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Josef Freise: Interkulturelle soziale Arbeit

Cover Josef Freise: Interkulturelle soziale Arbeit. Theoretische Grundlagen, Handlungsansätze, Übungen zum Erwerb interkultureller Kompetenz. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2005. 254 Seiten. ISBN 978-3-89974-203-9. 19,80 EUR.

Reihe: Politik und Bildung, Band 36.

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Zielsetzung

Ausgehend von der Beschreibung der deutschen Gesellschaft als einer mehrkulturellen, nicht interkulturellen Gesellschaft, stellt der Autor die These auf, "dass interkulturelle Kompetenz eine Fähigkeit darstellt, die es in unserer Gesellschaft zu nutzen und zu entwickeln gilt." Er will mit diesem Buch "einen Beitrag zur Förderung der interkulturellen Kompetenz in der Sozialen Arbeit leisten" (S.10).

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Teile:

  1. Grundlegende interkulturelle Themenstellungen aus Bezugswissenschaften der Sozialen Arbeit, hier Philosophie, Theologie, Psychologie und Sozialwissenschaften umfassend.
  2. Theoriegeleitete Handlungsansätze der Interkulturellen Sozialen Arbeit, hier insbesondere die Interkulturelle Jugendhilfe. Dieser Teil bezieht sich auch auf den pädagogischen Handlungsansatzdes Interkulturellen Lernens und
  3. Praktische Übungen zum Erwerb interkultureller Kompetenz.

Zu Teil 1: Grundlegende interkulturelle Themenstellungen

Der Autor geht davon aus, dass in der bisherigen Literatur die Verknüpfung von Theorie, handlungsbezogener Konzeptentwicklung und auf die Persönlichkeitsbildung ausgerichtete Methoden und Übungen "im deutschsprachigen Raum eher spärlich" sei (S.14). Der Begriff der "Cultural Studies" wie er von Stuart Hall entwickelt wurde ist für Freise der wissenschaftliche Bezugspunkt für interkulturelle Soziale Arbeit: " Dieses Buch stellt sich in die Tradition der "Cultural Studies": Es werden interdisziplinäre Erkenntnisse zusammengetragen, die auf praktische Anwendung und auf Einmischung in die politischen Verhältnisse zielen" (S.25). Dabei lehnt er sich an das Paradigma an, "Soziale Arbeit im Sinne einer Menschenrechtsprofession" auszugestalten.

Nach der Begriffsklärung und Verortung entwickelt der Autor Überlegungen zu philosophischen Grundlagen der Interkulturellen Arbeit, hier in Anlehnung an Martin Buber und Emmanuel Lévinas. Anschließend skizziert er theologische Überlegungen zur Interkulturellen und Interreligiösen Sozialen Arbeit und setzt sich mit Aspekten der Globalisierung und Migration, der mehrkulturellen Nation, der Dominanzkultur und Diskriminierung und dem Begriff der Integration auseinander.

Zu Teil 2: Theoriegeleitete Handlungsansätze der Interkulturellen Sozialen Arbeit

Hier umgrenzt der Autor die "Zukunftsperspektiven für die Interkulturellen Fachdienste", stellt die Jugendhilfe dar und geht intensiv auf "Geschichte und Begriff des Interkulturellen Lernens" ein. Auch hier zieht er- wie unter Teil 1- am Ende des zweiten Teils ein Resümee, das die jeweiligen Betrachtungen und Aussagen präzise zusammenfasst.

Für den Verfasser gilt insgesamt: "Die Migrationssozialarbeit befindet sich in einem umfassenden Prozess der Neustrukturierung. Hier fordert er insbesondere die "interkulturelle Öffnung der Regeldienste", die "Integration der Einheimischen in die mehrkulturelle Gesellschaft", die "Ressourcenorientierung der Migrationssozialarbeit" und die "Notwendigkeit der Lobbyarbeit" (S.114). Die Identitätsentwicklung einheimischer und ausländischer Jugendlicher, hier vor allem der türkischen, wird in Anlehnung an den symbolischen Interaktionismus dargestellt und auf die in der 13. Shell-Studie beschriebenen 5 Jugendmilieus bezogen. Daran schließt eine Betrachtung des Arbeitens mit Jugendlichen gegen Fremdenfeindlichkeit an, die sowohl kulturhomogene Aspekte als auch einen interkulturellen Blick enthalten müsse. Es gelte insbesondere präventiv zu arbeiten und auch hier sei festzustellen: "Die Jugendhilfeeinrichtungen sind noch nicht hinreichend auf die notwendige kulturelle Öffnung vorbereitet" (S.143). Ein Überblick über die Entwicklung der Geschichte und des Begriffs des Interkulturellen Lernens beendet den Teil B. Hier werden vier Ausprägungen interkulturellen Lernens erörtert: biografisches Lernen, soziales Lernen, globales Lernen und Sensibilisierung für Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit unterschieden (S.148ff).

