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Günther Opp, Nicola Unger: Kinder stärken Kinder. Positive Peer Culture in der Praxis

Cover Günther Opp, Nicola Unger: Kinder stärken Kinder. Positive Peer Culture in der Praxis. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2006. ISBN 978-3-89684-060-8. 16,00 EUR.

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Entstehungshintergrund

Die amerikanischen Erziehungswissenschaftler und Psychologen Larry K. Brendtro und Harry H. Vorrathhaben in den 1970er Jahren ihre Theorie der "Positive Peer Culture" (PPC) entwickelt (vgl. Vorrath, H.W./Brendtro, L.K.: Positive Peer Culture, Chicago, Illinois: Aldine Publishing Co. 1974), deren zentraler Inhalt die Erkenntnis ist, dass Kinder und Jugendliche unabhängig von eigenen Störungsbildern und Auffälligkeiten in der Lage sind, andere Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen, sich sozial weiter zu entwickeln, selbstbewusst, eigenverantwortlich und selbständig zu werden und sich sozial adäquat zu verhalten. In dem Maße, in dem ein Kind oder Jugendlicher ein anderes Kind bzw. einen anderen Jugendlichen in dessen Entwicklung fördert und unterstützt, entwickelt er sich selbst weiter. Dieses Konzept der PPC, die positiven Effekte von Gruppenprozessen nutzt und Kinder und Jugendliche zu einem konstruktiven Umgang mit ihren Problemen ermutigt, wurde nun auf eine Schule in Halle übertragen. Für die Übertragung der "Positive Peer Culture" auf deutsche Verhältnisse und ihre praktische Erprobung in der Ausbildung von Pädagogikstudenten wurden die Autoren im Transatlantischen Ideenwettbewerb USable der Körber-Stiftung ausgezeichnet. Ziel der Initiative der Körber-Stiftung ist es, "nützliche, brauchbare Ideen und Best Practices, die aus den USA nach Deutschland transferiert werden", in Deutschland bekannt zu machen und wirksam werden zu lassen.

Autoren

Herausgeber des Buches sind Günther Opp und Nicola Unger. Günther Opp, Professor für Verhaltensgestörtenpädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Nicola Unger vom dortigen Institut für Rehabilitationspädagogik, haben an der Universität Halle-Wittenberg das Studien-Projekt "Gemeinsam statt einsam" initiiert und dabei versucht, die Ideen und Konzepte der PPC auf die deutsche, schulische und außerschulische Bildungssituation zu übertragen.

Die Herausgeber, Nicole Unger und Günther Opp, haben für ihr Buch noch weitere Personen gewonnen, die wohl ebenso an der Verbreitung der PPC-Idee interessiert sind: Prof. Dr. Lothar Krappmann, Forschungsgruppenleiter am Max-Plack-Institut für Bildungsforschung in Berlin und Honorarprofessor für Erziehungssoziologie an der Freien Universität Berlin, Eveline Metzen, M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Transatlantischen Ideenwettbewerb USable der Körber-Stiftung, die sich auch für die Konzeption, Koordination und Redaktion des Buches mit Karin Haist verantwortlich zeichnet, Marion Schmidt, Politikwissenschaftlerin und Journalistin und Jana Teichmann, Erziehungswissenschaftlerin und Mitarbeiterin an dem Projekt "Gemeinsam statt einsam - Peer Conseling in der schulischen Erziehungshilfe" in Halle sowie Lehrbeauftragte im Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Aufbau und Inhalt

In dem Vorwort schildern die Herausgeber, wie sie mit dem Konzept der PPC in Kontakt kamen und von ihr "infiziert" wurden. Sie klären sodann mitunter die Begriffe "Peers" und "Positive" an "Positive Peer Culture". Das Buch gliedert sich insgesamt in vier Teile.

