Konsortium Bildungsberichterstattung im Auftrag d. Ständigen Konferenz d. Kultusminister d. Länder in d. BRD u. d. Bundesministerium f. Bildung u. Forschung (Hrsg.): Bildung in Deutschland [...] Analyse zu Bildung und Migration
Konsortium Bildungsberichterstattung im Auftrag d. Ständigen Konferenz d. Kultusminister d. Länder in d. BRD u. d. Bundesministerium f. Bildung u. Forschung (Hrsg.): Bildung in Deutschland. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2006. 327 Seiten. ISBN 978-3-7639-3535-2. 29,90 EUR.
Entstehungshintergrund, beteiligte Institutionen, Autorinnen und Autoren
Die Autorengruppe des Konsortiums Bildungsberichtserstattung, die sich aus besonders ausgewiesenen Expertinnen und Experten der Bildungsforschung zusammensetzt, hat mit der aktuellen Ausgabe von "Bildung in Deutschland" ein Standardwerk für alle Akteure des Bildungswesens und für alle bildungspolitisch Interessierte vorgelegt. Eingebunden im Konsortium Bildungsberichterstattung sind u.a. das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF über u.a. H. Avenarius, H. Döbert, E. Klieme), das Deutsche Jugendinstitut (DJI über T. Rauschenbach und seinen Mitarbeiterkreis), das Hochschulinformationssystem (HIS), das Soziologische Institut der Universität Göttingen (SOFI über M. Baethge und seinen Mitarbeiterkreis) sowie die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder über H.-W. Hetmeier und G. Meister-Scheufelen mit einer Vielzahl weiterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Unterstützt von einem wissenschaftlichen Beirat unter Vorsitz von Jürgen Baumert wurde ein Indikatorenmodell für die Erfassung und Abschätzung von Entwicklungen im Bildungswesen erstellt. Die Mitwirkenden Hartmut Ditton, Hans-Peter Füssel, Klaus Klemm, Hans-Günther Rossbach, Horst. Weishaupt bieten, vertieft durch Expertisen von Ingrid Gogolin, Jaap Scherens, Heike Solga und Petra Stanat zum Schwerpunktthema "Migration", ein einordnend und bilanzierend kommentiertes Datensurvey zu Bildung im Lebenslauf in Deutschland im Kontext internationaler Vergleiche (vgl. www.bildungsbericht.de).
Aufbau und Inhalt
Nach Vorwort, Hinweisen für die Leserinnen und Leser sowie einem Glossar und einer Übersicht territorialer und institutioneller Kurzbezeichnungen wird in der Einleitung das Design dieses Berichts vorgestellt. Den einzelnen Abschnitten ist jeweils eine prägnant gehaltene thematische Einführung vorangestellt, der dann kommentierend erläuterte Übersichten und Befunde folgen. Der Bericht bietet die Abschnitte,
- A zu "Bildung im Spannungsfeld veränderter Rahmenbedingungen",
- B "Grundinformationen zu Bildung in Deutschland",
- C "Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung", D "Allgemein bildende Schule und non-formale Lernwelten im Schulalter",
- E "berufliche Ausbildung,
- F "Hochschule",
- G "Weiterbildung und Lernen im Erwachsenenalter",
- H "Migration",
- I "Wirkungen und Erträge von Bildung" sowie eine
- Zusammenfassung und einen
- Tabellenanhang.
Die Form der Darstellung ermöglicht auch die Lektüre einzelner Abschnitte. Die Sprache ist für Bildungsberichte in besonderer Weise klar und auch für interessierte Laien verständlich gehalten. Die grafische Gestaltung überzeugt durch Übersichtlichkeit. Sämtliche Darstellungen sind konsequent kurz gehalten, so dass eine Lektüre dieses Berichts auch begleitend zu den Belastungen des pädagogischen Alltags möglich ist.
Diskussion
Die neue Welle Internationaler Vergleichsstudien von TIMSS, PISA & Co hat eine Vielzahl empirisch fundierter Befunde zu Leistungsprofilen und Standortbestimmungen einzelner Segmente des Bildungssystems initiiert. Die bisherigen Einzelstudien sind zumeist hochkomplex, bleiben auf einzelne Themen beschränkt und erfordern vom interessierten Fachpublikum neben einem hohen Zeitbedarf in der Erschließung und Deutung der Ergebnisse besonders hohe Arbeitsaufwendungen bei der Suche nach übergreifenden Befunden im Lebensverlauf, etwa zu Bildungsbeteiligung, zu Durchlässigkeit, zu Übergängen und zu Fragen des Verbleibs innerhalb des deutschen Bildungssystems, welches, wie bereits Blankertz hervorhub, kaum als System bezeichnet werden kann, da die einzelnen Formen, Stufen, Gänge und Zuständigkeiten bestenfalls marginal aufeinander abgestimmt sind. Wer also bislang Befunde über das Zusammenwirken bzw. über Brüche zwischen den einzelnen Segmenten des deutschen Bildungssystems und nach Kontexten der Hervorbringung von "Bildungsverlierern" suchte, war darauf angewiesen, aus vielfältigen Erhebungen und Befunden eigene Befund-Collagen zu erstellen, die angesichts der komplexen Materie zumeist unbefriedigend blieben. Diese Lücke wird über die Lebensphasen und die verschiedenen Bildungssegmente hinweg mit dem vorliegenden Bericht zum Schwerpunkt Migration endlich geschlossen. Berichte zu weiteren Schwerpunkten sind in Planung.
