Carien Karsten: Burnout besiegen. Das 30-Tage-Pogramm
Carien Karsten: Burnout besiegen. Das 30-Tage-Pogramm. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2005. 188 Seiten. ISBN 978-3-451-28829-6. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 26,80 sFr.
Aus dem Niederländischen von Marc Le-Hong.
Einführung ins Thema
"Wer je ein ausgebranntes Gebäude gesehen hat, der weiß wie verheerend so etwas aussieht. Ein Bauwerk, eben noch von pulsierendem Leben erfüllt, ist nun verwüstet. Wo früher Geschäftstätigkeit herrschte, finden sich jetzt nur noch die verkohlten Überreste von Kraft und Leben." Mit diesem anschaulichen Vergleich beschreibt der Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger in seinem Buch "Ausgebrannt" (Kindler Verlag München, 1981) die möglichen dramatischen Konsequenzen des - maßgeblich von ihm eingeführten / geprägten - Krankheitsbildes: Burnout-Syndrom; wie Gebäude - so Freudenbergers Erkenntnis - können auch Menschen "ausbrennen" und dabei ihr pulsierendes Leben verlieren; Menschen können sich - zumeist nach einer Phase hoher Motivation, des Ehrgeizes, der Euphorie und des Idealismus - chronisch erschöpfen und dabei zunehmend ihre Lebensfreude und den Lebensmut verlieren.
Das Burnout-Syndrom zeigt sich in vielfältigen und individuell höchst unterschiedlichen Erscheinungsformen; Symptome können u.a. Stress, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Magenkrämpfe, Bluthochdruck oder Depressionen und Angst sein; häufig treten Burnout-Erkrankungen bei Menschen auf, welche in "helfenden Berufen" tätig sind, die mit hoher Arbeitsbelastung verknüpft sind und dem Einzelnen ausgeprägte soziale, personale und reflexive Kompetenzen abverlangen (wie z.B. ErzieherInnen; Alten- und KrankenpflegerInnen; SozialarbeiterInnen); zunehmend zählen aber auch TopmanagerInnen und LeistungssportlerInnen zu den potenziell gefährdeten Berufsgruppen.
Grundsätzlich kann das Burnout-Syndrom natürlich jeden Menschen berühren und betreffen; nach Ansicht der niederländischen Psychologin Carien Karsten gilt es demnach den Anfängen zu wehren und das Burnout - praktisch, ganzheitlich, vorbeugend und effektiv - zu besiegen. Mit einem "30-Tage-Programm" will die Autorin den Leser befähigen, seinem Leben eine neue Richtung zu geben und die Seele neue Kraft tanken zu lassen - so zumindest verheißt es der Klappentext des 188 Seiten starken Taschenbuches aus dem Herder-Verlag - Freiburg im Breisgau.
Autorin
Carien Karsten, Dr. phil., Dr. jur., lebt und wirkt vornehmlich in den Niederlanden; sie ist als Psychologin, Managementconsultant und Buchautorin tätig; im Rahmen ihrer vielschichtigen Arbeit widmet sie sich vornehmlich so komplexen Themengebieten wie Stress, Kaufsucht, Schuldnerberatung und Burnout; inhaltliche Schwerpunkte sind hier u.a. die Techniken und Methoden des "Positiven, Rationalen Denkens" oder der "Rational-Emotiven Therapie (RET)"; das vorliegende Buch "Burnout besiegen" ist aktuell die einzige in deutscher Sprache erhältliche Veröffentlichung der Autorin.
Aufbau und Inhalt
Das Buch "Burnout besiegen" gliedert sich in 30 Themenkapitel. Wie schon der Untertitel der Veröffentlichung nahe legt, wird im so genannten "30-Tage-Programm" jedem Tag ein knapper - meist nur wenige Seiten umfassender - Textabschnitt gewidmet; anschaulich gemeinte Beispiele aus der Praxis verdeutlichen jeweils die theoretischen Hintergründe der "Tagesaufgabe" (hier drängt sich im Verlauf des Lesens allerdings zunehmend die Frage auf, ob es sich bei den Geschichten von Ben Maier, Monika Anders, Richard Geiger, Friederike Wunderlich und all den anderen um nacherzählte, tatsächliche Erlebnisse oder um frei erfundene Geschehnisse handelt).
- Tag 1 zielt zunächst auf die eigene Betroffenheit des Lesers; ein kleiner Fragebogen zur Selbstauswertung soll darüber Aufschluss geben, ob bereits ein Burnout-Syndrom vorliegt; nachdem diese Analyse scheinbar keinen ganzen Tag erfordert , werden auf den insgesamt 6 Textseiten dieses ersten Kapitels auch noch die Unterschiede und/oder Verknüpfungspunkte zwischen dem Burnout-Syndrom und ähnlich gelagerten "Diagnosen" wie Überreiztheit, RSI (repetitive strain injury - dem "berüchtigten Mausarm") und der Stresssymptomatik gestreift.
