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Birgitta Kolte: Rauchen zwischen Sucht und Genuss

Cover Birgitta Kolte: Rauchen zwischen Sucht und Genuss. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 269 Seiten. ISBN 978-3-531-14841-0. 29,90 EUR.
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Thema

Den Hintergrund von Birgitta Koltes Studie bildet die in den letzten Jahren international gefestigte Interpretation des Rauchens als "Sucht". Die Autorin liefert eine Standortbestimmung des entsprechenden Wissens um Rauchverhalten, seine aktuelle kulturelle Bedeutung und dessen historische Konstitution. Auf dieser Basis stellt sie eine empirische Rekonstruktion der Bedeutung vor, die Raucher ihrem Tabakkonsum zuerkennen. Ingesamt handelt es sich um eine kritische Reflexion aktueller Rauch- und Suchtdiskurse auf der Basis qualitativer Forschungsergebnisse. Sie verbindet sich mit dem Versuch, Optionen genussorientierten und kontrollierten Rauchens auszuweisen.

Aufbau und Inhalt

Als Grundfrage der Studie wird das Interesse genannt zu prüfen, ob und wie der gegenwärtig dominierende "(Sucht-) Diskurs hinsichtlich des Rauchens die Erwartungen der Rauchenden und damit auch die aktuellen Muster des Rauchens beeinflusst oder gar bedingt" (S. 12). Es geht also um die Auswirkungen der historisch veränderten Deutung des Rauchens und die Folgewirkungen bis hin zur Gefahr, durch die jüngst bestärkte Suchtsemantik selbsterfüllende Prophezeiungen in Gang zu setzen: Wird Rauchern glaubhaft gemacht, Rauchen sei per se eine Sucht, so besteht die Gefahr, den "Möglichkeitshorizont" (S. 251) unterschiedlicher Konsumformen und -frequenzen einzuschränken und damit erst die (Sucht-) Realität zu generieren, die behauptet wird. Das Buch geht dem in zwei Teilen nach.

  1. Teil eins beinhaltet zunächst eine Darstellung der Geschichte des Rauchens, die als Geschichte der Diskreditierung, heterogener Kontrollformen und der dennoch nicht zu bremsenden Tabakverwendung und ihrer ökonomischen Nutzbarmachung deutlich wird. Wurde der erste Tabakraucher Europas als vom Teufel Besessener verfolgt (S. 17), so wurde der Teufel mittlerweile mit der Sucht ausgetrieben. Nach Ausführungen zum Aufstieg der Zigarette und zu internationalen und nationalen Konsumtrends folgt eine kritische Aufarbeitung dieses gegenwärtigen Suchtdiskurses. Gegen substanzbezogene Forschungsansätze wird Rauchen als subjektiv bedeutungsvolles Mittel zur symbolischen Selbstdarstellung und als ritualisierte Verhaltenspraxis verstanden, ohne dass Gesundheitsgefahren geleugnet werden. Sie können allerdings, wie die Autorin unter Bezug auf empirische Befunde konstatiert, durch kontrolliertes und risikobewusstes Rauchen substantiell reduziert werden (S. 46f).
  2. Im Zentrum der Ausführungen steht vor diesem Hintergrund die Möglichkeit kontrollierten Rauchens, an der aus wissenschaftlicher Sicht kein Zweifel bestehen kann. Es wird zunächst mit Blick auf den aktuellen Forschungsstand vorgestellt und bildet den Fokus des zweiten Teils, der eine rekonstruktive Studie wiedergibt und den Schwerpunkt der gesamt Arbeit bildet. Dieser Teil beginnt mit einer kurzen Darstellung der Methode der problemzentrierten Interviews. Es wurden qualitative Befragungen mit 35 Personen durchgeführt, die in vier Gruppen aufgeteilt wurden: Die Referenzgruppe bilden sieben so genannte "Low-Rate"-Raucher, die zwischen ein und fünf Zigaretten am Tag bzw. in einem Fall etwa drei Gramm Tabak täglich konsumieren. Deren Fallgeschichten werden jeweils auf mehreren Seiten vorgestellt und gemäß der interessierenden Fragestellung ausgewertet. Als Rauchmotive stechen Genuss und Entspannung hervor (S. 154), Suchtgefahren und Gesundheitsrisiken werden anerkannt, aber gleichzeitig an der subjektiven Kontrollierbarkeit des Konsums festgehalten.

    Dieser Personenkreis wird mit den drei anderen Gruppen konfrontiert, um seine Spezifiken herauszuarbeiten. An dieser Stelle ändert sich die methodologische Ausrichtung der Studie, da aus den Interviews mit den "Low-Rate"-Rauchern Hypothesen abgeleitet werden (S. 160f), die durch die Befragung der anderen Gruppen geprüft werden. Dazu werden zwölf "Biszuzwanzig"-Raucher, zehn "Exraucher" und sechs "Vielraucher" unterschieden. Ihre Darstellungen werden bezüglich der Motive und Funktionen des Rauchens, seiner Erklärung und Bewertung, suchtbezogener Kognitionen, der Wahrnehmung der Steuerbarkeit des Rauchens sowie der Einschätzung einer Konsumreduktion ausgewertet und präsentiert. Das gewonnene Bild wird dann mit den Ausführungen der "Low-Rate"-Raucher kontrastiert.

