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Jens Förster, Jens Weidner: Internatserziehung für kriminelle Jugendliche

Cover Jens Förster, Jens Weidner: Internatserziehung für kriminelle Jugendliche. Die Glen Mills Schools jetzt in Europa! Vom Entwicklungsstand Holland und Entwicklungsland Deutschland. Forum Verlag Godesberg (Mönchengladbach) 2005. 172 Seiten. ISBN 978-3-936999-13-6. 19,95 EUR.

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Thema und Entstehungshintergrund

Wer „kriminelle Jugendliche“ mit Internatserziehung bereits in einem Buchtitel in Verbindung bringt, schafft Aufmerksamkeit. Allein das mit großer Zuverlässigkeit periodisch öffentlich diskutierte Thema „Jugendkriminalität“ kann fast schon allein - so oder so - über Wahlen entscheiden und sorgt regelmäßig für genügend Aufregung in Gesellschaft und Politik. Assoziiert man Internatserziehung mit dem schönen Schloss Salem, stellt sich recht schnell Irritation ein. Aber es geht nicht um schicke Internate sondern um die US-amerikanische Anstalt „Glen Mills Schools“ und deren behavioristischen Konzept einer antrainierten „Verhaltensmodifikation delinquenter Jugendlicher von antisozialen zu prosozialen Verhaltensmustern als primärem Behandlungsziel“ (Weidner). Es geht um konfrontative Pädagogik bei einem längerfristigen „Internatsaufenthalt“ als Alternative zu geschlossener Unterbringung in Heimen oder Strafanstalten.

Der Autor, Jens Förster, Absolvent der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg im Studienschwerpunkt „Soziale Arbeit mit Tätern und Opfern“, absolvierte Praktika in der Glen Mills Schools, sowohl in Pennsylvania/USA als auch in den Niederlanden und fasst in der vorliegenden Publikation seine – durchweg positiven - Erfahrungen zusammen. (Jens Weidner hat lediglich redigiert). Dabei herausgekommen ist jedoch mehr als ein Erfahrungsbericht; es handelt sich eher um eine Streitschrift für den Transfer der Glen-Mills-Pädagogik nach Europa und insbesondere nach Deutschland.

Aufbau …

Zu Beginn werden auf der Grundlage der Subkulturtheorien, der Theorien des differentiellen Lernens sowie des Labeling-Approach-Ansatzes die theoretischen Grundlagen des Glen Mills´schen Behandlungskonzeptes dargelegt. Ein Schwerpunkt bildet die Vorstellung der US-amerikanischen Jugendanstalt Glen Mills Schools, insbesondere ihre Konzeption der „Seven Levels of Confrontation“ sowie der „Guided Group Interaction“. Es folgt ein Erfahrungsbericht über den niederländischen Glen Mills Schools-Alltag und die Unterschiede zum US-Modell. Abschließend referiert der Autor zusammenfassend die einzelnen Beiträge des Fachgutachtens des Deutschen Jugendinstitutes (DJI) zu dem Konzept der Glen Mills Schools und unterzieht diese einer kritischen Überprüfung. In einem Anhang wird ein Interview wiedergegeben, das der Autor Förster mit dem niederländischen Programm-Manager Cees van der Kolk geführt hat.

