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Ingrid Zundel: Kommunitarismus in einer alternden Gesellschaft

Cover Ingrid Zundel: Kommunitarismus in einer alternden Gesellschaft. Neue Lebensentwürfe Älterer in Tauschsystemen. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2006. 269 Seiten. ISBN 978-3-8255-0602-5. 24,90 EUR.

Reihe: Münchner Studien zur Kultur- und Sozialpsychologie, Band 16.
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Autorin

Die Autorin Dr. Ingrid Zundel hat als Referentin in der Hochschulplanung gearbeitet. Nach ihrer Verrentung hat sie ein Zweitstudium der Psychologie mit dem Schwerpunkt Gerontologie abgeschlossen. Mit 66 Jahren nahm sie 1996 einen Forschungsauftrag an der University of Massachusetts in Boston wahr und promovierte 2005 mit der vorliegenden Arbeit an der Freien Universität Berlin.

Zielgruppe

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin eingereichte Dissertation. Eine spezifische Zielgruppe wird nicht genannt, die Thematik und inhaltliche Gestaltung legen jedoch nahe, dass sich nicht nur akademisierte Gerontologen, sondern vor allem auch Praktiker und Planer Bürgerschaftlichen Engagements angesprochen fühlen dürfen.

Aufbau …

Das Buch gliedert neben Vorwort, Literaturverzeichnis und Anhang sich in 21 Kapitel unterschiedlicher Länge.

  1. Einführung
  2. Ziel der Untersuchung
  3. Umbau der Arbeitsgesellschaft und des Sozialstaats
  4. Vita Activa - vom tätigen Leben

  5. Grundlegung: Von der Erwerbsarbeit zum Bürgerengagement
  6. Forschungsdesign
  7. Definitionen
  8. Ein Ausschnitt aus der Kommunitarismus-Debatte
  9. Bürgerbeteiligung Älterer als Beitrag zur Zivilgesellschaft
  10. Seniorengenossenschaften und Tauschbörsen
  11. Wohnen und Wohnumfeld Älterer
  12. Lebensentwürfe in Gestalt neuer Wohnformen - selbstorganisiertes Wohnen in Gemeinschaft
  13. Empirischer Teil mit eigenen Untersuchungen
  14. Darstellung der Ergebnisse
  15. Überblick in Zusammenfassungen sämtlicher Interviews (teilweise gekürzt)
  16. Zusammenschau der Projekte hinsichtlich Problemen, Hürden, Barrieren und ihre Lösungsversuche
  17. Neue Befunde aus den Interviews
  18. Interpretation der neuen Befunde
  19. Ergebnisse aufgrund der Forschungsfragen Kap. 13.2
  20. Neue Lebensentwürfe Älterer in Tauschsystemen als Beitrag zum Kommunitarismus
  21. Schluss und Ausblick auf die Zukunft

… und Inhalt

"Künftiges Altern in Deutschland gehört wie die Arbeitslosigkeit zu den großen gesellschaftlichen Problemfeldern" heißt es im Klappentext des Buches, und die Autorin verfolgt mit ihrer Dissertation keinen geringeren Anspruch als "ein(en) Wegweiser für künftiges Altern dar(zu)stellen" (S. XVII). Ihr geht es um die Frage, was ältere Menschen tun können, um ihr Leben möglichst unabhängig von staatlichen Leistungen zu gestalten (S. 41). Nach einer knappen Einführung in das Verständnis einer alternden Gesellschaft (Kap. 1) wird das Ziel der Arbeit umrissen: Es geht um die Vorstellung der nach Ansicht der Autorin für künftige Altersgenerationen zukunftsweisenden Modelle der Seniorengenossenschaften, Zeittauschbörsen und des selbstorganisierten, gemeinschaftlichen Wohnens im Alter.

Zundels Studie ist von der Absicht getragen,"eine Perspektive in der Substitutionswirtschaft für künftige Altenkohorten zu eröffnen, wenn keine finanzielle Alterssicherung im heutigen Umfang mehr zur Verfügung steht"(S. 98). Unter dieser Leitvorstellung nennt sie für ihre Dissertation "drei übergeordnete Ziele, nämlich

  1. Verbesserung der finanziellen Lage späterer Rentner-Generationen
  2. gesellschaftliche Nutzung brachliegender Kompetenzen älterer Menschen
  3. neue Sinnfindung im Alter

sowie zwei nachgeordnete Ziele, die den Erfolg der Modelle sichern können, nämlich

  1. Herausarbeiten von Schwierigkeiten, Problemen und Hürden in den untersuchten Modellen
  2. Aufzeigen von Lösungsmöglichkeiten."(S. 6)

