Wolf D. Oswald, Ursula Lehr u.a. (Hrsg.): Gerontologie
Wolf D. Oswald, Ursula Lehr, Cornel Sieber, Johannes Kornhuber (Hrsg.): Gerontologie. Medizinische, psychologische und sozialwissenschaftliche Grundbegriffe. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2006. 3., vollständig überarbeitete Auflage. 488 Seiten. ISBN 978-3-17-018633-0. 49,80 EUR.
Entstehungshintergrund
Die Gerontologie als die Lehre vom Altern wurde in den letzten Jahrzehnten zu einem zunehmend erforschten Gebiet, dessen Bedeutsamkeit nicht nur vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung unumstritten ist. Kennzeichnend für die Gerontologie ist insbesondere ihr interdisziplinärer Charakter - gerontologische Forschung umfasst Fragestellungen, Methoden und Erkenntnisse aus unterschiedlichsten Fachrichtungen und Praxiszusammenhängen. Umso schwieriger ist es, einen systematischen Überblick über den Stand der aktuellen wissenschaftlichen Befunde und Anwendungsmöglichkeiten zu behalten.
Vor diesem Hintergrund entstand bereits 1984 das Handbuch "Gerontologie", welches dann im Jahr 1991 in einer überarbeiteten zweiten Auflage erschien. Nun, 15 Jahre später, wurde die dritte Auflage veröffentlicht, bei der es sich aufgrund der umfangreichen Überarbeitung in großen Teilen faktisch um eine Neukonzeption handelt. Ziel war, ein umfassendes Nachschlagewerk zu schaffen, welches den neuesten Stand der nationalen und internationalen gerontologischen Forschung widerspiegelt und sich durch eine interdisziplinäre Ausrichtung auszeichnet.
Aufbau und Inhalt
Das Nachschlagewerk umfasst insgesamt 70 in sich geschlossene Beiträge von 77 Fachautorinnen und -autoren. Dabei wurde bewusst eine alphabetische Anordnung anstelle einer thematischen Sortierung gewählt, um dem Leser, wie die Herausgeber bereits im Vorwort zur ersten Auflage betonen, "eine übersichtliche und rasche Orientierung zu ermöglichen". Um dennoch auch das Auffinden adäquater Textpassagen nach inhaltlichen Gesichtspunkten zu ermöglichen, wurde dem Handbuch zudem ein umfassendes Sachwörterverzeichnis beigefügt. Die Summe der Beiträge deckt eine große inhaltliche Bandbreite ab. Enthalten sind Artikel zu folgenden Themenbereichen:
- Theoretische Hintergründe: Hierzu zählt etwa der umfassende Artikel mit der Überschrift "Alternstheorien", welcher sich nochmals in mehrere, von verschiedenen Fachleuten verfasste Kapitel aufgliedert und damit (neben einer Einführung) die vier Bereiche der biologisch-genetischen, der medizinischen, der psychologischen und der soziologischen Alternstheorien umfasst.
- Gerontologische Forschung: Forschungsaspekte finden im Handbuch in zweierlei Hinsicht Berücksichtigung: Zum einen werden typische Forschungsmethoden in einem gleichnamigen Beitrag beleuchtet. Zum anderen werden einige bedeutsame und einflussreiche gerontologische Studien vorgestellt, nämlich die Berliner Altersstudie (BASE), die Bonner Gerontologische Längsschnittstudie (BOLSA), die Interdisziplinäre Längsschnittstudie des Erwachsenenalters (ILSE) und die Studie Selbstständigkeit im Alter (SimA).
- Fachrichtungen innerhalb der Gerontologie: Gerontologische Theoriebildung und Forschung findet in unterschiedlichen Disziplinen statt, innerhalb derer sich entsprechende Subdisziplinen herausgebildet haben. So erhält der Leser in unterschiedlichen Beiträgen etwa einen Überblick über die Gerontopsychologie, die Gerontosoziologie oder die Gerontopsychiatrie.
- Medizinische Aspekte der Gerontologie: Beispielhaft zu nennen ist hier etwa der ebenfalls sehr umfassende Beitrag zu Alterskrankheiten, der Diabetes, Depression, Inkontinenz, Osteoporose, Parkinsonsyndrom, Schlaganfall, Tumor- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen anspricht. Dem Thema "Mundgesundheit" widmet sich ein eigener Artikel.
- Politische Aspekte der Gerontologie: Hierunter fallen beispielsweise die in jeweiligen Artikeln aus gerontologischer Sicht beleuchteten Themen soziale Sicherungssysteme, demografischer Wandel oder Migration.
