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Wolfgang Schnotz: Pädagogische Psychologie

Cover Wolfgang Schnotz: Pädagogische Psychologie. Kompakt. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2011. 2. Auflage. 204 Seiten. ISBN 978-3-621-27773-0. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 44,50 sFr.

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AutorIn oder HerausgeberIn

Prof. Dr. Wolfgang Schnotz ist Lehrstuhlinhaber und Leiter der Graduiertenschule Unterrichtsprozesse der Universität Koblenz-Landau.

Aufbau

Das in der Reihe „Psychologie kompakt!“ im Beltz-Verlag nun in der zweiten Auflage erschienene und überarbeitete Werk ist in drei Teile gegliedert, einen ersten Teil „Anthropologische Grundlagen“, einen zweiten Teil „Entwicklungs- und Sozialisationsbedingungen“ und einen dritten Teil „Lehren und Lernen“. In diesen drei Teilen werden 13 Themenfelder bearbeitet. Im Einzelnen:

  1. Einführung: Gegenstand und Aufgaben der Pädagogischen Psychologie.
  2. Humanistische Ansätze.
  3. Empirisch-behavioristische Ansätze.
  4. Handlungstheoretisch-konstruktivistische Ansätze.
  5. Anlage- und Umwelteinflüsse.
  6. Erziehungseinflüsse.
  7. Motivation.
  8. Attribution und soziale Kognition.
  9. Didaktische Orientierungen.
  10. Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen.
  11. Lehr-Lern-Medien.
  12. Lernstrategien.
  13. Pädagogisch-psychologische Beratung.

Dem Konzept der Reihe „Psychologie kompakt!“ folgend, werden den Kapiteln Informationen vorausgestellt darüber, was nachfolgend erarbeitet werden soll, werden Beispiele und Pro-und-Kontra-Diskussionen in den Text eingefügt, Definitionen und Schemata hervorgehoben und abschließend Zusammenfassungen, Bezüge zu anderen Themengebieten und Theorieansätzen hergestellt, Diskussionsfragen angeboten und weiterführende Literatur genannt.

Über die Homepage des Beltz-Verlags lassen sich zudem Online-Materialien downloaden, u.a. weiterführende Links und Antworten zu den Diskussionsfragen in den einzelnen Kapiteln, aber auch Teile, die schon im Buch zu finden sind, wie die Kapitel-Zusammenfassungen und einen Glossar.

Inhalt

Angesichts einer reihenspezifischen Beschränkung der Seitenzahl des Buches auf zweihundert Seiten ist es unumgänglich, eine grundsätzliche Entscheidung zur Reduktion der zu vermittelnden Inhalte aus dem umfänglichen Gebiet der Pädagogischen Psychologie zu treffen. Im Vorwort des Buches verdeutlicht der Autor seine Zielsetzung, keine enzyklopädische Sammlung des Gesamtwissens der Pädagogischen Psychologie zusammenzustellen, sondern „die Grundstruktur des Faches aus einer Überblicksperspektive darzustellen“ und über Kernbegriffe „grundlegende Zusammenhänge herauszuarbeiten“.

Im seiner Einführung in Gegenstand und Aufgaben der PP versucht Schnotz das Verhältnis PP zur Pädagogik zu bestimmen. Nach seiner Auffassung kommt der PP die Funktion zu, die „psychologisch relevanten Merkmale“ von Phänomenen in „pädagogischen Prozessen“ zu beschreiben und zu erklären. Zur Verdeutlichung des Zusammenhangs von Erklärung, Gesetzmäßigkeit und Prognose bedient sich Schnotz des Hempel-Oppenheim-Schemas. Da PP nicht nur eine wissenschaftliche Disziplin sei, sondern auch eine „Handlungslehre, die von praktisch tätigen Psychologen angewandt wird“ (warum nicht auch von Pädagogen?), müssen auch praktische Maßnahmen wissenschaftlich begründbar sein. Diese Möglichkeit sieht der Autor ebenfalls in der Anwendung des Hempel-Oppenheim-Schemas angelegt; die erforderlichen normativen Entscheidungen über die Ziele von Maßnahmen betrachtet er allerdings als eine Sache der Pädagogik und der Philosophie.

