Kölnischer Kunstverein: Projekt Migration
Kölnischer Kunstverein: Projekt Migration. DuMont Literatur und Kunst Verlag (Köln) 2005. 888 Seiten. ISBN 978-3-8321-7660-0. 98,00 EUR, CH: 155,00 sFr.
Anlässlich des "Projekt Migration" (2002 - 2006), das von der Kulturstiftung des Bundes initiiert und gefördert wurde. Das Buch begleitet die Ausstellung zum "Projekt Migration", die vom 30. September 2005 bis 15. Januar 2006 im Kölnischen Kunstverein und an zwei weiteren Orten in Köln stattgefunden hat.
Entstehungshintergrund
Anlässlich des "Projekts Migration" (2002-2006), das von der Kulturstiftung des Bundes initiiert und gefördert wurde, begleitet das hier rezensierte Buch die Ausstellung zum gleichnamigen Projekt. Die Ausstellung fand vom 30. September 2005 bis zum 15. Januar 2006 im Kölnischen Kunstverein und an zwei weiteren Orten in Köln statt.
Beteiligte Institutionen des Gemeinschaftsprojektes sind neben dem Kölner Kunstverein das Kölner Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V., die Züricher Hochschule für Gestaltung und Kunst und das Institut für europäische Ethnologie der Universität Frankfurt. Im Jahr 2002 begann das mehrdimensionale Projekt. In den folgenden Jahren fanden mehr als 100 Veranstaltungen statt, sowohl Workshops als auch Film- und Vortragsreihen und ein wissenschaftliches Symposium in Griechenland. Bis zum Beginn des Jahres 2006 rundete eine Ausstellung, ein weiteres Symposium, ein Filmfestival und ein umfangreiches Begleitprogramm die interdisziplinäre Projektarbeit ab
Einführung
Der von der Kulturstiftung des Bundes initiierte Band aus Anlass des 50. Jahrestages des deutsch-italienischen Anwerbevertrages (20.12.1955) für Arbeitsmigranten dokumentiert, skizziert und kommentiert auf 869 Seiten die Nachkriegsgeschichte der Zuwanderung in die Bundesrepublik Deutschland. Es sind insbesondere die Reise von mehr als fünf Millionen Türken, Italienern, Griechen, Spaniern, Portugiesen, Jugoslawen und vielen weiteren, die Ankunft und das Alltags- und Arbeitsleben in der Bundesrepublik Deutschland, die im Fokus der Betrachtung und Analyse stehen. So unternimmt der Band den zuvor nicht in diesem Umfang gewagten Versuch, historische Recherchen, sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung und (bild-)ästhetische und künstlerische Produktionen zum Thema in einen Dialog zu setzen. In einem solchen Zusammenspiel aus dokumentarischen, journalistischen, wissenschaftlichen Texten, Essays, Interviews und Skizzen und Fotografien und Dokumenten, die je spezifische Ausschnitte verschiedener Migrationsphasen, -prozesse und -situationen abbilden, wird der Themenkomplex Migration in ein neues Licht gesetzt. Das theoretische Verständnis des Phänomens Migration ist dabei ein soziologisches: Migration - früher auch: Wanderungsmobilität - wird als zentraler Motor des sozialen Wandels von Gesellschaften konzeptionalisiert. So kann und will die Publikation keine Deckungsgleichheitzwischen dem eigenen theoretischen und auch künstlerischen Anspruch und dem individuellen und kollektiven Moment der Planung und des Aufbruchs der Migranten in die Ferne, dem nicht nur rationale, sondern auch utopische und hoffnungsvolle Momente inne wohn(t)en, erreichen.
Aufbau
Namhafte international anerkannte Migrationstheoretiker wie Stuart Hall, Saskia Sassen, Arjun Appadurai oder Etienne Balibar vertreten ihre Positionen zu spezifischen Abschnitten des Themenkomplexes. Der Soziologe Ulrich Beck kommt ebenso zu Wort wie der grüne EU-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit. Theoretiker wie Diedrich Diederichsen, Tom Holert und Mark Terkessidis aus dem popkulturellen Kontext der Zeitschrift "Spex" äußern sich neben einer Vielzahl weiterer Autoren aus dem internationalen Umfeld. Um dem transnationalen Moment der Migration gerecht zu werden, sind eine Vielzahl von Texten und schriftlichen Skizzen in den Originalsprachen abgedruckt, die jeweilige Übersetzung findet sich im Anhang. Zwischen den einzelnen Texten, Interviews, Essays und Skizzen sind meist auf mehreren Seiten Fotografien, Zeichnungen, Briefe, Plakate und Kunstwerke zu betrachten, die in einem Bezug zu bestimmten Phasen und Situationen der Zuwanderung in die Bundesrepublik, in die DDR und in weitere Teile Europas darstellen. Die Herangehensweise an den Themenkomplex der Migration ist also eine "transdisziplinäre": Migration wird aus theoretischer, künstlerischer und wissenschaftlicher Perspektive konzeptionalisiert. Dabei wird in den Beiträgen nicht der Versuch unternommen, eine "interkulturelle Diskussion" entlang unterschiedlicher Herkunftsperspektiven zu führen, sondern der Dialog verläuft vornehmlich zwischen unterschiedlichen theoretischen und politischen Perspektiven.