… und Inhalt

Im Rahmen der konzeptionellen Vorstellung wird die Glen Mills Schools als private, nicht geschlossene Jugendanstalt in der Nähe von Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania beschrieben, in der ca. 1000 mehrheitlich delinquente Jugendliche untergebracht sind. Das inhaltliche Konzept der Glen Mills Schools-Einrichtungen basiert auf einer „normativen Kultur der MitarbeiterInnen und Schüler“, die eine positive Verhaltensänderung bewirken soll. Im Mittelpunkt des Lernprogramms stehen die „Seven Levels of Confrontation“, beschrieben als ein Interaktionsritual, mit dem auf Normverletzungen reagiert wird und das von Schülern wie MitarbeiterInnen gleichermaßen „beherrscht und angewandt wird, mit dem Ziel, jugendlichen Tendenzen, subkulturelle Verhaltensstandards (z.B. Drogenkonsum, Gewalt) im Schulalltag zu reorganisieren, konsequent und ´right on the spot` entgegenzuwirken“ (S. 28). Das Instrumentarium der Konfrontation, das als absolut verbindlich gilt, reicht von der freundlichen Geste, mit dem der „Normbrecher“ auf sein Fehlverhalten hingewiesen wird, bis zur „physischen Ruhigstellung“, die durch das „Festhalten am Boden oder das Schließen der Gruppe der Unterstützenden zur Beruhigung“ erzwungen wird. Ein weiteres Mittel zur positiven Verhaltensänderung ist die „Guided Group Interaction“, eine aus gruppentherapeutischen Methoden entwickelte Technik, bei der der Druck der Peer Group gezielt gegen Gruppenmitglieder eingesetzt wird.

Größerer Raum nimmt der Erfahrungsbericht über die niederländische Glen Mills Schools in Wezep ein, wo der Autor vier Tage verbrachte. In Form eines Tagebuchs beschreibt Förster die Erlebnisse und Eindrücke des Schulalltags. In einem Fazit kommt er zu dem Schluss, dass „ein so kulturfremdes Erziehungsmodell wie die Glen Mills Schools (…) grundsätzlich auch unter europäischen Kulturbedingungen erfolgreich realisierbar (ist)“ (S. 83).

In der Diskussion über das Gutachten des DIJ (Die Glen Mills Schools, Pennsylvania, USA. Ein Modell zwischen Schule, Kinder- und Jugendhilfe und Justiz? Eine Expertise. München 2001), das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gegeben wurde, kommentiert Förster jeden der einzelnen Fachbeiträge mit der Intention, die vorwiegend kritischen Einschätzungen zu relativieren und die positiven Aspekte der Glen Mills Schools-Pädagogik hervorzuheben.

Diskussion

Schon der Buchtitel macht unmissverständlich deutlich, um was es Förster und Weidner geht: das – kriminalpädagogisch zurückgebliebene – Entwicklungsland Deutschland braucht eine Glen Mills Schools. Und so liest sich die Publikation über weite Strecken als Werbung für eine Pädagogik, die auf einem rigiden System permanenter Kontrolle und Verhaltenskorrektur durch Mitschüler und MitarbeiterInnen aufbaut und Raum für Individualität kaum zulässt. Das häufig vorgebrachte Argument, dass im Vergleich zu Jugendstrafanstalten doch die Chancen auf wirkliche und dauerhafte Verhaltensänderungen in der Glen Mills Schools allemal besser seien, mag nicht zu überzeugen. Denn ein solches Projekt lässt sich nur auf der Basis rechtsstaatlicher Grundsätze, des deutschen Jugendhilferechts und einer pädagogischen Kultur realisieren, die eine „Verhaltensschmiede“ mit einer Pädagogik der Dressur und entwürdigenden Konfrontationstechniken zu Recht nicht zulässt.

Fazit

Das Buch ist für alle diejenigen von Interesse, die sich mit dem System der Glen Mills Schools und der konfrontativen Pädagogik in Theorie und Praxis beschäftigen. Es verschafft einen Einblick in ein Programm einer Anstalt, in der Jugendliche, die durch Delinquenz in besonderem Maße aufgefallen sind, in einem permanentem Training einer Korrektur unterzogen werden. Auch Jahre nach seiner Veröffentlichung sei dieser Schrift der kritische Leser gewünscht.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Riekenbrauk
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Klaus Riekenbrauk. Rezension vom 28.04.2009 zu: Jens Förster, Jens Weidner: Internatserziehung für kriminelle Jugendliche. Forum Verlag Godesberg (Mönchengladbach) 2005. 172 Seiten. ISBN 978-3-936999-13-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3936.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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