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Gerd E. Schäfer (Hrsg.): Bildung beginnt mit der Geburt

Cover Gerd E. Schäfer (Hrsg.): Bildung beginnt mit der Geburt. Ein offener Bildungsplan für Kindertageseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. 2., erweiterte Auflage. 278 Seiten. ISBN 978-3-407-56249-4. 19,90 EUR.
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Thema

Im Buch wird darauf eingegangen, was aus heutiger Sicht unter frühkindlicher Bildung zu verstehen ist. Dabei wird die Perspektive eines Bildungsansatzes für Kinder zwischen null und sechs Jahren verfolgt, bei dem davon ausgegangen wird, was Kinder können.

Herausgeber und AutorInnen

Dr. Gerd E. Schäfer ist Professor für Frühpädagogik an der Universität zu Köln.

Neben ihm haben Angelika van der Beek, Ragnhild Fuchs, Kerensa Lee Hülswitt und Rainer Strätz Texte verfasst.

Entstehungshintergrund

Das Buch bildet die wissenschaftliche Grundlage für die Bildungsvereinbarung für Kindertageseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen. Die Neuauflage ist um einige Themen erweitert worden, z. B. "Frühe Wege zur Mathematik - Mathematik erfinden".

Aufbau

Das Buch enthält vier Teile

Teil 1: Was ist frühkindliche Bildung?

Gerd E. Schäfer erläutert, dass es bei der Bildung vor allem darauf ankommt, nicht nur zu überlegen, wie man einem Kind etwas erklären kann, sondern vor allem, welche Vorerfahrungen es braucht, damit es daran anknüpfen und verstehen kann. Weiterhin werden Instruktionslernen und forschendes Lernen verglichen und das (neue) Bild vom Kind beschrieben. Darauf aufbauend werden 15 Thesen zur frühkindlichen Bildung aufgestellt.

Teil 2: Aufgaben frühkindlicher Bildung

Als erste Aufgaben der frühkindlichen Bildung beschreibt Gerd E. Schäfer die Bildung der sinnlichen Wahrnehmung und die Bildung der Körpersinne. Anschließend geht er auf die Bildung der emotionalen Wahrnehmung ein und beschreibt, wie sich die Vorstellung - die Entstehung innerer Bilder - beim Kind entwickelt. Funktionen des Kinderspiels und die Grammatik des Spielens werden im Abschnitt "Spielen als Bildungsprozess" betrachtet. Als ein wesentlicher Teil basaler kindlicher Bildung wird die ästhetische Bildung dargestellt.Die Anfänge musikalischer Bildung der Kinder beginnt bereits etwa ab der 28. Schwangerschaftswoche, wenn das Gehirn beginnt, den Schall zu analysieren.

Im Abschnitt, der sich mit der Bildung des sprachlichen Denkens beschäftigt, wird vor allem auf Vorformen sprachlichen Denkens eingegangen. Bei der grundlegenden Bildung im Bereich der Natur geht es im Elementarbereich weniger um die Einführung in naturwissenschaftliche Denk- und Arbeitsweisen, sondern mehr um die Erfahrungen mit der Natur und später erst um die Wissenschaft von der Natur.

Indem sich Kinder damit beschäftigen, Sachen zu unterscheiden, zu ordnen, zu sortieren usw. beginnen sie, sich mit Mathematik als einer Wissenschaft von den Mustern zu beschäftigen.

Dem Beobachten und Dokumentieren kommt ein großer Stellenwert zu, wenn man Kinder bei ihren Bildungsprozessen unterstützen will. Dazu wird besonders auch ungerichtetes Beobachten benötigt. Das wahrnehmende und entdeckende Beobachten ist ein wichtiger Teil der professionellen Kompetenz von Pädagoginnen und Pädagogen.

Teil 3: Schlussfolgerungen für die Gestaltung von Bildungsprozessen in Kindertagesstätten (Entwurf einer Bildungsvereinbarung für Kindertagesstätten in Nordrhein-Westfalen)

  • Allgemeine Grundlagen
  • Beschreibung frühkindlicher Bildungsprozesse
  • Bildungsziele
  • Voraussetzungen gelingender Bildungsarbeit
  • Strukturelle Rahmenbedingungen gelingender Bildungsarbeit
  • Gestaltung des Übergangs vom Kindergarten zur Grundschule
  • Qualitätssicherung und -weiterentwicklung in der Bildungsarbeit

Im Teil 3 werden die vorher erläuterten Positionen zur frühkindlichen Bildung noch einmal komprimiert auf den Bereich der Kindertagesstätten bezogen. Der Bildungsauftrag, das Bildungsverständnis und die Bildungsziele von Kindertagesstätten werden dargestellt.Es werden die Rolle der Erzieher/in und deren professionelle Einstellungen erläutert, die für die wirkungsvolle Unterstützung frühkindlicher Bildungsprozesse erforderlich sind. Der Leser/die Leserin erhalten kurze Hinweise für die Raumgestaltung und die Gestaltung des Tagesablaufs. Weiterhin wird erläutert, wie Eltern und Erzieher/innen die Zusammenarbeit bei der Bildungs- und Erziehungsarbeit gestalten können.

