Erik Bosch, Ellen Suykerbuyk: [...] (Sexuelle) Aufklärung für Menschen mit geistiger Behinderung
Erik Bosch, Ellen Suykerbuyk: Aufklärung - Kunst der Vermittlung. Methodik der sexuellen Aufklärung für Menschen mit geistiger Behinderung. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 200 Seiten. ISBN 978-3-7799-2064-9. 18,00 EUR, CH: 31,90 sFr.
Einleitung
Eher bescheiden kommt das Buch mit einer besonderen Protektion heraus, die ihm per se Aufmerksamkeit verschafft: Es ist veröffentlicht in Kooperation mit der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V.
Die Erstveröffentlichung im Niederländischen ist schon älter als sechs Jahre. Die Grundgedanken hat Bosch sogar schon 1995 veröffentlicht. Nun hat die Lebenshilfe das Werk für den deutschsprachigen Raum nutzbar gemacht. Sie hat gut daran getan und zeigt wieder einmal, wie liberal, ja geradezu progressiv die Lebenshilfe auf der Leitungsebene des Bundesverbandes denkt. Denn in Deutschland sind die Intentionen des Werkes ausgesprochen modern. Es geht um die sexuelle Emanzipation behinderter Menschen. Emanzipation meint Freisetzung aus einer Unmündigkeit. Das ist mehr als die Anerkennung geistig Behinderter als sexuelle Wesen. Das ist Entwicklung der Persönlichkeit. Das fordert Bemächtigung durch Aufklärung. Das bedeutet die Vermittlung von Macht. Das fördert die Möglichkeit von Selbstbestimmung durch die grundsätzliche Verfügbarkeit von Alternativen. Bosch und Suykerbuyk fordern nicht den sich sexuell verhaltenden Behinderten, sie wollen, dass Behinderte die Möglichkeit dazu haben. Konsequenterweise wenden sie sich an alle, die geistig Behinderte erziehen oder erziehen wollen. Die Autoren beziehen durch direkte Ansprache der Lesenden sie immer wieder persönlich ein in die Auseinandersetzung: Das piekt mitunter: "Haben Sie sich auch wirklich genügend hinterfragt?"
Boschund Suykerbuyk haben eine Anleitung vorgelegt, wie behinderte Menschen unterstützt werden können, sich selber zu genießen und andere und die Beziehungen, die sie haben. Das hat mehr als Aufklärung zum Ziel und beginnt schon beim Verstehen der betreffenden Klientel: Jeder geistig Behinderte hat seine ureigenste Geschichte - und der Konstruktivismus lässt grüßen. Nur wenn ich diese Geschichte kenne, kann ich das spezifische Verhalten eines jeden Individuums verstehen. Das gilt natürlich für alle Menschen, aber durch die jeweils sonderbaren Einschränkungen Geistigbehinderter werden ihre Geschichten noch eigentümlicher. Erst wenn ich verstanden habe, kann ich Lösungen für Probleme vorschlagen. Im Original heißt der Untertitel des Buches "De kunst van het verstaan."
Die Lösungen, die Bosch und Suykerbuyk vorschlagen, sind den kognitiven Möglichkeiten der Bezugsgruppe angepasst. "Visualisierung und Konkretisierung" fordern sie bei jeder Aufklärung. Beides könne nicht weit genug gehen. Dabei können sie sich sogar das Lernen am lebendigen Modell vorstellen, Sexualbegleiterinnen und -begleiter.
Aufbau und Inhalt
- Zunächst gehen die Autoren auf die theoretischen Wurzeln ihrer Auffassung ein: Psychoanalyse, Freud, Erik Erikson, immer verständlich gemacht durch konkrete Lebensgeschichten geistig Behinderter.
- Dem folgen die Beschreibungen von Zielen und Methoden der Aufklärung. Besonders ausführlich empfehlen sie den Einsatz des "hermeneutischen Kreises", einer Möglichkeit, sich Klarheit zu verschaffen über die speziellen Konstellationen eines Individuums.
- Im dritten Teil des Buches nehmen sie sich Raum, um - wiederum anhand von Beispielen - konkret ihre pädagogischen Anleitungen zu vermitteln.
Alle Teile wenden Bosch und Suykerbuyk in vier Versionen, je eine für leicht geistig Behinderte, eine für mäßig, für schwer und für sehr schwer geistig Behinderte. In jeder betrachten sie die körperliche, die geistige, die soziale Entwicklung und die persönliche Lebensgeschichte. Mit alle diesen Bausteinen, niedergelegt im "hermeneutischen Kreis", puzzeln sie die Persönlichkeit ihrer Beispielpersonen zusammen. So bekommen die Ausführungen ein exaktes und wissenschaftliches Format. Insgesamt entsteht ein Mix aus konstruktivistischem, psychoanalytischem, systemischem und lerntheoretischem Gedankengut.
Diskussion
Suykerbuyk und Bosch haben Vorstellungen, Konzepte, Menschenbilder, die geistig behinderten Menschen gerecht werden. Sie nennen das Visionen. Alle Professionellen, die mit Menschen arbeiten, haben solche Visionen, mehr oder weniger bewusst, mehr oder weniger human. Das sind die Leitbilder, an denen der Beruf ausgerichtet wird. Es geht den Autoren darum, solche Visionen zu beeinflussen. Deshalb beschreiben sie sehr fortschrittlich, was Aufklärung bewirken kann: Sie vermittelt nicht nur Informationen, sie fördert Selbstbehauptung und ein positives Selbstbild, sie fördert Beziehungen, schafft ein Bewusstsein wichtiger Normen und Werte, fördert Prävention, verhütet, beugt Missbrauch vor, baut Ängste und Tabus ab, schafft Individualität und emanzipiert. Die Aufklärung, so weit gefasst wie in diesem Buch, verringert Probleme und erleichtert so den Professionellen die Arbeit.