Inhaltliche Skizzen
Das "Projekt Migration" konzeptionalisiert vor dem Hintergrund der bundesrepublikanischen Entwicklung von einer Industrie- zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft die Konstellationen, in denen Menschen mit Migrationshintergrund in Erscheinung treten.
Den Hintergrund der Analyse bilden u.a. solche politischen Veränderungen wie die Erweiterung der EU, die Europäisierung und Globalisierung der Politik und Wirtschaft oder die Regulierungs- und Kontrollbefugnisse von suprastaatlichen Organisationen in Bezug auf nationalstaatliche migrationspolitische Entscheidungen. Zudem werden die "gesellschaftlichen Konstruktionen" von Migration und deren Entstehungsbedingungen und Urheber behandelt.
Sehr interessant und aufschlussreich wird gleich zu Beginn des Bandes geschildert, dass die Rundfunkanstalten in Ost und West zu Zeiten der Anwerbepolitik und des Kalten Krieges versuchten, die Migranten massiv durch politische Rundfunksendungen in der Heimatsprache zu beeinflussen. Diese indirekten Konsolidierungsversuche der westlichen resp. östlichen Politik führten dann im Anschluss auch zu Konfliktsituationen auf der diplomatischen Ebene zwischen den Anwerbestaaten und den entsendenden Nationen. Weitere Skizzen, Dokumentationen, Interviews oder auch Songtexte wie "Fremd im eigenen Land" von der HipHop-Formation "Advanced Chemistry", deren Mitglieder selbst einen Migrationshintergrund besitzen, stehen neben einer Vielzahl von imponierenden Fotografien, die zahlreiche Kontexte aus dem Leben von Migranten der Vergangenheit dokumentieren. Es sind insbesondere diese Fotos, die einen sehr eindrucksvollen Blick auf die kaum noch existente industrielle Arbeit und das alltägliche Leben der Migranten zur Zeit des Wirtschaftswunders mit seinen Fabriken, Hochöfen und Zechen werfen. Die Ankunft in der Gegenwart ist dann weniger romantisch verklärt: Mölln, Solingen, Hoyerswerda, Lichtenhagen und "Ausländer raus" sind die Stationen auf dem Weg vom vereinigten Deutschland hin zu einer globalisierten Moderne bei gleichzeitig zunehmenden sozialen Ungleichheitsstrukturen. Dass ein Großteil der Personen mit Migrationshintergrund die anhaltende soziale Unterschichtung unserer Gesellschaft auch in der Gegenwart am eigenen Leib erfahren, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.
Zum theoretischen Ansatz und Verständnis
Die hier vorgelegte Dokumentation und skizzenhafte Geschichtsschreibung der Migration in die Bundesrepublik Deutschland nimmt die Perspektive der Migrationsbewegungen ein und vernachlässigt - zu Recht - den nationalstaatlichen Blickwinkel (der noch bis vor kurzem bestritt, die Bundesrepublik sei ein Einwanderungsland). Im Gegensatz zu einem nationalstaatlichen Blickwinkel auf Migration, der im klassischen In-Group-Out-Group-Schema die neu ankommenden Menschen als "die Anderen", "die Fremden" oder "die Ausländer" bezeichnet, um sich selbst - mit unterschiedlichen Mitteln - gegenüber den Anderen ins Zentrum zu setzen und sich ihnen gegenüber zu erhöhen, versucht der hier vorliegende Band diesen Blickwinkel zu überwinden. Migration und die sich hieraus entwickelnden inner- und zwischenstaatlichen Veränderungsprozesse werden als das "Normale" konzipiert. Migrationsprozesse sind ein wesentlicher Bestandteil der europäischen Geschichte und ihrer Nationalstaaten. Der Tatsache, dass transnationale Migrationsprozesse die Gestalt Europas und der Bundesrepublik entscheidend geprägt und verändert haben, wird Rechnung getragen. Darüber hinaus präg(t)en die Wanderungsbewegungen schon immer die Interdependenzen verschiedener Gesellschaften, Gemeinschaften und Gruppen; sie waren je für deren wechselseitige Veränderungen verantwortlich.