Als Formen professionellen pädagogischen Handelns sind hervorgehoben:

Beobachtende Wahrnehmung als Grundlage von Bildungsberichten

Verständigung (über das, was für das Kind wichtig und von Bedeutung ist)

Projektarbeit.

Zu den strukturellen Rahmenbedingungen zählen die Autoren:

  • Leitungsprofil und Leitungsfreistellung
  • Personelle Ausstattung und Gruppenstärke
  • Fachberatung
  • Fort- und Weiterbildung.

Die Begleitung und Förderung kindlicher Bildungsprozesse muss kontinuierlich evaluiert werden. Dabei werden 3 Phasen unterschieden: die Konzeptions- und Planungsphase, die Durchführungsphase und die Auswertungsphase.

Im Abschnitt "Kriterien zur Auswahl von Qualitäts-Feststellungsverfahren" wird formuliert, welche Grundorientierungen die Verfahren haben müssen, die die einzelnen Träger anwenden.

Teil 4: Ansätze für einen offenen Bildungsplan

Im Teil 4 des Buches sind wesentliche Elemente frühkindlicher Bildungsprozesse aufeinander bezogen. Die drei Bereiche: Selbstbildungspotenziale der Kinder, Grundorientierungen der Erzieherinnen und die Bildungsbereiche werden durch konkrete Aufgaben miteinander verbunden.

Als Bildungsbereiche werden definiert:

  • Bewegung
  • Spielen und Gestalten, Medien
  • Sprache(n)
  • Natur und kulturelle Umwelt(en).

Bei den Ausführungen wird angemerkt, dass es sich dabei nur um erste Ansätze handeln kann, weil der Forschungsstand , wie am besten die Bildungsprozesse der Kinder unterstützt werden können, noch unzureichend ist. Nach SCHÄFER fehlt eine Forschung, die Bildungsprozesse in ihren Alltagszusammenhängen beobachtend untersucht.

Literaturangaben ergänzen diese vier Teile.

Diskussion

Das Buch von Gerd E. Schäfer ist ein kompaktes und grundlegendes Buch zum Thema der frühkindlichen Bildung. Anhand von kurzen Kapiteln wird die Sicht auf frühkindliche Bildungsprozesse dargelegt, die für die Ideen zur praktischen Umsetzung handlungsleitend waren. Im Buch kann man erfahren, dass zwar Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Frühpädagogik in einzelnen Bereichen, wie z. B. der Entwicklungspsychologie vorliegen, aber es noch nicht darstellbar ist, welche konkreten Aufgaben sich daraus für die pädagogische Arbeit der Erzieherinnen ergeben. Der Herausgeber hat dabei den Mut, diese Lücke genau so zu benennen und erste Ansätze für eine solche Sicht darzustellen. Diese ersten Vorschläge regen zu Weiterdenken an und geben die Richtung vor, in die sich die Pädagogik bewegen muss. Als einen ersten Ausgangspunkt für einen offenen Bildungsplan wird dabei die Bewegung als "elementare Form des Denkens" definiert. Damit wird die Notwendigkeit unterstrichen, allen Kindern frühzeitig und ausreichend Bewegungsmöglichkeiten zu schaffen. Es wird dargestellt, welchen Einfluss die Bewegung auf die Gefühle, die Körperwahrnehmung, die innere Verarbeitung und die sozialen Beziehungen haben. Diese komplexe Sicht auf Bildungsprozesse der Kinder gibt vielfältige Anregungen, von einem Denken in Bildungsbereichen abzukommen, wie es in anderen Bildungsplänen stärker anzutreffen ist.

Literaturangaben zu den einzelnen Kapiteln geben Orientierungen, sich vertiefter mit den angesprochenen Themen auseinanderzusetzen.

Zielgruppe

Erzieher/innen und solche, die es werden wollen; Lehrende und Verantwortliche im Bereich der frühkindlichen Pädagogik, Eltern.

Fazit

Ein Buch, das zum Weiterdenken anregt, unabhängig vom Bundesland, aus dem man stammt.


Rezensentin
Prof. Dr. paed. Michaela Rißmann
Fachhochschule Erfurt
Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
Professur "Erziehungswissenschaften, Erziehung und Bildung von Kindern"
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Zitiervorschlag
Michaela Rißmann. Rezension vom 13.05.2007 zu: Gerd E. Schäfer (Hrsg.): Bildung beginnt mit der Geburt. Ein offener Bildungsplan für Kindertageseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. 2., erweiterte Auflage. ISBN 978-3-407-56249-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4057.php, Datum des Zugriffs 28.09.2016.


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