Ingrid Strobl: "Es macht die Seele kaputt". Junkiefrauen auf dem Strich
Ingrid Strobl: "Es macht die Seele kaputt". Junkiefrauen auf dem Strich. Orlanda Verlag (Berlin) 2006. ISBN 978-3-936937-35-0. D: 18,50 EUR, A: 19,10 EUR, CH: 31,80 sFr.
Autoren und ihr Hintergrund
Ingrid Strobl lebt und arbeitet als freie Autorin in Köln. Sie schreibt Kurzgeschichten und Bücher, macht Beiträge für den Hörfunk und das Fernsehen.
Zielgruppen und Aufbau
Das Buch wendet sich an Professionelle, Semiprofessionelle und Laien, die interessiert sind, Junkiefrauen, ihr Gewordensein, ihr Leben und ihre Lebensart zu verstehen und ihnen respektvoll und wertschätzend begegnen wollen.
Das Buch besteht aus einer Einleitung, 3 Hauptkapiteln mit Unterkapiteln, einer Danksagung, einem Literaturverzeichnis und einem Glossar. Die Einleitung berichtet über die Entstehung des Buches, erläutert die Auswahl der zu Interviewenden, das Vorgehen und den Aufbau des Buches. Es ist kein Buch über Junkiefrauen, sondern ein Buch von Junkiefrauen, das Ingrid Strobl in ihrem Auftrag schrieb.
Teil 1 Drei Porträts und eine halbe Nacht
Ingrid Strobl gibt den Lesenden Einblick in die Biographie von drei "gestandenen" Junkiefrauen. Regine, Marilyn und Diana ließen die Autorin selbstkritisch und selbstreflexiv Anteil nehmen an ihrer gegenwärtigen Situation, ihrem Gewordensein in Interdependenz zu ihrer Lebensgeschichte und deren Brüche. Durch Achtsamkeit, Vorurteilslosigkeit, Offenheit und Wertschätzung gelang es der Autorin nicht nur ihr Vertrauen, sondern auch ihre Freundschaft zu gewinnen. Man muss diese Lebenszeugnisse auf sich wirken lassen, sie nach-lesen, um das Ineinandergreifen von Erfahrungen, Vorurteilen, Erlebnissen von Ausbeutung, Einsamkeit, Verlassenheit, Liebesbedürftigkeit und -fähigkeit zu verstehen und jede dieser (Über)-Lebensgeschichten wertschätzend zu würdigen. Sie offenbaren in eindrücklicher Weise, zum einen wie wichtig - Selbstbewusstheit und Selbstwert konstituierend - für Menschen Anerkennung, Wertschätzung, Bestätigung und Freundschaften sind und zum anderen, wie es diesen Frauen trotz allem gelingt, sich für ihre private Liebesbeziehung Intimität zu bewahren.
Ein von Angie geführter Szenenstadtbummel in Frankfurt gibt einen tieferen Einblick in das alltägliche soziale Leben und Überleben von Junkiefrauen auf dem Strich.
Teil 2 Leben und Überleben
- Kindheit. 86 % der interviewten Frauen erlebten in ihrer Kindheit körperliche und/oder psychische Gewalt, sexuelle und/oder emotionale Ausbeutung. Oftmals war zumindest ein Elternteil alkoholkrank oder tablettenabhängig, was sie für die Kinder uneinschätzbar machte. Entweder waren sie als Kinder "brave" oder "wilde" Mädchen, entweder war ihr Leben gezeichnet von Geboten/Verboten oder "zuviel" Freiheit - Vernachlässigung, Verlassenwerden, Sich-überlassensein. Es fehlten Geborgenheit und kontinuierliche Zuwendung. Viele sehnen sich bis heute nach der Liebe ihrer Mutter.
- Jugend. Im Alter von 13 - 15 bekamen die Frauen Kontakt mit Alkohol, Joints, Trips und/oder Speed - meistens in ihrer peergroup. Sie wollten ihre Gewalterfahrungen, Verlassenheit u.ä.m. vergessen, bewältigen und/oder einfach cool sein, sich vom Spießertum absetzen. Wichtig und zentral für die Jugendlichen war - unabhängig davon wie hoch der Preis war - die Zugehörigkeit zu einer peergroup - Clique, Punks, andere Unangepasste. Sie gab Halt, Zuwendung, Aufmerksamkeit und ermöglichte ein (fragiles) Selbstbewusstsein.
