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Susanne Gröne: Trennung und Scheidung in der Familienbildung

Cover Susanne Gröne: Trennung und Scheidung in der Familienbildung. Vom (Wieder-)Erlernen des aufrechten Gangs. Der Andere Verlag (Tönning) 2005. 284 Seiten. ISBN 978-3-89959-399-0. 33,90 EUR.

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Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die Veröffentlichung der Dissertation der Autorin an der Universität Bamberg, Bayern, Deutschland, Studienrichtung Pädagogik. Entsprechend folgen der Stil der Sprache, sowie der Aufbau des Werkes der Form wissenschaftlicher Arbeiten und ihrer Ergebnisse.

Thema

Die Autorin beleuchtet das Thema Scheidungs- und Trennungsgeschehen aus der Perspektive der Erwachsenen, insbesondere der Frauen. Sie untersucht mögliche Chancen der Wandlung. Zentral geht es darum, ob Scheidung in der Reorganisationsphase als Lernanlass gesehen werden kann und welche unterstützenden Lernangebote es namentlich in den Institutionen der Familienbildung vor Ort gibt.

Inhalt

Eine gute Einführung bietet die Zusammenfassung der aktuellen sozialwissenschaftlichen Forschung zum Thema Scheidung. Neben Aspekten der sich wandelnden Familie, die nun schon länger bekannt sind und bereits zu geschichtlichem Grundwissen gehören stellt die Autorin Ausführungen über den Wandel in gesellschaftlichen Bereichen, die sich auf ganz neue soziologische Werte beziehen, dar. Es wird ein umfassender und zugleich kompakter Überblick über die Scheidungstheorien,  sowie über Systemtheorien und ihre Kritik  und einander zum Teil widersprechender (Forschungs-)ergebnisse gegeben. Die Autorin lässt Desorganisationsmodelle hinter sich und folgt stärker der Idee von familialen Umgestaltungs- und Neuorganisationsmodellen. Es folgt statistisches Material zur Scheidungsrate, Scheidungsdemografie, Scheidungsursachen und -folgen. Die Rechtsauskünfte des Buches beziehen sich auf Deutschland.

Der zweite zentrale Begriff des Buches, der des Lernens, hier in der Krise wird aufgegriffen und behandelt. Theorien belegen die Sinnhaftigkeit von strukturiertem Lernen in Krisenzeiten mit  besonders nachhaltigen Ergebnissen. Geradezu könnten wir uns, was die Lerneffekte betrifft, nach Krisen sehnen! Jedenfalls wird dafür plädiert dem Erfahrungswissen und Erfahrungslernen den nötigen Stellenwert zu geben.

Einem geschichtlichen Abriss der Erwachsenenbildung folgt eine Auseinandersetzung mit den Krisentheorien. Die Autorin trägt dem Paradoxon Rechnung, gleichzeitig höchst emotional involviert zu sein und gleichzeitig der Forderung sachlicher Auseinandersetzung nachzukommen.

Die Ergebnisse einer von der Autorin durchgeführten qualitativen Untersuchung untermauern die theoretischen Konzepte, ergänzen sie oder stellen sie in Frage. Die Autorin wählt ausschließlich die Gruppe der betroffenen Frauen. Ein Ergebnis der Studie ist, dass das Lernen zu erfassen und zu reflektieren erst mit Abstand zur Krise möglich ist. Krise hat neben vielen allgemein gültigen Merkmalen ein höchst individuelles Erleben. Die kommentarlose Schilderung der Scheidungsanlässe, -gründe, -ursachen aus Sicht der Frauen scheint aus systemischer Sicht der Schuldzuweisung problematisch. Hier dürfte die selbstreflexive Haltung des Lernens noch fehlen.
Die Familienbildungseinrichtungen in Bayern werden bezogen auf ihre Angebote zum Thema Trennung/Scheidung untersucht. Hierbei wird deutlich, dass die Zielgruppe mit einschlägigen Angeboten vernachlässigt wird. Das Thema kommt versteckt oder in Präventionsprogrammen im Sinne der Verhinderung von Scheidung vor.  Es gibt Schwierigkeiten den Markt systematisch zu analysieren und zu gestalten. Eine Unterversorgung zu gezielten Lernprogrammen gibt es insbesondere für unterprivilegierte und sozial benachteiligte Menschen. Eine nicht völlig durchorganisierte Marktsituation könnte auch eine Chance für flexible bedarfsorientierte Angebote sein. In dem Zusammenhang ist die Frage der Didaktik eine spannende und wird erläutert. Dies führt zur Anregung neuer Angebote bis zu konkreten methodischen Überlegungen.

