Gisela Braun: Wohnen und Arbeiten. Alltagsbegleitende Integrierte Hilfen [..]
Gisela Braun: Wohnen und Arbeiten. Alltagsbegleitende Integrierte Hilfen für junge Menschen. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 256 Seiten. ISBN 978-3-7799-1221-7. 18,00 EUR.
Edition Soziale Arbeit, hrsg. Von H.-U. Otto und H. Thiersch.
Einführung in Thema und Zielsetzungen des Buches
In den letzen fünf Jahren hat sich die Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt immer mehr zugespitzt. So meldet der Berufsbildungsbericht 2006 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (S. 41 ff.), dass nur knapp 46 Prozent der insgesamt 740.700 Jugendlichen, die in 2005 eine Berufsausbildung aufnehmen wollten, bei ihrer Lehrstellensuche erfolgreich waren. Die gut 54 Prozent erfolglosen jungen Menschen mündeten in eine Alternative zu einem betrieblichen Ausbildungsplatz, insbesondere in schulische Angebote der Berufsausbildungsvorbereitung oder Berufsausbildung oder in eine der diversen Maßnahmen der Jugendhilfe oder Bundesagentur für Arbeit, oder sie blieben unvermittelt. Insgesamt sank das betriebliche Ausbildungsstellenangebot erneut um 4 Prozent im Vergleich zu 2004. Angesichts dieser brisanten Entwicklung stehen für Politik und Verwaltung vor allem quantitative Probleme im Vordergrund, um die unversorgten Jugendlichen 'irgendwo' unterzubringen. So werden gegenwärtig rund 250.000 junge Menschen in schulischen und außerschulischen Maßnahmen 'geparkt', weil sie in den letzten Jahren bei ihrer Suche eines berieblichen Ausbildungsplatzes gescheitert sind.
In dieser stark durch quantitative Probleme bestimmten Situation richtet Gisela Braun - für mich dankenswerter Weise - mit ihrer Untersuchung zum "Integrierten Konzept Wohnen und Arbeiten" einen qualitativen Blick auf eine besondere Gruppe von jungen Menschen. Sie haben im Übergangsprozess nach dem Besuch der allgemeinbildenden Schule nicht nur Schwierigkeiten, einen Ausbildungs- oder gegebenenfalls auch Arbeitsplatz zu finden, sondern sie sind außerdem überfordert, ihre Wohnsituation zu bewältigen. Dabei benötigen sie allerdings keine intensivere sozialpädagogische Unterstützung. Pointiert formuliert Gisela Braun selbst: "Es geht um Jugendliche, die keinen angemessenen Ort finden (können), weil sie nicht in Schemata passen - nicht in die Schemata des gesellschaftlich vorgesehenen Übergangs und nicht in die Schemata der vorgegebenen Hilfeformen" (S. 15). In sieben Feldversuchen in Baden-Württemberg wurden die bisher weitgehend getrennt durchgeführten sozialpädagogischen Angebote zur Jugendberufshilfe einerseits und zum sozialpädagogisch begleiteten Wohnen andererseits in einem Hilfekonzept integriert. Dieser Ansatz ist für mich deshalb so bemerkenswert, weil für die Jugendlichen in dem biografischen Übergangsprozess nach ihrem Schulbesuch die beiden Lebensbereiche Beruf bzw. Arbeit und Wohnen von grundlegender Bedeutung für ihre weitere Biografie und mit erheblichen Bewältigungsaufgaben verbunden sind. Dabei benötigt die Zielgruppe der Feldversuche keine intensive sozialpädagogische Begleitung, sondern nur in einem bestimmten Zeitraum flexible alltagsunterstützende Hilfen, um sich im Übergangsprozess trotz prekärer sozialer Beziehungen, ökonomischer Schwierigkeiten und erheblicher biografischer Belastungen zu orientieren und zu stabilisieren.