Die Konzentration auf diese drei Lebensformen (Seniorgenossenschaften, Zeittauschbörsen, selbstorganisiertes Wohnen) im Alter begründet die Autorin damit, dass sie sich "im Großen und Ganzen bereits gut bewährt haben" und auf Selbstorganisation und Selbstbestimmung ausgerichtet und in Verantwortung für das Gemeinwesen eingebettet sind (S. 37f.). Den theoretischen Hintergrund bilden die fragmentierten Diskussionen vom "Umbau der Arbeitsgesellschaft und des Sozialstaats" (Kap. 3) über Hannah Arendts Vorstellungen vom "tätigen Leben" (Kap. 4) bis zur Debatte um Bürgerengagement, Kommunitarismus und Zivilgesellschaft (Kap. 5, 8, 9). Auf dieser Grundlage wird die These entwickelt, dass gemeinsames Handeln in der Gemeinschaft auch eine (neue) Identität im Alter konstituiert (S. 21). Im Weiteren formuliert die Autorin normative Forderungen, wie z.B., dass "(g)esunde, kompetente ältere Menschen (…) in stärkerem Maße als bisher gesellschaftlich nicht mehr bezahlbare Arbeiten freiwillig und bürgerschaftlich engagiert übernehmen (sollten)", dass sie durch "Selbstsorge" (Foucault) den Sozialstaat entlasten können, sie eine Kultur schaffen mögen, "die beispielhaft auf Jüngere, Arbeitslose wirken kann" (S. 27f.). Sie wehrt sich gegen die Vorstellung, das Kommunitarismus und Bürgerarbeit Arbeitsplätze vernichten, vielmehr sieht sie die Leistungen der bürgerschaftlich Engagierten darin, dass diese "das staatliche System an solchen Stellen vor dem Zusammenbruch (bewahren), wenn sie gesellschaftlich notwendige Aufgaben übernehmen" (S. 57).

In den Kapiteln 10 und 12 behandelt Zundel die Seniorengenossenschaften und Tauschbörsen (Kap. 10) sowie die das selbstorganisierte Wohnen in Gemeinschaft (Kap. 12), dazwischen wird auf gut 2 Seiten das Thema "Wohnen und Wohnumfeld Älter" (Kap. 11) abgehandelt. Die Seniorengenossenschaften werden als "Bedarfsausgleichssysteme" (Ulrich) vorgestellt, die darauf ausgerichtet sind, "Guthaben aus eigener Arbeit für spätere eigene Bedarfsfälle aufzusparen" und deren übergreifende Funktionen insbesondere in der Erhaltung der Selbstständigkeit, Beratung in allen Lebenslagen, Betreuung für Hilfsbedürftige, finanziellen und solidarischen Hilfe sowie in der Koordinierung außergenossenschaftlicher Leistungen zu sehen seien (S. 61f.). Die Tauschbörsen werden hingegen als "begrenzter Zweckverband" gesehen, der gewissen Transaktionsrisiken und dem möglichen Scheitern des "Überbartens" ausgesetzt ist. Demgegenüber werden die Vorteile des nicht-monetären Tausches in der Mischung aus pragmatischen, sozialen und ökonomischen Motiven gesehen, wobei die Autorin insbesondere auf die nicht zu unterschätzenden sozialen Nebeneffekte, wie z.B. auf die Bildung von Freundschaften, Anregung der Solidarität und Förderung des Selbstvertrauens und Selbstbewusstseins verweist (S. 69f.). Sodann werden einige Seniorengenossenschaften (S. 71ff.) und selbstorganisierte Wohnformen (S. 83ff.) vorgestellt.

Es folgt der empirische Teil (Kap. 13-19), in dem die Autorin 13 Experteninterviews mit Vertretern unterschiedlicher Engagement-Ebenen durchgeführt und interpretiert hat. Als Experten gelten für sie jene Akteure, "die in oder mit den infrage stehenden Projekten arbeiten" (S. 39). Dabei unterscheidet sie zwischen den "hauptamtlichen Experten" der Kommunalbeamten und Vorstandsmitgliedern der einschlägigen Vereine und den in Tauschbörsen, Seniorengenossenschaften und Wohnprojekten engagierten "Experten des eigenen Lebens" (S. 7, 99). Darüber hinaus hat sie Veröffentlichungen der Seniorengenossenschaften, Geschäftsordnungen, Satzungen und Publikationen der Zeittauschbörsen und Wohnprojekte herangezogen. Anhand dieser Materialien untersucht sie insbesondere

  • die notwendigen Rahmenbedingungen zur "Ermöglichungsverwaltung" eines nachhaltigen bürgerschaftlichen Engagements,
  • die Rekrutierung und Voraussetzungen der Engagierten,
  • das ihnen zur Verfügung stehende Zeitbudget,
  • die Auswirkungen des bürgerschaftlichen Engagements in eigener Sache,
  • den Beitrag der Modelle zum Erhalt des "sozialen Friedens in Zeiten knapper Finanzressourcen" sowie
  • die Barrieren und möglichen Ursachen des Scheiterns der Modelle (S. 98).

