Ernst Martin: Didaktik der sozialpädagogischen Arbeit. Probleme, Möglichkeiten und Qualität sozialpädagogischen Handelns
Ernst Martin: Didaktik der sozialpädagogischen Arbeit. Probleme, Möglichkeiten und Qualität sozialpädagogischen Handelns. Juventa Verlag (Weinheim) 2005. 6., vollständig überarbeitete Auflage. 237 Seiten. ISBN 978-3-7799-1946-9. 15,00 EUR, CH: 26,90 sFr.
Reihe: Grundlagentexte soziale Berufe.
Einführung in das Thema
"Didaktische Aufgaben sind keine Spezialität für eine bestimmte Gruppe der sozialpädagogischen Berufe. Wer pädagogisch handelt, muss auch didaktisch reflektieren." Insbesondere diese These von Ernst Martin zeigt die Notwendigkeit auf, sich mit einer Didaktik der sozialpädagogischen Arbeit zu beschäftigen. Sowohl Fachschulen als auch Fachhochschulen bilden auf wissenschaftlicher Grundlage für die Praxis der Sozialen Arbeit aus. Somit ist eine Beschäftigung mit didaktischen Aufgaben nicht etwas Zusätzliches zur Praxis, sondern ist ein wesentlicher Bestandteil der praktischen Arbeit.
Autor
Der Autor, Dr.disc.pol.,Jg. 1939, war Studiendirektor an der Fachschule für Sozial- und Heilpädagogik in Göttingen.
Seine Arbeitsschwerpunkte waren Didaktik und Methodik der sozialpädagogischen Arbeit, Probleme sozialpädagogischer Ethik sowie Fort- und Weiterbildung für sozialpädagogische Fachkräfte.
Entstehungshintergrund
Als Vorläuferin für die sozialpädagogische Didaktik sieht Martin die Methodenlehre (Einzelfallhilfe, Gruppenpädagogik, Gemeinwesenarbeit), die als erste der professionellen Methoden in den USA entwickelt worden und nach dem 2. Weltkrieg bis in die 70er-Jahre den zentralen Inhalt sozialpädagogischer Ausbildung bestimmte.
Die Auseinandersetzung mit didaktischen Konzeptionen an Hochschulen (H. Blankertz, W. Schulz) im Rahmen der Lehrerausbildung stellte auch die Methodenlehre im Bereich Sozialer Arbeit in Frage. Insbesondere beeinflussten das Strukturmodell der Lerntheoretischen Didaktik von W. Schulz und die Kommunikative Pädagogik (Mollenhauer, Fritz) die Didaktik von Martin nachhaltig. Dennoch gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen sozialpädagogischer und schulischer Didaktik: "Sozialpädagogische Planung muss generell einen anderen Schwerpunkt haben als die didaktische Planung in der Schule." Hier setzt Martin an und füllt dieses Vakuum aus.
Inhalte
Der Autor möchte den Leser in die Probleme didaktischer Arbeit hineinführen. Als Einführung stellt er weder die ganze Sache dar, noch schreibt er ein umfassendes Lehrbuch, das alle Einzelthemen enthält. Es geht ihm darum, die typischen Vorgehensweisen und die wichtigsten Begriffe sozialpädagogischer Didaktik zu beschreiben und zu erläutern. Folgende Themen werden abgehandelt:
- Einige Vorbehalte gegenüber der modernen Didaktik (Kap.1): 5 Thesen dienen als Einstieg in die didaktische Diskussion und als Problemaufriss.
- Zur Entstehungsgeschichte der sozialpädagogischen Didaktik (Kap. 2) und
- vom Nutzen sozialpädagogischer Didaktik (Kap. 3): Anhand der Entwicklung der sozialpädagogischen Didaktik zeigt der Autor seinen Standort auf und entwirft die Umrisse künftigen didaktiktischen Handelns.
- Regeln für das konkrete didaktische Handeln, das Analysieren und Planen, sowie praktische Ratschläge zu Einzelproblemen (Kap. 4): Der Autor stellt konzeptionelle Entwürfe vor, die Leitfunktionen haben für didaktisches Handeln.
- Darstellung von Planungskonzepten für 5 typische didaktische Aufgaben in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern (Kap. 5): Dargestellt werden Planungskonzepte für die Behandlung von Situationen, die Planung von Vorhaben, die individuelle Erziehungsplanung, die Curriculumentwicklung und die Konzeptentwicklung
- Vom Zusammenhang von Konzeptionsentwicklung und Qualitätsentwicklung; ein Leitfaden für die Evaluation (Kap. 6).
- Auseinandersetzung mit den Rahmenbedingungen, unter denen sich didaktische Arbeit vollzieht. (Kap. 7)
Diskussion
Das Buch zeichnet sich durch viele Handreichungen und Tipps aus. Insofern ist es eine Fundgrube für den in der Sozialen Arbeit tätigen Praktiker. Dabei ist besonders
- der gegliederte Fragebogen zur mehrdimensionalen didaktische Analyse,
- das Kapitel über typische Formen didaktischer Planung und
- das Kapitel über Qualitätsentwicklung in verschiedenen Arbeitsfeldern
hervorzuheben. Der Anfänger bekommt einen Überblick über die Themen, der Fortgeschrittene Ideen für die praktische Umsetzung an seiner Arbeitsstelle.