Diese besondere Zielgruppe Jugendlicher mit ihren spezifischen Bedürfnissen nach temporärer Unterstützung, um ihre Berufs- bzw. Arbeits- und Wohnsituation bewältigen zu können, ist bisher kaum sowohl im Hilfesystem als auch in den vorliegenden Forschungsarbeiten in der Jugendhilfe berücksichtigt worden. Mit ihrer vor allem biografisch angelegten Untersuchung gelingt es Gisela Braun diese Lücke zu schließen und weiterführende Ergebnisse dazu vorzulegen, wie integrierte Jugendhilfeangebote gestaltet werden sollten, um alle der von den Jugendlichen im Übergangsprozess zu bewältigenden Lebensthemen aufnehmen und konstruktiv bearbeiten zu können. Als forschungsmethodische Zugänge hat sie die pädagogischen Fachkräfte gewählt, die zu ausgewählten Daten der Jugendlichen quantitativ befragt wurden, wie nach Alter, Geschlecht, Migrationsstatus, Wohn- und Ausbildungssituation, ökonomischer Lage, Gesundheit, Freizeit, Herkunftsfamilie, persönlichen Stärken und Schwächen. Des Weiteren wurden sie auch nach den Unterstützungsbedarfen und Zielen der Jugendlichen gefragt, so wie sie diese aus ihrer Perspektive wahrnehmen und sie sich in entsprechenden Vereinbarungen dokumentieren. Diese Ergebnisse vergleicht Gisela Braun mit den Ausführungen der neun Jugendlichen, mit denen sie ausführliche biografische Interviews geführt und dabei auch die Erfahrungen und Probleme der jungen Menschen mit der Jugendhilfe aufgenommen hat. Der Vergleich der Sichtweisen der Jugendlichen mit jenen der pädagogischen Fachkräfte ermöglicht es Gisela Braun, empirisch gestützte Handlungsempfehlungen zu entwickeln, wie integrierte Jugendhilfeangebote für den Übergangsprozess in eine Berufsausbildung oder Arbeitstätigkeit gestaltet werden sollten, um den Lebensproblemen der Jugendlichen ganzheitlicher als bisher in getrennten Hilfeformen geschehen gerecht werden zu können.
Überblick über den Inhalt
- Das Praxisfeld "Integriertes Konzept Wohnen und Arbeiten" als Gegenstand der wissenschaftlichen Begleitforschung. Nach ihrer Einleitung gibt Gisela Braun zunächst einen kurzen Überblick zur Grundstruktur der Feldversuche, zu ihrer Entstehung, ihrer Begründung "als neuartiger Jugendhilfeleistungstyp" (S. 26) und vor allem zu den Schwierigkeiten der Zielgruppendefinition nach § 13 SGB VIII (Sozialgesetzbuch VIII: Kinder- und Jugendhilfe), die bereits hier oben angesprochen wurde. Auf dieser Basis skizziert sie ihre forschungsleitenden Fragestellungen, die Anlage und den Verlauf der Begleitforschung zu den sieben Feldversuchen und ihren biografischen Zugang. Gisela Braun plädiert dabei für die "Biografieforschung als Steuerungsinstrumentvon Jugendhilfemaßnahmen und Jugendhilfeplanung" (S. 40), ein engagierter Vorschlag, der aus meiner Sicht lohnt, weiter aufgenommen und geprüft zu werden.
