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Erich Schützendorf: Wer pflegt, muss sich pflegen

Cover Erich Schützendorf: Wer pflegt, muss sich pflegen. Belastungen in der Altenpflege meistern. Springer-Verlag (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2006. 164 Seiten. ISBN 978-3-211-29135-1. 19,90 EUR, CH: 34,00 sFr.
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Thema

In diesem sehr anschaulich und praxisnah gestalteten Buch geht es um Möglichkeiten, wie in der Altenpflege tätige Menschen angesichts oft extremer Belastungen im Praxisalltag erfolgreich für sich selbst sorgen können. Dabei zeigt der Autor, wie wichtig gerade in der Arbeit mit an Demenz erkrankten Menschen eine Gestaltung pflegender Beziehungen ist, in der die Gewichtung der Bedürfnisse von Heimbewohner/innen und Pflegenden ausgewogen sind. Im Bild vom Festland (als dem Raum der "Normalität") und von nicht weniger realen Inseln im Ozean (als dem Raum der individuellen "Ver-Rücktheiten") wird der Beziehungsrahmen deutlich, in dem sich pflegerisches Handeln bewegt. Beide Seiten müssen zu ihrem Recht kommen, wenn Pflege für die an Demenz Erkrankten ebenso wie für die Pflegenden erträglich werden soll. Insofern lautet die Ausgangsfrage: "Wie kann ich einigermaßen anständig mit den alten Menschen und mit mir selbst umgehen?" (S.3)

Autor

Erich Schützendorf (Jahrg. 1949) ist seit 30 Jahren in der Arbeit mit alten Menschen tätig. Er ist stellvertretender Direktor des Fachbereichs "Fragen des Älterwerdens" an der VHS des Kreises Viersen und Lehrbeauftragter für soziale Gerontologie an der Hochschule Niederrhein. Eine Reihe von ihm verfasster Monografien und Zeitschriftenaufsätze befasst sich mit Fragen der Beziehungsarbeit in der Altenpflege und mit Bildungsarbeit bei alten Menschen.

Aufbau und Inhalt

In den ersten fünf kurzen Kapiteln geht es um Klärungen über das Handlungs- und Beziehungsfeld "Pflege". Dabei nimmt der Autor eine "ethnologische" Perspektive ein, von der aus er den Kontinent der Normalität und das Meer der Ver-rücktheit betrachtet - Welten, die beide ihr Recht haben. In einer großen Zahl dargestellter Praxissituationen werden die Dilemmata aufgezeigt, in welche Pflegende geraten können, und die nicht selten zur Falle werden. Scham- und Schuldgefühle, das Gefühl der Selbstüberforderung sowie das Gefühl der Wehrlosigkeit sind die Folge. Im Bild des "Rettungsbootes", der "Schleuse" und des "Rückzugs- und Entspannungsortes" gibt der Autor Hinweise auf Wege und Orte, wo Pflegende der Falle entgehen und zu sich selbst kommen können.

Im weiteren Verlauf werden einzelne Bereiche konkretisiert und Möglichkeiten aufgezeigt, wie Pflegende mit sich selbst besser umzugehen lernen können:

  • "Bewusste und unbewusste Rettungs- und Überlebensversuche" (Wirksame und weniger wirksame Strategien der Selbstbehauptung);
  • "Mit der Sprache kommt man nicht weiter" (Aspekte von Rationalität und Irrationalität);
  • "In der Ruhe liegt die Kraft" (Aspekt der Be- und Entschleunigung);
  • "Die Uhr bestimmt die Zeit" (Das Verhältnis von gemessener Zeit zur "inneren Uhr", zu biologischen Zeiten, Erlebniszeiten, individuellen Zeiten und dem Eigen-Rhythmus);
  • "Schleusen zum Druckausgleich und zum Krafttanken" (Aspekte der Gestaltung von Personalräumen, Arbeits- und Pausenabläufen, Psychohygiene usw.)

Schließlich zeigt der Autor in einer dritten Folge von Hinweisen Möglichkeiten auf, das eigene pflegerische Handeln offensiv zu gestalten. Dabei geht es zunächst um einen sinnvollen Umgang mit äußeren Vorschriften (bis zum Brandschutz!), mit strukturellen Gegebenheiten in Alteneinrichtungen und mit Leitungsinstanzen. Ein weiterer Aspekt ist die Forderung nach klarer Differenzierung zwischen den Regeln des "Festlandes" und denen des "Ozeans" und seiner Inseln: Eine Warnung vor der Gefahr normierender Übergriffe in die Zone freier Ver-rücktheit. Und eine Aufforderung, Heimeinrichtungen wirklich so bunt zu gestalten, wie es der Welt der dort Lebenden und entspricht und nicht den Ordnungsvorstellungen nicht Betroffener.

In einem Abschnitt mit offenen Fragen geht es noch einmal um den offensiven Umgang mit gegebenen Bedingungen: Brandschutz, Angehörige und ihre Vorstellungen, Heimleitung, resistente Kollegen, Zeitbedingungen.

Ein "Ausblick" am Schluss des Buches spricht weiterführende Möglichkeiten an, etwa die Auflösung berufsständischer Hierarchien und die Einbeziehung nichtpflegerischer Berufe, etwa Handwerkerberufe, in den Pflegealltag.

Zielgruppe

Das Buch spricht vor allem selbst in der Altenpflege Tätige an, insbesondere solche, die durch Burnout gefährdet sind. Auch für Leitungspersonen und solche, die konzeptionell in der Gestaltung von Alteneinrichtungen arbeiten, ist das Buch von Interesse. Als begleitende Lektüre von themenentsprechenden Seminaren und Fortbildungen bildet es eine gute Ergänzung.

Diskussion

Wer seinen eigenen, möglicherweise hochgradig belasteten beruflichen Alltag in Pflegeeinrichtungen reflektieren und vielleicht verändern will, findet hier eine große Hilfe für die Analyse der eigenen Situation. Die genaue und umfassende Kenntnis des Autors von den Verhältnissen in der Praxis ermöglicht Leserinnen und Lesern häufige Effekte des Wiedererkennens, welche die eigene berufliche Situation betreffen. Die bisweilen spürbare Gefahr einer gewissen Peinlichkeit liegt hier allerdings in der Natur der Sache.

Hin und wieder vermisse ich bei der Lektüre eine deutlichere Strukturierung und Systematisierung des Textes sowie klarere Bezugnahmen auf einschlägige Theoriehintergründe. Dadurch ließe sich auch das professionelle Selbstbewusstsein der in Pflegeberufen Tätigen deutlicher ansprechen. Auch dies wäre dann ein Hinweis auf einen möglichen Weg aus der Ebene unmittelbarer Betroffenheit.

Fazit

Lesens- und empfehlenswertwert ist das Buch allemal, insbesondere für diejenigen, welche nach Möglichkeiten suchen, sich mit den belastenden Aspekten des beruflichen Alltags in der Pflege auseinanderzusetzen.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 24.10.2006 zu: Erich Schützendorf: Wer pflegt, muss sich pflegen. Belastungen in der Altenpflege meistern. Springer-Verlag (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2006. ISBN 978-3-211-29135-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3735.php, Datum des Zugriffs 25.08.2016.


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