Bernhard Blanz, Helmut Remschmidt u.a.: Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter
Bernhard Blanz, Helmut Remschmidt, Martin Schmidt, Andreas Warnke: Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter. Ein entwicklungspsychopathologisches Lehrbuch. Schattauer (Stuttgart) 2006. 582 Seiten. ISBN 978-3-7945-2175-3. 99,00 EUR, CH: 153,00 sFr.
Einführung in die Themenstellung und Entstehungshintergrund
Das Störungswissen der Kinder- und Jugendpsychiatrie hat sich aus der fallweisen Kenntnis und möglichst genauen Beschreibung psychischer Funktionen und Verhaltensweisen entwickelt, die als abweichend und dysfunktional identifiziert wurden. Dieses Wissen ist in das ICD, den International Code of Disease mit eingegangen. Der dabei implizierte Bezug auf ein Modell "normaler Funktionen" und normgerechter Entwicklung wurde in der entwicklungspsychopathologischen Forschung systematisch aufgegriffen. Faktoren, die das Risiko einer dysfunktional abweichenden Entwicklung empirisch erhöhen, und Schutzfaktoren, die Risikoentwicklungen entgegenwirken, werden in verschiedenen epidemiologischen Längsschnittstudien seit Jahren untersucht. Hinzu kommen Kenntnisse aus klinischen Verlaufsstudien über die unterschiedlichen Prognosen behandelter psychischer Störungen. Die störungsbezogene Integration des kasuistisch gewonnen Praxiswissens und der statistisch abgesicherten Erkenntnisse über Varianten und Kontextbedingungen verschiedener Entwicklungsverläufe ist eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe. Zum einen erfordert sie einen hohen theoretischen Begründungsaufwand, denn der empirische Zusammenhang bestimmter Risikobedingungen mit bestimmten Störungsverläufen muss vor dem Hintergrund hochkomplexer psychologischer und neurobiologischer Funktionsmodelle verstanden werden. Zum anderen wird von einem kinder- und jugendpsychiatrischen Lehrbuch trotz aller Komplexität der Zusammenhänge eine entscheidungsorientierte, praxisbezogene Haltung gegenüber dem Faktenwissen erwartet.
Das vor 3 Jahren im Schattauer-Verlag erschienene Lehrbuch "Entwicklungspsychiatrie" konnte hier Maßstäbe setzen. Die Autoren des vorliegenden Buches waren auch 2003 als Autoren oder Herausgeber beteiligt. Die jetzige Veröffentlichung geht zurück auf eine Konzeption, die Helmut Remschmidt und Martin H. Schmidt im Jahr 2000 in dem Band "Psychiatrie der Gegenwart" vorgelegt haben. Bernhard Blanz und Andreas Warnke wurden als zusätzliche Autoren hinzugewonnen. Die vier Ordinarien für Kinder- und Jugendpsychiatrie zeichnen gemeinsam für alle Beiträge des Werkes verantwortlich. Auf die Leistung der beteiligten Mitarbeiter der kinder- und jugendpsychiatrischen Universitätskliniken Jena, Marburg und Würzburg sowie des ZI Mannheim wird in der Danksagung hingewiesen.
Aufbau und Inhalte
Die von Remschmidt und Schmidt entwickelte Konzeption wird im vorliegenden Lehrbuch im Prinzip auf alle für Kinder- und Jugendliche relevanten Störungsbilder des ICD-10 angewendet. Im Kern geht es den Autoren um eine Gruppierung der im Kindes- und Jugendalter relevanten ICD-10-Diagnosen nach übereinstimmenden Entwicklungs- und Verlaufsaspekten der klassifizierten Störungen. Die Forderung der Autoren, den "Entwicklungsbezug in der Klassifikation psychischer Störungen" stärker zu berücksichtigen, wird einleitend begründet. Ziel ist ein "verlaufsorientierter Klassifikationsansatz", der die Störungen weniger hinsichtlich ihrer vermutlichen Entstehungsgeschichte, vielmehr bezüglich ihres wahrscheinlichen Verlaufs gruppieren will. Die vorgeschlagene Klassifikation unterscheidet:
- "Entwicklungsvarianten und Belastungsreaktionen"
- "Früh beginnende Störungen mit überdauernder Entwicklungsbeeinträchtigung"
- "Reifungsabhängige Störungen"
- "Altersspezifisch beginnende Störungen"
- "Entwicklungsabhängige Interaktionsstörungen"
- "Früh beginnende erwachsenentypische Störungen"
Etwa 100 Störungsbeschreibungen des ICD-10, sowie einige dort nicht zu findende Syndrome werden diesen sechs Kategorien zugeordnet. Hinzu kommen Beschreibungen der "Entwicklungsvarianten", die als Normabweichungen unterhalb der kinder- und jugendpsychiatrischen Interventionsschwelle verstanden werden, bei denen allerdings "Beobachtungs- und Präventionsbedarf" gegeben sein könne. Da im Entwicklungsverlauf oft nur ein zeitlich begrenztes "Interventionsfenster" gegeben ist, um chronischen Funktionsdefiziten entgegenzuwirken, kommt der frühen Identifizierung von Risikoentwicklungen hohe Bedeutung zu. Die Autoren unterscheiden u.a. Entwicklungsvarianten
- von Motorik und Sprechmotorik,
- Schlaf, Ernährung und Ausscheidungsfunktionen
- des Bindungsverhaltens
- von Emotionen und Affekten
- Interessen und Motivation
- des Geschlechts- und Sexualverhaltens
- von Selbstkonzept und Selbstwert
Die Darstellungen der "Entwicklungsvarianten" umfassen jeweils 2-3 Seiten, die eine Einstimmung auf die Fragestellung geben. Klare operationale Kriterien zur Feststellung eines Interventionsbedarfs werden dabei nur vereinzelt herausgestellt. Wünschenswert wäre ein themenbezogener Verweis auf geeignete Screening-Verfahren gewesen; auf solche geht erst das Diagnostik-Kapitel am Schluss des Buches ein.