- Die Feldversuche. Die sieben in die Untersuchung einbezogenen Feldversuche werden zunächst in "Steckbriefen" dargestellt, die einen sehr prägnanten, gut nachvollziehbaren Einstieg in die verschiedenen Konzepte liefern. Ausgehend von dieser kreativen Kurzdarstellung in "Steckbriefen" arbeitet Gisela Braun dann die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Konzeptionen und Arbeitsweisen der sieben verschiedenen Feldversuche pointiert heraus und geht dabei auch auf die Lücken in dem jeweiligen regionalen bzw. lokalen Jugendhilfeangebot ein, die mit den Feldversuchen für die Jugendlichen mit Wohn- und Ausbildungsproblemen im Übergangsprozess geschlossen werden sollen. In ihren Ausführungen vermisse ich die systematische Einbindung der Angebote der Arbeitsverwaltung, die nach SGB II (Grundsicherung für Arbeitssuche) und III (Arbeitsförderung) quantitativ gesehen viel mehr Jugendliche mit Ausbildungsproblemen erreichen als jene nach SGB VIII. Gerade die Jugendsozialarbeit ist ein Feld, für das so zahlreiche Förderungsmöglichkeiten bestehen, dass es häufig auch als ein "Förderdschungel" bezeichnet wird. Von besonderem Interesse wäre für mich die Frage gewesen, inwieweit es mit ausbildungsbegleitenden Hilfen nach SGB III möglich ist, das integrierte Hilfeangebot Wohnen und Ausbildung bzw. Arbeit zu integrieren. Dies könnte nämlich - neben der Jugendhilfe nach SGB VIII - eine bedeutsame Finanzierungsmöglichkeit für das innovative integrative Hilfekonzept "Wohnen und Arbeiten" sein. Während für Angebote nach dem SGB VIII die Kommunen zuständig sind, deren Haushalte bekanntermaßen gegenwärtig äußerst knapp sind, könnte eine Finanzierung nach dem SGB II oder III aus Bundesmitteln einen bedeutsamen Beitrag dazu liefern, das innovative und weiterführende Konzept der alltagsbegleitenden Integrierten Hilfen finanziell abzusichern.
- Die Zielgruppe - Auswertung der Dokumentationsbögen. Mit diesem Kapitel legt Gisela Braun eine detaillierte Beschreibung der 135 in den Feldversuchen unterstützten Jugendlichen und jungen Erwachsenen und ihrer Lebenssituation vor. Bereits oben habe ich darauf hingewiesen, dass die pädagogischen Fachkräfte quantitativ ausführlich zu Alter, Geschlecht, Migrationsstatus, Wohn- und Ausbildungssituation, ökonomischer Lage, Gesundheit, Freizeit, Herkunftsfamilie, persönlichen Stärken und Schwächen der jungen Menschen befragt wurden, so wie sie ihnen bekannt sind und von ihnen wahrgenommen und eingeschätzt werden. Außerdem sollten sie auch zu den Unterstützungsbedarfen und Zielen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen Stellung nehmen, so wie sie diese aus ihrer alltäglichen Praxis kennen.
- Auswertung der biografischen Interviews. Dieses 4. Kapitel ist für mich das "Herzstück" der Untersuchung von Gisela Braun, weil es ihr mit ihren biografischen Interviews gelungen ist, differenzierte Einblicke in die Lebensthemen der neun befragten jungen Frauen und Männer zu leisten und dabei auch immer wieder geschlechtsspezifische Aspekte herauszuarbeiten. Bemerkenswert ist hier auch das ausführlich dargestellte Beispiel von Anton, das zum einen eindrucksvoll die von den Jugendlichen zu bewältigenden Lebensthemen zeigt. Zum anderen illustriert es, wie Gisela Braun die biografischen Interviews ausgewertet und interpretiert hat.
- Die pädagogische Begleitung. Im 5. Kapitel vergleicht Gisela Braun die von den Jugendlichen und jungen Erwachsenen betonten Lebensthemen mit jenen, die die pädagogischen Fachkräfte herausgestellt haben. Dabei wird deutlich, dass die jungen Menschen teilweise ganz andere Schwerpunkte haben als die Expertinnen und Experten. Interessanterweise begründet sie diese fehlenden Übereinstimmungen pädagogisch mit den Entwicklungszielen, die die Fachkräfte mit den jungen Menschen erreichen wollen, ohne diese dabei "durch einen Erziehungsanspruch zu bevormunden" (S. 233). Diese kurze Begründung reizt mich zum Widerspruch, denn die aufschlussreichen Forschungsergebnisse von Gisela Braun belegen das immer schon in der Sozialen Arbeit vorhandene Dilemma, einerseits den professionellen Anspruch zu haben, von den Bedürfnissen, Zielen und Interessen der Menschen auszugehen, andererseits jedoch als Expertin oder Experten andere Ziele als begründeter bzw. als erstrebenswerter zu erachten. Hinzu kommt das immer wieder in der Sozialen Arbeit kritisch diskutierte und professionell reflektierte "doppelte Mandat von Hilfe und Kontrolle", wonach die Fachkräfte nicht nur die einzelnen Menschen mit ihren besonderen Bedürfnissen und Interessen fördern sollen, sondern auch sozialstaatlich bzw. sozialpolitisch vorgegebene und wünschenswerte Ziele erreichen sollen. Insbesondere im Feld der Jugendberufshilfe hat sich dieses doppelte Mandat in den letzten fünf Jahren deutlich verschärft, weil von Seiten der Arbeitsagenturen oder Jugendämter Vermittlungsquoten in eine Berufsausbildung oder Beschäftigung als zu erreichende Zielsetzung vorgegeben und an weitere Finanzierungen gebunden werden. Die empirischen Ergebnisse von Gisela Braun eröffnen der Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit erhebliche Chancen, sich dieses Dilemmas und "doppelten Mandats" nochmals selbst zu vergewissern und zu reflektieren.