Der Teil I des Buches, „Anthropologische Grundorientierungen“, stellt „humanistische Ansätze“, „empirisch-behavioristische Ansätze“ und „handlungstheoretisch-konstruktivistische Ansätze“ vor. Während bei den humanistischen Ansätzen die Nähe der humanistischen Psychologie zu Prinzipien der Reformpädagogik überzeugend dargestellt wird, referiert der Autor bei den empirisch-behavioristischen Ansätzen die klassischen Konditionierungstheorie, die Theorien des Modelllernens und des Selbstgesteuerten Lernens. Die Einseitigkeiten beider Ansätze sieht Schnotz durch die handlungstheoretisch-konstruktivistischen Ansätze weitgehend überwunden. Unter „handlungstheoretisch-konstruktivistischen Ansätzen“ versteht er allerdings nicht die in der Soziologie oder in der Philosophie ansonsten mit dem Begriff der Handlungstheorie belegten Denkweisen und auch nicht die neueren systemtheoretisch oder erkenntnistheoretisch fundierten Modelle des Konstruktivismus, sondern eine „soziokonstruktivistische“ Synthese der tätigkeitspsychologischen Konzepte von Wygotski, Galperin und Leontjew (russische kulturhistorische Schule). Die Fokussierung der anthropologischen Grundorientierungen auf diese drei Positionen wird im dritten Teil des Buches bei der Diskussion didaktischer Orientierungen wieder bedeutsam.

Teil II des Buches widmet sich unter der Überschrift „Entwicklungs- und Sozialisationsbedingungen“ sozusagen den äußeren und inneren Rahmenbedingungen von Lernprozessen, d.h. den Bedingungen, die im Lernsubjekt vorzufinden sind (Anlage und Motivation) und den Bedingungen, die in der jeweiligen Kultur und in den Sozialisationsinstanzen gegeben sind, den Umwelt- und Erziehungseinflüssen und den Reaktionen der Lehrenden auf das Verhalten der Lernenden. In den Kapiteln „Anlage- und Umwelteinflüsse“, „Erziehungseinflüsse“, „Motivation“ und „Attribution und soziale Kognition“ umreißt der Autor die wichtigsten Einflussfaktoren auf das Lernen. Neben der klassischen Anlage-Umwelt-Kontroverse werden hier pädagogisch essentielle Themen wie Erziehungsziele, Erziehungsmittel und Erziehungsstile vorgestellt, Fragen der moralischen Entwicklung und Erziehung diskutiert und ein Überblick über die wichtigsten Ansätze zur Psychologie der Leistungsmotivation vermittelt. Attributionen aus Sicht der Lehrenden wie auch der Lernenden werden in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit dargestellt.

Der dritte Teil des Buches, überschrieben mit „Lehren und Lernen“, setzt mit seinem ersten Kapitel „Didaktische Orientierungen“ wieder an den anthropologischen Positionen des ersten Teiles an, indem er eine dem Behaviorismus nahestehende „Systemorientierung“ einer der humanistischen Psychologie nahestehenden „Entdeckungs- und Problemorientierung“ gegenüberstellt, die schließlich in einer „soziokonstruktivistischen Orientierung“ ihren balancierten Ausgleich finden. Unter der Überschrift „Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen“ stellt Schnotz Instruktionstheorien vor, diskutiert Lernzieltaxonomien, Instrumente der Bedingungsanalyse von Lernvoraussetzungen und Lerngegenständen und beschreibt Formen der Sequenzierung von Lerninhalten und ausgewählte Lernhilfen. Das elfte Kapitel „Lehr-Lern-Medien“ befasst sich mit Fragen des kognitionsgerechten Umgangs mit Textmedien, mit Bildmaterialien und mit Technologien der Neuen Medien. Ihm folgt ein kurzes Kapitel zu Lernstrategien, das auch Behaltensstrategien und Verstehensstrategien vorstellt. Den Abschluss bildet schließlich ein Kapitel zur pädagogisch-psychologischen Beratung, in welchem der Lehr-Lern-Zusammenhang im Wesentlichen verlassen wird, um den Beratungsbedarf für alle an pädagogischen Prozessen beteiligten Personen zu thematisieren. Analysiert werden hier die Voraussetzungen erfolgreicher Beratung, die Phasen des Beratungsverlaufs und einige Beratungskonzepte.

