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Tanja Müller: Begleitetes Sterben als gesellschaftliches Phänomen

Cover Tanja Müller: Begleitetes Sterben als gesellschaftliches Phänomen. Der Sterbeprozess und moderne Sterbebegleitung. Aspekte ambulanter Hospizarbeit. Tectum-Verlag (Marburg) 2005. 133 Seiten. ISBN 978-3-8288-8950-7. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.

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Thema und Entstehungshintergrund

Es handelt sich um einen der seltenen Texte aus dem Bereich der Thanatosoziologie. Einleitend beschreibt die Autorin, dass der Text als Abschlussarbeit entstanden ist. Leider erfahren wir nicht, in welchem Rahmen die Abschlussarbeit verfasst wurde.

Wer sich einen Ratgeber zum Umgang mit Sterbenden erwartet, wird enttäuscht. Denn: Die Stärken des Textes liegen in einem anderen Bereich. Im Mittelpunkt der Betrachtung des Textes steht nicht der einzelne sterbende Mensch. Der Schwerpunkt wird auf die soziologische Auseinandersetzung  mit Sterben und dessen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gelegt, zum Abschluss werden die ambulante Hospizarbeit und deren Begleitungspraxis sehr konkret am Beispiel einer Fallstudie reflektiert und daraus Schlussfolgerungen gezogen. 

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung  geht die Autorin der Frage nach, ob die Thanatosoziologie eine eigene Disziplin ist. Sie bezieht sich hier vor allem auf Klaus Feldmann und teilt seine Sichtweise, dass es sich um einen Bereich mit geringer fachspezifischer Dichte, mit interdisziplinärem Charakter und mit geringer Publikationsdichte handelt.

Daran schließt das Kapitel 2 an: "Sterben in der modernen Gesellschaft". Es beginnt mit analytischen Betrachtungen zu Konzepten, Definitionskriterien und -problemen von Sterben und Tod. Der Tod wird als "nichterfahrbar" dargestellt und daraus abgeleitet, dass es zwar nicht unmöglich sei, über den Tod zu sprechen, dass die Vorstellungen jedoch auf der Ebene von Konzepten, Annahmen und auf einer metaphorischen Ebenen verbleiben. Sterben hingegen wird als ein multidimensionaler, prozessualer und lebensimmanenter Prozess beschrieben. Der für die Thanatosoziologie aber auch für die Praxis der Hospizarbeit wichtigen Frage, wann das Sterben beginnt, ist ein eigener Abschnitt gewidmet. Als Antwort wird das Konzept der "Sterbedimensionen" eingeführt, die die einzelnen Ebenen eines Gesamtvorganges charakterisieren.

Darauf folgt ein Abschnitt, in dem statistische Daten zu Sterbealter, Todesursachen und Sterbeorten sehr differenziert reflektiert werden. Aufmerksam möchte ich hier vor allem auf Tanja Müllers interessante Auseinadersetzung mit Sterben zu Hause machen. Sie führt hier den - aus meiner Sicht sehr zutreffenden - Begriff des "gefühlten Zuhause" (S. 42) ein.

Aspekte des gesellschaftlichen Umgangs mit Sterben und Tod, sowie ein Exkurs zur Diskussion um die Verdrängung von Sterben und Tod schließen das Kapitel 2 ab. Der Erfahrungsmangel in der modernen Gesellschaft im Umgang mit Sterben und Tod wird beschrieben, Unterschiede zwischen traditionellen und modernen Auffassungen vom Leben, Sterben und Tod aus soziologischer Perspektive werden herausgearbeitet. Während in traditionellen Gesellschaftsformen der Tod als Übergang vom Diesseits in ein Jenseits verstanden wird, stellt in modernen Gesellschaften der Tod den endgültigen Abschluss des Lebens dar. Die Autorin  kommt zu dem Schluss, dass "... die romantisierende Vorstellung einer Sterbesituation im Kreise der Familie früherer und gegenwärtiger Zeiten nicht aufrecht zu erhalten" ist. In diesem Sinne wird "Säkularisierung" als die Trennung gesellschaftlicher Instanzen von religiösen Aspekten und zwängen bezeichnet.

In Bezug auf die Gestaltung des Lebensendes beschreibt Tanja Müller, dass die scheinbare Autonomie der eigenen Person ein hoch gehandeltes, somit aber auch ein vielfach gefährdetes Gut sei. Sie weist jedoch darauf hin, dass gerade die letzte Lebensphase deutlich macht, dass der Mensch immer auch auf Versorgung, Solidarität und Mitmenschlichkeit angewiesen ist.

Das Kapitel 3 beschäftigt sich mit Sterbebegleitung in der modernen Gesellschaft. Hilfe zum Sterben wird von Hilfe im Sterben abgegrenzt. Eine sehr kurze Begriffsklärung der Sterbehilfe wir ergänzt durch grundsätzliche Fragen zur Hilfe zum Sterben nach Erich Loewy. Die individuelle Entscheidungsmacht am Lebensende wird kurz angerissen. Im Abschnitt Hilfe im Sterben werden die Konzepte von Palliativmedizin und Palliative Care eingeführt und voneinander abgegrenzt. Interessant ist hier das Fazit der Autorin: " Auf abstrakter Ebene konnte geklärt werden, dass die Diskussionen um die Sterbebegleitung Auseinandersetzungen sind, die auf die Gestaltung der Bedingungen menschlichen Sterbens abzielen".  Diese These wird in der Art und Weise, wie Tanja Müller im Abschnitt 3.3 die ambulante Hospizarbeit in Bremen erforscht und betrachtet, wunderschön eingelöst.