- Der erste Schuss. Motive für den Heroingebrauch waren: traumatische Erfahrungen zu lindern und zu vergessen; der Wunsch radikal anders zu sein, Neugier u.ä.m.. Heroin macht ruhig und gelassen, simplifiziert Komplexität, besänftigt Angst, Wut und Ärger, schenkt Sicherheit, betäubt Schmerzen, füllt innere Leere. Es hat zunächst eine wohltuende, entpannende und berauschende Wirkung. Die Negativa greifen erst, wenn man abhängig ist und in den Teufelskreis von Anschaffen - Stoff beschaffen und nehmen - Anschaffen usf. gerät.
- Der erste Freier. Irgendwann - nach Jobverlust, Kriminalität, Gefängnisaufenthalten - wurde für die Junkiefrauen das Anschaffen gehen unumgänglich, da es die "legalste" Weise war, um genügend Geld für den Drogennachschub zu erwirtschaften. Begleitende Motive waren: eine Unterkunft zu haben, den Freund vor der nächsten Inhaftierung zu schützen, ein geringes oder beschädigtes Selbstwertgefühl. Denn - trotz der Errungenschaften der Frauenbewegung - wird Mädchen via Medien, Videoclips und "Vorbildern" immer noch eine abgeleitete Identität als Zubehör von Männern vermittelt. Sich als eigene Person gegen diese mainstream-messages zu behaupten, sich, den eigenen Körper, die eigenen Bedürfnisse wert zu schätzen, ist äußerst schwierig insbesondere für Mädchen aus der werktätigen Schicht. Es fehlen entsprechende Modelle und Unterstützung. "Prostitution war und ist für die heroinabhängigen Frauen kein Beruf, sondern eine reine Beschaffungsmaßnahme" (115). Was und wie sie sich beim ersten Mal fühlten, ist für sie unbeschreibbar. Später geht es nur mit der Devise "Augen zu und durch", "Kopf und Herz abschalten" und das ermöglicht die Droge.
- Leben
mit dem Stoff. Junkie sein ist teuer,
100 bis 200 Euro/Tag. Junkie sein bedeutet:
- ein von Krankheiten begleitetes und gezeichnetes Leben
- verachtet werden wegen ihrer Lebensweise, ihrem Drogenslang, ihrer (meist) Unterschichtästhetik
- aufgehört zu haben und immer wieder rückfällig zu werden
- eine Lebensform und -stil zwischen Outlaw und Rebellion
- sich nie heimisch zu fühlen in der normalen bürgerlichen oder proletarischen Welt
- Wenn die Liebe zuschlägt. Die meisten der Junkiefrauen wurden in ihren Beziehungen Opfer von Gewalt. Jedoch haben sie sich auch gewehrt und ihrerseits die zerstörerische Beziehung beendet. Junkiefrauen sind auch ganz normale Frauen, die sich nach Liebe, Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen, Anerkennung etc. sehnen und oft klischeehafte Vorstellungen von einer heilen Familie haben. Gelingende Beziehungen haben die höchste Priorität, scheitert die Beziehung, so steigt der Heroin- und Zusatzkonsum.
- Muttersein auf Droge. Einige der Junkiefrauen sind Mütter. Sie woll(t)en gute Mütter sein. Nur wenige leben (noch) mit ihren Kindern. Entweder sahen sie ein, dass sie überfordert waren oder das Jugendamt sie ihnen abnahm. Der Schmerz über den Verlust ist gepaart mit Versagensgefühlen und Scham. Woll(t)en sie doch ihren Kindern all die Liebe und Geborgenheit geben, die sie selber nie erleben durften.