Das Buch schließt ab mit einem detailliert erarbeiteten Glossar, dem Literaturverzeichnis und einem Sachwortverzeichnis, welches die Suche nach Begriffen in der Veröffentlichung sehr erleichtert.

Diskussion

Das Buch wartet mit einigen Tugenden auf, die für ein Einführungsbuch lobenswert sind: Es ist in einer höchst verständlichen Sprache geschrieben, es ist übersichtlich und nachvollziehbar schlüssig gegliedert, es ist didaktisch lernerorientiert aufbereitet, d.h. es enthält in jedem Kapitel auf grauem Hintergrund hervorgehobene Textfenster zu Definitionen, Schemata, Beispielen, Querverweisen etc. und am Ende jedes Kapitels findet sich eine Zusammenfassung, Diskussionsfragen und eine kurze Liste weiterführender Literatur.

Der wissenschaftliche Entwurf der PP in diesem Buch ist offenbar (wenn auch nicht explizit) von einem kritisch-rationalistischen Wissenschaftsverständnis geprägt. Dementsprechend wird PP als eine wissenschaftliche Disziplin verstanden, die Erklärungswissen produziert, Gesetzmäßigkeiten beschreibt und so für Prognosen eine Basis bietet. Die Einbindung dieses Wissens in normative Kontexte hinsichtlich des Entdeckungszusammenhangs wie auch hinsichtlich des Verwertungszusammenhangs wird nicht explizit thematisiert, sie klingt aber zuweilen an bei der Diskussion von praktischen Beispielen und bei Pro-und-Kontra-Diskussionen. Beachtet man, wie zahlreich die Empfehlungen für bestimmte didaktische und methodische Entscheidungen in diesem Buch ausfallen, stellt sich zumindest die Frage, ob eine genauere Verständigung auf zentrale normative Positionen nicht ein Gebot wissenschaftlicher Transparenz gewesen wäre.

Die inhaltliche Anlage des Buches ist von drei Auffälligkeiten gekennzeichnet:

Erstens wird auf den ersten Blick ins Inhaltsverzeichnis schon deutlich, dass der thematische Rahmen – trotz der Kompaktheit des Buches – relativ weit gesteckt ist. Der Autor befasst sich – kontrastierend zu anderen Lehrbüchern der PP – nur sehr minimalistisch mit lerntheoretischen Grundlagen, nimmt aber psychologisches Wissen aus anderen Teildisziplinen der Psychologie umfangreich auf. So finden Ansätze aus der Psychologie der moralischen Entwicklung ebenso Eingang in das Buch wie solche aus der Motivationspsychologie, der Sozialpsychologie oder der Medienpsychologie. Um die integrative Bedeutung der PP als Anwendungsdisziplin zu veranschaulichen, ist dies sicherlich gerechtfertigt. Aber es hat freilich seinen Preis bei der Vertiefung der Kernthemen.

Zweitens fällt auf, dass die klassische Unterscheidung von behavioristischen und kognitiven Lerntheorien, die in vielen Einführungen und Lehrbüchern der PP in systematischer Hinsicht konstitutiv ist, hier nicht zur Anwendung kommt. Der Autor entscheidet sich vielmehr zu einer quasi dialektischen Systematik, indem er humanistische Ansätze empirisch-behavioristischen gegenüberstellt und eine Aufhebung ihrer Gegensätze in einem dritten, nämlich im handlungstheoretisch-konstruktivistischen Ansatz diskutiert. Damit entfallen in dieser Einführung kognitivistische lerntheoretische Ansätze weitgehend, die nicht unmittelbar der humanistischen Psychologie entstammen. Insofern diese für die Konzipierung von Lehr-Lern-Prozessen von erheblicher didaktischer Bedeutung sind, ist dies eine schmerzliche Verkürzung der lerntheoretischen Grundlagen in diesem Buch. Zu Bedauern ist hier auch, dass konstruktivistische Positionen zur Neuen Lernkultur, die im pädagogisch-didaktischen Diskurs heute aktuell sind, nicht aufgenommen werden, obschon sich ihre Berücksichtigung an zahlreichen Stellen des Buches regelrecht anbieten würde.

