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Nadine M. Schöneck, Werner Voß: Das Forschungsprojekt

Cover Nadine M. Schöneck, Werner Voß: Das Forschungsprojekt. Planung, Durchführung und Auswertung einer quantitativen Studie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 229 Seiten. ISBN 978-3-531-14553-2. 23,90 EUR.

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Einführung

Zum Themenbereich "Empirische Sozialforschung" listet der Buchversand Amazon nicht weniger als 290 Titel auf. Der Fundes der hier nachgewiesenen Fachliteratur umfasst unverzichtbare Klassiker, die zurecht in der 14ten Auflage erscheinen (Friedrichs, 1990); er umfasst zahllose Lehrbücher, die sich vertiefend statistischen Problemen oder der sozialwissenschaftlichen Methodenentwicklung zuwenden; und er umfasst flotte Gebrauchsanweisungen, die zwar einen anwendungsorientierten Schnelleinstieg versprechen, aber aufgrund ihres allzu knappen Zuschnitts Studierende wie Lehrende gleichermaßen verfehlen müssen.

Dies kann man von dem hier vorliegenden Buch nicht behaupten. Zwischen dem in Theorien kodifizierten Wissen und dem in konkreten Forschungsprojekten gesammeltem Erfahrungswissen, zwischen angeleitetem Studienprojekt und veritablem - meist drittmittelfinanziertem - Forschungsvorhaben richtet es sich primär an Jungakademiker, die ihre erste empirische Untersuchung in Angriff nehmen, in der Regel eine Diplom- oder Masterarbeit. Nun mag man darüber streiten, inwieweit es Hochschullehrern zumutbar ist bzw. abverlangt werden kann, ihre Kandidaten "beim allerersten Mal an die Hand" zu nehmen (10) und eine forschungsbegleitende Hilfestellung zu gewährleisten; in jedem Fall bietet das vorliegende Lehrbuch eine didaktisch und inhaltlich gut sortierte Grundlage, die - gestützt auf einen Beispieldatensatz auf CD-ROM und erläuternde Textsegmente - (angehenden) Nachwuchswissenschaftlern eine fachlich differenzierte und exemplarisch durchgespielte Wegweisung in die sozialwissenschaftliche Forschungspraxis bietet. Der Weg in die Planung und Durchführung einer quantitativen Studie ist in allen Schritten gut nachvollziehbar, wobei für den Bereich der Datenauswertung allerdings auf die mächtige und voraussetzungsvolle Statistiksoftware SPSS zurückgegriffen wird.

Garanten dieses interessanten Buchkonzepts ist ein Autorentandem, in dem Werner Voß (Fakultät für Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum) den Part des in der empirischen Forschung erfahrenen und im Wissenschaftsbetrieb etablierten Hochschullehrers übernimmt und Nadine M. Schöneck (Institut für Soziologie an der Fernuniversität Hagen) den Part einer Forschungseinsteigerin, die ihre psychischen Energien offensichtlich erfolgreich sublimiert und in eine Buchidee umgemünzt hat.

Aufbau und Inhalt

Ergebnis dieser wissenschaftlichen Liaison ist ein "Leitfaden", der dem Leser ein Forschungsvorhaben in zwölf Bausteinen nahe bringt:

