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Jörg Osterloh: Nationalsozialistische Judenverfolgung im Reichsgau Sudetenland. 1938 - 1945

Cover Jörg Osterloh: Nationalsozialistische Judenverfolgung im Reichsgau Sudetenland. 1938 - 1945. Oldenbourg Verlag (München) 2006. 721 Seiten. ISBN 978-3-486-57980-2. 59,80 EUR.

Reihe: Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Band 105.
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Problemfeld

Umfragen belegen die Zunahme antisemitischer Einstellungen, Wahlerfolge der Neonazis beunruhigen die Politiker und das Feuilleton. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite entdecken immer mehr Deutsche, dass sie oder ihre Vorfahren auch zu den Opfern gehören: als "Ausgebombte" oder als Vertriebene. Dieser Diskurs der 50er Jahre klingt neuerdings modern: Schließlich muss mal Schluss sein, auch wir haben gelitten.

Zugleich bleibt die Zeit des Nationalsozialismus aktuell und verdrängt. Filme über diese Zeit laufen als "Publikumsrenner", wenn Günter Grass seine NS Vergangenheit als 80Jähriger erinnert, dann schafft er es spielend auf die Titelseite des "Spiegel". Aber diese Jahre bleiben vor allem dunkel, herausgesprengt aus der deutschen Geschichte, barbarisch, nicht zivilisiert.

Diese zwölf Jahre werden in eine Art Gespensterkammer gesperrt, wo sie mit Abscheu betrachtet werden können, um sie aus der deutschen Normalität zu verbannen. Gerade deshalb bleiben aber die Gespenster höchst lebendig und tauchen immer wieder in unseren Vorurteilen und in Wahlergebnissen auf.

Geschichtsarbeit erscheint also notwendig, um in den Gespenstern der Vergangenheit unsere eigenen Möglichkeiten zu erkennen. Erst in einer solchen analytischen Erinnerung wäre eine selbstkritische Aufarbeitung möglich.

Zentrales Element des Nationalsozialismus bleibt ein Vernichtungsantisemitismus, der in seiner Konsequenz bisher einzigartig ist. Dieser Antisemitismus  begründete eine rassistische Volksgemeinschaft und ist als ein Element der Moderne zu begreifen. Die Abstraktions- und Entfremdungszumutungen dieser Moderne werden in den "jüdischen Feind" verschoben. In der Vernichtung dieses „Feindes“ soll die Gegenwart endlich befreit werden. Moishe Postone bezeichnete deshalb Auschwitz als die "deutsche Revolution".

Götz Aly hat in seinem 2005 erschienen Buch über "Hitlers Volksstaat" den Zusammenhang zwischen Vernichtung und Volkswohlstand aufgedeckt. Der Sozialstaat und die Kriegsmaschinerie basierten auch auf der Enteignung und Vernichtung der europäischen Juden. Sie basierten aber nicht nur finanziell auf dem Massenmord, wie Aly darstellt. Der Antisemitismus bot vor allem die ideologische Grundlage, um sich angeblich von jedem Übel zu befreien und trotzdem die ökonomischen Machtverhältnisse nicht anzutasten. Dieser Vernichtungsantisemitismus fand eine breite Massenbasis, die bis in die letzten Kriegstage funktionierte. Mit einem solchen Satz stößt der Rezensent allerdings an eine auch gegenwärtige Tabugrenze. Götz Aly schloss seine Untersuchung mit dem Satz: "Wer von den Vorteilen für die Millionen einfacher Deutscher nicht reden will, der sollte auch vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen." Das wurde ihm übel genommen, die Nazis, das bleiben die "Anderen", "wir", die Deutschen wurden höchstens "verführt" und "terrorisiert".

Welche Massenbasis besaß der nationalsozialistische Antisemitismus? Blieb er auf wenige Überzeugungstäter beschränkt? Oder fand er eine breite Zustimmung? Genaue regionale Untersuchungen könnten in dieser Diskussion weiterhelfen

Autor und Thema

Jörg Osterloh ( geb. 1967 ) legt mit dieser Untersuchung seine Dissertation aus dem Jahre 2004 vor. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Jena. Sein Buch behandelt die Judenverfolgung im Reichsgau Sudetenland in den Jahren 1938 bis 1945, wobei etwa hundert Seiten einleitend die Zeit vor 1938, also vor dem Anschluss an Deutschland, behandeln. Das Buch basiert auf einem breiten Quellenstudium in deutschen und in tschechischen Archiven.

