Ulrike Zartler (Hrsg.): Wenn Eltern sich trennen
Ulrike Zartler (Hrsg.): Wenn Eltern sich trennen. Wie Kinder, Frauen und Männer Scheidung erleben. Campus Verlag (Frankfurt) 2004. 499 Seiten. ISBN 978-3-593-37460-4. 45,00 EUR, CH: 52,20 sFr.
Reihe: Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, Band 13.
Das Thema
Der Band enthält die wesentlichen Ergebnisse einer Studie "Scheidung / Trennung: Ursachen und Folgen für Kinder, Frauen und Männer", die 2002 am Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, Wien im Auftrag des österreichischen Bundesministeriums für Soziale Sicherheit und Generationen durchgeführt wurde. Die vorliegende Publikation widmet sich "neben dem Einbezug empirischer und theoretischer Evidenz aus Europa und den USA - insbesondere der Analyse von Scheidungsursachen und -folgen aus Sicht der Betroffenen.
Zu den Herausgeberinnen:
- Dr. Mag. Renate Kränzl-Nagl ist Leiterin des Programmbereichs "Childhood & Youth" am Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung in Wien.
- Univ.-Prof. DDr. Mag. Liselotte Wilk ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Programmbereichs "Childhood & Youth" am Europäischen Zentrum für Wohlfahrtpolitik und Sozialforschung in Wien, Lehrbeauftragte an den Universitäten Linz, Wien, Salzburg und Innsbruck sowie an der Fachhochschule für Soziale Arbeit in Wien.
- Dr. Mag. Ulrike Zartler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Programmbereichs "Childhood & Youth" am Europäischen Zentrum für Wohlfahrtpolitik und Sozialforschung in Wien und Lehrbeauftragte an der Fachhochschule für Soziale Arbeit in Wien.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist gegliedert in ein Vorwort des Österreichischen Bundesministeriums für Soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz, eine Einleitung der Herausgeberinnen und 4 Teile mit insgesamt 11 Kapiteln. Es enthält ein 45-seitiges Literaturverzeichnis, Hinweise zu den Autoren und Autorinnen und eine Übersicht der vom Europäischen Zentrum im Campus Verlag herausgegebenen Schriften.
Die Untersuchung selbst wird im 1. Teil vorgestellt, nachdem die Herausgeberinnen im 1. Kapitel zunächst den folgenden konzeptionellen Rahmen abgesteckt haben: Ausgehend von Statistiken über die Häufigkeit von Scheidungen in den Jahren 2002 - 2004 in Österreich und deren Interpretation aus historischer, gesellschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Sicht wird der Trennungs- und Scheidungsprozess auf der Grundlage von vier konzeptionellen Orientierungen betrachtet und analysiert:
- einem interpretativen Paradigma, nach dem "Personen und deren komplexe Lebenslagen (...) nicht auf den Status von "DatenlieferantInnen" reduziert,(...) sondern als Subjekte mit eigenen Relevanzstrukturen ernst genommen (werden)." (S. 25)
- einem Verständnis des Trennungs- und Scheidungsprozesses als familialem Mehrebenenprozess, in dem eine Paarbeziehung endet, die Beziehung der Partner als Eltern gemeinsamer Kinder aber erhalten bleibt, in der Elternschaft als Mutter-Kind- und als Vater-Kind-Beziehung neu realisiert werden muss und in dem Familie sich als Solidargemeinschaft neu konstruieren muss.
- einem entscheidungstheoretischen Modell für die Analyse der Paar-Entwicklung bis zur Scheidung, das die Entscheidung zur Trennung als prozesshafte Entwicklung mit ganz unterschiedlichen Ausprägungen ansieht.
- stresstheoretische Überlegungen, die hinzugezogen werden, um die Art und Weise der Bewältigung von Trennung und Scheidung und deren Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung und das Befinden aller Betroffenen zu analysieren.