Nur müssen die Professionellen und die Angehörigen der Behinderten das auch wollen, meinen die Autoren immer wieder, und hier schaffen sie eine der Schwachstellen des Buches. Schon Freud hat nämlich die Macht des Unbewussten erkannt und modernste biochemische Untersuchungen geben ihm Recht: Leider geht es nicht um den Willen allein. Sexualität ist ein Lebensbereich, der so sehr die eigenen Sicherheitsbedürfnisse gefährden kann, dass auch die fähigsten unter den Profis gegenüber der Sexualität ihrer Klientel nicht unbefangen bleiben können. Auch sie haben Fixierungen, Hemmungen, Vorbehalte und Undenkbares. Ginge es nur um den Willen, die Pädagogik hätte ihre Maxime von der Ganzheitlichkeit des Menschen auch für Behinderte längst erfüllt. Nicht bloßes Unwissen muss aufgeklärt werden, sondern Scheu, Abscheu und Angst müssen genommen werden. Sexualität stört nicht nur das verstaubte Über-Ich und die böse Moral. Das sind allenfalls Auswirkungen des systemisch zu denkenden, widersprüchlichen Zusammenwirkens mächtiger seelischer Interessenskomplexe, in denen die wunderbare und lustvolle Sexualität zur gefährlichen Bedrohung sich wenden kann. Betreuerinnen und Betreuer brauchen nicht nur Appelle, sie brauchen Supervision. Es reicht nicht, den Erziehenden ins Gewissen zu reden, leider nicht. Es müssen Anleitungen her, wie sie sich selber beruhigen können. Vielleicht hat es in unserer Kultur eine sexuelle Revolution gegeben, die sexuelle Emanzipation sucht noch ihre Vollendung, bei allen.
Auch Bosch und Suykerbuyk haben ihre Ideen noch nicht zu Ende gedacht. Am deutlichsten wird das, wenn sie die Einzigartigkeit eines jeden geistig behinderten Menschen herausstellen und gleichzeitig versuchen, ihn mit einem so groben Netz wie dem hermeneutischen Kreis zu fassen. Sicher ist es hilfreich, von unterschiedlichen Aspekten aus einen Menschen zu denken, besonders wenn diese Aspekte nicht mehr harmonisch zusammen wirken wie bei geistig Behinderten. Körperliche, emotionale, geistige und soziale Entwicklung fallen bei ihnen zumeist sehr weit auseinander. Doch die Synthese macht bei ihnen das Einzigartige aus. Der hermeneutische Kreis hilft zu analysieren, aber die eigenartige Dynamik einer jeden Lebensgeschichte braucht die Intuition als Erfassung der Individualität als Gesamtbild. Dazu erhält das Publikum zu wenig Hinweise, dafür aber viele Beispiele von Lebensgeschichten, an denen sich intuitives Erfassen schulen kann ("fiktive Vorbilder"). Diesen Bedarf im Sinne des ganzheitlichen Erfassens spüren die Autoren in ihrem Kapitel 3.4.6 selber, was auf Weiterentwicklung ihres Werkes hoffen lässt.
Auch bei den entwicklungspsychologischen Theorien des Kapitels 2.2 tun sich die Autoren schwer und den Lesenden nicht gut. Denn allzu sehr bleiben sie in ihrer Analyse beim überholten IQ-Maßstab und bei der Orientierung an den Entwicklungsaltern der nicht behinderten Norm. Doch niemals und in keinem Aspekt sind geistig Behinderte auf dem Niveau eines soundsovieljährigen Kindes. Immer macht das Ganze den Teilaspekt anders. Die Orientierung an Entwicklungsaltern fördert die Infantilisierung von geistig behinderten Erwachsenen und gerade das wollen Bosch und Suykerbuyk nicht.
Fazit
Bei aller wohlgemeinten Kritik, bleibt das Buch Richtung weisend und aufschlussreich. Es bringt eine Fülle nicht nur von pädagogischen Entwicklungen sondern auch von ganz praktischen Tipps. Es ist erfrischend schamlos, bei aller Contenance. Es begreift, wie abhängig geistig Behinderte von ihren Bezugspersonen sind und wie verantwortungsvoll die Bezugspersonen gerade deshalb sein müssen, wie reflektiert, wie offen und mutig. Auch wenn geistig Behinderte nicht autonom leben können, Autonomie bleibt das Ziel. Sexuelle Aufklärung ist zurzeit die Aufgabe, die den pädagogisch wirkenden Menschen, seien es nun Betreuende oder Angehörige, am dringendsten nahe zu legen ist. Die Aufklärung, die mit diesem Buch gefördert wird, muss und soll dabei nach der Vision der Autoren mehr sein als eine zeitlich begrenzte Maßnahme. Bosch und Suykerbuyk wollen eigentlich eine lebenslange und immer mit der Lebensgeschichte sich verändernde Sexualberatung. Ich wünsche ihrem Buch eine hohe Auflage.
Rezensent
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Berlin und Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
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Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 18.07.2006 zu: Erik Bosch, Ellen Suykerbuyk: [...] (Sexuelle) Aufklärung für Menschen mit geistiger Behinderung. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 200 Seiten. ISBN 978-3-7799-2064-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3763.php, Datum des Zugriffs 06.09.2010.
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