- Lebensführung im Alter: Einen wesentlichen Platz im Nachschlagewerk nehmen verschiedene Aspekte zur Lebensführung im Alter ein. Als einige wenige Beispiele wären hier Beiträge zu so unterschiedlichen Themen wie Sexualität und Partnerschaft, Religiosität, Wohnen und Wohnumwelt oder Selbstständigkeit und Kompetenz zu nennen.
Diskussion
Aufgrund der Fülle unterschiedlicher Artikel erscheint es wenig sinnvoll, die einzelnen Beiträge auf ihre Qualität hin zu überprüfen. Anstelle dessen sei hier das Handbuch in seiner Gesamtheit auf verschiedene Qualitätskriterien hin untersucht und diskutiert, wobei immer wieder beispielhaft auf einzelne Beiträge rekurriert wird.
- Auswahl der Inhalte: Oben wurde bereits deutlich, welch breites Spektrum an inhaltlichen Aspekten im Handbuch abgedeckt wird. Über die Relevanz einzelner Beiträge kann man im Einzelfall sicherlich geteilter Meinung sein - so mag möglicherweise der eine oder andere aktuelle Themen wie etwa "Alter und Medien" oder "Ehrenamt und gesellschaftliches Engagement" als gesonderte Beiträge vermissen oder angesichts der derzeit hohen Medienpräsenz des Themas "Arbeitnehmer im Alter" verwundert sein, warum diesem lediglich 5 der insgesamt 488 Seiten gewidmet werden. Jedoch: Jede Auswahl an Inhalten unterliegt einer gewissen Subjektivität, und auch in der bewussten Beschränkung liegt eine Stärke, da dadurch Übersichtlichkeit und praktikable Nutzbarkeit erhalten bleiben. Festzuhalten bleibt: Die wesentlichen Inhalte aus dem Bereich der Gerontologie werden hier in jedem Fall abgedeckt - das Handbuch erfüllt damit seinen Anspruch, einen übersichtlichen und systematischen Überblick über den Bereich der Gerontologie zu geben.
- Abgrenzung der Inhalte: Jedes Handbuchkapitel ist in sich geschlossen und kann für sich genommen gelesen werden - ein wesentlicher Anspruch an ein vielfältig nutzbares Nachschlagewerk ist damit erfüllt. Zwangsläufig bedeutet dies jedoch auch, dass viele inhaltliche Überschneidungen zu beobachten sind. So wird etwa die Entwicklung der intellektuellen Leistungsfähigkeit im Alter in unterschiedlichsten Kapiteln mehr oder weniger ausführlich angesprochen und kommt somit thematisch gehäuft vor. Darüber hinaus würde sich ein Leser, der nicht nur einzelne, sondern viele Kapitel rezipiert, an mancher Stelle eine stärkere inhaltliche Verschränkung und gegenseitige Bezugnahme wünschen (etwa bei den einzelnen Beitrag zum Themenkomplex der Alternstheorien), um nicht selbst Vergleiche vornehmen und Schlussfolgerungen über größere Zusammenhänge ziehen zu müssen. Jedoch: Es handelt sich hier nicht um ein systematisch aufeinander aufbauendes Lehrbuch, sondern bewusst um ein Nachschlagewerk, dessen einzelne Kapitel für sich stehen. Und genau diesem Anspruch wird das Werk in seiner Konzeption sehr gut gerecht.
- Interdisziplinarität: Das Gesamtwerk trägt den Untertitel "Medizinische, psychologische und sozialwissenschaftliche Grundbegriffe" - schon allein darin wird deutlich, dass bewusst ein interdisziplinärer Ansatz gewählt wurde. Dass dies umzusetzen gelungen ist, wird in mindestens zweierlei Hinsicht deutlich: Zum einen wird die Interdisziplinarität bereits durch die oben dargestellte Themenwahl ersichtlich, die ja unterschiedlichste Fachrichtungen erfasst. Zum anderen bemüht sich die überwiegende Anzahl der Autorinnen und Autoren - obgleich diese ja in der Regel aus einer bestimmten Fachrichtung stammen - auch innerhalb der Artikel um eine mehrperspektivische Sichtweise (beispielhaft sei etwa der Artikel "Arbeitnehmer im Alter" genannt, der neben anderen politische, psychologische, medizinische und ökonomische Aspekte der Thematik umreißt).
- Fachliche
Qualität: Die fachliche Qualität der
Beiträge wird v.a. durch die Auswahl der Autorinnen und Autoren
sichergestellt, die in der Regel zu den namhaften Vertretern der
jeweiligen Fachgebiete zählen. Dem Handbuch ist ein Überblick über die
Arbeitsstätten und beruflichen Kontaktadressen der einzelnen Autoren
vorangestellt - schade nur, dass dabei nicht auch die jeweilige Fachqualifikation
genannt ist.
