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Michael Opielka (Hrsg.): Bildungsreform als Sozialreform

Cover Michael Opielka (Hrsg.): Bildungsreform als Sozialreform. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 157 Seiten. ISBN 978-3-531-14853-3. 22,90 EUR.

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Thema

Die Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates schrieb schon 1970 in dem für die Bildungsdebatte der 70er Jahre richtungsweisenden "Strukturplan für das Bildungswesen", das "dem Bildungswesen insbesondere die Aufgabe (zufällt), die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der einzelne das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit sowie das Recht auf freie Wahl des Berufs (Art 12) wahrnehmen kann." (S.25) Und er schrieb den Bildungsverantwortlichen unter der Überschrift Chancengleichheit ins Stammbuch: "Die Verbesserung der Bildungschancen wird vorwiegend unter dem Gesichtspunkt gesehen, dass Benachteiligungen aufgrund regionaler, sozialer und individueller Voraussetzungen aufgehoben werden müssen." (S.30)

Die Bildungsforschung hat in den 60er Jahren soziale Benachteiligung untersucht und herausgefunden, dass - verkürzt und zusammengefasst - katholische Mädchen aus Arbeiterfamilien auf dem Lande die Verliererinnen im Selektionsapparat Bildungswesen waren. Wenn auch heute soziale Benachteiligung im Bildungswesen anders buchstabiert wird - Migrantenkinder aus bildungsfernen Verhältnissen -, so kann doch konstatiert werden, dass soziale Benachteiligung weiterhin existiert. Die Frage der sozialen Benachteiligung ist der rote Faden dieses Buches. Dies wird in fast allen Beiträgen des Buches eindrucksvoll dokumentiert, insbesondere im Beitrag von Allmendinger und Leibfried "Bildungsarmut, Zum Zusammenhang von Sozialpolitik und Bildung" S.45ff. Dennoch ist es schade, dass das auf die heftige Debatte und die daraus folgenden Reformen im Bildungswesen in den 70er Jahren so gar nicht reflektiert werden. Sie scheint aus dem kollektiven Gedächtnis der Bildungsexperten so gut wie verschwunden zu sein, schreibt doch Rauschenbach, dass "(a)usgelöst durch die erste PISA-Studie Bildung und Lernen verstärkt in das Blickfeld von Politik und Öffentlichkeit geraten (sind)." S.89

Hier sei noch mal auf den Strukturplan rekurriert, der konstatiert, dass die folgenden Punkte schon damals aufgrund der intensiven Debatte "Gemeingut geworden sind:

  • Ausbau der vorschulischen Erziehung für die Drei- und Vierjährigen,
  • Einschulung der Fünfjährigen,
  • Umwandlung der Grundschule,
  • Einführung eines obligatorischen zehnten Bildungsjahre,
  • Angebot eins qualifizierten mittleren Abschlusses (Abitur I) an alle,
  • Differenziertes Fächerangebot auf der Oberstufe (Sekundarstufe II),
  • Verstärkter Zugang zum Hochschulbereich über berufliche Bildungänge." (Strukturplan S.19)

Es soll nicht hier der Eindruck einer nostalgischen Rückschau vermittelt und die Versäumnisse und Erfolge der Bildungspolitik seit 1970 in Erinnerung gerufen werden. Die Beiträge des Buches stellen zwar die wichtigsten Aspekte der heutigen Debatte auf dem Hintergrund der neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse  dar. Die Schriften von Picht "Die deutsche Bildungskatastrophe von 1964 und Dahrendorf "Bildung ist Bürgerrecht" von 1965 stellen Meilensteine sind heute auch noch grundlegende Werke zur Debatte um Bildungsdefizite und Ansprüche an eine Bildung in der Demokratie. Hierzu zählt auch das von Leibfried 1967 herausgegebene Buch "Wider die Untertanenfabrik, Handbuch zur Demokratisierung der Hochschule" Meines Erachtens kann aber eine Debatte um die soziale Selektion im Bildungswesen der BRD nicht ohne einen Rückgriff auf die grundsätzliche Debatte über eine strukturelle Reform des Bildungswesens auskommen.