Aufbau und Inhalt

  • Im ersten einleitenden Kapitel berichtet der Autor über den „ekstatischen Freudentaumel“ der meisten "Sudentendeutschen" nach ihrem Anschluss an das "Dritte Reich". Die überwiegend von deutschsprachigen Tschechen besiedelten Grenzgebiete der Tschechoslowakei wurden im Oktober 1938 von deutschen Truppen besetzt. Hier wohnten etwa 3,6 Millionen Menschen. Bereits in den Monaten vor diesem Anschluss waren tausende Juden aus diesen Gebieten geflohen. Schon im September 1938 erklärten sich die ersten Städte als "judenfrei". Mit dem Novemberpogrom im jetzt "Sudetenland" genannten Teil der Tschechoslowakei erreichte der neuen Reichsgau seinen auch ideologischen Anschluss an das "Altreich".
    Jörg Osterloh kommt in seinem Forschungsüberblick zu dem Ergebnis, dass bisherige Untersuchungen Verbrechen, an denen auch "Sudentendeutsche" beteiligt waren, verschweigen. Eine Forschung über diese deutschen Täter sei bisher "politisch inopportun" gewesen. Hierbei verweist er auf den Einfluss der "Sudendeutschen Landsmannschaft", zu deren Schutzpatron sich ausdrücklich alle bisherigen bayerischen Landesregierungen erklärt haben. Der "Opferstatus" der vertriebenen "Voksgruppe" durfte nicht angetastet werden.
    Lobend erwähnt der Verfasser den Archivzugang im heutigen Tschechien. Hier fand er Zugang zu "Quellen, die in der Bundesrepublik Deutschland erst nach und nach der Forschung zur Verfügung gestellt werden". ( S.30 )
  • Im zweiten Kapitel analysiert Osterloh die Stellung der Juden in der "sudetendeutschen Gesellschaft" bis 1938. Dieses Kapitel kann nicht nur als Einleitung verstanden werden. Auf ca. 150 Seiten entfaltet der Autor den Beginn eines "post-emanzipatorischen" Antisemitismus im ausgehenden 19. Jahrhundert, den Beginn der nationalsozialistischen Ideologie noch vor 1914 und die Auswirkungen auf die jüdischen Menschen bis 1938. In diesem Zusammenhang legt er eine detaillierte Analyse des jüdischen Bevölkerungsteils und seiner Berufsstruktur vor. Juden lebten vor allem in den Städten und arbeiteten vor allem in der Zirkulationssphäre. Die Moderne wurde auch deshalb mit "dem Juden" identifiziert.
    Der Autor verweist auf die frühe Organisierung des Nationalsozialismus im späteren "Sudetengau". Die in Wien im Mai 1918 gegründete "Nationalsozialistische Arbeiterpartei" forderte die "Befreiung des Staats von den zinsgierigen Geldmächten". Diese Partei dehnte ihren Organisationsbereich noch vor 1920  auf das spätere "Sudetenland" aus und knüpfte schon 1920 Kontakte zur NSDAP. Wie in Deutschland erhielt die Partei Zulauf in der Folge der Weltwirtschaftskrise. Sie forderte eine "völkische" Befreiung vom "Tschechentum" und den "Anschluß" an Deutschland. Die Hetze gegen jüdische EmigrantInnen nach 1933 durch die Partei und ihre Presse reichte bis zur Aussetzung von Kopfprämien. Der Autor erinnert hier daran, dass der Schriftsteller Theodor Lessing im August 1933 in Marienbad ermordet wurde.
    Im Oktober 1933 verbot die tschechoslowakische Regierung die nationalsozialistische Partei. Die im selben Monat gegründete "Sudetendeutsche Heimatfront" agierte vorsichtiger, erhielt aber aus dem "Reich" finanzielle Unterstützung. Wahlerfolge ließen sie offener auftreten: Marxisten und Juden müssten "aus der Republik ausgeräumt werden..., und wenn das Blut vom Messer spritzt". ( S.95 )
    Auch andere gesellschaftliche Gruppierungen, Studenten- oder Turnerbünde, folgten seit den 20er Jahren den antisemitischen Programmen. Noch vor dem "Anschluß" mußte die tschechische Polizei Fabriken und Häuser jüdischer Menschen bewachen. Trotzdem wurden jüdische Geschäfte geplündert. Schon nach dem "Anschluß" Österreichs flohen dann viele Juden aus dem späteren "sudendeutschen" Gebiet.
