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Ahmet Toprak: "Ich bin eigentlich nicht aggressiv"

Cover Ahmet Toprak: "Ich bin eigentlich nicht aggressiv". Theorie und Praxis eines Anti-Aggressions-Kurses mit türkischstämmigen Jugendlichen. Lambertus Verlag (Freiburg) 2001. 119 Seiten. ISBN 978-3-7841-1370-8. 12,30 EUR.

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Einführung in das Thema

In Dunkelfeldanalysen zeigt sich, dass türkische (männliche) Jugendliche mehr als doppelt so häufig wie deutsche (männliche) Jugendliche Gewaltdelikte verüben. Auch offizielle Statistiken zeigen, dass beispielsweise in Jugendstrafanstalten dreimal so viele türkische Jugendliche einsitzen im Vergleich zu ihrem Bevölkerungsanteil in der entsprechenden Altersgruppe. Belegen diese Befunde eine allgemein höhere Kriminalität türkischer Heranwachsender? Gegen eine solche pauschalisierende Schlussfolgerung spricht eine Reihe von Befunden: So sind türkische Jugendliche in sozialen Randgruppen überrepräsentiert, ausländische Täter werden schneller angezeigt und die Justiz bestraft ausländische Täter härter. Doch diese Faktoren alleine können den Unterschied in der Kriminalitätsrate nicht erklären. Weitere Gründe sind, dass türkische Jugendliche häufiger Opfer familiärer Gewalt sind und dass sie eine schlechtere Schulausbildung haben. Schließlich scheint das eher traditionelle Männlichkeitskonzept, das türkische Jugendliche in ihrer familiären und kulturellen Sozialisation erlernen, die allgemeine Gewaltbereitschaft zu erhöhen.

Ahmet Toprak möchte diesen unterschiedlichen Faktoren mit seiner Konzeption eines spezifisch für türkische Gewalttäter ausgelegten Anti-Aggressivitäts-Trainings Rechnung tragen. Sein Anti-Aggressions-Kursus stellt einen Versuch dar, präventiv auf türkische Gewalttäter einzuwirken, indem neben den klassischen Anti-Aggressions-Maßnahmen die spezifischen Sozialisationsbedingungen der türkischen Jugendlichen mitberücksichtigt werden.

Hintergründe für die Entstehung des Buches und Informationen über den Autor

Hintergrund für die Entstehung des Buches ist der Bericht über die Entwicklung und die Erfahrung mit einem für türkische Jungen konzipierten Anti-Aggressions-Kurs. Entwickelt wurde das Training im Referat Migration des bayrischen Landesverbandes der Arbeiterwohlfahrt.

Dr. Ahmet Toprak arbeitet zur Zeit im Referat Migration des bayrischen Landesverbands der Arbeiterwohlfahrt und ist dort für die Durchführung der Anti-Aggressions-Kurse mit türkischen Jugendlichen zuständig. Er besitzt eine Zusatzausbildung zum Anti-Aggressivitäts-Trainer, ist Lehrbeauftragter an der Katholischen Universität Eichstätt und ist in der Fort- und Weiterbildung für soziale Fachkräfte mit interkulturellem Ansatz tätig. Zusammen mit seiner türkischen Herkunft und seinen Erfahrungen im Umgang mit gewalttätigen Jugendlichen ist er sicherlich sensibilisiert für die Problematik — man merkt dem Buch an, dass der Autor weiß, worüber er schreibt.

Aufbau, Inhalte und Gliederung

Das Buch untergliedert sich in zwei Hauptteile.

Im ersten Teil, der sich aus drei Unterkapiteln zusammensetzt, versucht der Autor die spezifischen Merkmale der Sozialisation türkischer Jungen aufzuzeigen, um basierend auf diesen Bedingungen die Grundlage für die Entwicklung eines Anti-Aggressions-Trainings für türkische Gewalttäter zu legen.

Zunächst beschreibt der Autor aber die methodischen Grundlagen seines Vorgehens. Dabei geht er auf die Vor- und Nachteile seines qualitativen Ansatzes ein. Im zweiten Kapitel beschreibt der Autor die Sozialisationsbedingungen türkischer Jungen in Deutschland. Dabei geht er auf verschiedene Aspekte ein wie Schule, Peergroup, Religion und Männlichkeit. Schließlich endet der erste Hauptteil des Buches mit einer kurzen Darstellung der wichtigsten Erklärungsansätze zu Aggression und Gewalt sowie der Übertragung dieser Theorien auf die besonderen Sozialisationsbedingungen türkischer Jugendlicher.