Behandelt wird im Band vornehmlich der gesellschaftliche Wandel der Bundesrepublik und (des Nachkriegs-)Europas durch eben diese zu allen Zeiten existente Zuwanderung - früher: "Gastarbeit" - vieler Millionen Arbeitsmigranten. Migration wird - sowohl aus der Perspektive der Forschung und Dokumentation als auch aus dem Blickwinkel der Kunst - so als die entscheidende Einflussgröße auf die konkret erfahrbare Veränderung der gesellschaftlichen Entwicklung und des alltäglichen Miteinanders verstanden. Die im Zuge der Arbeitskräfteanwerbung der Bundesrepublik und der Vertragsarbeitsregelungen der DDR mehr als fünf Millionen zugewanderten Menschen haben die deutsche Geschichte vor und hinter der Mauer und nach dem Fall derselben entscheidend mitgeprägt. Ebenso haben sie wirtschaftliche Prozesse in Gang gesetzt und die Alltags- und Populärkultur geformt.
Zielgruppe
Der Band richtet sich sowohl an die Fachöffentlichkeit als auch an alle interessierten Personen, die sich dem Themenkomplex Migration nähern wollen oder bereits erworbenes Wissen um neue inhaltliche Zusammenhänge und theoretische Aspekte erweitert wissen wollen. Zusätzlich findet die Dokumentation interessierte Leser und Beobachter in kunstinteressierten Personen, die sich für fotografische Dokumentationen und realistische Abbildungen historischer Kontexte begeistern.
Diskussion
Die Auseinandersetzung entlang dem historischen und gegenwärtigen Phänomen der Migration bleibt skizzenhaft. Nicht nur der Aufbau sondern auch die theoretische, wissenschaftliche und künstlerische Annahme des Themas verlaufen synchron zur Geschichte der Migration selbst: Migration ist und bleibt ein inter- und transnationales Phänomen, das eben keine synchrone oder simultane Anordnung kennt und auch nie zu einem definierbaren Ende finden wird. Insofern orientiert sich die Konzeption an der Empirie und die Vorläufigkeit vieler behandelter Themen der Migration spiegelt die Realität gesellschaftlichen Wandels. Gleichzeitig gibt der Band in seiner thematischen Vorläufigkeit Anlass und Anschluss für eine Vielzahl weiterer theoretischer, wissenschaftlicher und künstlerischer Anknüpfungspunkte an das Thema.
Der Band besticht nachhaltig durch seine fotografischen Dokumentationen, die einen leibhaftigen und äußerst imposanten Eindruck von historischen Momentaufnahmen individueller und kollektiver Migrationserlebnisse und -geschichten vermitteln.
Der stolze Preis ist für den Umfang und das Gewicht des Bandes durchaus gerechtfertigt. Gleichzeitig wird dieser Preis aber wohl dafür sorgen, dass sich hauptsächlich "Insider", "Theorie- und Kunstinteressierte" und weniger generell Interessierte mit dem Band und der Thematik auseinandersetzen. Und auch unabhängig davon kann bezweifelt werden, dass sich der Personenkreis dieser Veröffentlichung annehmen wird, von dem hier die Rede ist: die Migranten selbst.
Fazit
In Zeiten von regierungspolitischen Sicherheitsdiskursen, Ausgrenzungsbestrebungen gegenüber "integrationsunwilligen Ausländern", "gewaltbereiten Jugendlichen mit Migrationshintergrund" und Darstellungen von latenten und offenen Gefahren für die "Festung Europa" durch Migration erscheint der Band "Projekt Migration" gerade rechtzeitig. Er setzt somit ein gewichtiges und umfangreiches Zeichen gegen einen neu und abermals aufkommenden Rassismus in der bundesrepublikanischen Gesellschaft.
Rezensent
Dr. phil. Eckart Müller-Bachmann
M.A., Soziologe
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Eckart Müller-Bachmann. Rezension vom 04.07.2006 zu: Kölnischer Kunstverein: Projekt Migration. DuMont Literatur und Kunst Verlag (Köln) 2005. 888 Seiten. ISBN 978-3-8321-7660-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3661.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Gisela Hauss, Susanne Maurer (Hrsg.): Migration, Flucht und Exil im Spiegel der sozialen Arbeit
Marianne Krüger-Potratz, Werner Schiffauer (Hrsg.): Migrationsreport 2010
Stellenangebote
Einrichtungsleiter/in Ambulanter Dienst für Menschen mit geistiger Behinderung, Bremen
Sozialarbeiter/-pädagoge (w/m) für Sozialen Dienst oder Pflegekinderdienst, Waldshut-Tiengen
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