  1. Im ersten Teil gibt Günther Opp einen Überblick über Kindheit und Jugend heute. Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen stehen Chancen und Risiken in der Zeit des Heranwachsens. Unter dem Stichwort "Ausgrenzungsarena" beschreibt Opp relativ abstrakt die vielfältigen Herausforderungen, mit denen Kinder und Jugendliche in Familie, Gesellschaft, Schule und Peergruppe konfrontiert werden, zeigt dann anschließend einige Perspektiven der Kinder anhand von anschaulichen Beispielen in Halle auf.
  2. Im zweiten Teil werden die Grundlagen Positiver Peerkultur in mehreren Kapiteln von Opp behandelt. Im ersten Kapitel legt Opp unter der Überschrift "Die Kraft der Peers nutzen" die Theorie der PPC dar, indem Entwicklungsaufgaben in der Adoleszenz beschrieben, ein Überblick über die Bedeutung von Peerakzeptanz und von Zugehörigkeitserfahrungen gegeben sowie pädagogische Aspekte von PPC skizziert werden. Das Kapitel schließt mit einem Exkurs über den Unterschied zwischen PPC-Praxis als Interventions- und Präventionsansatz. Im nächsten Kapitel des zweiten Teils skizziert Opp die historischen Wurzeln der PPC. Es wird gezeigt, dass erst im 20. Jahrhundert die entwicklungsstärkende Kraft der Peergruppe erkannt und pädagogisch instrumentalisiert wurde. Der inhaltlichen Skizze einer kleinen Auswahl pädagogischer Modelle sozialer Gruppenarbeit folgen eine Diskussion der Chancen und Risiken der pädagogischen Praxis in historischer Perspektive sowie deren Zusammenfassung in qualitativen Kriterien für die pädagogische Gruppenarbeit. Die bisherigen Ausführungen im zweiten Teil werden in dem Interview mit dem Mitentwickler der PPC, Larry K. Brendtro, mit dem programmatischen Titel "Ein Klima der Großzügigkeit schaffen" unterstrichen.
  3. Im dritten und zugleich Hauptteil des Buches wird die Praxis der Positiven Peerkultur - Erfahrungen, Reflexionen, Perspektiven vorgestellt. Das Peerprojekt in Halle wird von Marion Schmidt ("Reden befreit die Seele") und Jana Teichmann ("Gemeinsam statt einsam" sowie "Von Mopeds und Plüschdrachen - Aus dem Alltag der Positiven Peerkultur") relativ ausführlich mit den verschiedenen Ansätzen, Anlässen und Erfahrungen des Peerprojektes beschrieben. Marion Schmidt stellt anschließend die intervenierende Praxis der PPC im St. Augustinusheim in Ettlingen vor, in dem Jugendliche Familien ersetzende Hilfen erhalten. Sie untermauert diese "Klare Linie mit Herz" mit einem Interview mit Christoph Steinebach von der Katholischen Fachhochschule Freiburg, der die Wirkung von PPC am Beispiel des St. Augustinusheim untersucht. Zuletzt versucht Marion Schmidt die PPC-Praxis an der Elk Hill Farm in Richmond (Virginia), wo seit 1970 mit sozial schwierigen Jugendlichen gearbeitet und seit 1978 PPC praktiziert wird, dem Leser/der Leserin nahe zu bringen. Der praktische Teil des Buches schließt mit einem für die Peer-Counceling-Arbeit sicherlich sehr hilfreichen Leitfaden von Nicola Unger. Bereits der Titel des Leitfadens Positive Peerkultur entwickeln macht deutlich, dass PPC von den Studierenden wie von den Lehrerinnen und Lehrern gelernt werden muss und im Bildungs- und Erziehungsverständnis etabliert werden kann, sofern im deutschen Bildungswesen ein diesbezüglicher Reformbedarf erkannt und ein entsprechender Reformauftrag formuliert wird. In dem Leitfaden wird jedenfalls versucht, mögliche Fragen zu beantworten, die sich interessierte (Sozial-)pädagogen und -pädagoginnen während der Gründung und Leitung einer Positiven Peergruppe stellen. Die Fragen betreffen die Akteure, Organisation, Spielregeln, Grenzen und Themengebiete einer Positiven Peergruppe.
  4. Im letzten Teil des Buches spricht sich Lothar Krappmann in seinem Artikel Das unausgeschöpfte Potenzial - Eine "Positive Peerkultur" fördert Kinder für eine Positive Peerkultur in den Bildungs- und Erziehungsprozessen aus; d.h. "ein "lange vergessenes Potenzial menschlicher Entwicklung" endlich auszuschöpfen" (S. 197) und den Kindern und Jugendlichen zu vertrauen und ihnen zuzubilligen, sich eine Meinung zu bilden, Gehör für ihre Interessen zu schenken, wenn sie in Gespräche über Sinn und Normen einbezogen werden. Krappmann fordert die Akteure der Erziehungs- und Bildungspraxis auf, dieses Konzept zu erproben.