Der zweite Hauptteil des Buches beschäftigt sich mit den praktischen Komponenten des Anti-Aggressivitäts-Trainings. Zunächst beschreibt Toprak im ersten Kapitel die Entstehungsgeschichte und die Struktur des Referats Migration des bayrischen Landesverbands der Arbeiterwohlfahrt. Anschließend stellt er im zweiten Kapitel die rechtlichen Grundlagen des Trainings dar und beschreibt den methodischen und strukturellen Aufbau des Kurses. Im dritten Kapitel des zweiten Abschnitts beschreibt Toprak verschiedene Übungen, die Bestandteil des Anti-Aggressivitätskurses sind. 24 Übungen werden knapp dargestellt, es werden jeweils die Ziele der Übung, eventuell benötigtes Material, eine Anleitung, Regeln und Erfahrungen mit den jeweiligen Übungen berichtet. Die zentrale Übung ist, wie auch bei allgemeinen Anti-Aggressivitäts-Trainings, der "heiße Stuhl", auf den jeder Kursteilnehmer einmal muss. Dabei geht es darum zu lernen, Kritik auszuhalten und mit Provokationen (ohne Gewaltmitteln) umzugehen. Kapitel vier gibt abschließend einen Überblick über den Ablauf des Trainings. Vorgesehen sind im Rahmen des Kurses ein bis zwei Vorgespräche, 11 Gruppensitzungen à 2,5 Stunden, ein Wochenendworkshop und möglichst ein Einzelgespräch 6 Monate nach dem Kurs. Das Training sollte in Gruppen mit jeweils sechs bis sieben Jugendlichen durchgeführt werden, der/die Trainer(in) sollte durch ein(e) Kotrainer(in) unterstützt werden.

Das Buch endet mit einem Literaturverzeichnis und Informationen über den Autor.

Zielgruppen

Zielgruppen des Buchs sind primär SozialarbeiterInnen, PädagogInnen und PsychologInnen, die mit türkischen Jugendlichen arbeiten und dabei auch mit gewalttätigen türkischen Jungen umgehen müssen.

Bewertung

Sicherlich stellt das Buch von Ahmet Toprak für SozialarbeiterInnen, PädagogInnen, PsychologInnen und anderen, die mit türkischen Jugendlichen arbeiten, eine interessante und hilfreiche Lektüre dar. Durch die Beschreibung der spezifischen Sozialisationsbedingungen der türkischen Jungen erhält man einen Einblick in die Denkwelt und die besonderen sozialen Probleme dieser Jugendlichen. Die Interviewzitate mit türkischen Jugendlichen veranschaulichen den Text und verdeutlichen die beschriebenen Sozialisationsbedingungen. Auch die zum Teil recht ausführliche Beschreibung des Anti-Aggressivitäts-Trainings im zweiten Teil des Buches kann hilfreich im Umgang mit aggressiven türkischen Jugendlichen sein.

Allerdings müssen auch einige Einschränkungen gemacht werden: Das Buch von Ahmet Toprak ist zwar durchweg leicht verständlich geschrieben, allerdings verwirrt zum Teil die etwas unklare Gliederung sowie lose Verbindung zwischen den einzelnen Unterkapiteln. So ist der erste Hauptteil des Buches mit der Überschrift "Sozialisationsbedingungen der türkischen Jungen sowie die Bedeutung der Begriffe Ehre, Männlichkeit und Freundschaft" überschrieben, Toprak leitet diesen ersten Teil mit der Begründung der Untersuchungsmethode ein. Der/die Leser(in) kann an dieser Stelle nur Vermutungen anstellen, um was für eine Untersuchung es sich handeln könnte: Eine Befragung von türkischen Gewalttätern zur Entwicklung oder zur Evaluation des Trainings? Oder beides? Hier wäre eine kurze Einführung oder eine Umstrukturierung des Buches wünschenswert.

Zwar ist der Versuch einer Evaluation des Trainings lobenswert, das Design und die Methode der Evaluation lassen allerdings zu wünschen übrig. Weder eine Vorher-/Nachher-Befragung noch eine Kontrollgruppe wurden verwendet, so dass die ermittelten Ergebnisse nach wissenschaftlichen Kriterien nicht interpretierbar sind. Es bleibt zu hoffen, dass eine systematische Evaluation des Trainings noch folgt. Auch die Wahl der Untersuchungsmethode (qualitative Interviews) sollte um quantitative Methoden ergänzt werden.

Fazit

Das Buch kann trotz kleinerer Mängel all denjenigen empfohlen werden, die mit türkischen Jugendlichen arbeiten und mit Aggressionen von Seiten der Jugendlichen umgehen müssen. Der/die Leser(in) erhält eine umfassende Beschreibung der Sozialisationsbedingungen türkischer Jungen und einen Überblick über praktische Maßnahmen, wie türkischen Gewalttätern unter Berücksichtigung dieser Sozialisationsbedingungen begegnet werden kann.


Rezensent
Dipl.-Psych. Oliver Christ
Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Sozialpsychologie am Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität Marburg
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Rezensent
Dr. Rolf van Dick
Wissenschaftlicher Assistent in der Arbeitsgruppe Sozialpsychologie am Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität Marburg


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Zitiervorschlag
Oliver Christ/Rolf van Dick. Rezension vom 10.05.2002 zu: Ahmet Toprak: "Ich bin eigentlich nicht aggressiv". Lambertus Verlag (Freiburg) 2001. 119 Seiten. ISBN 978-3-7841-1370-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/357.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.


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