Friedrich K. Barabas, Michael Erler: Die Familie (Soziologie, Recht)
Friedrich K. Barabas, Michael Erler: Die Familie. Lehr- und Arbeitsbuch für Familiensoziologie und Familienrecht. Juventa Verlag (Weinheim) 2002. 2., völlig überarb. und erw. Auflage. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-0727-5. 18,00 EUR, CH: 32,80 sFr.
Grundlagentexte Soziale Berufe.
Einführung in das Thema
Die Idee dieses 1994 in erster Auflage erschienenen Lehrbuches ist praxisnah, aber praktisch unwahrscheinlich: Soziologie und Rechtswissenschaft haben es traditionell etwas schwer, so eng zu kooperieren. Im Handlungsfeld der Fachbereiche Soziale Arbeit der Fachhochschulen ist die Zusammenarbeit traditioneller Wissenschaftsfächer immer zu begrüßen. Die Autoren sehen ihre Aufgabe darin, die "Wechselwirkungen von gesellschaftlichen Veränderungen, familiärer Vielfalt und den rechtlichen Reformen transparent zu machen" (S. 20).
Im speziellen Fall des Themas Familie liegt der Sinn einer Verknüpfung beider Fächer auf der Hand. In der Praxis der beruflichen Sozialen Arbeit ist nicht nur die Familie häufig Klient, auch in vielen anderen Fällen sind die familiären Bezüge der Beteiligten immer auf ihre Bedeutung für die Entstehungszusammenhänge und die Lösungsmöglichkeiten von Problemen zu prüfen. Dabei stößt man fast regelmäßig auf eine Mischung psychosozialer und rechtlicher Dimensionen, die eine durch fundierte Fachkenntnisse geleitete Sensibilität für die persönliche Situation der Individuen im System der Beziehungen fordert.
Inhalt
Ihre Fragestellung formulieren die Autoren so: "Welcher Dynamik ist das Familiensystem unterworfen, welche tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen haben den Wandel der Familie verursacht und welcher systematische Zusammenhang besteht zwischen der Familie und dem Recht als zwei gesellschaftliche Teilbereiche?" (S. 13) In den fünf Kapiteln werden jeweils mit unterschiedlicher Gewichtung soziologische und juristische Aspekte berücksichtigt:
Das erste Kapitel ist historisch angelegt, um den Wandel der Familie verständlich zu machen. Dabei wird auch mit einigen traditionellen Irrtümern, z.B. den Legenden der vorindustriellen Großfamilie oder des Funktionsverlustes der Familie, aufgeräumt. Wichtig finde ich, dass neben den Beziehungen der Erwachsenen in der Familie auch das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern als Prozess der Emanzipation und Individualisierung behandelt wird.
Das zweite Kapitel thematisiert den Wandel zur gegenwärtigen Vielfalt partnerschaftlicher Familienformen mit ihrer Spezialisierung auf sozial-emotionale Funktionen.
Das dritte Kapitel konzentriert sich auf die nicht ehelichen Lebensgemeinschaften.
Das vierte Kapitel ist dem Wandel des Eltern-Kind-Verhältnisses gewidmet. Es enthält auch Ausführungen zum Kinder- und Jugendhilfegesetz.
Das kurze letzte Kapitel zur "Familie in der 'postmodernen' Gesellschaft" ist Zusammenfassung und Ausblick mit der schönen Frage "Nun stehen sie da die Familien, wie sollen sie allen diesen Ansprüchen gerecht werden?" (S. 246)
In einem knappen Anhang finden sich als anschauliche Beispiele aus der Geschichte u.a. ein Ehevertrag aus dem Jahre 1800 sowie ein Hofübergabevertrag von 1899.
Dem Zweck als Arbeitsbuch dienen ein Stichwortverzeichnis, um das Buch besser nach eigenen Interessen nutzen zu können, sowie diverse in Kästen hervorgehobene Merksätze ("Hinweise", "Thesen") und knappe Lesehinweise.
Theoretische Orientierung
Zentrale Orientierung bietet die klassische Theorie der gesellschaftlichen Differenzierung, d.h. der Herauslösung einzelner Funktionen aus traditionellen ganzheitlichen Strukturen in Teilbereiche mit relativer Eigengesetzlichkeit und einer Innendifferenzierung. Damit werden zugleich die Bezüge der Teilbereiche untereinander problematisch. Das bedeutet für die Familie - wenn man den Begriff, wie in diesem Buch, für die vielen historischen und aktuellen Formen des familialen Zusammenlebens verwenden will -, dass sie im sozialen Wandel von der traditionellen ganzheitlichen Lebensform zur modernen Familie individualisierte Lebensentwürfe ermöglicht und sich um sozial-emotionale Funktionen sowie die Erziehung der Kinder zentriert. Das Recht befindet sich ebenfalls in dem Prozess gesellschaftlicher Differenzierung zu einem "Medium der Kommunikation und damit auch der Steuerung von Teilsystemen" (S. 18). Es regelt teils durch Entrechtlichung, teils durch Verrechtlichung die Beziehungen in der modernen Familie und zwischen dieser und den übrigen Teilbereichen der Gesellschaft. Dabei geht es aus der Sicht Sozialer Arbeit insbesondere auch um Leistungen an die Familie.
