Peter Faulstich, Mechthild Bayer (Hrsg.): Lernwiderstände. Anlässe für Vermittlung und Beratung

Cover Peter Faulstich, Mechthild Bayer (Hrsg.): Lernwiderstände. Anlässe für Vermittlung und Beratung. VSA-Verlag (Hamburg) 2006. 206 Seiten. ISBN 978-3-89965-150-8. 12,80 EUR.

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Widerstände beim Lernen

Leider klappt das mit "dem Lernen" nicht so, wie es sollte: Vom Betrieb organisierte Kurse und deren Inhalte werden von manchen Teilnehmern als sinnlos oder überflüssig wahrgenommen und "abgesessen". Und einige würden gerne etwas Bestimmtes wissen oder können - aber "lernen" wollen sie es nicht.  Und dann gibt es auch Seminarinhalte, die manche nicht annehmen wollen, z. B. dienstbeflissene "unterwürfige" Kundenorientierung oder ausgeprägtes Teamverhalten.

Dies sind einige Beispiele für Widerstände beim Lernen, zu denen Peter Faulstich (Universität Hamburg) und Mechthild Bayer (ver.di, Berlin) das Buch "Lernwiderstände. Anlässe für Vermittlung und Beratung" herausgegeben haben.

Entstehungshintergrund

Das lebensbegleitende, lebenslange Lernen wird von der Europäischen Kommission forciert, sie rückt auch die Bildungs-, Berufs- und Beschäftigungsberatung in das Blickfeld: Beratung soll "die eigenverantwortliche Gestaltung des Bildungs- und Berufsweges unterstützen" und wird dabei zunehmend auch eine gewerkschaftliche Aufgabe (S. 8f).  Das besprochene Buch beruht auf einer Initiative der Gewerkschaften ver.di, IG Metall und GEW und enthält Beiträge einer Reihe von Wissenschaftlern und Vorstandmitgliedern der Gewerkschaften zu Lernwiderständen und Beratung, und beinhaltet erwartungsgemäß auch (bildungs-)politische Forderungen.

Inhalt

Peter Faulstich weist im Beitrag "Lernen und Widerstände" pointiert auf die Kluft zwischen der "offiziellen Proklamation des Lernens und faktischen Teilhabemöglichkeiten" (S. 8) und die Last des "lebenslänglichen" Lernens hin. Er kritisiert verkürzte Theorien des Lernens und schlägt eine Lerntheorie vom Subjektstandpunkt nach Klaus Holzkamp vor:  "Für die Untersuchung von Lernwiderständen ist wichtig, nicht in Ursache-Wirkungs-Modellen zu denken. Wenn nach Gründen gefragt wird, geht es darum, ob die Personen Lernmöglichkeiten in ihrem Lebenskontext als sinnvoll einschätzen und auf ihre Lebensinteressen beziehen." (S. 21). (Dieser erste Beitrag ist kostenlos abrufbar unter: www.netzwerk-weiterbildung.info, Stand 24.2.2006).

Die weiteren Beiträge beschäftigen sich mit Widerständen beim Lernen Erwachsener und mit der Beratung:

  • Axel Bolder (Universität Duisburg/Essen) beschreibt Fallbeispiele für unterschiedliche Formen von Weiterbildungsabstinenz.
  • Milieus und ihre Unterschiede beim Lernen und bei Lernwiderständen betrachtet Helmut Bremer (Universität Hamburg).
  • Dieter Gnahs (DIE Bonn) untersucht im Beitrag "Organisiertes Lernen - Organisierter Widerstand" förderliche und hinderliche Rahmenbedingungen beim Lernen von Weiterbildungseinrichtungen.
  • Dass und wie Lerngegenstände aus gegenstandsimmanenten Gründen mit Widerständen behaftet sind, zeigt Anke Grotlüschen (Universität Bremen) am Beispiel betrieblicher Weiterbildung.
  • Petra Grell (Universität Hamburg) beschreibt konkrete Möglichkeiten der kritisch-reflexiven Auseinandersetzung "mit dem, was die Lernenden hindert, ihr Verhältnis zur Welt und zu sich selbst" (S. 88).
  • Die Entwicklung, Struktur und Funktionen beruflicher Weiterbildungsberatung beschreibt Wolfgang Wittwer (Universität Bielefeld) und geht dabei ausführlich auf zukünftige Entwicklungen und Anforderungen ein.
  • Ursula Herdt (GEW) beschreibt Herausforderungen der Bildungs-, Berufs- und Weiterbildungsberatung und fordert und entwirft ein "kohärentes Konzept".
  • Die Zukunft der Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung in Europa und Empfehlungen zur Weiterentwicklung aus OECD- und EU Sicht geben Karen Schober und Bernhard Jenschke (beide Bundesagentur für Arbeit).
  • Stephanie Odenwald (GEW) untersucht den politischen Diskurs zu "Eigenverantwortung contra Beratung"  und kommt zu dem Schluss: "Beratung ersetzt nicht Eigeninitiative und Verantwortung, sondern schafft die notwendigen Voraussetzungen dafür" (S. 149).
  • Anhand des Bildungscoachings zeigen Ingrid Sehrbrock und Sonja Deffner (beide DGB), wie die Gewerkschaften die Weiterbildungsbeteiligung fördern.
  • Die berufliche Zukunftsberatung der IG Metall, den "Job-Navigator", stellen Thomas Habenicht und Karl-Heinz Hageni (beide IG-Metall) vor.
  • Schließlich beschreiben Mechthild Bayer und Klaus Heimann (IG Metall) gewerkschaftliche Ansatzpunkte um die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Teilnahme zu verbessern und vorhandene individuelle Lernbarrieren zu beseitigen" (S. 185).

Im Anhang finden sich "Vorschläge für Bundesregelungen in der beruflichen Weiterbildung", die von den Gewerkschaften GEW, HBV, IG Medien und IG Metall in Zusammenarbeit mit Experten erarbeitet worden sind mitsamt einer langen Liste an Unterzeichnern und eine Übersicht über bisher erschienene Gutachten der Gewerkschaftlichen Initiative für Bundesregelungen in der beruflichen Weiterbildung.

Fazit

Das Buch setzt im Vergleich mit den aktuellen Veröffentlichungen zum lebenslangen Lernen einige  bildungspolitisch wie wissenschaftlich wichtige Akzente: Es wirft den Blick auf eine Reihe von individuell wahrgenommenen persönlichen und institutionellen hinderlichen Rahmenbedingungen für das Lernen und auf Weiterbildungsabstinente und Lernverweigerer. Gleichzeitig ist das Buch ein Plädoyer dafür, Lernwiderstände nicht als ein instruktionalistisch in den Griff zu bekommendes Problem zu betrachten, sondern als eine Herausforderung, diese kritisch-reflexiv zu analysieren und gegebenenfalls auch zu akzeptieren. Schließlich enthält es konkrete bildungspolitische Forderungen für die Bildungs-, Berufs- und Weiterbildungsberatung aus gewerkschaftlicher Perspektive.

Mein Fazit: sehr zu empfehlen.


Rezensentin
Dr. Sandra Schaffert
Pädagogin. Tätigkeit in Wissenschaft und Weiterbildung
Homepage sandra.schaffert.ws
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Zitiervorschlag
Sandra Schaffert. Rezension vom 28.03.2006 zu: Peter Faulstich, Mechthild Bayer (Hrsg.): Lernwiderstände. Anlässe für Vermittlung und Beratung. VSA-Verlag (Hamburg) 2006. 206 Seiten. ISBN 978-3-89965-150-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3604.php, Datum des Zugriffs 26.11.2014.


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