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Jörg Hüttermann: Das Minarett [...] islamische Symbole

Cover Jörg Hüttermann: Das Minarett. Zur politischen Kultur des Konflikts um islamische Symbole. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-1495-2. 25,00 EUR, CH: 43,80 sFr.
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Thema und Hintergrund

Moscheen im klassisch orientalischen Stil gab es in Deutschland lange Zeit nur sehr wenige. Zu ihnen gehören die Wilmersdorfer Moschee in Berlin (1924), die Imam Ali Moschee in Hamburg (1961), die Bilal Moschee in Aachen (1964) und das Islamische Zentrum in München (1967). Dieses Bild hat sich jedoch seit etwa Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre erheblich verändert, seitdem Muslime mit dem Bau repräsentativer Moscheen mit Kuppeln und Minaretten in Deutschland begonnen haben. Diese fortschreitende Bautätigkeit macht einen Wandel im Bewusstsein der Muslime deutlich. Galten ihre Gebetsstätten bislang als sog. „Hinterhofmoscheen„ [1], so symbolisieren die Neu- und Umbauten den Willen, in Deutschland heimisch zu werden. Die Zahl der gegenwärtig in Deutschland bestehenden islamischen Gebetsstätten liegt schätzungsweise bei 2.200. Innerhalb des Problemfeldes des Moscheenbaus stellt der vom Minarett öffentlich zu verkündende Gebetsruf einen besonderen Gegenstand dar, der in den letzten Jahren in verschiedenen Städten zu lebhaften Auseinandersetzungen geführt hat. So werden in dem vorliegenden Buch zwei der Minarettkonflikte in Halle/Westfalen und Duisburg-Marxloh aufgegriffen und es wird „den sozialen Veränderungen mit den Mitteln einer gegenstandsnahen Analyse“ (S. 9) nachgegangen. Diese Analyse soll dazu beitragen, Konflikte um islamische Symbole vor dem Hintergrund ihres Eigensinns und ihrer Rahmenbedingungen zu verstehen.

Autor

Dr. Jörg Hüttermann ist wissenschaftlicher Angestellter am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Seine Forschungsschwerpunkte sind der Islam, Konflikt- und Integrationssoziologie sowie empirische Milieuforschung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus acht Kapiteln:

  1. In der Einleitung im 1. Kapitel geht der Autor auf Politische Kultur und Konflikt ein und erläutert die Darstellungslogik und die Gliederung des Buches.
  2. Im 2. Kapitel wird der Verlauf des Konflikts um das Haller Minarett geschildert. In den Kapiteln 3-7 folgen fallgestützte Analysen I bis V zur Soziologik des Konflikts um islamische Symbole, wo das konkrete Konfliktgeschehen in Halle/Westfalen und schließlich auch in Duisburg-Marxloh unter jeweils besonderen Vorzeichen untersucht werden, um so Schritt für Schritt die Soziologik freizulegen.
  3. Bei der ersten Analyse im 3. Kapitel geht es um Gastrecht und System. Hier wird das Konfliktgeschehen in Halle/Westfalen unter dem Blickwinkel des Spannungsverhältnisses zwischen Gastrecht und Systemals moderner Rechtsordnung beleuchtet.
  4. Im 4. Kapitel befasst sich die zweite Analyse (Rationalität und Wahrhaftigkeit) mit der Frage, ob und wie der Konflikt durch lebensweltliche Hintergrunderwartungen beeinflusst wird. Sie filtert zu diesem Zwecke lebensweltlich sedimentierte, sowohl inklusive als auch exklusive Prinzipien aus dem Konfliktdiskurs heraus.
  5. Die dritte Analyse (Kapitel 5) mit dem Titel Argument und Habitus betrachtet den Konflikt in Halle/Westfalen als einen Rangordnungskonflikt, der von den alteingesessenen Akteuren der Stadtgesellschaft geschickt in ein modernes Inkorporationsritual transformiert wird. Hier zeigt Hüttermann, wie darin der Mythos des besten Arguments und die Rhetorik des korporativen Habitus so zusammen wirken, dass der emporkommende Fremde sozusagen über den Tisch gezogen beziehungsweise wieder an den Rand der Stadtgesellschaft zurückgedrängt werden kann.
  6. Im Kapitel 6 widmet sich die vierte Analyse (Raum und Konflikt) der Bedeutung des Sozialraums für den Konfliktverlauf. Die Analyse bezieht sich auf den Fall Halle/Westfalen sowie auf die Entwicklungen in Duisburg-Marxloh.
  7. Die fünfte Analyse mit dem Titel Subjekt und Konflikt wendet sich in Kapitel 7 gegen die Annahme, dass soziale Konflikte im Allgemeinen und Konflikte um islamische Symbole im Besonderen in einer Weise operativ geschlossen wären, dass man Akteure und ihre Zwecksetzungen als bloße Anhängsel überindividueller Strukturen und Dynamiken verstehen dürfte oder sie gar ganz ausblenden sollte. Hüttermann zeigt hier auf, dass der in der Soziologie teilweise zugespitzte Idealtypus des menschenleeren Konflikts nicht zu einem universalen Realtypus proklamiert werden darf, wenn die soziologische Konfliktanalyse für empirische Forschungen offen bleiben möchte.
  8. Kapitel 8 mit der Überschrift Fazit:Konflikt und Integration fasst die Ergebnisse der Analysen zusammen, wobei aktuell diskutierte Modelle der Intergruppenbeziehungen kritisch betrachtet werden. Im Zusammenhang mit der entworfenen Soziologik des Konflikts um islamische Symbole werden dabei manche zentrale Anhaltspunkte genannt, die nach Hüttermann bei der Beantwortung der Frage Berücksichtigung finden müssen, ob entsprechende Konflikte eine eher destruktive oder eine konstruktive Wendung nehmen könnten.

