Elisabeth Albrecht, Christel Orth u.a.: Hospizpraxis
Elisabeth Albrecht, Christel Orth, Heida Schmidt: Hospizpraxis. Ein Leitfaden für Menschen, die Sterbenden helfen wollen. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2002. 4. neubearbeitete Auflage. 159 Seiten. ISBN 978-3-451-05243-9. 8,90 EUR.
Herder Spektrum Bd.5243.
Die Autoren
Dr. med. Elisabeth Albrecht arbeitet in Regensburg als Internistin mit Schwerpunkt Palliativmedizin. Sie engagiert sich seit vielen Jahren durch ihre Referententätigkeit in der Hospizarbeit / Palliative Care.
Die Diplompädagogin Christel Orth und die Hospizbildungsreferentin Heida Schmidt arbeiten im Christophorus-Hospiz Verein e.V. München.
Zielgruppen
Der Untertitel (Ein Leitfaden für Menschen, die Sterbenden helfen wollen) macht deutlich, daß sich dieses Buch in erster Linie nicht an Personen richtet, die professionell in der Sterbebegleitung tätig sind. Die Autoren betonen, daß sie das Buch aufgrund ihrer eigenen Tätigkeit und ihren Erfahrungen im Hospiz geschrieben haben, um das weiterzugeben, was "für Menschen wichtig ist, die Sterbende begleiten" (S.11).
Außerdem weisen sie darauf hin, daß berufliches Fachwissen nicht zu einem "Leitfaden" paßt und deswegen nur wenig berücksichtigt werden konnte.
Aufbau und Inhalte
Nach einer Einleitung wird das Hospizkonzept vorgestellt. Darunter fällt die Entwicklung der Hospizbewegung, ihre ethischen Grundlagen, sowie das aktuelle Betreuungsangebot in Deutschland unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Realisierungsformen.
Bei ihren Seminartätigkeiten im Hospiz stellten die Autoren fest, daß immer wieder die gleichen Fragen bei den Helfenden auftauchten und daran orientiert sich auch der Aufbau des Buches.
Die drei Hauptteile zeigen deutlich die Zielsetzung der Autoren.
Im ersten Teil ( Sterben, Abschiednehmen und Trauer als natürliche Vorgänge) wird detailliert der Sterbeprozess aus "praktischer Sicht" beschrieben. Welche körperliche und psychische Veränderungen können auf den Helfenden zukommen? Was kann in den letzten Wochen, in den letzten Stunden passieren? Ängste und Unsicherheiten, sowie wertvolle Erfahrungen haben Menschen in der Sterbebegleitung gemacht und geben diese weiter, um anderen Sterbebegleitern zu helfen. Typische Fragen, auf die Antworten gegeben werden, sind: Welche Auswirkungen haben Krankheiten, wie z.B. Krebs auf das Sterben und inwieweit kann man als Helfender sich auf Symptome der Krankheiten einstellen? Was passiert mit dem Körper, wenn der Tod eintritt, bzw. in den Stunden nach dem Tod? Was bedeutet Trauer und mögliche Auswirkungen bei einem Verlust auf körperlicher, psychischer, spiritueller, sozialer und Verstandesebene?
Im zweiten Teil (Solange wir leben) versuchen die Autoren den Helfenden dafür zu sensibilisieren, was alles noch möglich ist. Es werden viele Ratschläge und Tipps gegeben, wie man mit Improvisation und Einfallsreichtum noch einiges für den Sterbenden tun kann und viele Einschränkungen vermieden bzw. gelindert werden können. Die Energie soll dafür aufgewendet werden, Ideen zu entwickeln, was alles noch möglich ist, gerade im Bereich der fünf Sinne. Ein Beispiel hierzu: "Häufig ist Lutschen noch leichter möglich als Flüssigkeit zu schlucken; Getränke können in allen Varianten als Eiswürfel selbst zubereitet werden, z.B. Bierwürfel zum Lutschen" S.76
Zum Schluß werden weitere Hilfsangebote von professioneller Seite vorgestellt. Dazu gehören Anregungen aus der Atem-, Musik- und Kunstherapie.
