Gertrud Ennulat: Wenn Kinder lügen
Gertrud Ennulat: Wenn Kinder lügen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2006. 140 Seiten. ISBN 978-3-608-94157-9. 12,00 EUR, CH: 22,10 sFr.
Einführung
Die Frage, warum Kinder lügen, beschäftigt Eltern genau so wie Menschen, die beruflich mit Kindern zu tun haben. Lügen stoßen häufig auf Empörung bei Erwachsenen, die die Kinder dafür zurechtweisen oder bestrafen. Im Allgemeinen nehmen Kinder es nicht so genau mit der Wahrheit wie Erwachsene. Besonders jüngeren Kindern fällt es schwer, zwischen Phantasie und Realität zu unterscheiden, weshalb sie oft unbeabsichtigt die Unwahrheit sagen. Hierbei handelt es sich eher um ein vorübergehendes Entwicklungsphänomen, das mit den Jahren zurückgeht. Problematischer sind ältere Kinder, die bewusst lügen und die Erwachsenen über ihr Verhalten täuschen wollen. Wenn Jugendliche permanent lügen, kann dies ein Zeichen für eine tiefergreifende Störung des Sozialverhaltens sein. Die Gründe für das Lügen hängen mit sozialen, religiösen und kulturellen Faktoren zusammen. Beispielsweise spielen Schullügen in der heutigen Generation nur noch eine untergeordnete Rolle.
Das Buch von Gertrud Ennulat richtet sich an Eltern, Erzieher und Lehrer, die sich mit dieser Thematik auseinander setzen. Als Ziel formuliert die Autorin, in den kindlichen Lügen die dahinter stehende Botschaft zu verstehen und Verständnis für die Kinder aufzubringen. Damit greift sie ein wichtiges Thema auf, dass dieser Zielgruppe am Herzen liegt, die durch die Unehrlichkeit von Kindern leicht zu verunsichern ist.
Inhalt und Aufbau
Eingangs werden die erwachsenen Leser für das Thema sensibilisiert und an sie appelliert, über ihren persönlichen Umgang mit Lüge und Wahrheit nachzudenken. So haben Eltern eine zentrale Vorbildfunktion, wenn es beispielsweise um Notlügen geht, die aus Höflichkeit gemacht werden. Damit wird dem Lügen der Schrecken genommen und eine Gelassenheit diesem Thema gegenüber hergestellt. An dieser Stelle fehlt eine Definition des Lügens, die erst auf Seite 46 erfolgt.
Was die entwicklungspsychologischen Grundlagen betrifft, so beschränkt sich die Autorin auf ein Kapitel über das kindliche Denken, das einige typische Merkmale (z. B. magisches Denken) beschreibt. Dabei bezieht sie sich im Wesentlichen auf die Arbeiten Jean Piagets, allerdings ohne ihre Quellen zu nennen. Andere Aspekte der kindlichen Entwicklung, die ebenfalls wichtig wären (z. B. emotionale Entwicklung, soziale Kognitionen), werden nicht berücksichtigt, so dass ein recht einseitiges Bild gezeichnet wird. Die Basis ist dürftig und veraltet, was sich deutlich in der Literaturliste widerspiegelt. Aktuelle Ergebnisse zur Thematik (z. B. die Arbeiten von Renate Valtin) fehlen. Einige Aussagen sind falsch, z. B. stellt die Autorin in den Raum, dass imaginäre Gefährten sozusagen zur normalen Entwicklung gehören und manche Kinder ohne diese "abgebrüht" wirkten. Tatsächlich haben 43% der Kinder niemals solche fiktiven Begleiter, was sich aber keineswegs ihre Entwicklung beeinträchtigt. Auch können im Alter von 3 -4 Jahren noch längst nicht alle Gefühle benennen, wie behauptet. Komplexere Emotionen können erst im Schulalter richtig differenziert werden. Solche Fehlinformationen wecken bei den Lesern falsche Erwartungen an die Entwicklung der Kinder.