Zielgruppen

Fachpublikum, Lehrende und Studierende, PraktikerInnen unterschiedliche Berufsgruppen, Familienbildungseinrichtungen.

Diskussion

Sehr bedauerlich finde ich, dass die Definition von Andragogik, als Wissenschaft der Bildung Erwachsener nie erläutert wird. Das hätte leichter einen weiten Zugang zu nicht wissenschaftlich arbeitenden PädagogInnen und anderen Berufsgruppen ermöglicht. So gesehen bewegt sich das Werk selbst ja innerhalb der Bildungslandschaft, indem auch Lesen Lernen ist.

So trocken das Buch ist, wirken als lebensweltliche Anbindung die Literaturzitate am Anfang jedes Kapitels erfrischend. Es gibt unzählige wertvolle Angaben und Hinweise zur Primärliteratur. Sucht man zu einem Stichwort des Buches Hintergrundliteratur oder Theoriebildung wird man über das Inhaltsverzeichnis im Text oder über das Literaturverzeichnis im Anhang fündig.

Für die Praxis innovativ und im Sinne der Lernerfahrungen relevant wäre es, beide Geschlechter zu untersuchen. Es geht auch darum, dass die Ex-PartnerInnen im Sinne der Kinder weiter zusammenarbeiten und für nächste Partnerschaften lernen. Dafür braucht es wieder zwei. Es wäre eine Bereicherung der Literatur und eine Beantwortung der Thesen und auch des vorliegenden Buchtitels, wenn sich Befragungen auf beide Beteiligten und damit Frau und Mann erstrecken.

Das Buch ist auch eine Mahnung für die missbräuchliche Verwendung von Begrifflichkeiten, die in Politik und als Populismus den Betroffenen schaden könnten.

Bestehen bleiben auch Forderungen an die Politik, die noch deutlicher formuliert sein könnten.

Fazit

Das vorliegende Buch behandelt das Thema Trennung und Scheidung in der Familienbildung in 5 Hauptabschnitten: Familiensoziologie und Scheidungstheorien, Krise und Lernen, Studie betroffener Frauen, Familienbildung in Bayern und Didaktik in der Erwachsenenbildung. Es ist einschlägigem Fachpublikum mit Interesse zu den Unterthemen zu empfehlen. Das Buch folgt einer wissenschaftlichen Sprache. Es bezieht sich in den angeführten gesetzlichen Grundlagen auf Deutschland und in den untersuchten Einrichtungen der Familienbildung auf Bayern.

Provokant gefragt: Ist Lernen und Identitätsstiftung ohne Scheidung überhaupt möglich? Sind Menschen, die diese Fortbildung nicht genossen haben, noch gleichwertig?

Wenngleich der sehr fundierte Überbau der Arbeit wissenschaftlich genau ist, ist es schade, dass die Autorin erst gegen Ende des Buches praktisch konkreter wird, als mögliche Anregung zur Reflexion und Theoriebildung, als Orientierung und als Instrument zur Hypothesenbildung und Hilfestellung. Für die Familienbildungseinrichtungen kann es Anregung zur Angebotssetzung sein.

DSA Christine Haselbacher

haselbacher@dieloop.at

lbhaselbacher@fh-stpoelten.ac.at

www.dieloop.at

www.fh-stpoelten.ac.at

www.rainbows.at

Lehrbeauftragte Fachhochschule St. Pölten Studiengang Soziale Arbeit

Trainerin Verein Rainbows


Rezensentin
Magª (FH) DSA Christine Haselbacher
FH-Dozentin, Bereich Soziale Arbeit, Fachhochschule St. Pölten GmbH
Homepage www.fhstp.ac.at
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Zitiervorschlag
Christine Haselbacher. Rezension vom 09.12.2006 zu: Susanne Gröne: Trennung und Scheidung in der Familienbildung. Der Andere Verlag (Tönning) 2005. 284 Seiten. ISBN 978-3-89959-399-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3859.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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