Bundesverband für stationäre Suchtkrankenhilfe e.V., Michael Heidegger u.a. (Hrsg.): Therapie und Arbeit. Suchtspezifische Ansätze
Bundesverband für stationäre Suchtkrankenhilfe e.V., Michael Heidegger, Andreas Bischoff, Anna Maria Janßen, Gerhard Lempke u.a. (Hrsg.): Therapie und Arbeit. Suchtspezifische Ansätze. Neuland Verlag (Geesthacht) 2002. 142 Seiten. ISBN 978-3-87581-219-0. 29,90 EUR.
Zum Thema
Neben der medizinischen und psychotherapeutischen Behandlung gehört die Arbeitstherapie zu den wichtigsten Säulen der stationären Rehabilitation Suchtkranker. Obwohl "bis zu 45% der Therapiezeit auf Arbeitstherapie entfallen" und sie damit "prozentual den größten Anteil am therapeutischen Angebot von Suchtfachkliniken hat", ist ihre Stellung und ihr Ansehen meist gering. Dies überrascht nicht, denn lange Zeit wurde Arbeitstherapie vor allem als "klinikinterne Dienstleistung" und unter Gesichtspunkten der Kostenersparnis betrachtet. Die Bedeutung von Arbeit und Arbeitstherapie im Dritten Reich trug sicher zu dieser geringen Reputation bei und erschwerte eine unvoreingenommene Auseinandersetzung. Das Verständnis hat sich mittlerweile geändert, denn Arbeitstherapie wird heute primär als eine Trainingsmaßnahme zur Wiederherstellung bzw. Steigerung des Leistungsvermögens im Erwerbsleben verstanden. Darüber hinaus wird Arbeitstherapie als Therapeutikum betrachtet, das Ziel besteht in der Verbesserung der Grundarbeitsfähigkeiten und der sozialen Fähigkeiten sowie einer realistischen Selbsteinschätzung. Allerdings ist die konzeptionelle Entwicklung der Arbeitstherapie, insbesondere aber ihre theoretische Fundierung und die empirische Befundlage immer noch gering. Diagnostik, Indikation und Dokumentation sind — jedenfalls im Vergleich zur Psychotherapie — kaum elaboriert, Wirksamkeitsstudien gibt es — vermutlich — überhaupt nicht. Vor diesem Hintergrund kommt dem vom Bundesverband für stationäre Suchtkrankenhilfe herausgegebenen Buch eine wichtige Orientierungsfunktion zu.
Zur Entstehung
In diesem Buch werden die Ergebnisse eines zweitägigen, gründlich vorbereiteten Projektforums "Therapie und Arbeit" des Bundesverbandes für stationäre Suchtkrankenhilfe e.V. (buss) zusammengefaßt, das im Januar 2000 in Fulda stattfand. In sechs Arbeitsgruppen wurden verschiedene Themen der Arbeitstherapie in der Rehabilitation Suchtkranker erörtert. An dem Forum nahmen fast ausschließlich Praktiker verschiedener Suchtfachkliniken teil.
Dieses Buch ist der erste Band einer neuen vom Bundesverband für stationäre Suchtkrankenhilfe e.V. herausgegebenen Publikationsreihe "buss-Diskussionsforum", "die sich explizit als Forum des fachlichen Diskurses für die Suchtkrankenversorgung begreift".
Inhalt und Aufbau
Nach einer "Einführung in das Thema" (Gerhard Lempke), werden die Ergebnisse der sechs Arbeitsgruppen in eigenen Beiträgen dargestellt.
- In dem Beitrag "Ansätze, Leitbilder und Gewichtung der Arbeitstherapie" (Michael Heidegger) wird vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung der Arbeitstherapie eine Standortbestimmung vorgenommen, die in einen Anforderungskatalog für "eine adäquate Arbeitstherapie für Suchtkranke" mündet. Ausführlich werden die drei Aspekte "Arbeitstherapie als Trainingsmaßnahme", "Arbeit als Therapeutikum und Symbol" und "Arbeitstherapie als Dienstleistung" kritisch diskutiert.
- Der zweite Beitrag "Ziele, Begriffe und rechtliche Grundlagen der Arbeitstherapie" (Winfried Ruf) beschreibt vor allem die rechtlichen Grundlagen der "Belastungserprobung und Arbeitstherapie" und die verschiedenen Berufsbilder, Tätigkeits- und Anforderungsvoraussetzungen derjenigen, die in der Arbeitstherapie/Belastungserprobung arbeiten (u.a. "Arbeitserzieher", "Erzieher am Arbeitsplatz" und "Ergotherapeut").
- Der folgende Beitrag über "Diagnostik, Indikation und Dokumentation aus sozialmedizinischer Sicht" (Harald R. Schuler) verdeutlicht die Notwendigkeit und beschreibt das Vorgehen einer "sozialtherapeutischen Nebendiagnose" und Indikation. Die Aufstellung eines Therapieplanes mit Zielbeschreibung, die Durchführung arbeitstherapeutischer Verlaufsbeobachtung, Zielüberprüfung und Dokumentation der Zielerreichung sind die weiteren Schritte im arbeitstherapeutischen Prozeß.
- Im Beitrag "Arbeitsfelder, Instrumente und Ablauf der Arbeitstherapie" (Josef Müller) wird ausgehend von einer Befragung von Suchtfachkliniken das therapeutische Vorgehen sehr konkret beschrieben. Für das Verständnis sehr hilfreich sind die beispielhaft dargestellten Einschätzbögen, in denen die Arbeitsfähigkeiten und die Arbeitsanforderungen im Einzelfall beurteilt und jeweils einander gegenübergestellt werden können.
