Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAFF): [...] Untersuchung von traumatisierten Flüchtlingen
Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAFF): Richtlinien für die psychologische und medizinische Untersuchung von traumatisierten Flüchtlingen und Folteropfern. Deutscher Psychologen Verlag GmbH (Bonn) 2001. 3. Auflage. 122 Seiten. ISBN 978-3-931589-44-8. 12,50 EUR.
AutorInnen und ihr Hintergrund
Alle Autoren/Autorinnen arbeiten als Fachkräfte in psychosozialen Zentren. Sie verfügen über vielschichtige Erfahrungen mit schwerst traumatisierten Menschen - Flüchtlingen und Folteropfern -.
Sie wissen über wen und was sie schreiben und wem sie stellvertretend ihre Stimme leihen, um das Unsagbare ins Wort zu bringen. Sie übernehmen Anwaltschaft für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen, ihre KlientInnen.
Zielgruppen
Das Buch wendet sich ausdrücklich an alle, die Gutachten im Rahmen von Asylverfahren erstellen.
Gleichermaßen informativ und aufklärend ist es für alle am Asylverfahren beteiligten Institutionen und Personen — Behörden, Gerichte, RechtsanwältInnen, MedizinerInnen, BeraterInnen, SozialarbeiterInnen und TherapeutInnen
Aufbau und Inhalt
Das Buch gliedert sich in Vorwort, zwei Geleitworte, sechs Kapitel, ein den Kapiteln zugeordnetes Literaturverzeichnis, eine Liste der Mitglieder der AG Begutachtung BAFF und weiterer Mitwirkender und eine Liste der Behandlungszentren für Folteropfer in Deutschland und einigen europäischen Städten.
Ziel des Buches ist es, die Anforderungen an eine qualifizierte gutachterliche Stellungnahme — diagnostische Standards — bzgl. der Inhalte, Methoden und Gestaltung zu formulieren.
Kapitel 1 "Einleitung" entwirft den Bezugsrahmen, in dem die Arbeit mit Flüchtlingen und Folteropfern stattfindet und sich ethisch und politisch zu positionieren hat: im Schnittpunkt von ganzheitlicher Gesundheit/Heilung und Menschenrechten. Obgleich die Rolle des/der GutachterIn nicht übereinstimmt mit den ethischen Grundsätzen der Psychotherapie gilt es im Spannungsbogen von formaler Korrektheit und fachlicher Wahrhaftigkeit die diagnostische und therapeutische Erfahrung in gerichtliche und behördliche Verfahren einzubringen.
Kapitel 2 "Psychotraumatologie" gibt einen kurzen historischen Überblick sowohl zu den ersten Berichten über Traumata als auch über die Konkretisierung und Dokumentation der Folgen und Auswirkungen von traumatischen Ereignissen und Erlebnissen im DSM I bis DSM IV und ICD 10. Trotz zunehmender Ausdifferenzierung wird festgestellt, dass DSM IV und ICD 10 der Vielschichtigkeit und Unterschiedlichkeit der Extremtraumatisierungen nicht gerecht werden. PTSD wird diagnostisch und differentialdiagnostisch vorgestellt, auf Flüchtlinge/Folteropfer fokussiert kommentiert und zu Konsequenzen für die psychologisch-diagnostische Situation verdichtet. Es wird aufgezeigt, wie Befragungen, Gerichtsverfahren, Glaubwürdigkeitsprüfungen etc. nicht nur bedrohend statt schützend, entheimatend statt beheimatend wirken, sondern verhörähnliche Situationen und staatliche Instanzen oft direkt assoziiert werden mit den traumatischen Erlebnissen und Sekundärtraumatisierungen erzeugen.
Kapitel 3 " Diagnostik psychischer Folgen" beschreibt und erläutert Diagnosekriterien, -methoden und -settings und sichtet sie kritisch bezüglich ihrer transkulturellen Verwendbarkeit. Am Ende findet sich eine Liste von Diagnoseinstrumenten — strukturierte Interviews und Selbsteinschätzungsfragebögen.
Kapitel 4 "Diagnostik somatischer Folgen" beschäftigt sich mit medizinischen Stellungnahmen/Gut-achten sowohl bzgl. der zu erhebenden Sachverhalte, beschreibender und bewertender Formulierungsansprüchen und der Form, als auch bzgl. der traumabedingten Schwierigkeiten bei der Befragung, der Anamnese und der körperlichen Untersuchung. Körperliche Verletzungen und Schädigungen — nicht- und traumabedingte Arten der Narbenbildungen, medizinische Folgeerkrankungen nach Foltermaßnahmen - werden aufgelistet, beschrieben und erläutert, um eine differenzierte und umfassende Befundung und medizinische Prognose zu ermöglichen.
Kapitel 5 "Kultureller Kontext als Bezugsrahmen des Erlebens und als Ausdruck von Leiden" wendet sich gegen einen US-eurozentristischen Zugang und plädiert für einen wenigstens dreidimensionalen Zugang nämlich: universell, kulturell und individuell. Beschrieben werden kulturspezifische Traumareaktionen, die Anforderungen an die interkulturelle Kompetenz der Beratenden, an die Interventionstechniken /-strategien und an die DolmetscherInnenfunktion und ihre Integrität.
Kapitel 6 "Erstellung von Psychologischen Gutachten/Stellungnahmen bei Flüchtlingen" setzt sich auseinander mit der psychologischen Diagnostik — Exploration, Verhaltensbeobachtung — im Rahmen der Begutachtung und der inhaltlichen und formalen Gestalt der Dokumentation.
Durchgängig wird besondere Aufmerksamkeit der ethischen Zwickmühle gewidmet als TherapeutIn/BeraterIn/ArztIn parteilich zu sein für den/die KlientIn und als BegutachterIn distanziert und neutral gegenüber dem/der KlientIn sein zu müssen. Die angebotenen Entscheidungshilfen und Lösungswege sind überzeugend.
Fazit
Das Buch hält mehr als der Titel erwarten lässt. Es ist klar strukturiert, gut gegliedert, bietet eine überzeugende Mischung von Theorie, gelebter Praxis und reflektiertem Erfahrungswissen. Die AutorInnen klären auf, beziehen fachlich und ethisch Stellung und benennen Schwierigkeiten, Konsequenzen und Folgen. Geschrieben wurde es von nicht nur fachkompetenten sondern auch engagierten Menschen.
Darüber hinaus ist das Buch lesenswert, weil es respektvoll, empathisch, berührend und herausfordernd geschrieben ist.
Rezensentin
Dr. Michaela Schumacher
Homepage www.drmichaelaschumacher.de
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Zitiervorschlag
Michaela Schumacher. Rezension vom 10.05.2002 zu: Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAFF): [...] Untersuchung von traumatisierten Flüchtlingen. Deutscher Psychologen Verlag GmbH (Bonn) 2001. 3. Auflage. 122 Seiten. ISBN 978-3-931589-44-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/352.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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