    Zum Abschluss wird die Deutung, Rauchen sei eine Sucht, aufgenommen und auf der Grundlage der Befunde kritisch hinterfragt. Kontrolliertes Rauchen erscheint als legitimes Ziel einer Intervention in Rauchverhalten, während das aktuell dominierende Suchtkonzept rationalen und selbstkritischen Umgang mit Tabakprodukten weitgehend beschränkt. Ein Resümee bildet der gegen die Suchtdeutung gerichtete Satz: "Rauchen sollte vielmehr als ein autonom zu steuerndes Konsumverhalten angesehen werden, bei dem der Raucher selbstbestimmt darauf achten kann, die Risiken, die mit dem Rauchen assoziiert sind, zu minimieren und den Genuss zu erhöhen" (S. 255).

Diskussion

Die Autorin ist skeptisch, was die Breite der Rezeption ihrer Studie angeht (S. 248), denn angesichts der Dominanz des medizinisch, biologisch und pharmakologischen geführten Suchtdiskurses scheint das Anerkennungspotential für ihre kritisch-reflexive Herangehensweise gering. Aus Sicht einer sozialwissenschaftlichen Suchtforschung wird man dem wohl mehr oder weniger zustimmen müssen - was allerdings nicht an der Studie liegt, sondern dem Suchtdiskurs anzulasten ist. Die Lektüre von Birgitta Koltes Arbeit ist erkenntnis- und lehrreich. Sie zeigt am empirischen Material die individuell höchst unterschiedlich verarbeiteten Folgen und Paradoxien des kulturellen (und z.T. wissenschaftlichen) Suchtglaubens. Die Studie verdeutlicht, dass "Sucht", zumindest als drohende Gefahr, von Rauchern kaum noch negiert werden kann. Aber sie wird auf sehr heterogene Weise zur Interpretation eigenen (und fremden) Handelns herangezogen und biographisch „aufgeladen“. Die Narrationen stellen das vorherrschende Suchtverständnis häufig und grundlegend in Frage, wie etwa im Falle "Geralds" (S. 142ff). Als "Low-Rate"-Raucher beschreibt er, wie er seinen Körper bewusst an die Aufnahme eines bestimmten Nikotinniveaus gewöhnt und dadurch faktisch ein hohes Maß an Kontrolle über das Rauchen ausübt. Folgte man dem allgemeinen Suchtverständnis, so widerspricht dies einer nicht kontrollierbaren Sucht, da  nicht die Substanz, sondern der Konsument über den Konsum entscheidet. Und dennoch steht für Gerald subjektiv fest, dass er körperlich süchtig ist. Diese und andere Geschichten zeigen, wie komplex die Materie ist und wie problematisch schematisierende Interpretationen des Konsums psychoaktiver Substanzen sind.

Indem es diesen Aspekten nachgeht, handelt es sich um ein Buch, von dem die sozialwissenschaftliche Suchtforschung profitieren kann. Unhinterfragte Zuschreibungen werden relativiert und es wird zum kritischen Nachfragen angeregt. Die Autorin enthält sich einfacher Deutungen und lässt die Sicht der Betreffenden zur Geltung kommen, um Sucht als wirkmächtige Interpretation sozialer Verhaltensmuster zu reflektieren.

Einzelne Aspekte sind aus wissenschaftlicher Sicht kritisch anzumerken. So wird teilweise mit Begriffen argumentiert, die nicht systematisiert werden, obwohl sie für ein tiefgehendes Verständnis wichtig wären: Es wird von der "Identität" (S. 87, 225) der Raucher gesprochen, von ihrer "Lebenswelt" (S. 87) oder von einem "Deutungsmuster" (S. 193) der Sucht, ohne dass die breite Literatur zu diesen Themen genutzt und v.a. der genaue Bezug zum Konsumverhalten deutlich gemacht wird. Die theoretische und methodologische Verortung der Studie wäre in dieser Hinsicht auszubauen, was auch für das Verständnis qualitativer Forschung als Hypothesengenerierung und/oder Hypothesenprüfung gilt. An dem Gesamteindruck ändert dies aber nichts.

Fazit

Es handelt sich um eine engagierte und reflexive Arbeit, die nicht nur gut lesbar geschrieben ist, sondern auch eindrücklich beschreibt, wie ein alternatives, offeneres Suchtverständnis aussehen kann.


Rezensent
PD Dr. Bernd Dollinger
Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Sozialpädagogik der Universität Bamberg


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Zitiervorschlag
Bernd Dollinger. Rezension vom 23.11.2006 zu: Birgitta Kolte: Rauchen zwischen Sucht und Genuss. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14841-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4143.php, Datum des Zugriffs 23.07.2016.


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