Inhalt

  • So setzt sich Rauschenbach intensiv mit der Frage der Ganztagsschule und der Zusammenarbeit von Schule und Kinder- und Jugendarbeit aus einander. Aber eine Diskussion über die Vor- und Nachteile des versäulten deutschen Schulwesens mit Haupt-, Realschule und Gymnasium und dessen Selektionsmechanismen kommt nicht vor. Eine grundlegende Reform des Schulwesens Stichwort Gesamtschule wird erst gar nicht diskutiert.
  • Zwar ist es richtig, wenn Sandkaulen den Begriff "Bildung" in Erinnerung ruft und damit auf die Reduktion der heutigen Bildung auf Ausbildung bemängelt, aber trifft die Diskussion der "Jenaer Schule", geprägt durch Herder und Fichte um Bildung "als Zweck an sich" denn die heutige Diskussion?  Und wenn ja, wie?
  • Allmendiger
  • und
  • Leibfried
  • leiten ihren Beitrag mit dem Hinweis ein, dass es "(i)n Deutschland zwischen (Aus-)Bildung und Sozialpolitik kaim Bezüge (gibt)" (S.45). Das erstaunt insofern, als gerade Jugendarbeitslosigkeit und entsprechende Qualifizierungsprogramme, z.B. JUMP, ausdrücklich mit dem Hinweis auf soziale Integration sozial benachteiligter Jugendlicher begründet werden. Die ausführliche und detaillierte Analyse der Bildungsarmut mit Hilfe des "vier Welten" Konzepts verortet noch mal den Standort der Kompetenzproduktion in der BRD im Ländervergleich. Ihrem Ergebnis, dass relative mit absoluter Armut in der BRD zusammen fallen, ist uneingeschränkt zu zustimmen (S.51). Das Ergebnis wird unterstrichen durch die Verortung der BRD im Koordinatensystem von absolutem Kompetenzreichtum und absoluter –armut als "ungleiches, kompetenzarmes und damit zentrifugales Land" (S.53). Neben einer deutlichen Verbesserung der Messung und des Vergleichs der Qualität der Schulen verweisen die Autoren auf ein Dilemma der deutschen Bildungspolitik: die Schranken des Föderalismus. Während der Bund für Sozialpolitik verantwortlich zeichnet, bleibt er, nochmals zementiert durch die Föderalismusreform, bei der Bildung außen vor. Das Fazit, die BRD könne beide Wege zur Verbesserung von Bildung beschreiten, also entweder in Bildung anstatt in die Sozialversicherung zu investieren (z.B. wie in England) oder wie in Skandinavien in beiden Bereichen auf hohem Niveau zu agieren, bleibt insofern unentschieden, in dem die Autoren ein sowohl als auch empfehlen. Aber genau das funktioniert ja nicht, weil Bildung in der BRD zwar in politischen Sonntagsreden Priorität genießt, aber die notwendigen Investitionen an der deutschen Kleinstaaterei auf international vergleichbar niedrigem Niveau verharren.
  • Böttcher wiederum konstatiert die Notwendigkeit "einer politischen Prioritätensetzung, ... einer politischen Vision" (S.76) zur Verminderung der sozial bedingten Chancenungleichheit in der deutschen Bildungslandschaft, und gleichzeitig die Dilemmata des Bildungsföderalismus. Es wurden und werden zwar jede Menge Iniativen auf den Weg gebracht, aber ein Masterplan für die "Reduktion von Bildungsungleichheit" (S.74) ist nicht erkennbar. Im Gegenteil: Ist das "Fehlen eines Systems nicht vielleicht System?" (S.74) So lautet das eher pessimistische Fazit seines Beitrags, nachdem er verschiedene Ansätze zur Erklärung der Ungleichheit in der Bildung (S.62f) und das Desinteresse der Bildungsforschung in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts an den Fragen der Entwicklung von Strategien zur Beseitigung von Bildungsbenachteiligung diskutiert hat. Seine "paradigmatische Neuorientierung" des Bildungswesens durch die „vier E“ – Konzentration auf die Förderung der sozial benachteiligten Schüler, höhere Effizienz des Mitteleinsatzes, "systematische empirische Evaluation von Maßnahmen" und Erfolgshonorierung (S.65f) – spart aber die Frage der Aufgabe der Schule nach Verteilung von Bildungschancen durch Selektion aus. So kann denn auch bezweifelt werden, ob eine "reflexive Pädagogik" (S.68) im Verein mit "pragmatische(n) Bildungsstandards und Kerncurricula" unter Hinzuziehung einer Wirkungsforschung, die es noch zu entwickeln gilt, dazu beitragen könnte, den im Untertitel des Beitrags formulierten "pädagogische(n) Auftrag" Ungleichheit zu reduzieren, einlösen kann.
  • Wenn Winkler in seinem Beitrag der Frage nachgeht, ob es eine Bildungspolitik nach PISA gibt und dies mit einem entschiedenen Jein beantwortet, dann handelt es sich  zwar um eine aparte Frage, trägt aber wenig oder nichts zur Lösung der in Öffentlichkeit und Politik diskutierten Herausforderungen in der Bildung bei. Auch die von Winkler diskutierte Frage einer drohenden "Privatisierung" des Bildungswesens ist eher hypothetischer Natur, denn es ist kaum vorstellbar, dass die Ausgaben für die Bildung privat zu finanzieren sind. Zum anderen handelt es sich ja beim Bildungswesen nicht um "Monopolbetriebe" in öffentlicher Hand wie Post und Bahn, sondern um allgemeine gesellschaftliche Voraussetzungen, die schwerlich privaten Interessen unter zu ordnen sind.
