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Klaus-Michael Mallmann, Martin Cüppers: Halbmond und Hakenkreuz

Cover Klaus-Michael Mallmann, Martin Cüppers: Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Darmstadt) 2006. 287 Seiten. ISBN 978-3-534-19729-3. 49,90 EUR, CH: 83,30 sFr.

Reihe: Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Band 8. Preis für Mitglieder der WBG EUR 39,90.

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Was sie einte, war der Judenhass

Was veranlasst eigentlich NPD-Spitzenfunktionäre dazu, bei einem Vortrag der mittlerweile in Deutschland verbotenen islamistischen Gruppierung "Hizb ut-Tahrir" (Islamische Befreiungspartei) im Oktober 2002 zum Thema "Der Irak - ein neuer Krieg und die Folgen" anwesend zu sein? Was haben Neonazis und Islamisten gemeinsam? Oder welche Interessen verbinden die beiden Ideologien? Ideologien, so zeigt die Erfahrung, suchen ihre Bündnispartner und Sympathisanten selten aus Vernunft-, sondern eher aus ego- und ethnozentrierten Gründen.

Inhalt

Mit diesem Problem setzt sich eine bemerkenswerte und längst fällige Forschungsarbeit auseinander. Ja, man kann sagen: Die allzu lange unangetastete Forschungslücke über die Kumpanei der Nationalsozialisten mit den arabischen Widerstandsbewegungen gegen die Besiedlung Palästinas durch europäische jüdische Auswanderer und Vertriebene wird mit dem Buch ein Stückchen geschlossen. Der wissenschaftliche Leiter der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart und Historiker für Neuere Geschichte, Klaus-Michael Mallmann (1948), sowie der wissenschaftliche Mitarbeiter dieser Forschungseinrichtung, Martin Cüppers (1966) legen die erste Gesamtdarstellung einer Zusammenarbeit des nationalsozialistischen Deutschlands und dem arabischen Nahen Osten vor. Was in der Geschichtsschreibung und Forschung zur Shoah und zu den nationalsozialistischen und arabischen Aktivitäten zur "Befreiung" Arabiens vom "Jischuw", der Niederlassung von Juden im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina, vernachlässigt und ausgespart wurde, wird von den Autoren in umfassender Form dargestellt. Die Zeitspanne von 1933, der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland, bis 1945, dem Sieg der Alliierten über das Dritte Reich, wird in dieser "Zeitreise zurück" in die deutsche Geschichte objektiv thematisiert. Mit der Arbeit wollen sie weder eine Prognose der aktuellen und zukünftigen Entwicklung der Politik islamischer Staaten im Nahen Osten im Verhältnis zu Israel und den westlichen Ländern stellen, noch "den Islam als eine der Weltreligionen (…) diskreditieren oder die Araber insgesamt unter den Generalverdacht einer Kollaboration mit dem Nationalsozialismus ( ) stellen". Auch wenn in diesem Zusammenhang nicht ausführlich dargestellt, wird doch die aktuelle, globale Politik des "Clash of Civilisations" (Samuel P. Huntington), "einem militanter werdenden Aufeinandertreffen von gewachsenen westlichen Werten und sich fundamentalistisch-radikalisierenden Teilen des Islam", zugrunde gelegt. Die Arbeit beansprucht demnach das, was seit der Aufklärung als ein Weltbürgerrecht verstanden und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen als "Würde des Menschen" proklamiert wurde.

