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Ulrike Schäfer, Eckart Rüther u.a.: Hilfe und Selbsthilfe nach einem Trauma

Cover Ulrike Schäfer, Eckart Rüther, Ulrich Sachsse: Hilfe und Selbsthilfe nach einem Trauma. Ein Ratgeber für seelisch schwer belastete Menschen und ihre Angehörigen. Vandenhoeck und Ruprecht (Göttingen) 2006. 89 Seiten. ISBN 978-3-525-46250-8. 14,90 EUR.

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Autoren und ihr Hintergrund

Die drei AutorInnen sind ausgewiesene ExpertInnen - Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und/oder Psychoanalyse. Seit vielen Jahren beschäftigen sie sich wissenschaftlich und therapeutisch mit dem Gebiet Traumatologie. Sie leben und arbeiten in Göttingen.

Zielgruppen

Das Buch ist primär adressiert an Menschen, die ein Trauma erleben mussten, jedoch auch lesenswert und informative für Angehörige und Freunde.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus einer Einleitung, 8 Hauptkapiteln mit Unterkapiteln, Literaturverzeichnis, Internet- und Autoreninformation.

Die Einleitung benennt das Ziel "...unterstützen, Ihre Reaktionen und Gefühle nach einem Trauma zu erkennen und zu verstehen."(9) und gibt verantwortlich differenzierte Lesehinweise für Betroffene.

1. Was ist unter einem Trauma zu verstehen? (11-16) In einer ersten Annäherung formulieren die AutorInnen verständlich, was ein Trauma ist; welche Situationen traumaauslösend sind bzw. sein können; welche typischen Symptome - Kontrollverlust, Verstört- bzw. Verwirrtheit, Hilflosigkeit, Ruhelosigkeit, Panikattacken, körperliche Störungen - und welche Reaktionen - flashbacks, Intrusion, Überreaktion, Vermeidung, Hyperarousal -auftreten.

2. Ziele für die Traumabewältigung(17) Ziele sind, die Kontrolle über sich und das eigene Leben, Zuversicht, Selbst- und Weltvertrauen und die eigene Handlungskompetenz zurück zu gewinnen.

3. Reaktionen auf ein Trauma (Symptome) (19-32) Achtsam, LeserInnenorientiert, fachlich korrekt und verständlich werden folgende Symptome beschrieben, kurz erläutert und mit Beispielen illustriert:

  • Nachhallerinnerungen - flashbacks, Intrusion
  • Schlafstörungen
  • Betäubungsreaktion - Gefühlsabschaltung, Gefühlstaubheit
  • Vermeidungsverhalten
  • Gesteigerte Erregung und Schreckhaftigkeit - plötzliche Ärgerreaktionen, Geräusch- und Berührungsempfindsamkeit
  • Gesteigerte Wachsamkeit
  • Konzentrationsstörungen
  • Mögliche körperliche Reaktionen - "Körpererinnerungen", Chronische Schmerzen, sexuelle Störungen
  • Depressionen - oft vergesellschaftet mit Appetitlosigkeit, Schlafstörungen und Libidoverlust
  • Trauerreaktionen
  • Schuldgefühle
  • Posttraumatische Belastungsstörung
  • Selbstverletzendes Verhalten - Versuch dissoziative Zustände zu beenden, Selbstkontrolle zurück zu gewinnen

Die aufgezeigten Symptome können, müssen aber nicht durch ein Trauma ausgelöst werden, teilweise sind sie auch Signale für andere Erkrankungen wie Depression und Angsterkrankungen.

4. Wie kann das Trauma überwunden werden? (34-51) Die AutorInnen geben Bezug nehmend auf die Phasen nach einem Trauma und die oben geschilderten Symptome Tipps für den Umgang mit diesen. Deutlich wird darauf hingewiesen, dass jedeR individuelle Lösungen suchen und finden muss, es kein allgemeingültiges Rezept gibt. Angesprochen werden

  • zur Sprache zurückfinden - "es hat mir die Sprache verschlagen", "dem Trauma eine Sprache geben" durch erzählen, aufschreiben, aufmalen -
  • sich Sicherheit und Beruhigung verschaffen - wohltuende, beruhigende Erfahrungen von früher und "innere Helfer" reaktivieren, Übung "sicherer Ort", sich früherer Erfolge erinnern -
  • Umgang mit der Angst - angstlösende Atemübungen, Entspannungsübungen des Yoga, Tai-Chi, Autogenen Trainings, der Muskelrelaxation nach Jacobson -
  • Umgang mit Vermeidungsreaktionen - sich schrittweise von leicht bis schwer der vermiedenen Aktion annähern, bis im jeweiligen Schritt keine größere Angst mehr aufkommt -
  • Umgang mit Erinnerungsbildern - innere Filme stoppen z.B. TV-Visualisierung und mittels der Fernbedienung Einfluss nehmen bis zum Abschalten -
  • Umgang mit Schlafproblemen - Einschlafrituale, feste Nachtruhezeiten, Tagebuch als Container für die Gedanken und Gefühle, Schlaf- und/oder ein Traumtagebuch, Entspannungsübungen, evt. pflanzliche oder chemische Medikamente, letztere unter fachlicher Kontrolle und Anleitung -
  • Umgang mit sexuellen Störungen - mit dem PartnerIn reden, sich gemeinsam in entspannte Stimmung bringen, Vielfalt der erotischen Kontakte nutzen -
  • Umgang mit Alkohol- und Drogenproblemen - lösen nicht, sondern verschärfen, deshalb Fachberatung aufsuchen -
  • Umgang mit vermehrter Reizbarkeit und Ärgerreaktionen
  • Weitere Tipps - Tagesplan, Tagesrituale, körperliche rhythmische, gehirnstimulierende Aktivitäten kein Hochleistungssport -
  • Verhindern Sie, dass der Täter Ihr weiteres Leben bestimmt
  • Umgang mit Verantwortung und Schuldgefühlen - realistische Überprüfung, empathischer, liebevoller und selbstachtsamer Umgang mit sich selbst -
  • Vertrauen in die Selbstheilungskräfte - Ressourcen aktivieren, Geduld mit sich, Zukunftspläne entwickeln -