- Anschaffen. Die Haltung gegenüber den Freiern reicht von "Augen zu und durch" bis zu "Kunden bzw. Gästen". Nur 14% würden weiter anschaffen gehen, wenn sie das Geld nicht für den Stoff bräuchten. Die Preise auf dem Strich sind gesunken bzw. werden von den Freiern gedrückt, weshalb die Frauen mehr Touren machen müssen, um ihre Droge zu finanzieren. Das Auftreten der Frauen und ihr Umgang mit den Freiern hängt ab von ihrem Selbstbewusstsein, ihrer inneren Haltung, dem Grad des Ekels bzw. der Gewöhnung, dem finanziellen Druck, der Tagesverfassung u.ä.m.. Freier wollen am liebsten immer ohne Gummi. Die Junkiefrauen verweigern dies und setzen zusätzlich deutlich Grenzen. So ist "Küssen und Lecken" für die meisten Tabu und ihrem Lebensgefährten vorbehalten. Einige Freier suchen seelische Entsorgung, finden sie diese, so entwickeln sich manche von ihnen zu Stammfreiern, die regelmäßig kommen und "ihre" Frauen respektvoll behandeln. Die "Sozialfreier" - meist Ältere - wollen die Frauen - selten uneigennützig von ihrer Sucht und der Prostitution "befreien". Sie geben ihnen Kost und Logis, begleiten/treiben sie zu Ämtern. Als Gegenleistung erwarten sie permanente sexuelle und/oder emotionale Verfügbarkeit (vgl.183). Freier wollen nicht nur ihre sexuellen Bedürfnisse befriedigen, sondern auch ihre Illusionen - z.B. die Frau fände sie unwiderstehlich, liebe sie gar - bedient wissen. Der Spagat zwischen Selbstschutz, finanziellem Kalkül, Selbstverleugnung und Erniedrigung kostet viel zusätzliche Energien. Vor dem Anschaffen setzen sich viele Frauen einen Schuss oder trinken Alkohol, um ihre Gefühle jedoch nicht ihren Kopf zu betäuben und nachher wird sich gründlich geduscht/gebadet/gewaschen, geschrubbt und gebürstet, um den Dreck loszuwerden. Die meisten Junkiefrauen haben Erfahrungen mit gewalttätigen Freiern - Zahlungsverweigerung, Schläge, Würgen, Messerattacken bis hin zur Nötigung und Vergewaltigung - insbesondere in Sperrbezirken. Hier sind sie ständig auf der Flucht vor der Polizei/dem Ordnungsamt, was dazu führt, dass sie einerseits die Freier vorab nicht hinreichend checken und andererseits mit ihnen an dunkle, menschenleere Orte fahren (müssen), wo es keine Hilfe gibt und sie den Freiern ausgeliefert sind. Via "Freierbücher", Mundpropaganda und Hotlines informieren sie sich wechselseitig über gewaltbereite bzw. gewalttätige Freier.
- Träume
und Realitäten. Die meisten
Junkiefrauen - insbesondere die Älteren - träumen davon "irgendwann aufzuhören",
ein normales, drogenfreies Leben mit seriösem Job, materieller
Sicherheit, Ehemann, Kindern, Eigentum zu führen, mit ihren Kindern zusammenzuleben.
Aufgrund mehrfacher Versuche und Entzüge wissen sie, dass Traum und
Realität zweierlei sind. Auf die Frage
"Was möchtest Du, dass das Buch zum Ausdruck bringt?"
"Ich fände es toll, wenn das Buch für junge Menschen abschreckend wirkt, abschreckend, Drogen zu nehmen, und abschreckend, anschaffen zu gehen, gerade für junge Mädchen. Dass das nicht beschönigt wird" und "Finger weg! Das Leben ist zu schön dafür!"
Teil 3 Die Hilfeeinrichtungen (200 - 214))
- Köln:
Gestemünder Straße - Mäc Up. Auf der
Gestemünderstr., dem legalen Kölner Straßenstrich, arbeiten die Frauen in
9 mit Alarmknopf versehenen Boxen. Sie werden in einem Container vom
Sozialdienst katholischer Frauen (SKF) sozialarbeiterisch betreut. Sie
erhalten Spritzen und Kondome, können essen und trinken, sich ausruhen und
sich - wenn und wann sie es wollen - beraten und ins so genannte
Hilfesystem vermitteln lassen, Die Junkiefrauen schätzen die SKFlerInnen,
ihre Herzlichkeit und Wertschätzung, ihre Offenheit und pragmatische Art.
