Verstärkung beitragen, dem Aggressor applaudieren und das Opfer auslachen und verhöhnen. Dann gibt es die Assistants, die als Helfer des Täters fungieren, während die Defenders das Opfer schützen und gegen Angriffe verteidigen. Wer sich vom Geschehen in der Gruppe distanziert, wird zum outsider.

In jeder Schule gibt es die schlimme Klasse, die Horde von Chaoten, in der kein Lehrer gerne unterrichtet. Warum klappt es aber im Raum nebenan? Wer klassenspezifische Einflussfaktoren sucht, stößt auf die Zusammensetzung der Schüler, ihre Beziehungen untereinander und die Person des Lehrers. Durch eine positive Einstellung zu seiner Klasse und durch ein angemessenes Konfliktverhalten trägt er zu einer Verminderung der Aggression bei. Lernfreudige Kinder danken es ihm. An diesem positiven Tatbestand sollte noch mehr geforscht werden, um zu zeigen, wie die Persönlichkeit des Lehrers, sein spezifischer Unterrichtsstil und seine nonverbale Stimmigkeit die Entstehung, Steigerung und Festschreibung von Aggression mit bestimmen. Wie oft klaffen verbale Entrüstung und Unterrichtsmaßnahmen auseinander! Kinder und Jugendliche haben ein feines Gespür dafür, ob der Erwachsene stimmt!

Was wird aus den Opfern? Sie sehen in sich und ihrem eigenen Verhalten die Gründe für ihre Unbeliebtheit und die beleidigenden Äußerungen der anderen. Sie erfahren sich als anders als die anderen, nicht zugehörig, als unbeliebt und minderwertig. Dies gilt für Migrantenkinder ebenso wie für Hauptschüler. Die Einstellung von Schülern an Sonderschulen wurde nicht untersucht.

In der Grundschule verteilen die Täter ihre Attacken über viele Kinder. Da der soziale Kontext in diesem Alter flexibel ist, haben die Opfer die Chance, sich in angenehmere Beziehungen zu begeben, was zu einer geringen Stabilität der Opferrolle führt. Doch an weiterführenden Schulen verändert sich das Bestreben nach symmetrischen Beziehungen. Diese werden durch komplexere soziale Netzwerke ersetzt, und nun beginnt der Aufbau hierarchischer Strukturen. Die underdogs haben kaum noch eine Chance, aus ihrem Getto herauszukommen. Das hängt damit zusammen, dass sich die Wahrnehmung der Schüler im Hinblick auf die Opfer am wenigsten verändert. Die Opfer bleiben unbeliebt, stecken im Teufelskreis von Attacken der Bullies und ihren inadäquat wahrgenommenen Reaktionen, weil die Mitschüler Teil der Verhaltensstrategie des Täters geworden sind. Ihr Kommentar: "Wer sich so blöd verhält, dem ist nicht zu helfen!"

Resignation auf Seiten der Erwachsenen ist der beste Nährboden für die Zunahme der Aggression. Gegenmaßnahmen laufen auf Destabilisierung hinaus und sind getragen von der Erkenntnis, "dass Bullying nicht einfach passiert, sondern sich über die Zeit verändert: zum Nachteil der Opfer, zum Vorteil der Täter und zum Nachteil ganzer Klassen, wenn man eine soziale Entwicklung gemäß geltender Grundrechte und demokratischer Prinzipien immer noch als Auftrag der Schule versteht. Der Spielraum für Interventionen beim Missbrauch sozialer Macht unter Schülern ist nicht überwältigend, aber bedeutsam und vermutlich nicht größer als der Spielraum beim Zuwachs intellektueller Leistungsfähigkeit, wegen derer Eltern ihre Kinder auf die eine und nicht auf die andere Schule schicken". (S. 234)

Bullying: Schüler als Täter - Lehrer als Opfer / Lehrer als Täter - Schüler als Opfer. Im Jahr 1978 erschien das Buch von Horst Brück "Die Angst des Lehrers vor seinem Schüler". Damals ein mutiges Unterfangen - ebenso wie heute die Untersuchungen, welche Aggressionen zwischen Schülern als Täter und Lehrern als Opfer zum Inhalt haben. Diese Form von Bullying zwischen Mitgliedern verschiedener Statusgruppen gilt als cross-peer-abuse. In Deutschland ist die Forschung darüber Neuland. Doch die Zunahme des burnout-Syndroms unter Lehrern verweist auch auf ihre Opferrolle. "Den machen wir fertig!" Wer kennt nicht diesen Schlachtruf aus dem Kriegsschauplatz Schule, wo mit den Waffen psychischer Gewalt auf beiden Seiten gekämpft wird!

Schulklassen sind kollektive Zwangsgruppierungen, denn Kinder müssen in die Schule, und Lehrer müssen die ihnen zugewiesenen Schüler unterrichten. Ist es da nicht verständlich, wenn einige Schüler ihr ungeliebtes Gegenüber systematisch und wiederholt drangsalieren und als hilflosen Interaktionspartner erscheinen lassen? Gerade bei älteren Schülern dient das Kräftemessen und Ausloten der Grenzen dazu, Aggression weiterzugeben. Knapp 10% der befragten jüngeren Schüler machen regelmäßig bei Lehrer-Bullying mit.

Ein weißer Fleck auf der Landkarte der Forschung ist das Bullying zwischen Lehrern und Schülern. Es äußert sich gerne in diskriminierenden Aussagen, z.B. "Dich mach ich fertig!" "Dir versau ich das Abitur!" und gehört ins Arsenal verbaler Gewalt eines Lehrers. Bei jeder Attacke entfernt er sich weiter vom pädagogischen Ethos der Anerkennung des Schülers. Wer im Umgang mit Kindern und Jugendlichen in die Kiste der schwarzen Pädagogik greift und Beschämung als Erziehungsmittel einsetzt, der fügt ihnen großen Schaden zu. Lehrer haben eine dreifache Rolle im Interaktionsfeld der Aggression: Sie sind Beobachter des bullying unter Schülern, können in die Rolle des Opfers geraten, aber auch zu Tätern von aggressiven Übergriffen werden. Wer als Lehrer Opfer wurde, leidet an der Verletzung seiner Selbstwirksamkeit. Vielleicht schaut er beim nächsten Eklat lieber weg.

Der letzte Teil des Buches setzt sich mit Interventionsprogrammen und deren Wirksamkeit auseinander und zeigt verhaltenstherapeutische Maßnahmen im Umgang mit aggressiven Kindern. Effektive Programme für Grundschulen gibt es. Sie umfassen neben den Schülern auch die Lehrer und Eltern und damit einen großen Teil der sozialen Kontexte und Beziehungen, in denen die Schüler sich bewegen. Das A und O ist die Vorbildfunktion der Lehrer, ihr Engagement und ihre Unterrichtserfahrungen.

Fazit

Ein Buch mit interessanten Beiträgen zur Aggressionsforschung. Empfehlenswert für Einrichtungen der Lehrerausbildung aller Schularten, sozialpädagogische Institutionen, Gewaltpräventionsberater an Schulen und Kindergärten, Elternvertreter an Schulen, Pädagogen, die über den Tellerrand des Alltags schauen möchten.


Rezensentin
Gertrud Ennulat
Pädagogin, Autorin u.a. von „Wenn Kinder lügen“, Klett Verlag 2006


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Zitiervorschlag
Gertrud Ennulat. Rezension vom 14.03.2006 zu: Angela Ittel, Maria von Salisch (Hrsg.): [...] Aggressives Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2005. 336 Seiten. ISBN 978-3-17-018468-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3497.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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