Den dritten und letzten Teil des Textes stellt eine Fallstudie zur ambulanten Hospizarbeit in der Stadt Bremen dar. In der Einführung dazu werden kurz geschichtliche und begriffliche Hintergründe zur Hospizarbeit beschrieben. Die Autorin argumentiert hier ganz stark aus der Position der Hospizbewegung, die sich in Deutschland eigenständig und von der Palliativmedizin abgegrenzt entwickelt und entwickelt hat. Sehr erhellend ist hier die eigene Darstellung von Tanja Müller zu verschiedene Deutungen des Begriffes Hospiz, von Hospiz als Idee und Konzept bis zu Hospiz als Haus und als Organisationsform.

Der Begriff Palliativeinrichtung wird in einigen der Übersichten, die die Autorin heranzieht zwar verwendet, er wird jedoch im Begleittext nicht eingeführt oder erläutert, ein Ausdruck  dafür, dass der Text, wie eben schon erwähnt fast "radikal" aus hospizlicher Perspektive verfasst ist.

Der Abschnitt 3.3 beschreibt nun als  Fallstudie die ambulante Hospizarbeit in der Stadt Bremen.  Betrachtet werden fünf ambulante Hospizdienste, sie werden entsprechend den Kriterien der Bundesarbeitgemeinschaft Hospiz als "ambulante Hospizdienste" klassifiziert. Dazu werden Daten aus fünf leitfadengestützte Experteninterviews herangezogen. Folgende wichtige Themen, die für das (bessere) Verständnis von ambulanter Hospizarbeit auf der Organisationsebene von großer Bedeutung sind, werden in der Fallstudie betrachtet: Anfrage und Kontaktaufnahme mit dem ambulanten Hospizdienst; Erstbesuch und Rolle der Koordinationskraft; Sterbebegleitung; Vorbereitung und Betreuung der Ehrenamtlichen; Dokumentation und Finanzierungshintergrund.

Zum Thema Dokumentation kommt die Autorin zu einer meines Erachtens zentralen Schlussfolgerung: "Dokumentation und Standardisierung der ambulanten Hospizpraxis kann positiv aber auch negativ bewertet werden... Der Sterbeprozess unterliegt einer Pathologisierung. Dies steht eigentlich diametral zu den Grundsätzen der Hospizidee" (S. 104).

Die konkreten qualitativen Forschungsdaten über ambulante Hospizdienste in Bremen werden abschließend dazu genutzt, um das Spezifische an den Strukturen der ambulanten Hospizarbeit in fünf übersichtlichen Graphiken zu schematisieren und zu generalisieren. In der Schlussbetrachtung macht Tanja Müller nochmals auf den wichtigen Widerspruch zwischen Hospizarbeit und Standardisierung bzw. Qualitätssicherung aufmerksam: " Für weitere Entwicklungen ist es notwendig, eine Art Balance zwischen der Qualitätssicherung und einer flexiblen Hospizpraxis zu finden." (S. 113) Wertvolle und kritische Betrachtungen zu sterben im Alter runden die Schlussbetrachtungen ab.

Fazit

Selten begegnet einem eine so sorgfältige Abwägung von Überlegungen zum Umgang mit Tod und Sterben in unserer Gesellschaft, die gleichzeitig  eine Forschungsarbeit von hoher gesellschaftlicher Relevanz darstellt. Wichtige Themen wie die Frage, wann Sterben beginnt oder an welchen Orten Sterben stattfindet und stattfinden soll, werden unter Heranziehung einer Fülle äußerst relevanter Literatur und übersichtlicher Tabellen und Graphiken dargestellt und reflektiert. Dies macht den schmalen Band (insgesamt 132 Seiten, wenn auch klein bedruckt) zu einer anregenden und spannenden Lektüre für alle, die sich mit gesellschaftlichen und soziologischen Zusammenhängen von Sterben; Hospiz und Palliative Care, aber auch mit Verbesserungspotentialen der Versorgung Zuhause, auseinandersetzen wollen. Ich wünschte, es gäbe mehr von solchen Texten. Der gesamten Text lässt auf sehr überzeugende Weise das Engagement der Autorin für Hospizbewegung und Hospizidee erkennen. (Am Rande sei hier nur angemerkt, dass diese Haltung dazu führt, dass relativ wenig Kritik an Konzept und Idee und an ambulanter Hospizarbeit formuliert wird, Kritik, die  für die Weiterentwicklung sehr erhellend hätte sein können). Allerdings liefert gerade der etwas distanzierte Blick mit dem der Text  - bei allem Engagement - die Hospizbewegung und die Gestaltung der Bedingungen menschenwürdigen Sterbens in der ambulanten Hospizarbeit betrachtet,  wertvolle Hinweise darauf, wie diese Bedingungen im Sinne der Gäste, KlientInnen, BewohnerInnen und Betroffenen zu verbessern wären.


Rezensentin
Dr. Katharina Heimerl
Ao. Univ. Prof.
IFF - Palliative Care und OrganisationsEthik
Homepage www.iff.ac.at/pallorg
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Zitiervorschlag
Katharina Heimerl. Rezension vom 05.09.2006 zu: Tanja Müller: Begleitetes Sterben als gesellschaftliches Phänomen. Tectum-Verlag (Marburg) 2005. 133 Seiten. ISBN 978-3-8288-8950-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3677.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.


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