Werner Thole (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch
Werner Thole (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2002. 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage. 983 Seiten. ISBN 978-3-531-14832-8. D: 44,90 EUR, A: 50,40 EUR, CH: 81,80 sFr.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-16667-4 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Zielsetzung des Bandes
Das fast 1000 Seiten starke Handbuch soll wesentlich an seinem eigenen im Vorwort formulierten Anspruch gemessen werden: Eine Einführung darzustellen, die sich zuallererst an Studierende der Sozialen Arbeit an Universitäten, Fachhochschulen und Fachschulen wendet, im Nebensatz werden aber explizit auch der Fach- und PraktikerInnendiskurs angesprochen. Es geht ihm um Elementarwissen in einer systematischen Erschließung. Eingelöst werden soll dies durch eine gründliche Einleitung sowie über 50 Aufsätze mit einem Umfang von je 10 bis 25 Seiten nebst diversen Erschließungshilfen.
Autoren, Aufbau und Inhalte
Es ist eine illustre Auswahl namhafter Autorinnen und Autoren, die in der Regel tatsächlich auch zu eigenen einschlägigen Arbeitsschwerpunkten gebeten wurde. Thole selbst versucht, durch eine 50seitige Standortbestimmung Soziale Arbeit als Profession und Disziplin zu umreißen. Es gelingt dem Professor für Jugend- und Erwachsenenbildung der Universität Kassel damit zugleich eine kommentierende Einordnung aller einzelnen Beiträge des Bandes und eine plausible Begründung für deren Abfolge und Auswahl. In ersten Annäherungen werden zentrale Kontroversen ebenso verdeutlicht wie sich verdichtende Fundamente von Profession und Disziplin. Es folgen 9 unterschiedlich ausdifferenzierte Abschnitte:
- Geschichte der Sozialen Arbeit (3 Aufsätze)
- Theoretische Positionen und Konzepte (10 Aufsätze)
- Arbeitsfelder und AdressatInnen Sozialer Arbeit (7 Aufsätze)
- Träger und Institutionen der Sozialen Arbeit (5 Aufsätze)
- Sozialpädagogische Handlungsmethoden und Konzepte (10 Aufsätze)
- Rechtliche Grundlagen und Rahmungen der Sozialen Arbeit (4 Aufsätze)
- Die "Profession" — Soziale Arbeit als "Berufsfeld" (5 Aufsätze)
- Sozialpädagogische Aus-, Fort- und Weiterbildung (4 Aufsätze)
- Soziale Arbeit beobachten — Forschung (5 Aufsätze)
Nutzen für die Zielgruppen und kritische Einschätzung
Diese Gliederung und ihre Abarbeitung durch die jeweiligen Themenstellungen der Einzelaufsätze deckt in der Tat einen großen zentralen Bereich der in den einschlägigen Ausbildungen bearbeiteten Inhalte ab und ist hier ebenso für universitäre wie fachhochschulische oder Berufsakademie-Belange hervorragend geeignet, ohne natürlich — in teilweise auch gewichtigen Einzelfällen — deren gesamte Breite einfangen zu können. Aber dieser Anspruch lässt sich — jedenfalls auf knapp 1000 Seiten — nie optimal einlösen. Die Gliederung ist ebenso aktuell informiert wie gediegen in dem Sinne, dass der Band jedenfalls aufgrund der Themenkonjunkturen nicht schon nach wenigen Jahren zum "alten Eisen" gehören wird.
Nicht immer allerdings zeichnen sich die Beiträge durch eine auf die vornehmliche Zielgruppe zugeschnittene Verständlichkeit aus, viele dagegen sind ganz ausgezeichnete Grundlagenartikel, die kompakt und verständlich orientieren, eine kluge Balance zwischen Gründlichkeit und Überblick, zwischen wichtigen Details und klärenden großen Linien finden. Durchgängig wurde Wert gelegt auf lesefreundliche und verständnisfördernde aussagekräftige Überschriften-Gliederung. Viele Aufsätze gewinnen zusätzlich an Anschaulichkeit durch Schaubilder oder grafisch aufbereitete Systematisierungen. Angesichts der fast durchgängig vorhandenen hohen Expertise freut dies alles auch das fortgeschrittene Fachpublikum.
Deutlichen Wert legt das Handbuch auf Handreichungen, die den Gebrauchsnutzen verbessern sollen. Dazu gehört die Gestaltung mit gut gemachten Schlagworten bzw. Randüberschriften am Seitenrand ebenso wie das umfangreiche 14seitige Sachregister. Letzteres ist von der Systematik her sehr ausdifferenziert. Es verzichtet aber auf eine Unterscheidung von Haupthinweisen und schießt so zumindest dort über sein Ziel hinaus, wo es bspw. bei einem beliebig herausgegriffenen Stichwort wie "Pflegewissenschaft" fast nur zu Literaturhinweisen führt, die bei mehr oder weniger einschlägigen anderen Aufsätzen aus offensichtlich ganz anderen inhaltlichen Interessen heraus aufgenommen wurden. Andere führen einfach zu einem isolierten Wort in irgend einem Nebensätzlein — ein bisschen fühlt man sich erinnert an die unkritische Suchfunktion des Textverarbeitungsprogramms, die ebenfalls mal zu viele und mal inhaltlich völlig irrelevante Treffer liefert.
