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Burkhard Stahl, Dieter Irblich (Hrsg.): Diagnostik bei Menschen mit geistiger Behinderung

Cover Burkhard Stahl, Dieter Irblich (Hrsg.): Diagnostik bei Menschen mit geistiger Behinderung. Ein interdisziplinäres Handbuch. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. 501 Seiten. ISBN 978-3-8017-1956-2. 49,95 EUR, CH: 86,00 sFr.
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Einführung in das Thema

Die Diagnostik bei Menschen mit geistiger Behinderung leitet sich aus anwendungsbezogenen Fragen in der Arbeit mit diesem Personenkreis ab. Es sind dies u.a. Fragen der Beurteilung des Entwicklungsstandes, der Feststellung von Behinderungsursachen, der Planung- und Kontrolle von Förder- und Behandlungsprozessen und der Analyse des Lebensumfeldes. Die professionelle Arbeit in diesem Kontext setzt das Wissen um konzeptuelle, testtheoretische und methodische Fragen der Diagnostik voraus, benötigen darüber hinaus arbeitsfeldbezogenes Wissen und die differenzierte Kenntnis spezifischer Problem- bzw. Lebenslagen. Beteiligt sind dabei die Fachgebiete Medizin, Pädagogik und Psychologie.

Enstehungshintergrund

Im Zuge der Antipsychiatrie war die Diagnostik bei Menschen mit geistiger Behinderung in zahlreichen Professionen unter den Ideologieverdacht der Sigmatisierung und Legitimierung von Ausgrenzung geraten. Eine Stagnation der fachlichen Diskussion, bei zahlreichen Fachkollegen und -kolleginnen auch die Abwendung von diesem Thema waren die Folge.

Das aktuell auflebende Interesse führen die Herausgeber des Handbuches u.a. auf die auch in diesem Bereich geforderten Qualitätsstandards und die Verknappung der finanziellen Ressourcen zurück. Daraus leitet sich ein erhöhter Begründungsbedarf für Begleitungs-, Förder- und Therapiemaßnahmen ab. Darüber hinaus begegnen sich in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung zahlreiche Berufe. Insofern gilt es das wechselseitige Verständnis zu erhöhen, um eine produktive interdisziplinäre Arbeit zu gestalten. Diesem Anspruch fühlt sich das Handbuch verpflichtet.

Aufbau und Inhalt

Der Band enthält insgesamt 24 Kapitel, die in vier Bereiche - drei mit den jeweils fachspezifischen Zugängen (Psychologie, Behindertenpädagogik, Medizin) und dem abschließenden Bereich mit spezifischen diagnostischen Fragen und einem Resümee der Herausgeber - gegliedert sind.

  1. Der erste Themenbereich Psychologische Diagnostik führt in die Grundlagen psychologischer Diagnostik (Karl Dieter Schuck & Wolfgang Lemke), in testtheoretische und methodische Fragen ein (Konrad Bundschuh). Hier findet der interessierte Praktiker Grundlagen, die bereits im Studium vermittelt wurden und kann diese aktualisieren. Die folgenden Teilkapitel zur Entwicklungs- und Intelligenzdiagnostik (Heinz Süss-Burkhard), zur Neuropsychologischen Diagnostik (Dietmar Heubrock), zur Persönlichkeits- und Beziehungsdiagnostik (Ulrich Elbing & Jan Glasenapp) legen den Pfad, um die multiperspektivische Sicht auf die diagnostische Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung zu begründen. Die Kapitel zur Verhaltensbeobachtung (Klaus Sarimski) und zu psychologischen Aspekten der Diagnosemitteilung bei Entwicklungsproblemen (Matthias Paul Krause), gehören eher schon zu den spezifischen anwendungsorientierten Fragen und wirken in diesem Teil der grundlagentheoretischen Themen eher fremd.
  2. Der zweite Themenbereich zur Behindertenpädagogischen Diagnostik beginnt mit einem lesenswerten Kapitel zu den Grundlagen dieses Fachgebiets (Konrad Bundschuh) und wird dann mit Kapiteln zu den Erhebungsmethoden (Hartmut Sautter), der diagnostischen Handlungsplanung (Rainer Trost) und Begutachtung (Burkhard Stahl) schlüssig fortgesetzt. Fragen zur Diagnostik bei schweren Formen der geistigen Behinderung (Alois Bigger) und ein Kapitel zur Rehabilitation in den Bereichen Arbeit und Wohnen (Gerd Grampp) beschließen den Themenbereich.
  3. Teil 3 gilt der Medizinischen Diagnostik. Auch hier werden eingangs professionsspezifische Grundlagen der Diagnostik vorgestellt (Michael Seidel). Dem folgt ein Kapitel mit Anwendungsfragen der Allgemeinmedizinischen Diagnostik (Armin Schlosser). Funktionen der Grundversogung, der Gesundheitsförderung und der Sozialmedizin werden hier in Beziehung zu diagnostischen Fragen bei Menschen mit geistiger Behinderung gestellt. Die Leser bekommen im Folgenden einen Einblick in die medizinische Diagnostik von Behinderungsursachen (Christine Margarete Freitag), die diagnostische Arbeit in der Psychiatrie (Klaus Hennicke) und im Kontext von Demenzprozessen (Meindert Haveman).
  4. Der  vierte Teil nimmt spezifische diagnostische Anwendungsfragen auf. So wird aus einer förderdiagnostischen Perspektive nach der Feststellung des individuellen Hilfebedarfs gefragt (Iris Beck). Beiträge wenden sich den posttraumatischen Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen (Dieter Irblich), sowie Fragen der Diagnostik bei Mehrfachbehinderungen zu (Klaus Sarimski). Dem folgen Kapitel zur Diagnostik im Rahmen von Kriseninterventionen (Klaus Hennicke) und zur Evaluation des Lebensumfeldes (Iris Beck). Die Herausgeber ziehen abschließend ein Resümee und geben einen Ausblick. Dabei greifen Sie das Thema Interdisziplinarität auf und forschen nach Bedingungen und Modellen gelingender Kooperation.      