- In dem Beitrag "Interne und externe Vernetzung der Arbeitstherapie (Sozialtherapie)" (Anna Maria Janßen) wird anhand der Gegenüberstellung der Begriffe Alltag und Sozialtherapie noch einmal verdeutlicht, daß Arbeitstherapie alle Arbeiten umfaßt, "die aufgrund einer Diagnose angeordnet/vereinbart werden und die eine systematische, begründete Intervention darstellen, unabhängig ... davon, ob die Fachklinik zusätzlich einen Nutzen von der geleisteten Arbeit hat", ausschließliche Dienstleistung von Patienten ist keine Arbeitstherapie. Die vielfältigen Vernetzungen und die damit verbundenen Probleme innerhalb und außerhalb der Klinik werden vorgestellt.
- Der letzte Beitrag "Berufspolitische Aspekte der Arbeitstherapie" (Andreas Bischoff) setzt sich besonders mit berufspolitischen Aspekten der Arbeitstherapie und deren Vergütung auseinander. Kritisch wird vermerkt, daß Ergotherapeuten, die zwar eine umfangreiche theoretische Ausbildung haben und häufig psychotherapeutisch orientiert sind, gegenüber den Arbeitserziehern im Nachteil sind, die in der Regel eine Ausbildung in einem kaufmännischen oder handwerklichen Beruf und langjährige praktische Erfahrungen mit Arbeit und dem Arbeitsleben haben.
Den Abschluß bildet ein kurzes Kapitel "Zusammenfassung und Ausklang" (Gerhard Lempke), in dem kritisch die Frage gestellt wird, "Will der Patient Arbeitstherapie? Hat er das Gefühl, sie helfe ihm? Drängt er nach Arbeit in der Therapie?" und eine "Kommentierte Bibliographie zur Arbeitstherapie" (Michael Heidegger).
Zielgruppe
In der Suchtkrankenhilfe und Suchtprävention tätige Ergotherapeuten, Arbeitserzieher und andere Mitarbeiter in der Arbeitstherapie sowie Ärzte, Psychologen, Sozialpädagogen und Sozialarbeiter.
Bewertung
Das Buch beleuchtet das Thema Arbeitstherapie in der stationären Rehabilitation Suchtkranker aus verschiedenen Blickwinkeln. Es ist eine gelungene Bestandsaufnahme. Die therapeutischen Vorgehensweisen werden ebenso sichtbar wie die rechtlichen, ethischen, organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen. Probleme und Schwierigkeiten werden schonungslos zur Sprache gebracht. In dem Buch wird eine Vielzahl von Anforderungen und Qualitätskriterien formuliert, die verdeutlicht, daß in der Arbeitstherapie mittlerweile ein Standard an Fachlichkeit gegeben ist. Individualisierung, indikationsgeleitete und zielorientierte Intervention, interne und externe Vernetzung und Professionalisierung sind zentrale Kriterien ebenso wie individuelle Diagnostik, fortgesetzte Dokumentation und Evaluation. Das Buch macht immer wieder deutlich, daß Arbeitstherapie an der Arbeitsrealität und den Bedingungen von Arbeitsmarkt und Beruf orientiert sein muß.
Das Buch enthält viele schwer zugängliche Materialien, die von rechtlichen Bestimmungen über Curriculae von Ausbildungsgängen, Arbeitsmaterialien und Bögen für die Beurteilung der Arbeitstherapie bis hin zur "Klassifikation therapeutischer Leistungen in der medizinischen Rehabilitation — arbeitstherapeutisch relevante Leistungen" (KTL) und der "Internationalen Klassifikation der Schädigungen, Fähigkeitsstörungen und Beeinträchtigungen" (ICIDH) im Anhang reichen.
Zwei Aspekte habe ich vermißt. Erstens: das Buch beschreibt die Arbeitstherapie ausschließlich aus deutscher Perspektive. Wie sieht die Entwicklung in anderen Ländern aus? Läßt sich aus dem Vorgehen und dem Diskussionsstand in anderen Ländern etwas für die Weiterentwicklung der Arbeitstherapie in der Bundesrepublik Deutschland ableiten? Zweitens wird in dem Buch an keiner Stelle auf empirische Wirksamkeitsnachweise hingewiesen. Gibt es keine empirischen Nachweise? Über beides hätte ich gerne etwas erfahren. Kritisch ist weiterhin anzumerken, daß der Titel des Buch nicht ohne weiteres auf das Thema Arbeitstherapie hinweist.
Fazit
Ein verständlich geschriebenes Buch, das gut informiert, ein Buch, das motiviert, sich genauer mit der Arbeitstherapie zu beschäftigen. Vielleicht ist es erst jetzt — 50 bis 60 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches — möglich, sich vorurteilsfrei mit der Arbeitstherapie zu beschäftigen und ihre Bedeutung für die Rehabilitation unvoreingenommen zu bestimmen.
Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Schulz
Technische Universität Braunschweig
Institut für Psychologie
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Zitiervorschlag
Wolfgang Schulz. Rezension vom 18.08.2002 zu: Bundesverband für stationäre Suchtkrankenhilfe e.V., Michael Heidegger, Andreas Bischoff u.a. (Hrsg.): Therapie und Arbeit. Suchtspezifische Ansätze. Neuland Verlag (Geesthacht) 2002. 142 Seiten. ISBN 978-3-87581-219-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/364.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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