Insofern ist das Buch als Hilfe bei der Lösung praktischer Aufgaben zu empfehlen.
Aber auch der theoretische Hintergrund wird in den Kap. 2-4 entwickelt und als ein moderner Ansatz dargestellt. Im Zusammenhang mit den Arbeitsfeldanalysen und dem Situationsansatz bietet sich das Lerntheoretische Modell von Paul Heimann und Wolfgang Schulz als Modell zur Weiterentwicklung sozialpädagogischer Didaktik an. Dies ist der folgerichtige Weg, den der Verfasser eingeschlagen hat, um sich im Weiteren aber von der Schuldidaktik zu lösen:
- Sozialpädagogische Didaktik orientiert sich an den Strukturmerkmalen (Bedingungen) sozialpädagogischer Praxis. Die Beschreibung und Analyse der Rahmenbedingungen werden in Kap. 7 thematisiert und für Konzeptionsentwicklung, Qualifizierung und Qualitätsentwicklung Folgerungen gezogen.
- Sozialpädagogische Didaktik wird durch ihre Vorgehensweisecharakterisiert. Verfahrensweise und Geltungsbereich werden in Kap. 4 abgehandelt. Dabei fällt auf, dass der Verfasser den deskriptiv-analytischen Wissenschaftsansatz von Schulz überschreitet und handlungsorientierte Elemente in sein Denken einbezieht. Das "Verlaufsmodell der didaktischen Arbeit" (S. 61) ist so ein Paradigmenwechsel, den der Verfasser vornimmt. Dies ist auf den ersten Blick keine Überraschung, denn der Verfasser hat den Praktiker in der Sozialen Arbeit im Auge, der in Handlungszusammenhängen lebt und prozessorientiert denkt und handelt. Dennoch steht dieses Denken im Widerspruch zu dem Denken von Schulz und ist eine Weiterführung der didaktischen Diskussion in der Sozialen Arbeit, so wie sie in der Schuldidaktik von Hilbert Meyer vorgenommen wurde. Schade, dass diese Tür eines "Handlungsorientierten Ansatzes" so nebenbei aufgestoßen wurde, oder war es eine Selbstverständlichkeit, wenn der Praktiker im Mittelpunkt des Denkens steht?
Nachdenklich macht allerdings das Festhalten am Begriff "Didaktik der sozialpädagogischen Arbeit". Martin hat Recht, wenn er den Begriff Didaktik in der Vergangenheit mehr den traditionellen sozialpädagogischen Einrichtungen zuordnet, während in der Sozialarbeit mehr der Begriff Methoden gebraucht wird. Durch die von Martin aufgezeigte Grundsatzdiskussion zum Selbstverständnis von Didaktik ist der Didaktikbegriff durch Schulz so erweitert worden, dass er sich grundsätzlich auf Einrichtungen Sozialer Arbeit übertragen lässt. Durch das neue Selbstverständnis sehe ich deshalb vom Fachlichen her keine ernsthaften Bedenken, den Didaktikbegriff als Didaktik der Sozialen Arbeit zu erweitern. Dies hätte zudem noch einen Vorteil: die Gedanken Martins könnten einen zusätzlichen Leserkreis ansprechen, nämlich den der traditionellen Sozialarbeit.
Es gibt bisher wenig Literatur zur Didaktik der Sozialen Arbeit. Das Buch von Martin ist in der Ausbildung von Sozialpädagogen/Sozialarbeitern an Fachhochschulen wenig bekannt. Dies könnte und sollte sich ändern.
Zielgruppe
Zur Zielgruppe der Leser gehören Schüler und Schülerinnen der Erzieherberufe an Fachschulen und Berufsschulen, Studierende der Sozialen Arbeit an Fachhochschulen, aber auch Lehrende zur Fort- und Weiterbildung. Praxiserfahrungen erleichtern das Verstehen des Buches.
Fazit
Das Buch ist eine große Hilfe für die Praxis der Sozialen Arbeit und empfehlenswert wegen seiner Handreichungen und Tipps, eine Fundgrube für den in sozialen Berufen tätigen Praktiker. Außerdem zeigt es die Unhaltbarkeit des Begriffs "Methoden der Sozialarbeit" (Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit, Gemeinwesenarbeit) auf und leistet im Hinblick auf eine moderne Wissenschaftstheorie einen wichtigen Beitrag zu einer Neuformulierung des Begriffes "Didaktik in sozialen Berufen".
Rezensent
Prof. Eberhard Schwinger
Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften,
Erziehungswissenschaft, insbes. Sozialisation, Grundlagen der Didaktik, Jugendhilfe
Homepage www.soziales.fh-dortmund.de/schwinger
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Zitiervorschlag
Eberhard Schwinger. Rezension vom 12.09.2006 zu: Ernst Martin: Didaktik der sozialpädagogischen Arbeit. Probleme, Möglichkeiten und Qualität sozialpädagogischen Handelns. Juventa Verlag (Weinheim) 2005. 6., vollständig überarbeitete Auflage. 237 Seiten. ISBN 978-3-7799-1946-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3703.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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