Im Kapitel "Lügenalltag" werden die verschiedenen Gründe, aus denen Kinder lügen, aufgezeigt und anhand von Fallgeschichten veranschaulicht. Die Gespräche aus dem Alltag mit Kindern liefern einen guten Einblick in die Art und Weise, wie Kinder das Lügen handhaben. Die Erläuterungen der Autorin helfen, sich in das Erleben der Kinder in dieser Situation einzufühlen. Auf diese Weise erweitert sich das Verständnis der Leser dafür, dass hinter den kindlichen Lügen ganz unterschiedliche Motive stecken wie Angst vor Strafe oder Angst vor hohen Erwartungen. Es wird deutlich, dass es sich beim Lügen nicht um ein verwerfliches Verhalten handelt, das geahndet werden muss. Am Ende dieses Kapitels geht es um den Umgang mit dem Lügen, was hätte deutlicher abgehoben werden sollen. Positiv zu bewerten ist, dass Eltern davor gewarnt werden, zu moralisierend zu reagieren und ihr Kind so zu beschämen. Auf das angemessene Setzen von Sanktion wird ebenfalls hingewiesen, die in zeitlich engem Zusammenhang mit dem Lügen stehen sollte. Manche Anregungen werden aber nur angedeutet: So wird "aktives Zuhören" kurz erwähnt, leider aber nicht weiter bzw. falsch (im Sinne eines reinen Echos) erläutert. Hier wäre ein guter Anknüpfungspunkt gewesen, Eltern konkrete Unterstützung zu geben. Im Abschnitt über den "spielerischen Umgang mit Lüge und Wahrheit" werden Geschichten vorgestellt, die auf dieses Thema Bezug nehmen. An dieser Stelle würde sich der Leser genauere Hinweise wünschen, wie diese Geschichten einzusetzen sind, z. B. für Lehrer im Schulalltag. Dieser spielerische Umgang macht sicher nur Sinn bei jüngeren Kindern, ist für das ernstzunehmende Lügen von Jugendlichen aber wenig brauchbar.
Der Abschnitt über "Störungen im Besitzverhalten" klappt etwas hinterher, ohne dass sein Stellenwert deutlich wird. Dies könnte dahingehend missverstanden werden, dass Lügen und Diebstahl eng miteinander zusammenhängen. Tatsächlich handelt es sich um ein ganz eigenes Thema, das zumindest hätte eingeordnet werden müssen.
Am Ende gibt es noch einige kurze Ratschläge für ausgewählte Situationen: "Was mache ich, wenn mein Kind ...". Diese werden der Vielfalt der Hintergründe für das Lügen, die im Buch angedeutet werden, nicht gerecht. Sie vermitteln den Eindruck, es gäbe eine Art Patentlösung für bestimmte Arten von Lügen.
Diskussion
Der Aufbau des Buches ist wenig übersichtlich, ein roter Faden nicht erkennbar. Die Kapitel wirken aneinandergereiht, mit abrupten Übergängen. Sinnvoll wäre eine Unterteilung in theoretische und praktische Überlegungen gewesen, um dem Leser eine Orientierung an die Hand zu geben. Außerdem ist das Buch wenig leserfreundlich aufgemacht, Abbildungen oder textliche Hervorhebungen hätten den Text aufgelockert und Laien geholfen, die Kernaussagen der Autorin zu erkennen.
Insgesamt ist das Buch verständlich geschrieben, so dass nicht nur Pädagogen, sondern auch interessierte Eltern davon profitieren können. Das Verständnis für die Gründe, aus denen Kinder lügen, wird so vertieft. Der Informationsgehalt ist aber eher oberflächlich und bietet keinen adäquaten Überblick über das psychologische Wissen zu diesem Thema. Die Autorin leitet aus ihren Ausführungen einige allgemeine Anregungen ab, wie Eltern, Erzieher und Lehrer dem Lügen begegnen sollen. Diese stehen nicht im Zusammenhang mit ihren vorherigen Ausführungen und werden auch nicht pädagogisch begründet. Sie konfrontiert die Erwachsenen damit, über das eigene Verhältnis zu diesem Thema zu reflektieren und der Sache dadurch die Schärfe zu nehmen.
Fazit
Der Ratgeber hilft Eltern, das Lügen gelassener hinzunehmen und besser zu verstehen. Weiterführende Literaturangaben zur Vertiefung einzelner Inhalte wären wünschenswert gewesen.
Rezensentin
PD Dr. Christiane Papastefanou
Privatdozentin an der Universität Mannheim (Lehrstuhl Erziehungswissenschaften) im Bereich Entwicklung- und Familienpsychologie sowie Psychotherapeutin für Erwachsene, Kinder und Jugendliche in eigener Praxis in Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Christiane Papastefanou. Rezension vom 17.12.2006 zu: Gertrud Ennulat: Wenn Kinder lügen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2006. 140 Seiten. ISBN 978-3-608-94157-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3499.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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