  • Das dritte Kapitel befasst sich mit der "Entfesselung antijüdischen Terrors" nach dem Reichsanschluss im Oktober 1938. "Ein großer Teil der deutsche Bevökerung jubelte und beflaggte spontan die Häuser mit Hakenkreuzfahnen“. ( S.185 ) Mit der Wehrmacht marschierten deutsche "Einsatzkommandos" ein, in vielen Orten wurden die dort noch lebenden Juden ausgewiesen, als Abschreckung wurden Juden ermordet. Der Novemberprogrom von 1938 fand schließlich nach diesem "Vorspiel" auch im "Sudetenland" statt.
  • Das vierte Kapitel behandelt die "Judenpolitik" im "Sudetenland" 1938/39, so die Enteignung der israelitischen Kultusgemeinden, die Nutzung des Inventars und der Immobilien durch die Städte, die Wehrmacht und einen neu gegründeten "Aufbaufonds GmbH". Jüdische Friedhöfe wurden vom Staat teilweise zusammen mit den Grabsteinen verkauft.
  • Von der "Arisierung" jüdischen Besitzes profitierten auch Banken und Unternehmer aus dem "Altreich", wie das fünfte Kapitel analysiert. Hervorgehoben wird das "Engagement" der Deutschen Bank und der Dresdener Bank, des Düsseldorfer Fabrikanten Max Dilthey, der Dr.Emil Hammerschmid KG aus Düsseldorf und der Fried.Krupp AG. Gezahlt wurde an den deutschen Staat, der zu diesem Zweck auch "Arisierungskredite" vergab. Wie im "Altreich" warben arisierte Einzelhandelsgeschäfte mit dem Slogan "Jetzt in arischem Besitz". Ehemals jüdische Wohnungen waren bereits im Oktober 1938 beliebt. Der Autor schreibt hier von einem regelrechten "Run". Organisiert wurde die "Arisierung" von den zuständigen Oberfinanzpräsidenten.
    Lebten 1930 24500 Juden im "Sudentenland", so waren es 1939 nur noch 2400. Die "Entjudung" war hier weitaus radikaler vorangetrieben worden als im "Altreich", wo erst ca 50% der deutschen Juden bis zum Jahre 1939 geflohen waren. Die wenigen gebliebenen Juden wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet, ab September 1941 mussten sie den gelben Stern tragen.
  • Das letzte Kapitel schildert die Deportation der Juden, auch noch ihr letzter Besitz wurde verteilt. Diese Deportationen wurden von der Bevölkerung "mit breiter Zustimmung" begrüßt, wie der Autor schreibt. ( S.543 )
  • In seiner "Schlussbetrachtung" kommt Osterloh zu dem Ergebnis, dass im "Sudetenland" "Zusammenhänge zwischen nationaler Identitätsstiftung und Antisemitismus" bestanden. (S.556 ). Damit folgte diese Entwicklung einem deutschen Sonderweg, der schon mit der Reichsgründung von 1870/71 den Nationalstaat eng mit innen- und außenpolitischen Feinderklärungen verband. Im „Sudetenland“ muss von einer breiten gesellschaftlichen Verankerung des Antisemitismus schon vor dem „Anschluß“ ausgegangen werden. Auf dieser Basis kam es dann zu einem "Schulterschluss zwischen bürgerlichen Eliten und antibürgerlichen Rechtsradikalen" , wie schon zuvor im "Altreich". ( S.558 )
  • Im Anhang finden sich u.a. detaillierte Tabellen zur Enteignung jüdischer Unternehmen, zusammen mit den Namen der "arischen" Nachbesitzer.

Fazit

Jürgen Osterloh hat mit seinem Buch eine detaillierte Untersuchung über ein bisher verschwiegenes Kapitel deutsch-tschechischer Geschichte vorgelegt Die Analysen zeigen in ihren Ergebnissen, dass die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Antisemitismus auf den historischen Erfahrungen basieren muss.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Dreßen
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Zitiervorschlag
Wolfgang Dreßen. Rezension vom 31.12.2006 zu: Jörg Osterloh: Nationalsozialistische Judenverfolgung im Reichsgau Sudetenland. 1938 - 1945. Oldenbourg Verlag (München) 2006. ISBN 978-3-486-57980-2. Reihe: Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Band 105. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4066.php, Datum des Zugriffs 26.03.2017.


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