Im dritten Teil ( Hilfen für Familie und Helfende) geht es um die Kommunikation zwischen Sterbebegleitern und Sterbenden. Es werden Hilfsangebote vorgestellt, wenn der Kranke zu Hause sterben will sowie Anregungen für die Trauerzeit, praktische Hilfen im medizinischen und rechtlichen Bereich. Zum Abschluß geht es um Hilfsangebote für den Helfenden und dies beinhaltet auch die Wahrnehmung des Helfers und die Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen und Grenzen.
Allgemeine Einschätzung
Wie die eben aufgeführte Inhaltsübersicht schon andeutet: das Buch enthält eine Fülle von Ratschlägen und Tipps in Bereichen der Sterbebegleitung, die für die Autoren wichtig erscheint. Da dieses Buch für "Praktiker" geschrieben wurde, fehlt es an den theoretischen Grundlagen, was aber auch in der Einleitung des Buches gerechtfertigt wird. Dafür gibt es weiterführende Literaturhinweise am Ende des jeweiligen Kapitels. Ich habe die Gliederung und den Aufbau der Kapitel als ungünstig empfunden, da kein "roter Faden" erkennbar war. Man kann auch das Gefühl bekommen, von Ratschlägen erschlagen zu werden. Die Informationen gehen nicht in die Tiefe und die Feststellung, daß Interesse und Respekt eine hilfreiche innere Haltung und Desinteresse und Abneigung eine nicht hilfreiche innere Haltung ist ( S.92), ist für den Leser nicht gerade anspruchsvoll.
Anderseits ist es ein Leitfaden und die vielen sehr hilfreichen und interessanten Hinweise regen an, nachzudenken, die Anregungen weiterzuentwickeln. Hilflosigkeit und Ohnmachtsgefühle, die zweifelsohne auf den Sterbebegleiter zukommen, können reduziert werden. "Unwissenheit und die daraus resultierenden Ängste vermindern helfen" ( S.39), durch klare Informationen unnötiges Leiden verhindern, diffuse Ängste beseitigen - das ist der Anspruch der Autoren. Und darum sprechen sie aus, was in anderen Büchern zu diesem Thema nicht einmal angedeutet wird. Das direkte Aussprechen von "heiklen" Bereichen und die Klarheit, die in einzelnen Bereichen, dann auch mit Fachwissen belegt wird, macht dieses Buch zu einer Bereicherung in der Fülle der "Ratgeber zur Sterbebegleitung".
Fazit
Es handelt sich bei dem vorgestellten Buch nicht um ein Werk, mit Hilfe dessen man sich gründlich Theorien und Grundlagen aneignen kann, die mit der Sterbebegleitung zu tun haben. Dafür gibt es genug andere Bücher.
Aber für alle Menschen, die Sterbenden helfen wollen und die schon dieses theoretische Grundwissen besitzen, bzw. Wert darauf legen, praktische Hilfeleistungen zu bekommen, finden in diesem Buch viele Antworten auf diese "Lücken". Die Besonderheit und die Stärke des Buches liegen darin, daß es auf Erfahrungen von kompetenten Sterbebegleitern beruht, die wissen, welche Fragen und Ängste bei einer Begleitung auftauchen können. Und die Informationen, die Ängste nehmen können, findet man in diesem Buch.
Dieses Buch ist eine Bereicherung auf dem Büchermarkt. Ich möchte es jedem Menschen nahelegen, der sich um Sterbende kümmern möchte bzw. mit der Hospizarbeit oder mit Sterbenden zu tun hat.
Rezensentin
Soz.Päd. Erika Daniels
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Erika Daniels. Rezension vom 08.10.2002 zu: Elisabeth Albrecht, Christel Orth, Heida Schmidt: Hospizpraxis. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2002. 4. neubearbeitete Auflage. 159 Seiten. ISBN 978-3-451-05243-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/390.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Katrin Göring-Eckardt (Hrsg.): Würdig leben bis zuletzt
Sven Jennessen, Astrid Bungenstock u.a.: Kinderhospizarbeit
Stellenangebote
Psychologen, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen als Gesundheitsmanager (w/m), Stuttgart
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