Insgesamt wurden im Rahmen der Untersuchung betroffene Kinder, Mütter und Väter, sowie ExpertInnen in einer ländlichen Region (Südburgenland) und in einer Städtischen Region (Wien) mit qualitativen Interviews befragt, deren Aussagen miteinander und mit bestehenden Untersuchungsergebnissen in Europa und den USA verglichen.
In den Kapiteln 2 bis 8 werden alle relevanten Themen rund um das Phänomen Trennung und Scheidung behandelt. Exemplarisch seien genannt:
Unter dem Aspekt "Wege in die Scheidung", beschreiben Ulrike Zartler und Harald Werneck, "wie die befragten Frauen und Männer ihre nunmehr beendete Beziehung retrospektiv beurteilen und wie sie deren Qualität beschreiben." (S. 63) Es geht um die Rollenteilung in der Partnerschaft, Kommunikation und Konfliktlösungsverhalten, Stress und Stressbewältigungsformen, Sexualität, Heterogenität der Partner, Alkohol und Gewalt, sowie die Bedeutung der jeweiligen Herkunftsfamilien in ihrer Bedeutung für die Trennung/Scheidung. Subjektive Trennungsverläufe werden beschrieben und die Perspektive der Kinder herausgearbeitet.
"Wie sich die Beziehung der Ex-Partner nach der Scheidung gestaltet und welchen Einfluss die unterschiedlichen Gestaltungsmuster auf die Bewältigung der Scheidung haben" wird im 3. Kapitel beschrieben. (S.108) Auch hier wird die Auswirkung der Beziehungsqualität der getrennt lebenden Eltern auf die Art und Weise, wie Kinder diese Erfahrung bewältigen mit in den Blick genommen.
Die Kapitel 4 bis 6 (Martina Beham, Harald Werneck, Ulrike Zartler und Liselotte Wilk) beschäftigen sich mit der Entwicklung der Mutter- und Vater-Kind-Beziehungen in Nachscheidungsfamilien sowie dem Aufbau neuer Familienstrukturen nach der Scheidung. Beschrieben wird dieser Prozess jeweils aus der Perspektive der befragten Kinder, Mütter und Väter, was die Lektüre lebendig, spannend und eindrucksvoll macht.
Im 7. und 8, Kapitel geht es um die Bedeutung sozialer Netzwerke, einschließlich professioneller Unterstützung (Martina Beham und Liselotte Wilk) und um die Auswirkungen einer Scheidung auf die Befindlichkeit der betroffenen Kinder. Frauen und Männer sowie deren Persönlichkeitsentwicklung nach der Scheidung (Harald Werneck). Auch hier lassen die Autoren die Betroffenen in erster Linie selbst zu Wort kommen und fügen die Aussagen im Abgleich mit anderen Untersuchungsergebnissen zu einem differenzierten Bild zusammen.
Im 2. Teil widmet sich Ingeborg Mottl der Analyse der rechtlichen Situation bei einer Scheidung oder Trennung in Österreich, und auch hier stehen wieder die Auswirkungen auf die Kinder, Frauen und Männer im Vordergrund. Für den/die deutsche/n Leser/in ist hier interessant, österreichisches Recht mit dem deutschen zu vergleichen und zu sehen, welche Frage- oder Problemstellungen jeweils auch durch die Art der gesetzlichen Vorschriften induziert werden.
Im 3. Teil "Ökonomische Perspektiven" beschreibt Reiner Buchegger, welche wirtschaftlichen Folgen Trennung und Scheidung nach sich ziehen. Anscheinend Alt-bekanntes wird hier differenziert und detailreich anhand vieler statistischer Daten und in der Zusammenschau verschiedener Untersuchungsergebnisse präsentiert und analysiert - so dass man sich am Ende dieses Kapitels sowohl bestätigt sieht, wie auch eine deutliche Erweiterung der eigenen Perspektive erfahren hat.