- Überlegungen zur fachlichen Weiterentwicklung. Im 6. und abschließenden Kapitel entwickelt Gisela Braun auf der Basis ihrer Forschungsergebnisse Handlungsempfehlungen zur Gestaltung integrierter Hilfeangebot für eine flexible Alltagsbegleitung in der biografischen Übergangsphase in Beruf bzw. Arbeit, die sowohl in der Jugendhilfe nach SGB VIII als auch in der Arbeitsförderung nach SGB III aufgenommen und weiter verfolgt werden sollten. Die Handlungsempfehlungen beziehen sich sowohl auf die strukturelle als auch auf die inhaltlich-methodische Ebene sowie auf die Organisation und Rahmenbedingungen.
Zielgruppen
Meines Erachtens ist dieses Buch vor allem für die Akteure in der Wissenschaft, Sozial-, Jugend- und Bildungspolitik sowie in den relevanten Verwaltungsbereichen hilfreich und weiterführend, die sich mit der Berufsbildung benachteiligter Menschen beschäftigen. Außerdem ist dieses Buch auch für Studierende der Sozialpädagogik und Sozialarbeit interessant, weil sie hier zum einen empirische Belege für die professionstheoretische Problematik des "doppelten Mandats" und des Einflusses der Expertinnen und Experten Sozialer Arbeit auf die pädagogische Praxis finden können. Zum anderen liefert es ein eindrucksvolles Beispiel für Biografieforschung, das ihnen bei ihren eigenen Forschungen weiterhelfen kann.
Fazit
Unter Beachtung aller quantitativen Probleme, die auf dem Ausbildungsstellenmarkt dringend zu bewältigen sind, so sind doch die qualitativen Herausforderungen nicht zu vernachlässigen, die mit der Gestaltung spezifischer Angebote für bestimmte Zielgruppen junger Menschen im Übergansprozess Schule-Beruf zu lösen sind. Für ein integriertes und flexibles Angebot zur Alltagsbegleitung von jungen Menschen im Übergang Schule und Beruf hat Gisela Braun aus meiner Sicht weiterführende Handlungsempfehlungen empirisch abgesichert vorgelegt, die in Politik und Verwaltung der Berufsbildung benachteiligter junger Menschen weiter verfolgt werden sollten. Außerdem sind ihre differenzierten Einblicke in die Lebensthemen und biografischen Erfahrungen der Jugendlichen für alle Verantwortlichen in diesem Bereich interessant, um sich nochmals zu vergegenwärtigen, wer sich mit welchen Biografien hinter den Statistiken zu den Ausbildungsstellenbewerberinnen und -bewerbern verbirgt, die jährlich veröffentlicht werden.
Meine Ausführungen in dieser gesamten Rezension verweisen bereits darauf, dass ich dieses Buch von Gisela Braun den oben genannten Zielgruppen empfehlen möchte.
Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Fachhochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 31.10.2006 zu: Gisela Braun: Wohnen und Arbeiten. Alltagsbegleitende Integrierte Hilfen [..]. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 256 Seiten. ISBN 978-3-7799-1221-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4142.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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