5. Psychotraumatherapie (53-74) Ziel ist es Vergangenes vergangen werden zu lassen, indem die Traumaerfahrungen durchgearbeitet werden, um den Traumaschmerz auf allen Ebenen aufzulösen und körperliche, emotionale und mentale Anteile zu integrieren. Hingewiesen wird auf entscheidende Kriterien für eine Psychotraumatherapie - Belastungs- bzw. Einschränkungsgrad, gängige Therapieformen, traumaerfahrene TherapeutIn, Ressourcenorientierung, Wiedererlangung des Selbstmanagements. Es folgen die drei Phasen

  • Stabilisierungsphase. Voraussetzung ist äußere Sicherheit. Diese Phase ist der inneren Sicherheit gewidmet. Es geht um die Aufdeckung der Ressourcen des Patienten, "... um Unterstützungsmöglichkeiten im sozialen Netz, positive Inseln, um Körpererleben und Fähigkeiten zu entwickeln, Selbstberuhigungsstrategien einzuüben und anzuwenden"(57), um das Packen eines imaginierten oder realen Notfallkoffers. Vorgestellt werden Übungen z.T. mit Anleitungen z.B. Freudetagebuch, Freudebiographie, Achtsamkeitsübungen, Imaginationsübungen wie "Sicherer Innerer Ort", "innere hilfreiche Wesen", "Baumübung", "Tresorübung", "glückliche Situation" und Qigong.
  • Traumaexposition. Sie widmet sich der Traumasynthese und Integration, indem Getrenntes - mentales, verbales, bildhaftes, affektives und körperliches - in ein ganzheitliches Erleben überführt wird. Unverzichtbar ist dabei die Sprache, denn nur, was einen Namen hat und in Worte gefasst ist, ist mittelbar und dem verbalen Bewusstsein zugänglich. Gelernt wird, wieder sich kontrollieren zu können. Es muss spürbar und zweifelsfrei erfahrbar werden: "es war dort und damals und ist nicht hier und jetzt!" Mögliche Techniken sind: Beobachtertechnik, Bildschirmtechnik, EMDR.
  • Integrationsphase. In dieser Phase geht es darum, das Trauma in die bisherigen Lebenserfahrungen, die eigene Biographie zu integrieren und zu akzeptieren, " dass die Dinge stattgefunden haben, wie sie stattgefunden haben,"(70) Hilfreiche Techniken für die Trauerarbeit werden vorgestellt. Nach der Trauerarbeit gilt es, "einen Neubeginn zu machen", "... zu beginnen zu leben."(71) Kurz skizziert wird die Verhaltenstherapie, kunsttherapeutische Elemente und die Traumbeeinflussungstherapie, letztere mit Empfehlungen für die Einflussnahme.

6. Medikamentöse Behandlung (75-77) Es gibt kein Medikament gegen ein Trauma. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer haben sich bei depressiven Beschwerden bewährt, bei schweren Schlafstörungen sedierende, die REM-Phase nicht unterdrückende Antidepressiva, Antipsychotika der zweiten Generation oder Melatonin. Tranquilizer sollten wegen der Gefahr der Abhängigkeit nur im Ausnahmefall genommen/verordnet werden. Abgesehen von homöopathischen, pflanzlichen Mitteln sollte jede Medikamentierung immer unter ärztlicher Anleitung/Kontrolle erfolgen

7. Auswirkungen des Traumas auf die Familie und den Partner (78-84) Familie und PartnerInnen sollten über mögliche Traumareaktionen informiert sein, um sowohl ungewöhnliche Reaktionen und Verhaltensweisen zu verstehen als auch die Bemühungen des/der Traumatisierten, das Trauma zu bewältigen, konstruktiv zu unterstützen. Zwei Kurzkapitel widmen sich den Themen "Wenn Kinder vom Trauma betroffen sind" und "wie kann dem Kind nach einem Trauma geholfen werden?"

8. Ein Wort zu Selbsthilfegruppen (85) Selbsthilfegruppen sind meist erst bei fortgeschrittener Einzeltherapie sinnvoll, vorher könnten die Auseinandersetzungen mit den belastenden Lebensgeschichten anderer zu belastend sein.

Fazit

Dem Buch ist anzumerken, dass es von im Umgang mit Traumatisierten erfahrenen AutorInnen geschrieben wurde. Empathisch und wertschätzend sprechen sie das Wichtigste fachlich korrekt, für Laien verständlich und ermutigend an. Sie geben konkrete Hinweise zum Sich-Verstehen, zur Selbst- und Fremdhilfe. Ein lesenswertes Buch, das jedem Traumatisierten als "Erstinformation" in die Hand gegeben werden sollte.


Rezensentin
Dr. Michaela Schumacher
Homepage www.drmichaelaschumacher.de
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Zitiervorschlag
Michaela Schumacher. Rezension vom 06.06.2006 zu: Ulrike Schäfer, Eckart Rüther, Ulrich Sachsse: Hilfe und Selbsthilfe nach einem Trauma. Vandenhoeck und Ruprecht (Göttingen) 2006. 89 Seiten. ISBN 978-3-525-46250-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3613.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.


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