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Michael Jürgs: Alzheimer. Spurensuche im Niemandsland

Cover Michael Jürgs: Alzheimer. Spurensuche im Niemandsland. C. Bertelsmann (München) 2006. 447 Seiten. ISBN 978-3-570-00934-5. 12,00 EUR.

Mit einem aktuellen Vorwort von Christian Behl.
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Thema

Demenz und besonders hierbei die Demenz vom Alzheimer-Typ haben in einer zunehmend alternden Gesellschaft etwas Dämonisches. Alzheimer weist auf die Janusköpfigkeit des Alters, denn Langlebigkeit geht mit körperlichen und besonders auch mit geistigen Gebrechen einher. Wie ein Damoklesschwert schwebt es über jeden älteren Menschen jenseits der 70. Die Unerbittlichkeit und Unaufhaltsamkeit erschreckt bei diesem Leiden, das jeden treffen kann, egal ob arm oder reich, hochintelligent oder etwas minderbegabt. Denn es gibt keinen Schutz vor der Demenz, weder Gedächtnistraining noch Hirndurchblutungsmedikamente können helfen. Diese Krankheit hat somit etwas Furchteinflößendes, für manchen auch etwas Grauenvolles. Das Ganze erinnert an eine schleichende, unsichtbare Epidemie. Glücklicherweise vermag die Mehrheit der Senioren, diese Perspektive Demenz zu verdrängen oder zu relativieren, doch ein nicht geringer Anteil der älteren Menschen befindet sich im Bann dieses Leidens. So ist es denn auch nicht weiter verwunderlich, dass mittlerweile bereits schon 600 deutschsprachige Titel auf dem Buchmarkt über die verschiedenen Aspekte der Demenz erhältlich sind, vom wissenschaftlichen Fachbuch bis zum Ratgeberband, vom Lesebuch für Kinder bis hin zum Kochbuch für diese Personengruppe. Die vorliegende Veröffentlichung kann in die Rubrik der populärwissenschaftlichen Abhandlungen eingeordnet werden. Es bedarf noch des Hinweises, dass dieses Buch bereits im Jahr 1999 in einem anderen Verlag in gebundener Ausgabe erschienen ist.

Autor

Michael Jürgs ist ein in Deutschland bekannter Journalist, denn er war bereits Chefredakteur der Zeitschriften STERN und  TEMPO. Gegenwärtig schreibt er überwiegend Sachbücher und Biografien (u. a. über Romy Schneider, Axel Springer und Günter Grass). Darüber hinaus ist er auch als Koautor von Fernsehdokumentationen tätig und schreibt ständig für mehrere Zeitungen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist formal in acht Kapitel unterteilt, enthält aber drei voneinander unabhängige Themenbereiche.

Im Mittelpunkt der Arbeit steht vom Volumen und vom Aufwand der Recherchetätigkeit her die Biografie von Alois Alzheimer. Sehr ausführlich werden von der Geburt, dem Elternhaus bis hin zu seinem recht frühen Tod die Etappen seines wissenschaftlichen-medizinischen Wirkens und die seiner familiären Entwicklung dargestellt. Sein wissenschaftlicher und beruflicher Werdegang begann 1888 in Frankfurt in der dortigen Nervenheilanstalt, wo er mit seinen Forschungen als Nervenarzt begann. Im Gegensatz zu seinen Kollegen beschränkte er sich nicht nur auf die klinische Versorgung der Patienten, sondern suchte ständig nach den hirnpathologischen Korrelaten der Erkrankungen. Konkret hieß das laut den Aussagen des Autors, dass tagsüber der Klinikbetrieb im Vordergrund stand, während er abends und oft auch nachts im Labor hirnanatomische Untersuchungen vornahm. Unterstützt wurde er hierbei von seinem Freund und Kollegen Franz Nissl. Diesem gelang die Entwicklung einer Färbungsmethode (Nissl-Färbung), die es ermöglichte, hirnpathologische Prozesse und Veränderungen wie senile Plaques und Neurofibrillen für das Mikroskop sichtbar zu machen. Mit Hilfe dieser Technologie konnte Alzheimer dann die typischen Degenerationsprozesse der Demenz, die später nach ihm benannt wurde, dokumentieren und analysieren. 1902 wurde er Assistent bei Emil Kraepelin in Heidelberg, einem damals international anerkannten Psychiater, mit der er dann zusammen 1904 nach München ging. 1915 erhielt er einen Ruf nach Breslau an die dortige Universität und Klinik. Im selben Jahr starb er an den Spätfolgen einer Tonsilitis. Alzheimer heiratete 1894 Cecilie Geisenheimer. Drei Kinder gingen aus dieser Ehe hervor, die bereits durch den frühen Tod der Gattin 1901 endete. Die Kinder wurden von seiner Schwester Elisabeth, die den Haushalt führte, aufgezogen.

Der zweite Themenbereich umfasst die Darstellung der Demenz vom Alzheimer-Typ und den gegenwärtigen Stand der Forschung.  Hierbei versucht der Autor, diese Erkrankung allgemeinverständlich zu beschreiben, was ihm auch überwiegend gelingt. Hilfestellung hierbei leisteten ihm u. a. Konrad Beyreuther, ein Molekularbiologe aus Heidelberg, dem die Analyse der senilen Plaques (Amyloid-Beta-A4-Ablagerungen) gelang und  dem Psychiater Alexander Kurz aus München.

Der dritte Themenbereich beinhaltet Versorgungsformen für Demenzkranke im stationären Bereich der Altenhilfe. Besonders das Pflegeheim De Bleerinck in Emmen (Niederlande) wird in diesem Zusammenhang beschrieben, dessen zentraler Punkt in die Schaffung einer vielschichtigen Lebenswelt in Gestalt eines Dorfes besteht. Dieses Milieukonzept mit Teilelementen (Arztpraxis, Supermarkt, Blumengeschäft, Restaurant und Clubräume etc.) suggeriert die Scheinwelt eines überschaubaren Dorfes, die laut Aussagen der Betreiber von den Demenzkranken angenommen wird. Eine Evaluation dieses Ansatzes liegt jedoch nicht vor.

Kritische Würdigung und Fazit

Die vorliegende Arbeit vermag als populärwissenschaftliche Abhandlung über das Leben und Wirken von Alois Alzheimer zu überzeugen. Die Ausführungen über die Krankheit selbst, meist übergangslos in die biografischen Ausführungen eingestreut, und auch die Darstellungen der Versorgungskonzepte zeigen hingegen, dass der Autor sich dieses Wissen im Rahmen seiner Recherchen angeeignet hat. Er ist kein Experte in diesem Bereich und vermag entsprechend auch nicht die Sachverhalte angemessen einzuschätzen.

Trotz dieser kritischen Einwände kann das Buch allen interessierten Lesern, die sich näher über Alois Alzheimer und seine Forschungen informieren möchten, empfohlen werden, denn es ist allgemeinverständlich und zugleich auch flüssig geschrieben.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 17.02.2008 zu: Michael Jürgs: Alzheimer. Spurensuche im Niemandsland. C. Bertelsmann (München) 2006. ISBN 978-3-570-00934-5. Mit einem aktuellen Vorwort von Christian Behl. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4086.php, Datum des Zugriffs 29.07.2016.


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