Das Handbuch bietet ein Sachwort- und Personenregister. Die Autoren der Kapitel sind mit Funktionsangaben und Institutionsadresse aufgelistet. (Es fehlen E-mail-Adressen).

Zielgruppen

Das Handbuch wendet sich an Psychologen, Pädagogen, Mediziner und Vertreter angrenzender Professionen (beiderlei Geschlecht), tätig in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung. Es soll aus einer multiperspektivischen Sicht ein breiter Überblick über die Grundlagen und sich in der Praxis stellende Fragen der diagnostischen Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung gegeben werden. Studenten und Studentinnen sind im Buchdeckel als Zielgruppe nicht explizit angesprochen, m.E. eignet sich das Handbuch für Studiengänge der Heil- und Sonderpädagogik (speziell im Kontext von Seminaren zur geistigen Behinderung) als Lehrbuch.

Diskussion

Burkhard Stahl und Dieter Irblich versammeln einen Kreis von Autoren und Autorinnen um sich, der aus Vertretern und Vertreterinnen der Hochschulen und der Praxis besteht. Gundlagenwissenschaftliche und anwendungsorientierte Zugänge werden dabei - z.T. sogar in Personalunion - für die Bereiche Psychologie, Behindertenpädagogik und Medizin ausgewogen vertreten.

Das Handbuch zeigt die Methodenvielfalt und -verschränkung in der Diagnostik bei Menschen mit geistiger Behinderung auf und spezifiziert dies für verschiedene Problem- und Lebenslagen. Zahlreiche Beiträge geben Auskunft zum praktischen Einsatz, zur Verwendbarkeit und zum Nutzung der vorgestellten Verfahren für verschiedene Klientengruppen bzw. diagnostische Fragestellungen. Auch ein Beitrag zur Gutachtenerstellung fehlt in diesem Zusammenhang nicht. Praktiker bekommen einen breiten und differenzierten Blick auf die nach neustem Stand der Fachwissenschaft zu empfehlenden Methoden, Einzelverfahren und auf Fragen der Vermittlung der diagnostischen Ergebnisse an die Klienten bzw. Auftraggeber.

Die Bandbreite der Beiträge integriert Fragen der methodischen Gestaltung und der institutionellen Umsetzung des Diagnostikprozesses unter Reflexion der ethischen Implikationen. Die Diagnostik findet Ihre Legitimation dabei in den wissenschaftlich erforschten Methoden bzw. Verfahren und nimmt in einzelnen Beiträgen einen Rückbezug auf bestehende rechtliche Grundlagen.

Das Handbuch ist insgesamt klar strukturiert, auch wenn sich - und das lässt sich bei herausgegebenen Büchern diesen Umfangs wohl nicht ganz vermeiden - einzelne Kapitel in Teilbereichen überschneiden. Die Texte sind zumeist leserfreundlich und immer kompetent geschrieben. Die Literaturlisten am Ende der Kapitel sind aktuell.

Fazit

Das Handbuch bietet ein breites Spektrum theoretischer und methodischer Fragen zum Thema "Diagnostik bei Menschen mit geistiger Behinderung". Grundlagenwissenschaftliche Beiträge stehen neben anwendungsorienterten Beiträgen aus der Praxis und werden durch Ausführungen zu spezifischen Problem- und Lebenslagen ergänzt. Auf dem Hintergrund des wachsenden Interesses an Fachwissen zur Diagnostik bei Menschen mit geistiger Behinderung ist das Handbuch ein wichtiger Beitrag zur Integration von psychologischen, behindertenpädagogischen und medizinischen Perspektiven.

Die von den Herausgebern im Resümee aufgegriffene Frage nach gelingender interdisziplinärer Kooperation diskutieren diese auf dem Hintergrund aus der Sozial- und Organisationspsychologie vorliegender Erkenntnisse und unterbreiten Vorschläge zur Problemlösung. Burkhard Stahl und Dieter Irblich greifen damit ein für dieses, aber auch für andere Bereiche des Sozialwesens zentrales Thema auf.

Insgesamt kann der Rezensent das Handbuch "Diagnostik bei Menschen mit geistiger Behinderung" uneingeschränkt empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Balz. Rezension vom 25.02.2007 zu: Burkhard Stahl, Dieter Irblich (Hrsg.): Diagnostik bei Menschen mit geistiger Behinderung. Ein interdisziplinäres Handbuch. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. ISBN 978-3-8017-1956-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3894.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


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