Die nationalsozialistische Rassenideologie vom Ariertum und der sich daraus speisende Antisemitismus traf in der aufgeheizten Situation in Palästina, wo in der Ersten jüdischen Alijah (Aufstieg) seit 1881, der zweiten, ab 1905, der dritten, 1919, der vierten ab 1924 und schließlich der fünften ab 1933 jüdische Einwanderer in die "abgelegene osmanische Provinz" kamen, auf den vom Widerstand gegen die britische Mandatsverwaltung getragenen Auseinandersetzungen, deren Hilflosigkeit gegen die immer stärker werdenden Untergrundkämpfe zwischen Arabern und Juden und den ideologisch gesteuerten Provokationen der Konfliktparteien. Die nationalsozialistische Politik der rigorosen Ablehnung und Ignorierung der im Versailler Vertrag von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs auferlegten Reparationszahlungen und politischen Einschränkungen beeindruckte die arabischen Führer im Vorderen Orient. In mehreren arabischen Zeitungen erschienen ab 1938 immer wieder Artikel, die Hitler mit den Propheten Mohammed gleich setzten und ihn gar als den "zwölften Imam" priesen. Die Militarisierung in Deutschland wurde von den ultranationalen arabischen Jugend- und Studentenorganisationen als Vorbild empfunden. Faschistengruß, Uniformierung, Fackelzüge, Führerkult und subversive Straßenkämpfe, wie sie von den Nazis propagiert wurden, fanden beim aufkeimenden politischen Arabismus Nachahmung. Die Kontakte der arabischen Führer in Ägypten, Syrien, Irak und den anderen islamischen Ländern im Nahen Osten zu der nationalsozialistischen Führung wurden enger. Zu den NSDAP-Parteitagen wurden regelmäßig arabische Delegationen eingeladen. Die Strukturen, wie sie in der Hitler-Jugend entstanden und auf ein "Groß-Deutschland" hin arbeiteten, übernahmen die von einem "Groß-Islamisches Reich" träumenden arabischen Führer. Der Mufti von Jerusalem zeigte offene Sympathien für die deutschen nationalsozialistischen und italienischen faschistischen Regime. Das einigende, sympathisierende Band war für beide Seiten der Hass auf die Juden. Dabei hätten es die arabischen Vertreter merken müssen: Sie waren nur willfähriges Werkzeug in den Händen der Nationalsozialisten. In Hitlers "Mein Kampf" hätten sie deutliche antiarabische Passagen und geringschätzige Bemerkungen zu den muslimischen Werten lesen können. Die noch 1933 von den Nationalsozialisten geplante Förderung der Auswanderung der Juden von Deutschland nach Palästina, vor allem um die Anprangerung ihrer antisemitischen Politik durch die europäischen und außereuropäischen Staaten zu verhindern, erfuhr in den folgenden Jahren eine Kehrtwendung hin zur offenen und versteckten Unterstützung der arabischen Nationalisten in ihrem Kampf gegen die "britisch-jüdische Macht". Diese "schleichende Prioritätenverschiebung" führte auf deutscher Seite hin zum bereits subtil geplanten Holocaust der Juden in Palästina, in Deutschland und in den besetzten europäischen Ländern. Auf arabischer Seite klang das Bündnis so: "Wir Araber verfolgen den Aufstieg Deutschlands mit großem Interesse und heißen Herzen, denn Deutschland befand sich vor einigen Jahren, ehe Adolf Hitler die Macht übernahm, in einer ähnlichen Lage wie wir Araber in Palästina".

Mit der Achse Berlin - Rom und Italiens Kriegseintritt am 10. Juli 1940 öffneten sich für die Nationalsozialisten auch militärisch die Mittelmeer- und nordafrikanischen Räume. Die immer weiter auswuchernden Großmachtträume der nationalsozialistischen Ideologen waren bestimmt von den "Gewissheiten", dass nach dem, wie sie meinten gewonnenem Feldzug im Osten, sich der Vordere Orient als weitere Aufmarschbasis anbot. Wenn erst die deutsche Armee am Südrand des Kaukasus stünde, wäre auch für die arabische Welt die Befreiung gekommen. Das einzige Ziel Deutschlands wäre dann "die Vernichtung des im arabischen Raum unter der Protektion der britischen Macht lebenden Judentums". Zwei glühende Verfechter dieser nationalsozialistischen Politik, Mufti Haj Muhammad Amin el-Husseini und sein Mitstreiter und Rivale al-Gailani, erreichten nach deren Flucht aus dem von den Engländern eingenommenem Irak und Zwischenstationen in Teheran und der Türkei im November 1941 Berlin, wo sie sich als "Exilaraber" behaglich einrichteten. Die Regierung stellte dem Mufti eine monatliche Summe von 75.000 Reichsmark zur Verfügung. Die von jeweils unterschiedlichen persönlichen Motiven und politischen Zielsetzungen bestimmten Bemühungen von el-Husseini und al-Gailani, Hitler und die Achsenmächte zu einer Unabhängigkeitserklärung für die arabischen Staaten im Vorderen Orient zu bewegen, scheiterten immer wieder; vor allem deshalb, weil das Interesse Italiens als zukünftige Kolonialmacht in dieser Region dem entgegen stand. Das Lavieren der nationalsozialistischen Führer in dieser Angelegenheit stufte, das dürfte auch der Mufti so empfunden haben, die beiden offiziösen Vertreter des arabischen Widerstands in Deutschland dann eher auch zu willfährigen Akklamatoren denn zu wirklichen Partnern ein.