Der Expertengruppe ist es gelungen, knapp, übersichtlich und leicht verständlich Basisdaten aller Bildungsbereiche auf das Schwerpunktthema Migration zu beziehen. Die Befunde bestätigen alte und neue Kritiker des deutschen Sonderweges. Dieses Survey ist unbequem, von hoher politischer Brisanz und widerspricht den Mythen und Selbstinszenierungen, die sich in Kultuspolitik, Bildungsverwaltungen, einzelnen Schulformen, schulergänzenden Bildungsangeboten und nicht wenigen didaktischen Ansätzen etablieren konnten, die jedoch wegen der Unübersichtlichkeiten des deutschen Bildungssystems zumeist und zu lange unwidersprochen blieben. Angesichts der Tragweite der ausgewiesenen Strukturdefizite bestätigt diese Studie weit über die Gruppen mit Migrationshintergrund hinausreichend die Kritik an der "Illusion der Chancengleichheit" (Bourdieu) bisheriger deutscher Bildungsreformkonzepte. Durch die Ausrichtung des Bildungsberichts am Lebenslauf tritt eindeutig hervor, dass der deutsche Sonderweg über alle Bildungsbereiche und in allen Phasen soziale Segregationen, demografischen Wandel und Standortprobleme zumindest wesentlich verstärkt und die Anschlussfähigkeit umfassend erodiert, was sich besonders bei Übergängen zeigt. Ausgewiesen wird, dass sich die Bildungsbeteiligung sowie auch die Wirkungen und Erträge des deutschen Bildungssystems nicht nur für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Migrationshintergrund in nahezu keinem Bereich auch nur annähernd mit offiziellen Funktionszuweisungen, Proklamationen sowie den üblichen "Patentrezepten" decken.
Fazit
Wer nach Befunden für Argumente einer Bildungsstrukturdebatte sucht, wird sie in diesem Bericht finden. Fündig wird ebenso, wer an Standortbestimmungen, Einordnungen und Vergleichen des eigenen Arbeitsfeldes im Bildungswesen interessiert ist. Sowohl die einzelnen Befunde als auch die Zusammenfassung verweisen auf akuten und konsequenten Handlungsbedarf aller Bildungsakteure. Bereits beim Blättern und zufälligen Verweilen tritt hervor, dass die gegenwärtigen Leitlinien in Kultus- und Wissenschaftspolitik über die Ebenen der Bildungsverwaltung bis in die einzelnen Handlungsfelder zwingend einer grundlegenden Revision bedürfen und der Abschied von den Mythen des deutschen Sonderweges in allen Bildungssegmenten unausweichlich ist. Mit dieser Publikation liegt damit endlich eine lange fehlende Synopse vor, die unverzichtbar für die Fundierung der Debatten um zwingend erforderliche Reformstrategien scheint. Dem Konsortium Bildungsberichterstattung ist mit diesem nun auch als Printmedium publizierten Bericht ein "alltagstaugliches" und lesefreundliches Standardwerk für Studierende aller Bildungsberufe, das pädagogische Personal aller Bildungseinrichtungen und alle Mitarbeitenden in der Bildungsverwaltung gelungen. Es dürfte spannend werden, zu sehen, ob und wie die Auftraggeber, die Ständige Konferenz der Kultusminister und das Bundesministerium für Bildung und Forschung, angesichts dieses Surveys ihre bislang schon wenig überzeugenden "Reformen" weiterhin zu legitimieren versuchen, oder aber ein Anstoß gefunden scheint, der die alt gewohnten und unglaubwürdigen Mythen des deutschen Bildungssystems wie Dominosteine kippen lässt und so auf breiter Ebene Räume für Strukturreformen eröffnet.
Rezensent
Prof. Dr. Dirk Plickat
Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbuettel Fachbereich Fakultät Handel und Soziale Arbeit. Nach langjähriger eigener pädagogischer Praxis in Jugendhilfe und Schule als Erziehungswissenschaftler in Hochschule in Schnittfeldern von Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie beruflicher Bildung (auch historisch und vergleichend) tätig
Homepage www.fh-wolfenbuettel.de/cms/de/fbs/not_in_menu/pers ...
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Zitiervorschlag
Dirk Plickat. Rezension vom 04.07.2006 zu: Konsortium Bildungsberichterstattung im Auftrag d. Ständigen Konferenz d. Kultusminister d. Länder in d. BRD u. d. Bundesministerium f. Bildung u. Forschung (Hrsg.): Bildung in Deutschland [...] Analyse zu Bildung und Migration. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2006. 327 Seiten. ISBN 978-3-7639-3535-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/3971.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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