Das Buch schließt mit einem Serviceteil, in dem Eveline Metzen Informationsquellen und Kontaktadressen zu PPC praktizierenden Bildungseinrichtungen in Deutschland und in den USA zusammenstellt, die für die diejenigen sehr hilfreich sein können, die an den PPC-Konzepten und -Erfahrungen interessiert sind.

Zu erwähnen ist noch die beiliegende, knapp 12-minutige DVD, in der Einblicke in die PPC-Arbeit in einigen Peergruppen gewährt werden. Einige Ausschnitte daraus lassen sich wie folgt beschreiben: "Jeder kommt zu Wort. Wir unterbrechen uns nicht. Wir beschimpfen uns nicht", steht an der Tür der Schule. Einmal pro Woche trifft sich eine kleine Schülergruppe in der Schule, um über ihre Alltagsprobleme zu beraten. Hänseleien, Stress mit dem Lehrer, Liebeskummer oder Zoff mit Freunden: In einer Gruppe Gleichrangiger, den "Peers", bestimmen die Jugendlichen selbst, worüber sie reden wollen, und entwickeln, begleitet von einem Mediator, eigene Lösungen.

Ziel und Zielgruppen

Das Buch soll den Praktikerinnen und Praktikern in der familiären, schulischen und außerschulischen Bildungs- und Erziehungsarbeit einen "Einblick in die durchaus fremde Welt der Peergruppen-Treffen bieten" und damit "Zweifel an den Möglichkeiten und der pädagogischen Reichweite von Erwachsenen in der Adoleszenz zerstreuen und konkrete Formen der Entwicklung Positiver Peerkultur beschreiben" (S. 16).

"Man kann nur hoffen, dass Lehrerinnen und Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter sich von der in diesem Band geschilderten Praxis zum Nachdenken anregen lassen." (Krappmann, S. 206)

Einschätzung

In dem Buch werden von guten Erfahrungen mit Bemühungen um eine Positive Peerkultur berichtet. Die präsentierte Praxis überzeugt. Doch ob sie anderen Gruppen, Heimen und Schulen zum Vorbild wird, ist fraglich. Die angebotene Liste der Institutionen (S. 214ff.) umfasst bisher noch nicht all zu viele - vor allem viel zu wenig Schulen in Deutschland. Eine (neue) Curriculumsrevision ist für weite Verbreitung notwendig!

Die Berichte demonstrieren zwar, wie Kinder und Jugendliche sich in ihren Fähigkeiten entfalten, wie ihre Selbstwahrnehmung sich ändert und wie sie Verantwortung füreinander übernehmen. Es bleibt jedoch offen, wie dieses gestärkte Selbst sich außerhalb der Peers behaupten kann und wie diese Kinder und Jugendlichen ihr weiteres Leben in die Hand nehmen und aktiv gestalten.

Fazit

Eine große Anzahl von Kindern wird heute mit Unsicherheiten, Belastungen und schwierigen Lebensbedingungen konfrontiert und benötigt professionelle Hilfe. Auf der anderen Seite ist bekannt, dass selbstbewusste Kinder, Kinder mit Selbstachtung und positivem Selbstwert stark und besser geschützt sind. Nicht zuletzt deshalb ist die Frage von zentraler Bedeutung, was die Kinder "stark" machen kann und über welche entscheidenden Ressourcen sie verfügen sollten, damit sie schwerwiegende Lebensbelastungen erfolgreich bewältigen können. Das Konzept der Positive Peer Culture ist in diesem Zusammenhang zukunftsweisend. Denn die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass mit geringem personellem und finanziellem Aufwand durchaus sichtbare Erfolge erzielt werden können. Insofern bleibt zu hoffen, dass der innovative und flexible Handlungsansatz für Schule und Kinder- bzw. Jugendarbeit rege Nachahmung in den verschiedenen Arbeitsfeldern findet.

Das Buch ist gelungen und hierbei eine sehr gut geeignete Orientierungshilfe. Es kann für interessierte Leser und Leserinnen uneingeschränkt empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 16.05.2006 zu: Günther Opp, Nicola Unger: Kinder stärken Kinder. Positive Peer Culture in der Praxis. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2006. ISBN 978-3-89684-060-8. Mit DVD. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3865.php, Datum des Zugriffs 25.09.2016.


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