Der anfangs Erfolg versprechende, dann aber bei der Entscheidungsschlacht bei El Alamein gestoppte Feldzug des Deutschen Afrikakorps unter der Leitung von Feldmarschall Rommel ab Januar 1942, wurde begleitet vom Einsatzkommando der Sicherheitspolizei unter der Leitung des SS-Obersturmbannführers Walther Rauff mit dem Ziel, die "Vernichtung des Jischuw in Palästina" vorzubereiten. Propagandamaßnahmen und die Anwerbung von "arabischen Kollaborationseinheiten" trugen zwar dazu bei, dass sich eine "teilweise bereits wohl organisierte Zahl von Arabern (…) als willige Helfershelfer der Deutschen" anbot, auch "im Verlauf des deutschen Vormarschs (…) tausende arabischer Soldaten der britischen Armee desertierten", führte jedoch auch dazu, dass sich der jüdische Widerstand und der Wille zur Selbstverteidigung der Juden in Palästina und in der Jischuw mit der Bildung der "Hebräischen Verteidigungsorganisation in Palästina" (Hagannah) formierte. Zusammen mit der im Osten zusammen brechenden Front, mit der Entscheidungsschlacht von Stalingrad, der Landung von mehr als 60.000 britischen und amerikanischen Soldaten in Nordafrika, wurde auch die bereits generalstabsmäßig geplante Ermordung der Juden in Tunesien und Marokko verhindert. Die zahlreichen Aktivitäten des deutschen SS-Einsatzkommandos zur Errichtung eines "Arbeitsdienstes" und die subtil geplanten Formen zur Ausplünderung der jüdischen Gemeinden in Tunesien, wurden von den italienischen Verbündeten zum Leidwesen der deutschen Besatzer nur zögerlich unterstützt. Andererseits, so stellen die Autoren fest, "scheint die Reaktion der muslimischen Bevölkerungsmehrheit Tunesiens auf die Behandlung der Juden von weitgehender Gleichgültigkeit geprägt gewesen zu sein".

Fazit

Die Arbeit von Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass sie zahlreiche, bisher in der Forschung und Rezeption unbeachtete Quellenmaterialien in den Zusammenhang der nationalsozialistisch-arabischen Beziehungen stellten, sondern auch, dass sie die Protagonisten dieser Politik, von SS-Obersturmbannführer Rauff, Beisner, Weise, Best, Saevecke, Ettel, Grobba, bis hin zu El-Husseini, al-Gailani und andere, als Handlanger wie als über 1945 hinaus fanatische und unbelehrbare Aktivisten der nationalsozialistischen Ideologie und des Antisemitismus darstellen. Dadurch wenden sie sich auch gegen die Verharmlosung einer, in verschiedenen Kreisen nach wie vor gehuldigten Legendenbildung einer muslimischen Affinität zum Dritten Reich. Zu Recht verweisen sie darauf, dass "abendländisches Denken (…) ohne die Errungenschaft der Aufklärung undenkbar" ist. Die Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts, mit dem Holocaust, dem Antisemitismus und nationalistischem und fundamentalistischem Denken und Handeln, sind im Namen von menschenverachtenden Ideologien entstanden und entstehen weiterhin. So bleibt die Verwirklichung der Menschenrechte auch eine zu verwirklichende Utopie für die Zukunft der Menschheit. In der Präambel der Charta der Vereinten Nationen heißt es u. a.: "Wir, die Völker der Vereinten Nationen (sind) fest entschlossen, künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, … unseren Glauben an die Grundrechte des Menschen, an Würde und Wert der menschlichen Persönlichkeit… zu bekräftigen …, Bedingungen zu schaffen, unter denen Gerechtigkeit und die Achtung vor den Verpflichtungen aus Verträgen und anderen Quellen des Völkerrechts gewahrt werden können (und) den sozialen Fortschritt und einen besseren Lebensstandard in größerer Freiheit zu fördern". Die historische Arbeit von Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers steht in dieser Tradition und Verpflichtung.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.10.2006 zu: Klaus-Michael Mallmann, Martin Cüppers: Halbmond und Hakenkreuz. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Darmstadt) 2006. 287 Seiten. ISBN 978-3-534-19729-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4081.php, Datum des Zugriffs 04.02.2012.


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