Hans Uwe Otto, Jürgen Oelkers: Zeitgemäße Bildung
Hans Uwe Otto, Jürgen Oelkers: Zeitgemäße Bildung. Herausforderung für Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2006. 355 Seiten. ISBN 978-3-497-01846-8.
Anspruch des Buchs
Herausgeber und Autoren haben sich viel vorgenommen. Sie stellen und beantworten Fragen der Bildung und Ausbildung, die nicht zuletzt durch die in Politik und Öffentlichkeit geführten Diskussionen um das internationale Standing des deutschen Bildungswesens aufgeworfen worden sind. PISA, TIMMS, IGLU und andere Studien belegen, dass die bundesrepublikanischen Bildungsleistungen eher Mittelmaß sind. Der politische Anspruch ist Aufstieg.
Aufbau
Das Buch und die Beiträge gliedern sich in drei Teile:
- Erziehungswissenschaftliche Grundlagen
- Konzeptionelle Herausforderung und
- Bildungspolitische Konsequenzen.
Die Fragen richten sich einerseits an die Erziehungswissenschaft selbst, z.B. wie kann ein zeitgemäßer Bildungsbegriff aussehen? Was ist unter gelingendem Aufwachsen zu verstehen? Welche Bildungsziele sind in der heutigen Zeit zu definieren?
Zum zweiten geht es konkreter um Herausforderungen (früher gab es ja noch Probleme!), die sich aufgrund der Ergebnisse der internationalen und nationalen Studien für das Bildungswesen und die Bildungspolitik stellen. Dieser Abschnitt befasst sich schwerpunktmäßig mit dem Thema "Ganztagsschule". Ist die ""Ganztagsschule" eine adäquate Antwort, auf die Misere des deutschen Bildungswesens? Und wie können schulische und außerschulische Bildung mit einander verknüpft werden? Also auch um die Perspektiven von Schule und von Kinder- und Jugendhilfe mit ihren Bildungszielen, administrativen Voraussetzungen und politischen Verantwortlichkeiten.
Und zum dritten geht es um die bildungspolitischen Konsequenzen. In diesem Abschnitt findet sich eine Zusammenstellung unterschiedlicher Themen, von der Frage nach Chancengleichheit, über die "Vorschule" bis hin zur Feminisierung des Lehrerberufs.
Kommentar
Deswegen hier der Versuch, einige allgemeine Überlegungen zur Gesamtheit des Buches vorzustellen.
- Die Autoren sind alle ausgewiesene und engagierte Fachleute der Pädagogik und Sozialpädagogik aus den Hochschulen und dem Deutschen Jugendinstitut. Sie gehen in ihren Beiträgen den jeweiligen Fragestellungen kenntnisreich und detailliert nach. Alle Beiträge bieten auch umfangreiche Literaturlisten, die einerseits den wissenschaftlichen "Background" der jeweiligen Artikel widerspiegeln, andererseits Leser zu weiterer Beschäftigung mit dem Thema anregen. Vielfach wird auch auf Lücken hingewiesen, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt in der wissenschaftlichen Diskussion bestehen bzw. wo es noch gilt, empirisch nach zu forschen.
- Die gemeinsame Klammer aller Beiträge ist das Thema Gesamtschule. Die Beiträge des ersten Teils gehen der Frage nach, welcher Bildungsbegriff und welche Konzeption von Lernen in Ganztagsschulkonzepten zum Tragen gebracht. Sie reflektieren soziologische Gesellschaftstheorien von Beck, Bordieu bis hin zu Marx. Sie reichen von Konzepten des "gelingenden Aufwachsens" bis hin zu "Bildung als Weltkonstitution" Bei der Auseinandersetzung mit dem Bildungsbegriff kommt auch nicht die Betrachtung der Funktion der Schule zu kurz. Jedoch ist die Verknüpfung mit den tatsächlichen Gegebenheiten des Bildungsalltags über ein "müsste" und "sollte" bewerkstelligt. Die Kritik an der deutschen Erziehungswissenschaft, sie sei zu theoretisch und befasse sich nicht mit den praktischen Problemen, findet hier eine eine gewisse Bestätigung.
- Immerhin ist im Teil 2 des Buches zumindest auch mal eine Alternative zum deutschen Schulsystem angesprochen. Die Ganztagsschule, deren verschiedene Formen - gebunden, teilweise gebunden und offen - werden ausführlich besprochen; auch unter der Einbeziehung der Kinder- und Jugendhilfe. Die Bedingungen und Konsequenzen und auch die Chancen und Möglichkeiten werden ausführlich dargelegt. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Probleme des gegliederten und versäulten Schulwesens u.a. in der frühen Selektion der Schüler, in der Abschottung gegen einander und der geringen Durchlässigkeit liegen. Bis auf den Beitrag von Sünker, der als Alternative die Einführung der Gesamtschule fordert, werden also Reformen innerhalb des bestehenden Systems überlegt.
