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Wassilios E. Fthenakis, Martin R. Textor (Hrsg.): Mutterschaft, Vaterschaft

Cover Wassilios E. Fthenakis, Martin R. Textor (Hrsg.): Mutterschaft, Vaterschaft. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2002. 205 Seiten. ISBN 978-3-407-62492-5. 24,90 EUR.
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Hintergrund des Buches

Der Seniorherausgeber, ein Grieche, der seit Jahrzehnten in München und Augsburg arbeitet, ist seit 1985 (W. E. Fthenakis: Väter, 2 Bde. München: Urban/Schwarzenberg) so etwas wie ein Vater der Väterforschung. Er hat außerdem die Familiendynamik im Zusammenhang mit Scheidung und Wiederverheiratung behandelt und sich 1992 nochmals den Vätern zugewandt, diesmal den alleinerziehenden. Sein Juniorpartner Textor wirkt als Angestellter an dem Institut, dessen Direktor Fthenakis ist, dürfte also sein Assistent sein. Beide Herausgeber sind zugleich Mitautoren des Buches, Textor zum Thema Mutterschaft und Fthenakis, wie zu erwarten, zu Fragen der Vaterschaft.

Textor ist durch eine Reihe von Beiträgen des Bandes hindurch der Übersetzer, der ausgewählte Forschungsberichte aus den U.S.A. für diejenigen unter uns zugänglich macht, denen die Lektüre des Englischen Probleme bereitet. Außerdem kann Fthenakis auf eigene Forschungsberichte zurückgreifen, die er zusammen mit anderen verfasst hat. Wirft man einen Blick auf die 14 Autorinnen und Autoren auf S. 205, so findet man als deren Wirkungsstätte viermal München, je einmal Augsburg und Koblenz-Landau, und acht sind Wissenschaftler, die in den U.S.A. arbeiten.

Aufbau und Inhalte

Der Sammelband ist klar gegliedert: Nach einem Vorwort der Herausgeber und einem Rückblick auf die kurze Geschichte Nordamerikas (300 Jahre) von Steven Mintz folgen drei Hauptteile: 1. Mutterschaft, 2. Vaterschaft und 3. Elternschaft. Mit erstaunlicher formaler Konsequenz sind jedem der drei Themen wiederum drei Beiträge zugeordnet. Daher besteht das Buch aus Vorwort, Rückblick und neun Kapiteln.

Fthenakis und Textor beginnen ihr Vorwort mit einem langen Zitat von Aristoteles, wohl auch um die ewige Relevanz ihres Themas zu dokumentieren. Doch Mutterschaft und Vaterschaft sind nicht nur zeitlos, sie sind auch allgegenwärtig, und so "haben sich Philosoph/innen, Theolog/innen, Politiker/innen, Psycholog/innen, Soziolog/innen, Pädagog/innen und andere Berufsgruppen seit jeher intensiv mit Elternschaft befasst" (S. 7). In dem historischen Rückblick auf die Kultur- und Sozialgeschichte der U.S.A. (warum nicht Europas?) legt Mintz dar, dass sich "während der letzten 300 Jahre... die vorherrschenden kulturellen Ideale von Vaterschaft und Mutterschaft dramatisch gewandelt" (S. 9) haben. Den Ausführungen im Einzelnen muss man freilich nicht zustimmen, etwa wenn Mintz (in Textors Übersetzung) schreibt: "So ist es nicht überraschend, dass sich der Alkoholkonsum pro Kopf in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhundert verdoppelte oder verdreifachte, da hier Männer einen Weg fanden, den zunehmenden beruflichen und sozialen Stress zu bewältigen..." (S. 21).

Der Hauptteil "Mutterschaft" beginnt mit Textors Beitrag "Mutterwerdung - Mutterschaft". Der Autor beruft sich auf "Völkerkundler/innen und Historiker/innen", die festgestellt haben, "dass Mutterschaft kulturell bedingt, historisch variabel" (S. 32) und allgemein erstaunlich vielfältig ist, ja dass sogar im Kulturvergleich "Mütter nur in 20 Prozent der Fälle die wichtigste Bezugsperson der Kinder sind" (ebd.). Er berichtet auch, was "historische Studien" für "unseren Kulturraum" (ebd.) belegen: "So blieb bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Mutterschaft in Bauernfamilien zweitrangig. Ähnliches galt für den Adel und großbürgerliche Familien bis Anfang des 19. Jahrhundert..." (ebd.). Textor nennt es eine "relativ neue Ansicht" (S. 33), zu meinen, "dass Mütter eine unersetzlich Rolle im Leben ihrer Kinder spielen..." (ebd.).

Zum "Prozess der Mutterwerdung" kann der Verfasser sich auf zahlreiche empirische Untersuchungen stützen. Allerdings berichtet er Fakten, die manchem seiner Leser schon vertraut sein mögen, wie: "Die Schwangerschaft ist eine zentrale Phase im Übergang zur Mutterschaft..." (S. 39). Oder: "Mit der Entbindung wird die Frau physisch und sozial zur Mutter; mit der Geburt erfolgt die Trennung vom Kind,..." (42). Doch der Beitrag enthält nicht nur Passagen, die entbehrlich sind, sondern auch solche, die vermutlich falsch sind: "Und je schwerer Wehen und Geburt verliefen, umso negativer ist ihre (der Mutter) Reaktion auf den Säugling..." (43). Obschon Textor dazu empirische Untersuchungen von R. T. Mercer aus den U.S.A. heranzieht, darf bezweifelt werden, ob man das undiskutiert so stehen lassen sollte.