Zu Teil C: Praktische Übungen

Dieses Teil enthält praktische Übungen zum Erwerb interkultureller Kompetenz zu folgenden Aspekten:

  • Eigene und fremdkulturelle Identität: Wahrnehmung, Respektierung und Begegnung,
  • Übungen im Rahmen internationaler Begegnungen,
  • Übungen zum Themenfeld der Interkulturellen Mediation,
  • Übungen zum Engagement gegen Diskriminierung und
  • Auswertungsübungen.

Im Schlussteil werden Elemente interkultureller Selbstkompetenz als persönliche Fähigkeit kurz umgrenzt:

  • Eigenkulturelles Bewusstsein,
  • Ambiguitätstoleranz,
  • kulturelle und ethische Sensibilität und Empathie und last not least
  • Konfliktfähigkeit.

Diese Übungen wurden im Rahmen des Studiums der Sozialen Arbeit an der Abteilung Köln der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen erprobt (S.158). Der Autor verweist auf die Schwierigkeit, dies in den Studienalltag zu integrieren und dass diese Übungen nicht beliebig auf andere Gruppen zu übertragen wären.

Diskussion

Die Stärke dieses Beitrags zur Interkulturellen Sozialen Arbeit ist in dem dezidierten Ansatz zu sehen, eine Verbindung von Theorie und Praxis herzustellen. In den Theorieteilen wird jedoch auch vieles angetippt und dann nicht präziser ausgeführt: " Psychologische Forschungen machen aber deutlich, dass Migranten in der Regel nur dann zu einer gelungenen Integration finden, wenn sie eine bikulturelle Identität entwickeln" (S.101), formuliert der Autor unter der Betrachtung des Aspektes der Integration. Oder: "Vielfach wird immer noch unter dem Begriff der Integration eine vollständige Assimilation verstanden"(S.100).

Dies grenzt die theoretische Erkenntnisgewinnung für Studierende fachbezogener Seminare leider etwas ein. Dennoch, als Ansatz auf dem steinigen Pfade zu Entwicklung einer interkulturellen Sozialen Arbeit ein nicht unwichtiger Meilenstein. Sicherlich kein Buch, das neue theoretische Einsichten liefert über das Leben in der Fremde zwischen Integration und Segregation, aber viele Aspekte aufgreift und versucht, diese in den Kontext von Rollenspielen, Selbsterfahrung und Gruppendiskussionen zu stellen. Inwieweit die umfangreich dargestellten Übungen zur Wahrnehmungssensibilisierung, Einstellungsänderung und Auflösung von Stereotypen beitragen, im Sinne der hier genannten Selbstkompetenz bleibt allerdings offen. Darauf gibt es keine empirischen Hinweise. So erscheint manches dem Prinzip Hoffnung gewidmet oder bleibt auf der Ebene der Vermutungen stehen: "Interkulturelle Trainings bezeichnen interaktive Lernprozesse zur Stärkung kulturellen Selbstbewusstseins, zur Sensibilisierung für kulturell angepasste Verhaltensweisen und zur Entwicklung interkultureller Konfliktfähigkeit"(S.158).

Fazit

Insgesamt ein informatives Buch zu den theoretischen und praktischen Grundlagen interkultureller Sozialer Arbeit. Allerdings steht die Fülle auch präziserer wissenschaftlicher Darstellung im Weg. Strukturalistische und kulturalistische Denkansätze bei der Thematisierung von Interkulturalität werden als Gegensatz zwischen ideologie- und gesellschaftskritischer Position einerseits und als Engagement für die Verständigung und Gleichberechtigung gegenüber gestellt. Hier wäre sicherlich eine differenzierte theoretische Betrachtung theoretischer Paradigmen zum Verhältnis von Gesellschaft, sozialem Wandel, kulturellen Diffusions- und Abgrenzungsprozessen möglich gewesen. Allerdings räumt dies der Autor selbst ein (S.81). Interessant der Versuch, theologische Überlegungen zur Interkulturellen und Interreligiösen Sozialen Arbeit (Handeln, Diskurs und Gebet) mit einzubeziehen.


Rezensent
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
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Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 29.10.2006 zu: Josef Freise: Interkulturelle soziale Arbeit. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2005. 254 Seiten. ISBN 978-3-89974-203-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3796.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.


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