Diskussion

Hüttermann bedient sich bei seiner Untersuchung einer explorativ angelegten, fallgestützten Analyse mit Anschlüssen an die zeitgenössische soziologische Theorie. Dieser Analyse zufolge sind die den Konfliktverlauf prägenden Rahmenbedingungen neben den formalen Verfahrensformen des politischen Systems oder des positiven Rechts auch in einer lebensweltlichen Dimension verankert. Die Analyse der politischen Kultur, ihrer Chancen und Grenzen, lenkt die Aufmerksamkeit daher auch auf lebensweltlich verankerte Rechtsvorstellungen, auf informelle Machtungleichheiten in der Stadtgesellschaft, auf die Verschränkung von Argument und Habitus, auf die symbolischen Grenzen identitätsstiftender Räume und auf die Rolle lokaler Persönlichkeiten. Eine solche erweiterte Perspektive erweist sich richtig und wichtig, legt sie doch die Ressourcen der politischen Kultur für den Konflikt um islamische Symbole frei. Hüttermann kann so einerseits zeigen, dass lebensweltlich sedimentierte Gerechtigkeitsprinzipien gerade dort, wo man es am wenigsten vermuten würde, einen argumentativen Konsens erschweren (zweite Analyse) oder zu dem Schluss kommen, dass gemeinsam geteilte lebensweltlich sedimentierte Prinzipien keineswegs einen lebensweltlichen Hintergrundkonsens garantieren (dritte Analyse).

Diese und weitere Gesichtspunkte machen deutlich, dass Hüttermann die Themenstellung sehr gründlich und ausdifferenziert bearbeitet. Er dringt mit seinen brillanten Analysen in ein recht komplexes und diffiziles Feld vor. Man merkt, hier schreibt jemand, der mit der Problematik nicht nur längere Erfahrungen gesammelt, sondern sich auch wissenschaftlich mit dem Thema intensiv auseinander gesetzt hat. Seine Empfehlungen, auch hinsichtlich der Frage, in welcher Form Konflikte um islamische Symbole die politische Kultur in Deutschland bereichern können, sind folgerichtig.

Fazit

Der vorliegenden Arbeit kommt in der heutigen Zeit eine große Aufmerksamkeit zu. Insgesamt gesehen stellt das Buch einen großen Zugewinn für die politische Kultur des Konflikts um islamische Symbole dar.

Das Buch ist nicht nur all jenen zu empfehlen, die sich aus soziologischer Perspektive mit dem Thema befassen, sondern auch anderen Interessierten, die ihren Blick zur politischen Kultur des Konflikts um islamische Symbole erweitern wollen. Das Buch von Hüttermann liefert hierzu wertvolle Informationen. Zumal es dem Autor in hervorragender Weise gelingt, die in der soziologischen Theoriesprache kondensierten Konkordanzen durch relativ ausführliche Zitate von Interviews und Beobachtungsprotokollen anschaulich und plausibel zu machen.


[1] Damit sind die einfachen Gebetsstätten gemeint, die ihre Benutzer in gemieteten und umgebauten Häusern oder Hallen eingerichtet haben und die oftmals von außen nicht als religiöse Einrichtungen zu erkennen sind. Sie befinden sich in Hinterhöfen oder Gewerbegebieten und fallen nur durch die zahlreichen Besucher am Freitag mittag oder an den Abenden der Fastenzeit auf.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 27.10.2006 zu: Jörg Hüttermann: Das Minarett. Zur politischen Kultur des Konflikts um islamische Symbole. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. ISBN 978-3-7799-1495-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3779.php, Datum des Zugriffs 10.12.2016.


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