Zum Dritten fällt auf, dass sich der Autor im dritten Teil des Buches doch sehr umfangreich mit einzelnen didaktischen und methodischen Aspekten von Lehr-Lern-Prozessen, also mit einem klassischen Themenfeld von Pädagogen, befasst, obschon er im ersten Kapitel PP nur als eine Handlungslehre von praktisch tätigen Psychologen skizziert. Es steht außer Frage, dass nicht nur Psychologen, sondern auch und vielleicht sogar vor allem praktizierende Pädagogen und unter diesen keineswegs ausschließlich Lehrer aus den Erträgen dieses Buches enormen Gewinn ziehen können.

Der Bearbeitungsmodus der einzelnen Kapitel, den Unterkapiteln eine Einführung voranzustellen und mit einer Zusammenfassung abzuschließen, und die oft formelhaften Leitsätze führen immer wieder dazu, dass der Leser gleiche oder ähnliche Formulierungen dreimal zu lesen bekommt: in der Einleitung, in der Themenbearbeitung und in der Zusammenfassung. Auch wenn dies der sprachlichen Eindeutigkeit und Klarheit dienen mag, so erweckt es doch den Eindruck einer reproduktiven Manier der Textverfassung und einer lehrerhaften Engführung der Leserphantasie, an der man sich vielleicht etwas stören könnte. Diesen Effekt hat auch ein weiterer Mangel in der Darstellung: Da die Systematik der inhaltlichen Anlage des Buches doch vergleichsweise originell ist, ist es umso bedauerlicher, dass der Leser in der Regel nicht erfährt, wie der Autor zu seinen Entscheidungen über die Reduktion der Inhalte gekommen ist. Dies sollte bei einer dritten Auflage in jedem Falle verbessert werden.

Wünschenswert wäre auch, dass die rezipierten Quellen in diesem Lehrbuch aktualisiert werden. Der Durchschnittswert des Erscheinungsjahres der aufgenommenen Beiträge liegt etwa bei 1980.

Fazit

Das Buch gibt trotz seiner Kürze einen guten Überblick über die „Bandbreite“ pädagogisch-psychologischer Fragestellungen in der psychologischen und pädagogischen Praxis. Es greift zahlreiche aktuelle Themen auf und gibt dem Praktiker vielfältige Hilfen insbesondere bei der Bewältigung didaktischer Entscheidungen. Wenn dem Autor hier ein großer Wurf gelungen ist, dann darin, dass er das Zusammenwirken verschiedener psychologisch relevanter Faktoren in pädagogischen Prozessen vermitteln konnte. Das Buch vermag daher sicherlich die Bedeutung der PP für die Gestaltung und das Verständnis von Lehr-Lern-Prozessen aufzuzeigen. Als Einführungsbuch für lerntheoretische Grundlagen eignet es sich weniger.

Konzipiert ist das Werk als kompaktes Einführungsbuch und Lehrbuch. Es soll damit erste Informationen einem Leser bieten, der sich erst in das Thema einarbeiten will. Dazu taugt es ganz sicherlich, wenn auch im Überblick einige gravierende Lücken bleiben. Die thematisch weite Perspektive des Buches macht es aber auch interessant als Ergänzung zu anderen Einführungen in die Pädagogische Psychologie, die sich fast ausnahmslos auf lerntheoretische Zusammenhänge konzentrieren. Es werden hier einige psychologische Themen aufgegriffen, die man in anderen Lehrbüchern der PP nicht findet, und einige theoretische Positionen aufgenommen, die in der mainstream-Literatur wenig repräsentiert sind.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Krieger


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Zitiervorschlag
Wolfgang Krieger. Rezension vom 08.02.2012 zu: Wolfgang Schnotz: Pädagogische Psychologie. Kompakt. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2011. 2. Auflage. ISBN 978-3-621-27773-0. Mit Online-Materialien. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3905.php, Datum des Zugriffs 31.07.2016.


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