Und so erfahren wir aus den Interviews, dass in allen Projekten immer wieder kommunikative Schwierigkeiten und bei den Seniorengenossenschaften auch finanzielle Engpässe auftreten oder dass die Seniorengenossenschaften in der Regel eingetragene Vereine sind, weil das deutsche Genossenschaftswesen zu bürokratisch und die Eintragung ins Genossenschaftsregister zu teuer ist (S. 217). Wir lernen nicht nur die phantasievollen Namen der Verrechnungseinheiten des geldlosen Ressourcentausches kennen, sondern werden auch in die Problematik des "Überbarterns" eingeführt, die immer dann entsteht, "wenn die angebotenen und nachgefragten Leistungen und Waren innerhalb eines Tauschsystems keine Interessenten finden und auf den Konten keine Bewegungen stattfinden können" (S. 67). Zundel weist darauf hin, dass eine bundesweite Vernetzung der Tauschbörsen hier Abhilfe schaffen könne, um nicht abgeforderte Angebote einzutauschen (S. 228), was jedoch eine Vereinheitlichung der unterschiedlichen Wertigkeit der Punktewährung voraussetze. Ganz andere Probleme ergeben sich in den von der Autorin untersuchten Wohnprojekten: Hier zeigen sich mitunter bereits starke Fluktuationen in der langwierigen Planungsphase, wenn die Beteiligten z.T. "Angst vor der eigenen Courage" bekommen, "wenn sie zum Zwecke des gemeinsamen Neuerwerbs ihre Immobilien verkaufen sollen, weil sie beim Scheitern ohne Sicherheiten dastehen könnten" (S. 226). Und bei den untersuchten Landkommunen stellt sich zudem die Gerechtigkeitsfrage, wenn die Akteure 50 Prozent ihres eigenen Einkommens an die Gemeinschaft abtreten sollen (S. 213f.).

Diskussion

Das Buch ist - für eine Dissertation durchaus nicht üblich - in einer erfreulich lesbaren und lebendigen Sprache verfasst, was sicherlich auch den abgedruckten Transkriptionen der Interviews zu verdanken ist. Die Gliederung indes - und das scheint für Dissertationen leider eher üblich - lädt nicht gleich zur Lektüre ein. 21 (!) Kapitel mit höchst unterschiedlichen Längen - von zwei bis 100 Seiten - und höchst verschiedenen Gliederungstiefen erscheinen zunächst einmal leseunfreundlich und hölzern im Aufbau. Doch Titel erwecken Erwartungen. Als ich im Rahmen meiner alternswissenschaftlichen Recherchen auf Ingrid Zundels Publikation "Kommunitarismus in einer alternden Gesellschaft. Neue Lebensentwürfe Älterer in Tauschsystemen" stieß, hatte ich die Hoffnung, dass hier mit tauschtheoretisch geschultem Blick auf die Vergemeinschaftung Älterer in der Gesellschaft geschaut wird. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht, auch wenn der Tausch in Gemeinschaften hier implizites Thema ist. Der von der Autorin unternommene Versuch, "das Konzept des Kommunitarismus zu 'erden' " (S. 254), hätte erfolgreicher verlaufen können, wenn die aus den Interviews gewonnenen Daten mit den in den Sozialwissenschaften vorliegenden Theorieangeboten zum Tausch und zur Vergemeinschaftung konfrontiert worden wären. So hat das Ganze einen eher nacherzählenden Charakter. Wenn Zundelsich in ihrem qualitativ-methodischen Vorgehen als "Portraitmalerin" versteht und sich in der Auswertung der Interviews auf das interpretative Paradigma beruft, so ist es zumindest unglücklich formuliert, wenn sie bekundet, dass ihr "Hauptinteresse nicht auf Deutungen, sondern auf der Rekonstruktion von Handlungsmustern" liege (S. 100). Was anderes als Deutungen können Rekonstruktionen sein? Denn jeder, der von einer Umwelt oder Lebenswelt eines anderen spricht, konstruiert, er beschreibt nicht die "tatsächliche" Um- oder Lebenswelt der Akteure, sondern das, was er selbst beobachtet und deutet.

Fazit

Ingrid Zundel hat sich in ihrer Dissertation dem aktuellen und zukünftig wohl noch mehr an Bedeutung gewinnendem Thema des bürgerlichen Engagements im Alter gewidmet. Ihre qualitativen Interviews mit den "Experten des eigenen Lebens" sind lesenswerte Momentaufnahmen aus dem Bereich selbstorganisierten Lebens im Alter. Insofern ist dieses Buch auch für Studierende der Sozialen Arbeit eine Möglichkeit, Einblick in die (geschilderte) Praxis von Seniorengenossenschaften, (Zeit-)Tauchbörsen und selbstorganisierten Wohnformen zu erlangen.


Rezensent
Prof. Dr. habil. Klaus R. Schroeter
Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) Hochschule für Soziale Arbeit, Institut Integration und Partizipation Professur für Altern und Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Klaus R. Schroeter. Rezension vom 22.08.2006 zu: Ingrid Zundel: Kommunitarismus in einer alternden Gesellschaft. Neue Lebensentwürfe Älterer in Tauschsystemen. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2006. ISBN 978-3-8255-0602-5. Reihe: Münchner Studien zur Kultur- und Sozialpsychologie, Band 16. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3633.php, Datum des Zugriffs 29.05.2016.


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