Der zweite Beitrag im Mutterschaftsteil stammt von Elisabeth Sander, trägt den Titel "Mutterschaft in Teilfamilien" und behandelt allein erziehende Mütter, bei denen die größten Teilgruppen (1997 in Deutschland) geschieden (41%) oder ledig (35%) sind. Sander erwähnt Ulrich Beck und den von ihm herausgearbeiteten Trend zur Individualisierung und referiert und diskutiert kompetent die einschlägigen empirischen Untersuchungen. Der dritte Beitrag ist eine Übersetzung. Das Original hat Lois Wladis Hoffmann geschrieben, und die deutsche Fassung stammt ("aus dem Amerikanischen") von Arndt Ladwig. Hier wird im Anschluss an viele empirische Untersuchungen aus den U.S.A. dargelegt, dass die Berufstätigkeit von Müttern in aller Regel für die Entwicklung der Kinder unschädlich ist.

Im Zentrum des Buches steht der Abschnitt "Vaterschaft", beginnend mit dem Kapitel von Fthenakis "Mehr als Geld? Zur (Neu-)Konzeptualisierung väterlichen Engagements". Es ist eine Wohltat für den Leser, wenn der Verfasser sich nach pflichtgemäßem Referat empirischer Daten zu einer kritischen Reflexion der Forschungslage zu väterlichem Engagement durchringt und die Grenzen dessen aufzeigt, was wir wissen und wissen können (besonders S. 105 u. 112). Der zweite Beitrag des Abschnitts ist eine Übersetzung, ebenfalls "aus dem Amerikanischen" von Textor. Die Autoren sind James A. Levine und Todd L. Pittinsky. Das Thema ist in origineller Symmetrie zur Debatte um die berufstätige Mutter hier "Vaterschaft und Erwerbstätigkeit". Wieder geht es ausschließlich um die Verhältnisse in den U.S.A. Das dritte und letzte Kapitel zu Vaterschaft haben Fthenakis und Arndt Ladwig gemeinsam verfasst zum Thema "Homosexuelle Väter", über die zu wenig Daten vorliegen, von denen man aber weiß, "dass der Großteil dieser Väter geschieden ist..." (149).

Endlich folgen noch drei Beiträge zum Thema "Elternschaft": Zunächst eine Arbeit von Rob Palkovitz und Loren Marks, die Textor übersetzt hat. Sie "bietet einen Überblick über die Kindererziehung in Amerika während der letzten 50 Jahre..." (S. 156), und betonen, dass sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs "die amerikanische Kultur signifikant verändert hat" (S. 158). Die geschlechtsspezifischen Unterschiede zwischen Mutter und Vater verwischen sich, so dass von androgyner Vaterschaft gesprochen werden kann. Die Verfasser meinen, dass der "kulturelle Druck... zur Konvergenz der Geschlechtsrollen" (S. 168) ein "Mandat für Diversifikation" (ebd.) sei und zur Ausschöpfung der vielfältigen Möglichkeiten von Elternschaft beitragen könne. Als zweiter Beitrag folgt von Bernhard Kalicki, Gebriele Peitz und dem Mitherausgeber Fthenakis der Forschungsbereicht "Subjektive Elternschaftskonzepte und faktische Rollenausübung: Theoretische Überlegungen und empirische Befunde. Dabei geht es um die Geschlechtsspezifität und die Kompatibilität von Erwartungen an Eltern. Der dritte und letzte Aufsatz ist von Textor übersetzt und von Kay P. Bradford und Alan J. Hawkins verfasst. Der Titel lautet: Die Entstehung der generativen Kindererziehung: Intimität und ihre Implikationen für Generativität. In Verbindung von Eriksons Theorie der psychosozialen Entwicklung und einem Lebenslaufkonzept wird untersucht, wie vorelterliche Intimität auf die Leistungsfähigkeit von Eltern wirkt.

Zielgruppen und Verwendung

Als Adressaten des Buches kommen Vertreter der Psychologie, Soziologie und Pädagogik in Betracht, die über Fragen der Sozialisation forschen. Außerdem werden Politiker und Studierende einige Schlüsse aus den in diesem Sammelband präsentierten Einzelarbeiten ziehen können.

Fazit

Die beiden Herausgeber haben eine große Fülle von Forschungsergebnissen durch Übersetzung und Referat zugänglich gemacht. Die umfangreichen Literaturlisten sind außerordentlich hilfreich. Leider ist die Blickrichtung ganz auf die U.S.A. festgelegt. Die Originalbeiträge der deutschen Autoren sind in ihrem wissenschaftlichen Niveau und ihrem theoretischen Anspruch recht unterschiedlich.


Rezensent
Prof. Dr. Horst Jürgen Helle
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Soziologie
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Zitiervorschlag
Horst Jürgen Helle. Rezension vom 25.03.2003 zu: Wassilios E. Fthenakis, Martin R. Textor (Hrsg.): Mutterschaft, Vaterschaft. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2002. ISBN 978-3-407-62492-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/405.php, Datum des Zugriffs 06.12.2016.


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