Belastungsreaktionen werden als in der Regel "passagere", nur "vorübergehend" interventionsbedürftige Störungen verstanden. Hierzu zählen die Autoren neben den Anpassungsstörungen und Akuten Belastungsreaktionen auch die Posttraumatische Belastungsstörung, wobei in der störungsbezogenen Darstellung dann auf deren tatsächlich heterogenen Verlauf hingewiesen wird.
Alle Störungsbeschreibungen des Buches beginnen mit einer Fallvignette und beschreiben das charakteristische Klinische Bild. Es erfolgen Angaben zur Entwicklungspsychopathologie. Pathogenetische Erklärungsansätze und die Differentialdiagnostik werden diskutiert. Abschließend benennen die Autoren jeweils störungsbezogene Interventionsansätze, wobei die Auswahl auf verhaltensmedizinische und pharmakotherapeutische Methoden beschränkt ist. Die Darstellungsweise wirkt praxisorientiert, "griffig". Auch die größeren Beiträge, etwa zum Drogenkonsum, umfassen nur wenige Seiten. Abgerundet wird das Buch durch ein erfreulich materialreiches Kapitel zu diagnostischen Verfahren und einen systematischen Überblick über verschiedene therapeutische Interventionsformen. Das 10. und letzte Kapitel stellt sehr interessante Daten zur Epidemiologie, Pathogenese und Prävention zusammen, u.a. wird auf die Ergebnisse der Mannheimer Kurpfalzstudie eingegangen.
Zielgruppe
Das Buch wirkt nahezu ideal auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten: den im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätigen Arzt, der nach fundierter und rascher Orientierung bei der Einordnung psychischer Störungsbilder sucht. Und doch fällt es schwer, das Buch uneingeschränkt zu empfehlen. Die von den Autoren entwickelte Klassifikation wirkt zwar vom Grundansatz her vielversprechend, doch besteht hinsichtlich der Konstruktvalidität des Entwurfs sicher noch Diskussionsbedarf, beispielsweise hinsichtlich der Frage, zu welchem Grad Störungsverläufe durch unspezifische Risiko- und Komplikationsfaktoren beeinflusst werden und hinsichtlich der Bewertung komorbid auftretender Störungen. Angesichts in Zukunft möglicherweise zu erwartender DiagnosisRelatedGroups-Konzepte in der Kinder- und Jugendpsychiatrie kommt diesen Fragen große Bedeutung zu. Die generelle Einordnung eines Störungsbildes als "passager", "reifungsabhängig" oder "entwicklungsabhängig" kann ohne Berücksichtigung relevanter Varianzfaktoren leicht Missverständnisse erzeugen. Es liegt zudem in der Natur der Sache, dass sich nicht alle Störungen gleichermaßen gut in eine Kategorie fügen und verschiedene Schweregrade aufweisen können. Problematisch erscheinen vor diesem Hintergrund die stark generalisierenden Aussagen zu den Klassifikationskategorien. So wird etwa formuliert, dass der Interventionsbedarf bei den "reifungsabhängigen Störungen" sich "mehr nach subjektiven Bedürfnissen als nach objektiven Kriterien" richte, zugleich werden jedoch zu dieser Kategorie Störungen wie Enkopresis, Generalisierte Angststörungen des Kindesalters und Störungen des Sozialverhaltens gerechnet, die sehr gravierende Auswirkungen auf die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben haben können.
Fazit
Zusammenfassend ergibt sich am Schluss des Buches das Gefühl, einen vielversprechenden Ansatz kennen gelernt zu haben, der allerdings noch fachliche Diskussion und weitergehende empirische Absicherung verdient hätte, bevor er in die Anwendungsphase geht.
Rezensent
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 12.10.2006 zu: Bernhard Blanz, Helmut Remschmidt, Martin Schmidt u.a.: Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter. Schattauer (Stuttgart) 2006. 582 Seiten. ISBN 978-3-7945-2175-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3667.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
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