  • Baustein 1: Die Themenfindung kann als sozialer Prozess analysiert werden, der dem Entdeckungszusammenhang wissenschaftlichen Arbeitens zugerechnet wird und deshalb meist wenig Beachtung findet. Zu unrecht, wie die Autoren verdeutlichen. Denn der gute Draht zum "Prof" und seinem Forschungsapparat, eigene Literaturstudien oder Kontakte zu (sozialen) Einrichtungen sind unterschiedliche Zugänge, die als institutionelle Rahmung oder Motivlage nachhaltig den Fortgang eines Forschungsvorhabens beeinflussen. Wie auch immer sich dieser Entdeckungszusammenhang im Einzelfall darstellt - die empirische Abschlussarbeit sollte in der Tat als Chance begriffen werden und nicht als Hürde, mit der die Prüfungsordnung die Berufseinmündung verstellt.
  • Baustein 2: In Gesprächen mit Examenskandidaten ist festzustellen, dass weitgehend Unkenntnis herrscht über die Notwendigkeit repräsentativer Untersuchungen, den analytischen Nutzen hoch-standardisierter Verfahren oder alternative Methoden. Erfreulich ist deshalb, dass Schöneck/Voß sich ausführlich mit dem Forschungsdesign beschäftigen. Ihre Typologie einsetzbarer Methoden mündet letztlich in quantitative Verfahren mit primärstatistischer Datenerhebung, die im Rahmen der Sozialarbeiterausbildung allerdings erst mit Einführung neuer Steuerungsinstrumente (Evaluation, Kundenbefragung, Wirkungsanalyse) an Bedeutung gewonnen haben.
  • Baustein 3: Die Ausführungen zum Projektmanagement beschränken sich auf die finanziellen und zeitlichen Mittel, die in einem Forschungsprojekt gebunden werden. Das ist allzu knapp, denn gerade zu Beginn einer wissenschaftlichen Karriere gehen Forschungsvorhaben oft mit persönlichen und sozialen Belastungen einher, deren Bewältigung Selbstkonzepte, aber auch Beziehungen auf eine harte Probe stellen kann. Ohne Mobilisierung von Unterstützungsnetzwerken, ohne raffinierte Umgehung der durch die Prüfungsordnungen gesetzten Termine dürften viele Projekte kaum realisierbar sein.
  • Baustein 4: Grundsolide wird die inhaltliche Konzeptualisierung einer Forschungsarbeit durchdekliniert: Präzisierung der erkenntnisleitenden Fragestellung, Ausleuchtung des theoretischen Hintergrundes, Hypothesen- und Indikatorenbildung sowie Definition der Skalenniveaus sind hier nur die Stichworte für wissenschaftliche Routinen, die exemplarisch durchgespielt werden.
  • Baustein 5: Ausgehend von der Frage "Wen soll ich fragen?" konzentrieren sich die Autoren vorrangig auf die Bereiche Stichprobenziehung und Repräsentativität. Auf praktisch naheliegende Fragen, wie man im Rahmen nicht-repräsentativer Erhebungen, etwa der Befragung von Mitarbeitern oder Klienten/Kunden einer sozialen Einrichtung, seine "Fälle" zusammenbekommt, inwieweit Personen(gruppen) überhaupt befragbar sind oder inwiefern die Auswahl der Interviewpartner die Untersuchungsergebnisse beeinflusst, wird leider nicht näher eingegangen.
  • Baustein 6: Im Hochschulbetrieb muss man als Soziologe immer wieder mit Erschütterung zur Kenntnis nehmen, wie fahrlässig nicht nur Studierende, sondern auch Kollegen anderer Disziplinenihre Fragebögen konstruieren. Die z.T. unsäglichen Interviews zur Kundenzufriedenheit oder zur Evaluation der Lehre legen hiervon Zeugnis ab. Allen Barfußforschern mögen deshalb die Empfehlungen zum Layout des Fragebogens, zur Formulierung und Anordnung der Fragen sowie zur Ausformulierung von Antwortvorgaben eine Anregung sein. Vertiefend wird man allerdings auf Literatur zur Kunst der Operationalisierung, insbesondere zur Konstruktion von Fragebögen nicht verzichten können.
  • Während Schöneck/Voß in diesem ersten Teil ihres Lehrbuches also durchaus nachbessern können, bietet die zweite Hälfte - immerhin 140 Seiten - einen opulenten Einstieg in die PC-gestützte Eingabe, Auswertung und Präsentation von Daten. Ohne den nachvollziehenden Rückgriff auf die Statistiksoftware SPSS wird man diesen Ausführungen aber wohl kaum folgen können. Immerhin, wer seine Studentenversion installiert (beschränkt auf die Verarbeitung von 1.500 Fällen und 50 Variablen: http://www.spss.com/de/academia.htm), wird wenig Mühe haben, den Vorgang der Codierung (Baustein 7) und das SPSS-spezifische Variablenlabeling zu reproduzieren.
  • Das gilt gleichermaßen für Baustein 8, sofern die Präsentation der Daten auf univariate Rechenoperationen wie Häufigkeitsverteilungen, Mittelwertberechnungen oder Streuungsmaße und deren grafische Darstellung beschränkt bleibt.
  • Als voraussetzungsvoll sind die letzten Bausteine zu bewerten. Sie sind für Repräsentativitätsprüfungen sowie für Maßzahlen der bi- und multivariaten Verteilung (Hypothesentests, Regressionsberechnungen, Korrelationsrechnungen, Faktoren- und Clusteranalyse) reserviert. Der Umgang mit solchen statistische Operationen zählt zum Repertoire der universitären Ausbildung von Sozial- und Geisteswissenschaftlern, dürfte aber wohl nur in den seltensten Fällen Eingang finden in die Curricula der Sozialarbeiterausbildung auf BA- und MA-Niveau. Auf eine vertiefende Darstellung wird im Rahmen dieser Rezension deshalb verzichtet.