Überzeugend in Sachen Fachkompetenz ist in jedem Fall auch die Zusammensetzung der Herausgebergruppe: Wolf D. Oswald ist Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg und Direktor des Instituts für Psychogerontologie. Er ist zudem maßgeblich in verschiedenen gerontologischen Verbänden und Gremien tätig. Die Psychologin Prof. Dr. Ursula Lehr, nicht zuletzt bekannt als frühere Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit, gründete sowohl das Institut für Gerontologie in Heidelberg als auch das Deutsche Zentrum für Alternsforschung (DZFA). Prof. Dr. Cornel Sieber, seines Zeichens Mediziner, ist amtierender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie. Johannes Kornhuber schließlich hat eine Professur für Psychiatrie an der Universität Erlangen-Nürnberg inne und beschäftigt sich insbesondere mit Erkrankungen des höheren Lebensalters. - Aktualität: Das Handbuch wirbt damit, dass "die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und auch praxisorientierte Anwendungen im Bereich der Gerontologie" dargelegt werden. Und in der Tat wird in den Beiträgen - sofern dies inhaltlich Sinn macht - häufig deutlich, dass Aktualität groß geschrieben wird. Wenn etwa im Artikel "Soziale Sicherungssysteme" auf krankenversicherungsrechtliche und steuerliche Fakten aus dem Jahr 2005 eingegangen wird und das Handbuch zu Beginn des Jahres 2006 erschien, so kann dies beispielhaft als Beleg für die Aktualität der Inhalte gelten.
Nutzen und Zielgruppe
Das Handbuch erfüllt seinen Nutzen in doppelter Hinsicht: Zum einen vermittelt es einen Überblick über aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und Forschungslinien und ist somit für Studierende, Forschende und Lehrende in der Gerontologie ein wertvolles und wissenschaftlich fundiertes Nachschlagewerk. Zum anderen handelt es sich um ein Praxishandbuch, welches zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten und Praxisprojekte aufzeigt und somit auch für in der Altenarbeit Tätige sehr brauchbar und hilfreich ist. Unterstützt wird gerade Letzteres durch die gut verständliche Sprache, in der Fachbegriffe in der Regel erläutert werden, sowie durch die Tatsache, dass keine vertieften Fachkenntnisse, etwa im medizinischen oder psychologischen Bereich, für das Verständnis vorausgesetzt werden.
Für forschungs- wie auch praxisorientierte Artikel gilt darüber hinaus: Die meisten Beiträge bleiben nicht bei der rein deskriptiven Erläuterung relevanter Grundbegriffe und Entwicklungen stehen, sondern zeigen immer wieder Perspektiven für zukünftige Forschung und Praxis auf. Wie konkret und anschaulich manch Autor dabei wird, sei an einem kleinen Beispiel aus dem Beitrag "Wirtschaftsfaktor Alter" aufgezeigt: Im Zusammenhang mit der Frage, wie Ältere als Konsumenten gewonnen werden können, weist Reidl exemplarisch auf die Bedeutsamkeit großer Schriftarten auf Produktverpackungen hin.
Ein Nachschlagewerk hat weiterhin auch dann einen großen Nutzen für den Leser, wenn es Hinweise auf weiterführende Literatur und andere Informationsquellen bereithält, mit deren Hilfe die Inhalte vertieft recherchiert werden können. Dass dies durch das Zitieren einschlägiger Veröffentlichungen in den einzelnen Artikeln und durch ein ausführliches Literaturverzeichnis gewährleistet ist, versteht sich von selbst. Einen darüber hinausgehenden Service bieten dagegen leider nur einige wenige Artikel: Diese schließen mit einem grau unterlegten Kasten ab, in dem sowohl weiterführende Literaturhinweise als auch einschlägige Internetadressen genannt werden. Gerade im Internetzeitalter wäre es wünschenswert, wenn derartige Anregungen durchgängig nach jedem Beitrag gegeben würden - ein guter und keineswegs selbstverständlicher Anfang jedoch ist damit gemacht, und das Werk hebt sich dadurch von anderen Nachschlagewerken ab.
Fazit
Ein fundiertes, nützliches und gut gegliedertes Handbuch, welches sich für Forschungszusammenhänge ebenso eignet wie als Nachschlagewerk für die gerontologische Praxis!
Rezensentin
Dipl.-Psych. Heike Neidhardt
M.A., Selbstständige Fachautorin, Online-Trainerin und Dozenten-Coach
Homepage www.heikeneidhardt.de
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Zitiervorschlag
Heike Neidhardt. Rezension vom 24.12.2006 zu: Wolf D. Oswald, Ursula Lehr, Cornel Sieber u.a. (Hrsg.): Gerontologie. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2006. 3., vollständig überarbeitete Auflage. 488 Seiten. ISBN 978-3-17-018633-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4071.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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