- Bereits am Tag 2 zeigt die Autorin einen kurzen - und manches folgende Kapitel vorwegnehmenden - Notstandsplan gegen Burnout auf; der in zehn Ratschlägen zusammengefasste Notstandsplan ("Sorgen Sie für einen guten Schlafrhythmus.", "Essen Sie regelmäßig und gesund.", usw.) wird durch die Darstellung einer "Drei-Minuten-Meditation" ergänzt und abgerundet.
- Im Folgenden werden Energiefresser und Energiespender (Tag 3); verrückt spielende Hormone (Tag 4) und die Bedeutung der richtige Ernährung des Gehirns (Tag 5) thematisiert; die unbestritten positiven Auswirkungen eines erholsamen Schlafes auf das Denken, Fühlen und Handeln des Menschen (Tag 6) werden ebenso erläutert, wie manch förderliche Gesichtspunkte, die Positives Denken (Tag 7) oder die Nutzung der Rational-Emotiven-Therapie (RET) zur Bewältigung eines Burnout-Syndroms beitragen können.
- Für Tag 8 wird die persönliche Zielfindung zur Tagesaufgabe erklärt; die gefundenen, individuellen Zielsetzungen bilden - tags darauf - die Basis für die sich anschließende (Selbst-)Entfaltung und Veränderung der persönlichen Lebenssituation (Tag 9); Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass der einzelne umschalten kann (Tag 10), sich - mal eben so im Vorbeigehen - von einer eventuell vorliegenden Suchtproblematik (Arbeitssucht, Drogenkonsum, Alkoholmissbrauch usw.) befreit und die Vergangenheit loslässt (Tag 11).
- Tag 12 des Programms ist für die Bewältigung der energieraubenden und den Einzelnen lähmenden Angst vorgesehen (dies kann z.B. anhand einer exemplarisch dargestellten Turbo-Entspannungsübung gelingen); Tag 13 befasst sich mit der Überwindung von Schuld und Schamgefühl; es folgt ein Kapitel, welches Versagensängste (Tag 14) als mögliche Ursache für ein Burnout-Syndrom benennt - (auch hier wird - wiederum mit dem Verweis auf Entspannungsübungen - gleich ein praktischer Lösungsansatz aufgezeigt).
- Am Tag 15 darf der Leser die Risiken und Fallstricke des eigenen Strebens nach Perfektionismus beleuchten und soll - wiederum über die Anwendung der bereits mehrfach erwähnten Rational Emotiven Therapie - erkennen, dass Hundert Prozent Leistung genug ist und sich der Mensch nicht zum Opfer eigener überhöhter Ansprüche machen soll (Tag 16).
- Tag 17 steht - warum auch immer - unter dem Motto: Löwen und Bären zähmen; Carien Karsten führt hier einige klassische Denkfehler, die der gestresste und ausgebrannte Mensch zu begehen neigt, in die "Arena" und fordert dazu auf, eigenes Denken und Handeln stets zu hinterfragen und sich von Frustrationserlebnissen nicht in eine Abwärtsspirale ziehen zu lassen; unter Umständen kann es hier auch hilfreich sein, von den Nervensägen in der unmittelbaren Umgebung - wie z.B. ungeliebte Kollegen oder Vorgesetzte - zu lernen und über die kritische Analyse eigener Stärken und Schwächen sowie der positiven und negativen Fähigkeiten des jeweiligen Gegenüber Strategien für das eigene Handeln abzuleiten (Tag 18).
- Aus dem beruflichen Kontext heraus ändert sich die Perspektive des Buches wieder mehr auf das private Lebensumfeld; die Forderung neue Leidenschaft in seine Beziehung zu bringen (Tag 19 - oder "Haben Sie es schon einmal im Auto versucht?") und sich in seinen sozialen Kontakten um die Wärme der Freundschaft zu bemühen (Tag 20 - oder "Freundschaften des Charakters halten oft auch dann stand, wenn man ausgebrannt ist") dürfen hier als Arbeitsauftrag angegangen werden.
- Am Tag 21 fokussiert sich der Siegeszug gegen das Burnout wieder stärker auf die Belastungen der Berufstätigkeit; unter der Überschrift "Vor der Wiederaufnahme der Arbeit zurückschrecken"werden die zu überwindenden Schwierigkeiten und Probleme aus Sicht von Arbeitnehmern wie auch Arbeitgebern beleuchtet.
- Das Telefon klingeln lassen ist einer der vielen ebenso kurzen wie banalen Empfehlung zum Stressabbau am Tag 22; die anschließende Empfehlung sein Zuhause und seinen Arbeitsplatz nach einer sinnvollen Ordnung zu gestalten und von Gerümpel zu befreien (Tag 23) ist letztlich ein kurzer Exkurs in bekannte Techniken des effektiven Zeitmanagement.