Der Publikation ist eine CD-ROM beigefügt, auf der neben dem bereits erwähnten Musterdatensatz weitere nützliche Informationen abgelegt sind: der komplette Musterfragebogen nebst Anschreiben sowie eine kommentierte Bibliographie zum "wissenschaftlichen Arbeiten", zur "empirischen Sozialforschung", zu "statistischen Methoden", zur Statistik-Software SPSS sowie zur Finanzierung von Forschungsprojekten. Besondere Erwähnung verdient ferner die von Voß/Khlavna/ Schöneck verfaßte Einführung in die Datenanalyse mit SPSS. Alle Dateien sind im plattformübergreifenden PDF-Format abgespeichert.

Diskussion

Schöneck und Voß sind offenbar eine für beide erfreuliche und erfolgreiche "Liaison" eingegangen. Das muss nicht immer so sein. Hier klammern die Ausführungen zum Projektmanagement einige wirklich relevante Fragen aus, die nur mit solidem Erfahrungswissen zu beantworten sind: Wie finde ich Zugang zu Stipendien und Forschungsmitteln? Welchen Aufwand muss ich für einen Antrag leisten? Wie erhöhe ich meine Erfolgschancen? Was muss ich über die Zusammensetzung von Bewilligungsausschüssen und die Entscheidungskriterien für eine Mittelvergabe wissen? Wie treffe ich einen mainstream? Wie und wo publiziere ich die Ergebnisse meiner wissenschaftlichen Mühen? Mit welchen Kosten ist eine Publikation verbunden? Wie erzeuge ich im Wissenschaftsbetrieb Resonanz? Auch wäre es generell hilfreich, über Fehlerquellen hinaus Gründe für das "Scheitern" von Forschungsvorhaben zu spezifizieren und in hilfreiche Wegweisungen umzumünzen.

Bei einigen Schritten seines Vorhabens wird der Forschungseinsteiger um eine vertiefende Konsultation seines Betreuers oder weiterer Lehrbücher nicht herumkommen. Das gilt insbesondere für die Konstruktion von Fragebögen (Einleitung und Plazierung von Fragebatterien, Gewinnung und Formulierung von Antwortvorgaben, Rückgriff auf erprobte Inventare), aber auch für die über Zahlenwerke hinausgehende Interpretation der Untersuchungsergebnisse (Generalisierbarkeit, Lücken der Interpretation, Schlussfolgerungen).  

Den beigefügten Textsegmenten, tabellarischen Darstellungen und Abbildungen würde ein facelift nicht schaden.

Ungewöhnlich ist abschließend das Angebot der Autoren, Leser ggf. bei der Planung, Durchführung und Auswertung empirischer Untersuchungen zu unterstützen. Es ist zu wünschen, dass dieses honorige Angebot nicht in der Dialektik der Selbstüberlastung untergeht.

Fazit

Das von Schöneck/Voß verfaßte Lehrbuch zur Planung, Durchführung und Auswertung empirischer Forschungsvorhaben ist konzeptionell überzeugend, gut lesbar und nützlich. Es beschränkt sich auf quantitative Studien und richtet sich vorrangig an Forschungsanfänger in der universitären Ausbildung. Die Zielgruppe ist also relativ eng gefasst. Examenskandidaten in der Sozialarbeiterausbildung, die häufig auf qualitative Ansätze und/oder einfache Verfahren der statistischen Datenauswertung zurückgreifen, dürfte insbesondere die zweite Hälfte des Buches verfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Dipl.-Soz. Joachim Döbler
Ostfalia, Fakultät Soziale Arbeit, BA-Studiengang „Soziale Arbeit“, MA-Studiengänge „Sozialmanagement“ und „Präventive Soziale Arbeit: Kriminologie & Kriminalprävention“
Homepage www.doebler-online.de


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Zitiervorschlag
Joachim Döbler. Rezension vom 29.08.2006 zu: Nadine M. Schöneck, Werner Voß: Das Forschungsprojekt. Planung, Durchführung und Auswertung einer quantitativen Studie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14553-2. + 1 CD-ROM. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3549.php, Datum des Zugriffs 02.07.2016.


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