  • Im Beitrag von Rabe-Kleberg wird hingegen auf ein bisher vernachlässigtes Feld der Bildung eingegangen: der Bildung von Kleinkindern. Auch sie versäumt es aber auf die Forderungen des Bildungsrates hin zu weisen, die vorschulische Erziehung als Teil des Bildungssystems zu begreifen. Nichts desto trotz hat sich außer des Ausbaus im Kindergartenbereich wenig in Bezug auf Bildung und Vorbereitung auf die Schule getan. Insbesondere fehlt es nach wie vor an einer adäquaten Ausbildung für die Bildungsaufgaben in den Kindergärten.
  • Wagner greift in seinem Artikel wichtige Aspekte der gegenwärtigen Diskussion um die Hochschulreform auf, fällt aber insofern aus dem Rahmen, als er die Fragestellung des Bandes "Bildungsreform als Sozialreform" überhaupt nicht anspricht. Er reflektiert die Bezüge zwischen Hochschule und Gesellschaft, verwechselt meines Erachtens aber Arbeitsmarktbezug und Bezug auf das Beschäftigungssystem. Wenn der erste Hochschulabschluss Bachelor "Employability" als Ziel vorgibt und damit eine Umorientierung des Studiums vom Input auf den Outcome vornimmt, dann geht es um Beschäftigungsfähigkeit und nicht um mehr oder minder aktuelle Bezüge zum Arbeitsmarkt. Es geht nicht um eine "Fachhochschulisierung" der Universitäten (S.119). Hier stellt sich eher die Frage, ob die Neuausrichtung der Studienziele die international nicht nachvollziehbare Differenzierung der deutschen Hochschulen in Fachhochschulen und wissenschaftliche Hochschulen obsolet macht. Denn das Kriterium "Employability" gilt gleichermaßen für alle Hochschulen.
  • Im abschließenden Beitrag von Opielka werden die Zusammenhänge von Bildungs- und Sozialpolitik analysiert und zwar in drei Schritten: der Zusammenhang von Bildungserfolg und sozialer Lage, die Bildungsfinanzierung und die pädagogischen Aspekte der Bildungsreform. Opielka kommt zu dem Schluss, dass Bildungsreform nicht die soziale Ungleichheiten beseitigt, sieht aber Reformbedarf in der Umlenkung der Finanzierungsströme im Bildungswesen und einer Erhöhung des Anteils der Finanzierung durch die öffentliche Hand. Er diskutiert die zwei Optionen der Finanzierung - mehr öffentliche oder mehr private - und stellt fest, dass eine Erhöhung des privaten Anteils an der Finanzierung nicht zu mehr sozialer Gerechtigkeit beiträgt, sondern im Gegenteil diese eher zementiert. Interessant wäre in diesem Zusammenhang, der Frage nach zu gehen, inwieweit der Bildungsföderalismus in der BRD die notwendigen Investitionen im Bildungsbereich behindert oder befördert. Seine Überlegungen zum Verhältnis von Sozialer Arbeit und Schule, eine der Hauptaspekte der gegenwärtigen Diskussion um die flächendeckende Einführung der Ganztagsschule weisen auf die grundsätzliche Problematik der unterschiedlichen "Kulturen" von Schule und Sozialer Arbeit hin, die bei der Dominanz des Lehrerstandes ein erhebliches Hindernis des Zusammenwachsens der beiden Bereiche darstellen. Eine Überwindung der Dichotomie von Schulpädagogik und Sozialer Arbeit sieht der Autor darin, dass Bildungspolitik als Teil der Sozialpolitik in Zukunft auch in der BRD begriffen werden soll. Ein Aspekt der Neupositionierung könnte die "soziale Schule" sein, in der "das psychosoziale Wohl der Schulgemeinschaft und des Lernklima" Leitidee sind.

Fazit

Eine detaillierte Betrachtung aller Aspekte, die die Autoren in ihren Beiträgen diskutieren, würde den Rahmen der Rezension sprengen. Der Band lässt erkennen, wie differenziert und komplex die Diskussion des Zusammenhangs von Bildung und sozialer Ungleichheit ist. Das Buch macht auch deutlich, wie weit wissenschaftliche Erkenntnis und praktisches politisches Handeln aus einander fallen, Es lässt auch die ernüchternde Gewissheit zurück, dass eine grundlegende strukturelle Sichtweise in der Politik nicht vorhanden ist und sich reformerische Überlegungen und Anstrengungen auf Einzelfragen - Kindergarten, Bildungsstandards, Zusammenarbeit von Schule und Kinder- und Jugendarbeit, Studiengebühren und Vieles mehr - beschränken. Da war man in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts schon mal weiter.


Rezensent
Prof. Dr. Karl-Ludwig Kreuzer
Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg
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Zitiervorschlag
Karl-Ludwig Kreuzer. Rezension vom 19.06.2007 zu: Michael Opielka (Hrsg.): Bildungsreform als Sozialreform. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 157 Seiten. ISBN 978-3-531-14853-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3671.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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