- Am Tag 24 rücken der möglicherweise ebenfalls ausgebrannte Chef und die oftmals belastenden strukturellen Rahmenbedingungen der Arbeit in den Mittelpunkt des Interesses; nachdem nach Ansicht der Autorin mehr als die Hälfte des Risikos für ein Burnout-Syndrom von den Organisationen und Betrieben verursacht wird, sollte der betroffene Mitarbeiter diese Gefahr messen lassen und die potenziellen Stressoren im Unternehmen herausarbeiten (lassen); hier lohnt es sich dann unter Umständen auch, den Mut zu besitzen, zu streiten, wenn es denn notwendig ist und dies Lernerfahrungen ermöglicht (Tag 25).
- Tag 26 thematisiert mögliche Wege zu einem erfolgreichen Wiedereinstieg in das Berufsleben, dass es hier sehr stark auf die jeweiligen Kollegen und ein möglichst gesundes Betriebsklima ankommen wird, darauf bereitet der folgende Tag 27 vor.
- Es schließen sich hier zwei Kapitel an, in denen über Geld und Glück philosophiert wird (Tag 28) und die Frage aufgeworfen wird, ob der Einzelne noch am richtigen Platz steht oder nicht viel mehr berufliche Flexibilität zeigen sollte (Tag 29)
- Tag 30 beschließt die - für den Leser hoffentlich erfolgreiche - Auseinandersetzung mit dem Burnout schließlich mit dem knappen und laienhaften Hinweis auf die neuen Chancen, die sich durch jede Krise ergeben können.
Kommentar
Das vorliegende Buch von Carien Karsten erhebt den Anspruch, Menschen, die von einem Burnout-Syndrom betroffen sind, einfache Wege aufzuzeigen, wie Sie ihre elementaren Schwierigkeiten in kürzester Zeit (30 Tage !) bewältigen können - so zumindest suggeriert es der werbewirksam gewählte Titel der Veröffentlichung.
An diesem hohen Anspruch gemessen, ist das Werk konzeptionell gescheitert; es erscheint kaum vorstellbar, dass Menschen, die tatsächlich an einem Burnout-Syndrom leiden, plötzlich - und weitgehend ohne fremde Hilfestellung - die Energie aufbringen können, sich aus Krise und Krankheit zu befreien; im Weiteren ist es auch mehr als fraglich, ob es Betroffenen - deren Lebensmut sich zunehmend erschöpft - wirklich gelingen kann, sich auf ein derart arbeitsintensives, und vielschichtiges "30-Tage-Programm" einzulassen.
Zudem bleibt die Mehrzahl der von Carien Karsten dargestellten Problemlösungs- und Handlungsstrategien leider allzu oberflächlich; triviale Tipps, wie sich gesund zu ernähren, ausreichend zu schlafen oder den Versuch zu unternehmen, Positiv zu denken und Stress zu vermeiden, könnten durchaus auch dem gut gemeinten Ratgeberteil einer Fernsehzeitschrift entnommen sein, ernsthaft zu verfolgende Bewältigungsstrategien werden kaum aufgezeigt; nachdem gänzlich auf einen Anhang mit Literaturhinweisen verzichtet wird, erhält der Leser leider auch nicht die Möglichkeit, die Quellen der Autorin nachzuvollziehen und sich selbst weiterführende Inhalte zu den dargestellten Themengebieten zu erarbeiten.
Fazit
Jenseits der verfehlten marketingstrategischen und fachlichen Ambitionen bietet das leicht zu lesende Buch durchaus einen ersten Überblick über mögliche Ursachen für ein Burnout-Syndrom, Carien Karsten wirft mit ihrem Text - in Ansätzen - auch viele vorbeugende Fragestellungen auf und ermöglicht potenziell gefährdeten Menschen unter Umständen tatsächlich dabei, den Anfängen einer aufkeimenden Erkrankung zu wehren - mehr aber leider auch nicht.
Rezensent
Dipl. Soz.-Päd. Mathias Stübinger
Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Hochschule Coburg, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, u.a. in tätig in den Lehrgebieten: Sozialmanagement / Organisationslehre / Praxisanleitung und Soziale Arbeit für Menschen mit Behinderung
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Mathias Stübinger. Rezension vom 21.03.2006 zu: Carien Karsten: Burnout besiegen. Das 30-Tage-Pogramm. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2005. 188 Seiten. ISBN 978-3-451-28829-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3569.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Thomas M. H. Bergner: Burnout-Prävention. Das 9-Stufen-Programm zur Selbsthilfe
Dagmar Ruhwandl: Erfolgreich ohne auszubrennen. Das Burnout-Buch für Frauen
Stellenangebote
Erzieher/in für familienanaloge Wohngruppe, Berlin
Erzieher/in für Kindertagesstätte, Stuttgart
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