Dahinter steckt natürlich nicht nur eine Kritik am Register, dahinter verbirgt sich auch das Problem, dass einige gar nicht abwegige Themen nicht oder nur äußerst knapp vorkommen, sei das — nur um 2 Beispiele zu nennen - das erwähnte oder auch das Thema Behinderung. Dass dagegen modische Themenzuschnitte wie bspw. "Sozialmanagement" nicht mit einem eigenen Aufsatz bedacht werden, ist nicht per se ein Problem, wenn die einschlägigen Diskurse — wie in diesem Falle — im wesentlichen in anderen Zusammenhängen im Buch präsent sind. Bei der Einlösung der Themenstellung nehmen sich die AutorInnen bei aller redaktionellen Einheitsstiftung ein größeres Maß an Freiheit — ablesbar etwa daran, dass beim "Frauenkapitel" Frauen und Mädchen nur als Adressatinnen, beim "Männerkapitel" die Männer dagegen auch als Fachkräfte thematisiert werden. Das mag für einen Einführungsband etwas unbefriedigend sein, gerade diese Freiheit aber beschert immer wieder auch Thematisierungslinien, die über den "Grundwortschatz" hinausweisen.
Jedes der 9 Großkapitel schließt ab mit Hinweisen zu weiterführender Literatur sowie teilweise Internetfundorten, die ordentlich und aktuell recherchiert sind. Gleiches gilt für die bei einigen Großkapiteln bereitgestellten Institutionen- und Adressverzeichnisse. Natürlich können auch an die Serviceteile kritische Fragen gestellt werden — beispielsweise ob die Auswahl der bekannteren Forschungs- und Praxisberatungsinstitute oder der ausführlicher vorgestellten Zeitschriften sehr treffsicher geschehen ist usw. Natürlich kann hier vieles anders gemacht werden, dennoch stellt der gewählte Weg für die Zielgruppe keine schlechte Hilfe dar. Dass die Literaturverzeichnisse jeweils direkt im Anschluss an die Aufsätze abgedruckt sind, erfreut jene RezipientInnen, die angesichts des großen Umfangs und nicht geringen Preises einzelne Teile kopieren wollen.
Das Handbuch ist alles andere als ein rasch und eklektizistisch zusammengesammelter Schnellschuss. Man merkt ihm ebenso intensive redaktionelle Betreuung an wie in vielen Fällen möglicherweise auch längerdauernde fundierende Diskussionprozesse vieler der beteiligten AutorInnen untereinander, was qualitätssichernd dazu führt hat, dass grobe Ausreißer nach unten ebenso wenig zu vemerken sind wie die bei anderen viele AutorInnen versammelnden Werke leider häufig anzutreffenden hohen Anteile von veralteten Aufsätzen aufgrund mehrfach verzögerter Herausgabetermine.
Fazit
Insgesamt ist der Band für die angesprochene Zielgruppe eine herausgehobene Kaufempfehlung wert — wenn schon nicht ganz zu Beginn des Studiums, so doch bereits nach wenigen Semestern. Er bietet durchgängig hohe Qualität der Einzelbeiträge bei einem für den großen Umfang sehr moderaten Preis. Dem Ziel der Einführung und der Orientierung kommt er zusätzlich durch den Eingangsaufsatz, vor allem aber durch eine einleuchtende und nachvollziehbare Gliederung und durch die sinnvollen weiteren Hilfen — von den Serviceteilen über die Querverweise bis hin zum Register — sehr nahe. Dass er ein Lexikon wie dasjenige von Otto und Thiersch nicht ersetzen kann, ist dabei überhaupt kein Nachteil, sondern der anderen Konzeption geschuldet. Studierende sind gut beraten, sich deshalb zusätzlich auf das eine oder andere Lexikon einzulassen. Im übrigen lädt der Band keineswegs nur zum Aneignen von Grundwissen ein, sondern macht Appetit auf und bietet Material für eine diskursive, entdeckende und die Urteilskraft schärfende Lektüre.
Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 1. Auflage von 2002 im Verlag Leske + Budrich, ISBN 3-8100-3319-7.Rezensent
Dr. Ulrich Otto
Professur für Sozialmanagement
Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Erziehungswissenschaften
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Zitiervorschlag
Ulrich Otto. Rezension vom 18.08.2002 zu: Werner Thole (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2002. 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage. 983 Seiten. ISBN 978-3-531-14832-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/401.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
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