Der 4. Teil und das 11. Kapitel runden den Band ab mit einem Blick von Renate Kränzl-Ngl, Liselotte Wilk und Ulrike Zartler auf die gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen. Unstrittig ist gesellschaftlicher und politischer Handlungsbedarf - in Österreich genauso wie in Deutschland. Notwendigerweise bleiben aber Forderungen, Maßnahmen und Empfehlungen in diesem Rahmen allgemein. Als "zentrale Maßnahmenbündel" werden beispielsweise "bewusstseinsbildende Maßnahmen betreffend Partnerschaft und Elternschaft, Scheidung / Trennung, (...) Förderung und Stärkung von personalen und sozialen Kompetenzen, Aufklärung und Bereitstellung von Informationen über Scheidung / Trennung und ihre Folgen (...)" usw. beschrieben (S. 408). Man fühlt sich bestätigt und gleichzeitig resigniert in Anbetracht der zurzeit gängigen Einsparungen im sozialen Bereich.
Zielgruppen
PraktikerInnen in Therapie und Beratung, vor allem in der Paartherapie oder -beratung, aber auch familienrechtliche MediatorInnen und VerfahrenspflegerInnen, genauso Studierende und Lehrende der Psychologie, Pädagogik und Sozialen Arbeit, aber auch von Trennung und Scheidung Betroffene, Paare und allgemein an diesem Thema Interessierte, nicht zuletzt sozial-politisch Engagierte.
Fazit
Ich habe das Buch mit wachsendem Vergnügen gelesen. Es ist alles andere als ein trockener Untersuchungsbericht - ganz im Gegenteil eine äußerst lebendige Darstellung der vielfältigen Aspekte rund um das Erleben von Trennung und Scheidung. Die Schilderung des Erlebens aus den verschiedenen Perspektiven von Kindern, Mütter, Vätern und ExpertInnen aus ländlicher und städtischer Umgebung und der Abgleich mit den bis dato vorhandenen Untersuchungsergebnissen in Europa und den USA machen dieses Buch zu einer äußerst informativen und spannenden Lektüre.
Der besondere Verdienst der Autorinnen und Autoren ist, dass sie eine eingängige, leicht verständliche Sprache gewählt haben, auch wo sie sich auf Theorien beziehen und statistische Daten analysieren. Der im 1. Kapitel formulierte Anspruch, die von Trennung und Scheidung Betroffenen "nicht nur als Objekte der Forschung (zu sehen), sondern als Subjekte mit eigenen Relevanzstrukturen ernst (zu nehmen)" muss an keiner Stelle des Buches angezweifelt werden. Ganz im Gegenteil, die gesamte Darstellung ist von einer respektvollen Haltung den Betroffenen gegenüber durchzogen.
Es ist ein Buch, das übersichtlich und leicht verständlich Auskunft gibt, über die vielfältigen Aspekte und Voraussetzungen für das Gelingen oder Scheitern einer Paarbeziehung. Es bietet damit einen wichtigen Teil des Wissenshintergrundes für angehende und erfahrene PraktikerInnen, viele spannende Informationen für Paare oder solche, die es werden wollen und eine gute Grundlage für beraterisch-therapeutische Konzepte und sozial-politische Planungsprozesse.
Es ist ein Buch, dessen zentrales Angebot die differenzierte Betrachtung der unterschiedlichen Perspektiven und vielschichtigen Elemente und Ebenen rund um das Thema Trennung und Scheidung ist, sehr informativ, gleichzeitig emotional ansprechend und leicht lesbar geschrieben.
Rezensentin
Dipl. Soz.-Arb. Annegret Sirringhaus-Bünder
Lehrende für systemische Beratung und Therapie (DGSF), systemische Supervisorin (DGSF), NLP- Lehrtrainerin (DVNLP), seit 1985 freiberuflich tätig in den Bereichen systemische Beratung und Therapie, Fort- und Weiterbildung, Supervision und Coaching.
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Zitiervorschlag
Annegret Sirringhaus-Bünder. Rezension vom 07.02.2007 zu: Ulrike Zartler (Hrsg.): Wenn Eltern sich trennen. Campus Verlag (Frankfurt) 2004. 499 Seiten. ISBN 978-3-593-37460-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3929.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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