"Familie"
Über Familie nachzudenken und zu schreiben, ist nicht so einfach, weil neben dem fachlichen Wissen, dem vermeintlich Faktischen, unversehens auch Weltanschauliches und Persönliches in das Thema hineinspielt. Daher habe ich - aus meiner Sicht der Dinge - zustimmend zur Kenntnis genommen, dass die Autoren sich bemüht haben, mit den vielen moralischen, weltanschaulichen und kulturkritischen Aufgeregtheiten des Themas gelassen umzugehen. Gelegentlich geschieht das bemerkenswert deutlich, z.B.: "Das Recht gibt keine Möglichkeit, den Partner in seiner individuellen Entfaltung zu beschneiden. Die Ehe ist keine Erziehungsanstalt." (S. 93, kursiv im Original) Gleichzeitig wird die nötige Sensibilität für das im familialen Zusammenleben Unregelbare aufgebracht.
Der Text wird insgesamt der Aufgabe gerecht, die Vielfalt der familialen Lebensformen als moderne Realität darzustellen. Dabei kommt es öfters zu nüchtern klärenden Aussagen, z.B. bezüglich der meist als Zeichen des Niederganges der Familie diskutierten Zunahme von Ehescheidungen in dem hervorgehobenen "Hinweis": "Der Anstieg der Ehescheidungen ist nicht die Folge eines Bedeutungsverlustes der Ehe bzw. Partnerschaft, sondern vielmehr die Folge ihrer gestiegenen affektiven und psychischen Bedeutung und Wichtigkeit für die Beziehungspartner sowie deren gesunkener Bereitschaft, nicht erfüllte Erwartungen zu tolerieren." (S. 104) - Am Rande sei jedoch kritisch angemerkt, dass die Berechnung der Scheidungsraten durch Bezug auf die im gleichen Jahr geschlossenen Ehen (z.B.: "1989 wurden von 100 geschlossenen Ehen [...] 32 [...] geschieden." S. 82) Unfug ist, der zu der populistischen Schlussfolgerung verleitet, "Ca. jede dritte Ehe wird geschieden" (S. 246). Scheidungsraten bringen statistisch nur Sinn, wenn sie auf den Bestand bezogen werden.
Als weiteres Beispiel derartiger nüchterner Klärungen sei der "Hinweis" zu dem oft kritisch diskutierten Anspruch auf einen Kindergartenplatz zitiert: "Um es deutlich zu sagen, hinter dem Anspruch auf einen Kindergartenplatz versteckt sich kein Luxusbedürfnis überkandidelter Mütter, vielmehr kommt darin der Stellenwert einer modernen und den Zeitläuften angemessenen Kindererziehung in der Gesellschaft zum Ausdruck." (S. 227)
Zielgruppen
Der Text wendet sich hauptsächlich an Studierende der Pädagogik, Sozialpädagogik und Sozialarbeit. Darüber hinaus soll er auch Studierende der Rechtswissenschaften, Praktiker in der Beratung und psychosozialen Versorgung und Interessierte erreichen.
Autoren
Die beiden Autoren sind Professoren im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Frankfurt.
Fazit
Das Buch ist in seinem Anspruchsniveau, wegen seines übersichtlichen Aufbaus und seiner Lesbarkeit als Lehrbuch für soziale Berufe gut geeignet. Die in einem Lehrbuch immer erforderliche Entscheidung, einerseits einen möglichst runden Überblick zu geben, andererseits aber Schwerpunkte zu setzen und dementsprechend eine Auswahl der Einzelthemen zu treffen, scheint mir gelungen. Das besondere dieses Textes, nämlich die Verbindung soziologischer und juristischer Argumente zu vermitteln, wird nach meiner Meinung im Rahmen des Möglichen erreicht. Die aus meiner Sicht notwendige und interessante historische Orientierung kann freilich von anderen als Ballast wahrgenommen werden. Wem das so geht, kann die ersten 60 Seiten ignorieren und doch viel lernen.
Rezensent
Prof. Dr. Peter Loviscach
Fachhochschule Dortmund
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Zitiervorschlag
Peter Loviscach. Rezension vom 04.03.2003 zu: Friedrich K. Barabas, Michael Erler: Die Familie (Soziologie, Recht). Juventa Verlag (Weinheim) 2002. 2., völlig überarb. und erw. Auflage. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-0727-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/399.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
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