- Der dritte Teil ist von der Zusammenstellung der Beiträge her nicht ganz schlüssig. Sicher handelt es sich um wichtige Themen, wenn über Feminisierung des Lehrerberufs oder eine Studie zur Tagesbetreuung in Kassel, die natürlich auch mit dem irgendwie mit Schule, Lernen und Bildung verknüpft. Aber angesichts der bedeutenden Veränderungen und den damit verbundenen bildungspolitischen Entscheidungen verwundert es schon, welche Fragen nicht angesprochen werden.
Hier eine kleine Auswahl der m. E. wichtiger Themen, die in diesen Bund logisch hinein gehörten:
- Akademisierung der Erzieherinnen Qualifikation und die damit verbundenen Implikationen - es gibt erste Angebote, die ja auch durchaus den Übergang in den Primarbereich der Schulen vorsehen.
- Reform der Lehrbildung;
- Sitzen bleiben: ja oder nein?
- Neue Organisationsstrukturen in der Schule
- Die Föderalismusreform und die Auswirkungen auf das, was die Autoren unter gelingendem Aufwachsen verstehen.
- Die Finanzierungsfrage.
Nun könnte an dieser Stelle der Einwand kommen, das sei nicht Gegenstand des Buches und nicht die Intention der Autoren. Dem ist im Grunde zu zustimmen. Aber da ja nun mal auch explizit die Bildungspolitik angesprochen ist, wären also auch Beiträge zu den o g. Punkten auch unter der Fokussierung auf die Ganztagsschule und die Zusammenarbeit von Schule und Kinder- und Jugendhilfe zu erwarten. Es hätte dem Buch ganz gut zu Gesicht gestanden, wenn zu den angesprochenen Fragen auch Autoren anderer Disziplinen etwa Bildungsökonomen oder Politikwissenschaftler zu Wort gekommen wären.
Zielgruppen
An wen richtet sich das Buch?
- An Wissenschaftler? Sicherlich an alle, die sich wissenschaftlich mit dem Thema aus einander setzen.
- An Lehrer? Wohl eher nicht, denn für die alltägliche Bildungspraxis bieten die Artikel kaum Ansatzpunkt.
- An Sozialarbeiter? Auch die soziale Arbeit findet in den entsprechenden Artikeln ihre Ausgangspunkte, Voraussetzungen und Ziele wieder, aber wenig Konkretes, was die formulierte und geforderte Zusammenarbeit mit Schule angeht. Wie sollen z. B. die Kooperationen gestaltet werden unter den Bedingungen, dass Schule und Soziale Arbeit nicht nur unterschiedliche Zielsetzungen haben, sondern auch die Zuständigkeiten andere sind: hier soziale Arbeit in kommunaler Verantwortung, dort Schule in zentrale Zuständigkeit der Länder?
- An Politiker? Auch die finden hier zwar das Füllhorn der Pädagogik ausgeschüttet, aber ehr so, dass - zugegebenermaßen sehr vereinfacht - die alte Mär vom Verharren der Wissenschaft im Elfenbeinturm mehr bestätigt als widerlegt wird. Die Problematik des Föderalismus bleibt im Buch ausgeklammert.
Fazit
Der Band spiegelt das Dilemma der deutschen Pädagogik zwischen Glanz und Elend wieder: Immer auf der Höhe der theoretischen Diskussion und wenn es konkret wird, dann fehlen die wissenschaftlichen Erkenntnisse (es wurde wie oben erwähnt jede Menge an Forschungsbedarf angemeldet) oder es bleibt eher bei Appellen: eigentlich müsste es doch um Chancengleichheit oder zumindest Chancengerechtigkeit gehen; dass diese genauso ist, wie sie politisch durch exerziert wird, wird zwar bedauert, aber als Versagen der Politik gesehen. Dabei handelt es sich aber nicht um ein Versagen, sondern um den politischen Umgang mit den Bildungsproblemen, die die Politik genauso gelöst sehen will.
Rezensent
Prof. Dr. Karl-Ludwig Kreuzer
Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg
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Zitiervorschlag
Karl-Ludwig Kreuzer. Rezension vom 20.10.2006 zu: Hans Uwe Otto, Jürgen Oelkers: Zeitgemäße Bildung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2006. 355 Seiten. ISBN 978-3-497-01846-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3923.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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