Sie wurden in die Planung der Gestemünderstr. mit einbezogen, brachten
ihre (Strich)-Erfahrungen und Vorstellungen ein, von denen nur einige
nicht zu realisieren waren. Eine Polizeibeamtin ist täglich 3 Stunden als
Ansprechpartnerin vor Ort. Nach 4 Jahren sind die Frauen selbstbewusster,
es ist "ihr" Platz. Sie lassen sich von Männern nicht mehr alles bieten,
erleben die Polizei auf ihrer Seite stehend und zeigen Freier ggfs. an.
Ergänzend zur Arbeit auf dem Strich bietet der SKF mit und im Cafe MÄC UP Ausstiegs- , Substitutionsberatung und Psychosoziale Begleitung (PSB) an. Im Cafe können die Junkiefrauen essen und trinken, Wäsche waschen, die Kleiderkammer nutzen und 2 PCs benutzen und auf Wunsch sich beraten lassen. Seit 07/2005 gibt es das clearingwohnen für 4 heroinabhängige Frauen/Schwangere, ihre Neugeborenen oder Kleinkinder. Fachlich - sozialarbeiterisch, kindertherapeutisch und pflegerisch - können sie hier 1 Jahr leben und für sich klären, ob sie ihre Kinder selbst großziehen wollen/können oder in Pflegefamilien abgeben. - Frankfurt: Frauenberatungsstelle - Hotline. Die Hotline ist ein Projekt der Integrativen Drogenhilfe e.V. (IDH). Eine Sozialarbeiterin macht zu 50% Streetworkarbeit und mit den anderen 50% betreut sie weibliche Junkies in der Substitution. Sie versorgt die Junkiefrauen auf dem illegalen Strich nicht nur mit allem für safer sex und safer use Notwendigem, sondern betreut sie umfassender und verteilt das aktuelle Hotline-Heft, das Warnungen vor gewalttätigen Freiern enthält. Der Gesundheitszustand der Frauen ist - aufgrund fehlender kostenfreier medizinischer Betreuung und Versorgung - miserabel; denn die Frankfurter Drogenpolitik wendet sich ab von der niedrigschwelligen Arbeit hin zur Repressions-Abstinenz-Orientierung mit immer strenger werdenden Auflagen der Behörden und Geldgeber (z.B. Datenerfassung u.ä.m.) und das zu einer Zeit, da immer mehr Junkies auch crackabhängig sind und der Beikonsum der Substituierten ansteigt.
- Hamburg:
ragazza und Sperrgebiet. ragazza ist
eine Anlaufstelle für anschaffende Frauen. Sie werden hier ernst genommen,
unterstützt und beraten. Geboten wird ein Rückzugsraum, Essen, Trinken,
Wäschewaschen, Duschen, Akupunktur, ein Konsumraum, Spritzentausch,
Wundversorgung, eine Kleiderkammer, Freizeitangebote, Postadresse für
obdachlose Frauen und ein Freierbuch über gewalttätige Freier.
Sperrgebiet ist eine Einrichtung des Diakonischen Werks, eine Zufluchtstätte mit einer Notschlafstelle für jugendliche Junkiefrauen.
Fazit
Das Buch ist sehr lesenswert. Es bewegt, berührt tief und rüttelt auf, indem es vorurteilsgeleitete oder naive Vorstellungen über Junkiefrauen mit deren lebensgeschichtlichen und alltäglichen Realität kontrastiert. Empathisch, wertschätzend stellt sich Ingrid Strobl in den Dienst der Frauen, berichtet für sie, verleiht ihnen Stimme und dokumentiert ihre von Gewalt und Ausbeutung gezeichneten Lebensberichte. Ohne anzuklagen, ist das Buch gesellschaftskritisch und sowohl mädchen- als auch frauenpolitisch relevant, indem es Zeugnis ablegt über mögliche Folgen sexualisierter und häuslicher Gewalt, Vernachlässigung und Orientierungslosigkeit für Kinder und Heranwachsende.
Rezensentin
Dr. Michaela Schumacher
Homepage www.drmichaelaschumacher.de
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Zitiervorschlag
Michaela Schumacher. Rezension vom 12.09.2006 zu: Ingrid Strobl: "Es macht die Seele kaputt". Junkiefrauen auf dem Strich. Orlanda Verlag (Berlin) 2006. ISBN 978-3-936937-35-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3901.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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